{"id":9425,"date":"2011-05-13T09:21:09","date_gmt":"2011-05-13T07:21:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9425"},"modified":"2019-07-30T12:16:28","modified_gmt":"2019-07-30T10:16:28","slug":"was-bedeutet-gegenoffentlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9425","title":{"rendered":"Was bedeutet Gegen\u00f6ffentlichkeit?"},"content":{"rendered":"<p>Einf&uuml;hrung bei den <a href=\"\/?p=9245%20\">Dresdener Fr&uuml;hjahrsgespr&auml;chen 2011<\/a><br>\nvon Volker Bahl<br>\n<!--more--><\/p><p>Zun&auml;chst m&ouml;chte ich ihnen, dem Dresdener Gespr&auml;chskreis,&nbsp;gratulieren f&uuml;r das, was sie heute hier so ein wenig als &ldquo;Leuchturm&rdquo; f&uuml;r die Nachdenkseiten-Gespr&auml;chskreise zustande gebracht haben.<\/p><p>Zwar f&uuml;hle ich mich geehrt, dass sie von mir so etwas wie eine Antwort auf die Frage erwarten, was bedeutet &ldquo;Gegen&ouml;ffentlichkeit&rdquo;. Aber eigentlich sind sie mit den Gespr&auml;chskreisen&nbsp;ein viel wesentlicherer Teil einer Gegen&ouml;ffentlichkeit als das mir von meiner etwas &ldquo;abgehobenen&rdquo; Warte eines Koordinators der NDS-Gespr&auml;chskreise zu beurteilen m&ouml;glich ist.<br>\nDennoch will ich versuchen, mich dieser Frage von dieser Funktion her zu n&auml;hern.<\/p><p><strong>Warum &ldquo;Gegen&rdquo;-&Ouml;ffentlichkeit?<\/strong><\/p><p>Zun&auml;chst taucht da die Frage auf, warum eigentlich &ldquo;Gegen&rdquo;-&Ouml;ffentlichkeit? <\/p><p>Sind die Nachdenkseiten nicht einfach nur Teil einer &ndash; wie auch immer pluralen &ndash; &Ouml;ffentlichkeit?<br>\nAber Sie k&ouml;nnen das schon an der Rubrik&nbsp;&ldquo;<a href=\"\/?cat=35\">Aufbau einer Gegen&ouml;ffentlichkeit<\/a>&rdquo; auf den Nachdenkseiten nachlesen, dass wir es uns so einfach nicht machen wollen.<\/p><p>Lassen sie mich als Einstieg auf einen bekannten Theoretiker des Protestes &ndash; denn um einen solchen muss es sich ja bei dem Projekt einer &ldquo;Gegen&ouml;ffentlichkeit&rdquo; handeln &ndash; zur&uuml;ckgreifen &ndash; n&auml;mlich auf&nbsp;Michel Foucault. Damit will ich nicht signalisieren, dass dies der einzige Zugang w&auml;re, aber m.E. ist Foucault eben ein sehr plausibler Zeuge f&uuml;r derartige demokratische&nbsp;Anforderungen.<\/p><p>Foucault schreibt: &ldquo;Die Doktrin f&uuml;hrt&nbsp; eine zweifache Unterwerfung herbei:&nbsp;die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen&rdquo; (Michel Foucault, &ldquo;Die Ordnung des Diskurses&rdquo;, (1992), S. 29 f. )<\/p><p><strong>Eine Doktrin?<\/strong><\/p><p>Was ist&nbsp;eine Doktrin?&nbsp;Das k&ouml;nnen Sie selbst sehr gut etwa an einem &ldquo;Papier&rdquo; ablesen, das in Deutschland Geschichte gemacht hat &ndash; dem sog. &ldquo;Lambsdorff-Papier&rdquo; vom September 1982. Obwohl das Scheitern der dort formulierten Doktrin seit Jahren <a href=\"\/?p=2625\">ziemlich offensichtlich ist<\/a>, beherrscht sie doch &ndash; bis auf kurzfristige Abweichungen <a href=\"\/?p=9224#h05\">unter dem Krisenschock<\/a>&nbsp; &ndash; weiter den politischen Diskurs. Albrecht M&uuml;ller hatte darauf erst k&uuml;rzlich einmal mehr <a href=\"\/?p=9287\">darauf hingewiesen<\/a>.