{"id":94286,"date":"2023-02-25T15:00:53","date_gmt":"2023-02-25T14:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94286"},"modified":"2023-03-10T14:10:40","modified_gmt":"2023-03-10T13:10:40","slug":"unser-weg-in-die-digitale-diktatur-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94286","title":{"rendered":"Unser Weg in die digitale Diktatur (1\/2)"},"content":{"rendered":"<p>In der &Uuml;berzeugung, dass sich die qualitative und quantitative Beschaffenheit der sich abzeichnenden zuk&uuml;nftigen Entwicklungen besonders gut durch Vergleiche mit fr&uuml;heren Gegebenheiten beurteilen l&auml;sst, soll zun&auml;chst &ndash; beginnend mit den &bdquo;fetten Jahren&ldquo; der Nachkriegszeit &ndash; ein Blick auf die einstmals &uuml;blichen Lebensbedingungen geworfen werden. Zwar sind die eigenen diesbez&uuml;glichen Erfahrungen weitgehend auf die damalige BRD beschr&auml;nkt, d&uuml;rften aber dennoch ausreichen, um das Ausma&szlig; der strukturellen Ver&auml;nderungen einschlie&szlig;lich der daraus resultierenden Umgestaltungen des allt&auml;glichen Lebens zu veranschaulichen. Dabei versteht es sich von selbst, dass die hier aus Gr&uuml;nden der &Uuml;bersichtlichkeit getrennt voneinander dargestellten Epochen in Wirklichkeit flie&szlig;end ineinander &uuml;bergegangen sind und dementsprechend nicht mit einer klaren zeitlichen Zuordnung versehen werden k&ouml;nnen. Dem als Zeitzeugenbericht angelegten ersten Teil dieses Artikels (Retrospektive) folgt ein zweiter Teil (Machtkampf), in dem es um den Versuch einer Ausleuchtung der im Hintergrund wirkenden Kr&auml;fte und deren zuk&uuml;nftige Absichten geht. F&uuml;r beide Teile gilt, dass schon allein aus Platzgr&uuml;nden nicht auf alle der hierf&uuml;r in Frage kommenden Einzelthemen eingegangen werden kann. Von <strong>Magda von Garrel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Teil 1: Retrospektive<\/strong><\/p><p><strong>Zeit des Aufbruchs<\/strong><\/p><p>Um mit einem im wahrsten Sinne des Wortes allt&auml;glichen Beispiel zu beginnen: In den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Post zweimal am Tag zugestellt, sodass nicht allzu lange auf einen Brief gewartet werden musste. In dringenden F&auml;llen konnten zudem Telegramme verschickt werden, w&auml;hrend private Telefonanschl&uuml;sse noch sehr selten waren. Immerhin nahm die Zahl der &ouml;ffentlichen Telefonh&auml;uschen allm&auml;hlich zu, und man konnte auch in den zumeist nahe gelegenen Postfilialen telefonieren. Wenn es nur eine Kabine gab, musste man schon auf etwas l&auml;ngere Wartezeiten gefasst sein, aber die Standardleistungen wurden zumeist sehr schnell erbracht, da die Postfilialen personell sehr gut ausgestattet waren.<\/p><p>Sehr kundenfreundlich ging es auch bei den Banken zu. Nach Einrichtung eines (damals noch nicht &uuml;berall erforderlichen) Kontos geh&ouml;rte die Aush&auml;ndigung oder Zusendung der monatlichen Kontoausz&uuml;ge zu den selbstverst&auml;ndlichen Serviceleistungen der Banken, f&uuml;r die genauso wenig eine Extrageb&uuml;hr erhoben wurde wie f&uuml;r die Kontof&uuml;hrung. Geldanlagen wie Sparb&uuml;cher oder Lebensversicherungen wurden mit hohen (Garantie-)Zinsen belohnt, und auch der Abschluss von Bausparvertr&auml;gen kam f&uuml;r immer mehr Menschen wegen der zu erwartenden Zusch&uuml;sse aus den staatlichen Bauf&ouml;rderprogrammen in Frage.<\/p><p>&Uuml;berhaupt wurde in jener Zeit viel und schnell gebaut. Die &bdquo;Neue Heimat&ldquo; stampfte in Rekordzeit ganze Wohnquartiere aus dem Boden, was nicht zuletzt den zwangsweise einquartierten (und zumeist ungeliebten) Fl&uuml;chtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten zugutekam. Auf diese Weise sorgten die (nach heutigen Standards extrem schlecht isolierten) Wohnungen f&uuml;r eine weitgehende Befriedung der Gesellschaft. Neben den im Keller untergebrachten gro&szlig;en Waschk&uuml;chen geh&ouml;rten zu den neu gebauten Wohnungen oft auch noch Gartenbeete, auf denen alles angebaut werden durfte, was den Mietern im Sinne einer (zumindest partiellen) Selbstversorgung erstrebenswert erschien.<\/p><p>F&uuml;r den Gesundheitssektor galt, dass die &Auml;rzte damals noch viel Zeit f&uuml;r ihre Patienten hatten und auch auf dem Lande gut erreichbar waren, da sie dort entweder eine Landarztpraxis