&nbsp; <\/p><p><strong>Beispiel: Sprechendes &ldquo;Subjekt&rdquo; des Diskurses<\/strong><\/p><p>Lassen Sie mich beispielhaft auf eine &ldquo;Subjekt&rdquo; verweisen, das zu dieser von Foucault so bezeichneten Gruppe der &bdquo;sprechenden Individuen&ldquo; geh&ouml;rt, die diesem Diskurs einerseits unterworfen sind bzw. ihn andererseits auch &ldquo;beherrschen&rdquo; &ndash; n&auml;mlich auf Prof. Sinn aus M&uuml;nchen. Die Bild-Zeitung hat ihn zum &ldquo;kl&uuml;gsten &Ouml;konomen&rdquo; geadelt.<br>\nBei ihm k&ouml;nnen sie beispielhaft ablesen, wie&nbsp;so ein &nbsp;Diskurs funktioniert: Er ist offensichtlich resistent gegen widersprechende Fakten. Die Glaubw&uuml;rdigkeit dieses Professors kann in diesem neoliberalen Diskurs &uuml;berhaupt nicht angekratzt werden, auch wenn ihm selbst in der Darstellung der Fakten eindeutig Fehler unterlaufen, die seine Argumentationslinie total in Frage stellen m&uuml;ssten. Solche Fehler wurden ihm sogar von <a href=\"\/?p=1154\">mehreren Seiten nachgewiesen<\/a>.<\/p><p><strong>Das Ph&auml;nomen der kontrafaktischen &ldquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&rdquo;<\/strong><\/p><p>Die Glaubw&uuml;rdigkeit solcher Diskurse h&auml;ngt eben nicht  von den Fakten ab, sondern vielmehr davon, ob durch die betreffenden Aussagen die Zugeh&ouml;rigkeit zur Doktrin  &ldquo;glaubhaft&rdquo; dokumentiert wird &ndash; so Foucault.<\/p><p>Oder um es mit den Worten von Albrecht M&uuml;ller auszudr&uuml;cken: &ldquo;Zwei Dinge sind symptomatisch an diesem Vorgang: Zum einen, dass die deutschen Eliten solche Irref&uuml;hrungen &uuml;ber sich ergehen lassen und sogar  noch mitmachen, zum anderen die Tatsache, dass die Medien (die &Ouml;ffentlichkeit (!)) darauf nicht mit Sanktionen reagieren. Der Professor &ndash; einmal in dieser &Ouml;ffentlichkeit geadelt &ndash; wird weiterhin st&auml;ndig zu Interviews und in Talkshows geholt, als g&auml;be es keinen Anlass an seiner Glaubw&uuml;rdigkeit zu zweifeln. Die neoliberalen Eliten sind in ihren Netzwerken der gegenseitigen Best&auml;tigung so sicher aufgefangen, dass ihnen auch begr&uuml;ndete Zweifel nichts anhaben k&ouml;nnen.&rdquo;<\/p><p><strong>Weiteres Beispiel USA<\/strong><\/p><p>Wenn Sie glauben, dies k&ouml;nne nur bei uns in Deutschland so beobachtet werden, dann schauen Sie sich das einmal f&uuml;r die USA&nbsp; an: Paul Krugman, der Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger,&nbsp;hat dies&nbsp;sehr eingehend f&uuml;r die USA beschrieben (z.B. &ldquo;Nach Bush&rdquo;, S.128 ff., S.114 ff.)<\/p><p>Damit wird vielleicht auch verst&auml;ndlicher, warum es&nbsp;zu diesem Prof. Sinn und seiner festgef&uuml;gten Rolle in einem solchen Netzwerk&nbsp;auch&nbsp;so viele kritische Beitr&auml;ge&nbsp;auf den Nachdenkseiten gibt. (Sie k&ouml;nnen es ausprobieren, indem sie in die Suchfunktion Prof. Sinn eingeben)<\/p><p><strong>Die &ldquo;Kehrseite&rdquo; dieser &Ouml;ffentlichkeit: das Verschweigen und die Verantwortung f&uuml;r diese Krise<\/strong><\/p><p>Sie k&ouml;nnen die Bedeutung des Diskurses auch an der &ldquo;Kehrseite&rdquo; dieser &Ouml;ffentlichkeit erkennen &ndash; n&auml;mlich an dem, was verschwiegen wird. Dabei sto&szlig;en wir z.B. auf eines der &ldquo;bestgeh&uuml;teten Geheimnisse&rdquo; unserer &Ouml;ffentlichkeit, n&auml;mlich dass die Ursachen und mit ihnen die<br>\npolitische Verantwortung etwa f&uuml;r die &ldquo;<a href=\"\/?p=6968\">gr&ouml;&szlig;te Wirtschaftskrise seit 80 Jahren<\/a>&rdquo;&nbsp;einfach unter den Tisch fallen. So z.B. bei einem wichtigen &ldquo;Subjekt&rdquo; des neoliberalen&nbsp;&ldquo;Diskurses&rdquo;, n&auml;mlich bei <a href=\"\/?p=6777\">Peer Steinbr&uuml;ck<\/a>, der inzwischen sogar als der gro&szlig;e Retter aus der Finanzkrise gefeiert wird, obwohl er doch ma&szlig;geblich die politische Verantwortung f&uuml;r die Deregulierung der Finanzm&auml;rkte in Deutschland getragen hat.<\/p><p><strong>Alternativlos &ndash; oder wie der Diskurs abgeschottet wird<\/strong><\/p><p>Auch die Kanzlerin Angela Merkel hatte die scheinbar zwanghafte Notwendigkeit des politischen (Nicht-) Handelns mit dem ihr eigenen Charme &ndash; speziell etwa bei der Griechenlandhilfe &ndash; als &bdquo;alternativlos&ldquo; bezeichnet. Dieses eine Ausweglosigkeit suggerierende Wort konnte sogar zum &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/unwortdesjahres110.html\">Unwort des Jahres 2010<\/a>&rdquo; aufsteigen.&nbsp; <\/p><p>Und dieses (Un-)Wort wurde von der Kanzlerin ausgerechnet im Zusammenhang mit dem hilflos den Finanzm&auml;rkten ausgelieferten Griechenland gebraucht. Nachdenkseiten-Leser konnten in vielen Beitr&auml;gen nachlesen, welche Alternativen dazu diskutiert wurden. ( <a href=\"\/?p=9271#h02\">hier<\/a>,&nbsp;sowie <a href=\"\/?p=9271#h01\">hier<\/a>&nbsp;und ausf&uuml;hrlich noch <a href=\"\/?p=9274\">Wolfgang Lieb<\/a>) <\/p><p>Auch bei den eingesetzten Instrumenten der Griechenland-&bdquo;Hilfe&ldquo; sollte wieder einmal im Rahmen der festgef&uuml;gten Ideologie bekr&auml;ftigt werden, dass die Finanz&rdquo;m&auml;rkte&rdquo; weiterhin &ldquo;ungest&ouml;rt&rdquo; ihr Spekulations-&ldquo;Spiel&rdquo; treiben d&uuml;rfen &ndash; dem die Politik nichts entgegenzusetzen hat.&nbsp;<\/p><p>Man k&ouml;nnte noch eine ganze Liste von Personen abarbeiten, die zur St&uuml;tzung eines solchen &ldquo;Diskurses&rdquo; in Deutschland beitrage. Aber lassen wir es einmal bei diesen &ndash; durchaus prominenten &ndash; Beispielen, um es sichtbar zu machen, wieso es eben ohne &ldquo;Gegen&ouml;ffentlichkeit&rdquo; nicht geht &ndash; nicht gehen kann.<\/p><p>Denn eine &ouml;konomische Alternative w&auml;re dringend notwendig, um aus diesem &ldquo;Krisenschlammassel&rdquo; wieder herauszufinden.&nbsp;<\/p><p><strong>Aber wof&uuml;r k&ouml;nnen wir sein?<\/strong><\/p><p>Nun ist es einfacher zu wissen wogegen wir sind, aber wof&uuml;r streiten wir auf den Nachdenkseiten dann? Sie werden es mir nachsehen, wenn ich dies nur ganz kurz anschneiden kann. <\/p><p>Ein Stichwort, auf das sich sehr viele verst&auml;ndigen k&ouml;nnten, w&auml;re hier z.B. John Maynard Keynes, dem &ldquo;&Ouml;konomen der Unsicherheit&rdquo;.<br>\n(Heiner Flassbeck und zuletzt Gustav Horn haben diese Alternative <a href=\"\/?p=1238\">ausf&uuml;hrlich dargestellt<\/a> sowie <a href=\"http:\/\/www.verdi.de\/nachrichten\/newsArchive?channel=nachrichten&amp;id=buchtipp-des-reichtums-fette-beute-wie-die-ungleichheit-unser-land-ruiniert-von-gustav-horn\">verdi<\/a>&nbsp;)&nbsp;<\/p><p><strong>Umgang mit der Unsicherheit<\/strong><\/p><p>Nicht Staat und Staatsverschuldung&nbsp;haben &ndash; wie immer wieder behauptet wird &ndash; die zentrale Bedeutung, sondern eben die F&auml;higkeit des Umgangs mit Unsicherheit. Und dazu taugt eben der Markt nicht alleine, er ist ja gerade die wesentliche Ursache f&uuml;r die Unsicherheit. Deshalb braucht es zur Stabilisierung von (Markt-)Unsicherheiten einer anderen Ebene, wozu sich in einer Demokratie eben Staat und Politik anbieten. Ohne einen solchen &ldquo;Lernfortschritt&rdquo; aus dem &ldquo;herrschenden&rdquo; Diskurs heraus k&ouml;nnen auch die Krisenursachen nicht angegangen werden.<\/p><p><strong>Kommunikative Bedeutung der NDS<\/strong>&nbsp;<\/p><p>Und hier setzt dann die kommunikative Bedeutung der Nachdenkseiten als politischer Blog ein &ndash; oder, wie es der Feuilletonchef Frank Schirrmacher in seinem letzten Buch zu der aktuellen Medienentwicklung anerkennend schrieb: Hier werden &ldquo;<a href=\"\/?p=4355#h10\">im besten Sinne alteurop&auml;ische Diskurse<\/a>&rdquo; gepflegt.<\/p><p><strong>Rolle der Gespr&auml;chskreise?<\/strong>&nbsp;<\/p><p>Wenn man das Medium &ldquo;Nachdenkseiten&rdquo; so als Plattform f&uuml;r einen erweiterten Diskurs&nbsp;positioniert &ndash; wozu also noch die Gespr&auml;chskreise?<\/p><p>Normalerweise gibt es ja dazu doch die Parteien oder Verb&auml;nde. Aber irgendwie sind die Parteien von der SPD &uuml;ber die Gr&uuml;nen bis hin zur CDU\/CSU in diese Radikalisierung der neoliberalen Reformen sei es des Arbeitsmarktes, der sozialen Sicherungssysteme oder auch der Finanzm&auml;rkte involviert.<\/p><p>Man muss geradezu von einer Allparteien-Koalition f&uuml;r das neoliberale Dogma&nbsp;sprechen: &ldquo;Schon 2003&nbsp;und in Kenntnis der heraufziehenden Finanzkrise hat eine gro&szlig;e CDU\/CSU\/SPD\/FDP\/Gr&uuml;ne-&ldquo;Koalition&rdquo; mit der F&ouml;rderung des&nbsp;<a href=\"\/?p=4130\">Finanzcasinos weitergemacht<\/a>&ldquo;. Auch die &bdquo;Entfesselung&ldquo; des Arbeitsmarktes mit dem Versprechen des SPD-Kanzlers Schr&ouml;der vor den Bossen in Davos, den &ldquo;gr&ouml;&szlig;ten Niedriglohnsektor in Europa&rdquo; aufzubauen, wurde von keiner dieser <a href=\"\/?p=4480\">vier Parteien angezweifelt<\/a>.<\/p><p>Die etablierten Parteien bleiben also, schon um sich keiner Verantwortung f&uuml;r vorausgegangenes Scheitern stellen zu m&uuml;ssen,&nbsp;&ndash; mehr oder wenig aggressiv &ndash; Teil dieses herrschenden Diskurses. <\/p><p>Dann&nbsp;bleibt nur die &ldquo;Linke&rdquo; &uuml;brig, aber die&nbsp;kann &ndash; irgendwie irritierend &ndash; ihrer historisch erforderlichen Rolle bisher nicht gerecht werden.<\/p><p><strong>Das Dilemma des W&auml;hlers<\/strong><\/p><p>So steht der W&auml;hler anscheinend vor einem Dilemma:  &ldquo;<a href=\"\/?p=8878\">Wer sowohl &ouml;kologisch als auch sozial engagiert ist, hat keine politische Heimat<\/a>&ldquo;, klagte Albrecht M&uuml;ller.<\/p><p>Von irgendwelchen politischen Mehrheiten&nbsp;&ndash; etwa mit &nbsp;Blick auf die Bundestagswahl 2013&nbsp;-, um zu m&ouml;glichen Alternativen zu gelangen,&nbsp;sind wir&nbsp;noch recht weit entfernt&hellip;<\/p><p><strong>Einmischung ohne Partei zu sein<\/strong><\/p><p>Wir haben mit den Nachdenkseiten die &ldquo;Philosophie&rdquo; keine eigene feste Organisation neben Parteien (oder auch Gewerkschaften, Attac u.a.) bilden zu wollen. Wer je in solchen Organisationen t&auml;tig war, wei&szlig;, wie notwendigerweise immer wieder verk&uuml;rzt dort Diskussionsprozesse stattfinden &ndash; oder stattfinden k&ouml;nnen.<\/p><p>Es geht in solchen Organisationen ja immer auch vorrangig darum gewisse Machtpositionen erringen zu wollen: dadurch m&uuml;ssen immer wieder Handlungszwischenschritte ins Visier genommen werden. Und dabei muss vorsichtig darauf geachtet werden, dass die erforderlichen<br>\nMehrheiten &ndash; immer zeitbedingt und medial vermittelt &ndash; nicht verloren gehen. Eine Gratwanderung, die wir fast t&auml;glich an den &ndash; oft kurios anmutenden &ndash;&nbsp;Balanceakten, auch im &ldquo;Sprechen&rdquo;, bei den Politikern &ldquo;bestaunen&rdquo; k&ouml;nnen.<\/p><p>Diese &ldquo;R&uuml;cksichten&rdquo; auf Mehrheiten oder gar auf aktuelle Umfragewerte brauchen Gespr&auml;chskreise sich nicht auf sich zu nehmen &ndash; auch wenn sie in der Bearbeitung von Themen beachtet werden (k&ouml;nnen).<\/p><p><strong>Ein weiterer Horizont<\/strong><\/p><p>Aber bei genauerer Betrachtung wird dadurch der Horizont weiter. Wir sind nicht eingespannt etwa in das Korsett von Wahlen oder Parteitagen. Damit wird auch die Freiheit der Diskussion &ndash; sozusagen &uuml;ber den Tellerrand hinaus &ndash; gr&ouml;&szlig;er. Und diese gr&ouml;&szlig;ere Vielfalt der Meinungen birgt die Chance zu einer Erweiterung des politischen Horizontes.&nbsp;<\/p><p><strong>Frage nach dem Handlungs&rdquo;horizont&rdquo; der Gespr&auml;chskreisteilnehmer<\/strong><\/p><p>Der Politikforscher Franz Walter hat feststellt,&nbsp;dass sich rund 50 (!) Prozent&nbsp;der Gr&uuml;nen-W&auml;hler sich (bisher) wenig f&uuml;r Politik interessierten. F&uuml;r mich&nbsp;erscheint das nicht weiter &uuml;berraschend, denn eine wesentliche These des bisher dominanten &ldquo;Diskurses&rdquo; auf der Basis der herrschenden &Ouml;konomie ist doch gerade, dass Staat und Politik etwas Sch&auml;dliches sind, die es eher &bdquo;auszuhungern&ldquo; gilt. Das weit verbreitete Desinteresse an Politik kann man also auch als &ldquo;Erfolg&rdquo; dieser Ideologie ansehen. <\/p><p>F&uuml;r Gespr&auml;chskreise k&ouml;nnte das&nbsp;konkret bedeuten,&nbsp;gewisserma&szlig;en auch &ndash; immer wieder &ndash; bei &ldquo;Null&rdquo; mit der Diskussion zu beginnen &ndash; bzw. beginnen zu k&ouml;nnen. Fertig &ldquo;gebackene&rdquo; allseits politisch und kritisch versierte Menschen werden wir kaum vorfinden.<\/p><p>Auf der anderen Seite treffen wir in den Gespr&auml;chskreisen sicher auch auf&nbsp; &ldquo;altgediente&rdquo; Partei&rdquo;kader&rdquo;, denen vielleicht nur die jeweilige &ldquo;Engf&uuml;hrung&rdquo; der parteilichen Diskussionen nicht mehr gen&uuml;gte &ndash; und die ihre Ansichten auf den Pr&uuml;fstand gestellt haben m&ouml;chten.<\/p><p>Da k&ouml;nnen dann auch &ldquo;Welten&rdquo; aufeinandertreffen, denen eine &ldquo;gemeinsame&rdquo; Kommunikation zun&auml;chst schwerf&auml;llt. So etwas dann zu moderieren, kommt schon einem &ldquo;Kunstst&uuml;ck&rdquo; nahe.&nbsp;<\/p><p>Aber gerade aus der Vielfalt kritischer Ans&auml;tze l&auml;sst sich die Rolle der Gespr&auml;chskreise&nbsp;heraussch&auml;len, wenn sie jenseits des herrschenden Meinungsstroms &ndash; vor allem mit &uuml;berzeugenden Fakten und Argumenten &ndash; jene von Schirrmacher gelobten &ldquo;alteurop&auml;ischen Diskurse&rdquo; vorantreiben wollen. Da geht es dann auch gerade darum, immer wieder anzukn&uuml;pfen an aktuelle &ldquo;Ereignisse&rdquo; und diese mit sorgf&auml;ltiger Recherche und analytischer Kraft zu &ldquo;destruieren&rdquo;, d.h. &ndash; durch Fakten unterf&uuml;ttert &ndash; vern&uuml;nftige Alternativen auf den Punkt zu bringen.<\/p><p>Eine &ldquo;Folie&rdquo; f&uuml;r diese Reflexion bieten t&auml;glich die Nachdenkseiten, die sowohl im Fluss der Ereignisse stehen als auch hintergr&uuml;ndige Analysen bieten.<\/p><p>Die gemeinsamen Gespr&auml;che bieten wiederum die Chance, die &ldquo;virtuelle Einsamkeit&rdquo; zu verlassen.<\/p><p><strong>Eher kein Aktionsforum<\/strong><\/p><p>Wer zu den Gespr&auml;chskreisen nur hingeht &ndash; und hier greife ich auf Erfahrungen zur&uuml;ck &ndash; um Gleichgesinnte zu treffen, um mit denen Aktionen (meist im &ldquo;Anschluss&rdquo; an irgendwelche Organisationen) durchzuf&uuml;hren, wird meist relativ schnell frustriert werden.<br>\nDas soll aber nicht hei&szlig;en, dass &ldquo;Bed&uuml;rfnisse&rdquo; nach gezielter politischer Aktion unterbleiben sollten, aber dazu sollten eher die von den einzelnen jeweils daf&uuml;r geeignet angesehenen und bestehenden Organisationen &ldquo;jenseits&rdquo; der Gespr&auml;chskreise unterst&uuml;tzt werden, die wir ja nicht ersetzen wollen und (derzeit auch nicht) k&ouml;nnen.<\/p><p>In republikanischer Tradition sollten das offene Gespr&auml;ch und der offene Austausch von Argumenten und meist nicht die Zuspitzung in einer Aktion in den Gespr&auml;chskreisen&nbsp;im Vordergrund stehen. Die Gespr&auml;chskreise k&ouml;nnen so auch ein St&uuml;ck weit der Versuch sein, eine demokratische Alternative von unten aufzubauen, zu dem, was man neudeutsch so gerne &ldquo;Think Tanks&rdquo; nennt &ndash; und die in Deutschland z.B. von der Initiative&nbsp;Neue Soziale Marktwirtschaft ( INSM ) (Siehe dazu <a href=\"\/?p=37\">hier<\/a> oder <a href=\"\/?p=1791\">hier<\/a> oder <a href=\"\/?p=3399\">hier<\/a> oder <a href=\"\/?p=3895\">hier<\/a>&nbsp;) bis hin zur Bertelsmann-Stiftung (Siehe dazu <a href=\"\/?p=2144\">hier<\/a> oder <a href=\"\/?p=4721\">hier<\/a> oder <a href=\"\/?p=6589\">hier<\/a>&nbsp;) verk&ouml;rpert werden und die Meinungsbildung &ldquo;von oben&rdquo; beeinflussen.<\/p><p>Das hei&szlig;t aber auch, dass man Toleranz &uuml;bt, um in der Verschiedenheit der Kritik am herrschenden &bdquo;Diskurs&ldquo;vielleicht eine Quelle der Anregung f&uuml;r Neues zu finden. Und es hat sich gezeigt, dass sich aus &ndash; gegenseitig anerkannten &ndash; unterschiedlichen Perspektive durchaus ein gemeinsames Handeln ergibt.<\/p><p>Hier komme ich zum Anfang zur&uuml;ck, &ndash; n&auml;mlich der &bdquo;Gegen&ldquo;-Position:<br>\nWir m&uuml;ssen uns einfach eingestehen,&nbsp;dass es unm&ouml;glich ist, &uuml;ber die Nachdenkseiten &ndash; sozusagen &ldquo;von oben&rdquo; &ndash; die zahlreichen Gespr&auml;chskreise zu &ldquo;steuern&rdquo;. Das w&auml;re widersinnig. Schlie&szlig;lich sind die Nachdenkseiten eine kritische Website und die Macher nehmen nicht f&uuml;r sich in Anspruch den &bdquo;Stein der Weisen&ldquo; gefunden zu haben. Der Diskussionsstoff in der Breite wie in der Tiefe kann sich nur immer wieder aus dem jeweiligen regionalen Gespr&auml;chskreis und seinen unterschiedlichen &ldquo;Bed&uuml;rfnissen&rdquo; ergeben.&nbsp;Die Nachdenkseiten k&ouml;nnen&nbsp;daf&uuml;r ein t&auml;glicher Ansto&szlig; oder auch so etwas wie ein kritisches&nbsp;&ldquo;R&uuml;ckgrat&rdquo; sein, das die Diskussionen st&uuml;tzen kann.<\/p><p><strong>Sisyphos &ndash; ein gl&uuml;cklicher Mensch<\/strong><\/p><p>An diesem Punkte angekommen, k&ouml;nnte es sein, dass Sie sich &ndash; wie ich mir selbst auch immer wieder vorkomme &ndash; erschlagen&nbsp;f&uuml;hlen vor der Vielfalt der Anforderungen.<\/p><p>Sie kennen aber sicher die Geschichte von Sisyphos und Albert Camus hat uns erkl&auml;rt, warum wir uns diesen Sisyphos als einen gl&uuml;cklicher Menschen vorstellen m&uuml;ssen.<br>\nAlso packen wir den gro&szlig;en Felsbrocken an &ndash; und rollen ihn den Berg hoch und immer wieder!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf&uuml;hrung bei den <a href=\"\/?p=9245%20\">Dresdener Fr&uuml;hjahrsgespr&auml;chen 2011<\/a><br \/> von Volker Bahl<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,41,11],"tags":[925,296,378,786,424],"class_list":["post-9425","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-medienanalyse","category-strategien-der-meinungsmache","tag-foucault-michel","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-nds-gespraechskreis","tag-schirrmacher-frank","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9425"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9425\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53804,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9425\/revisions\/53804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}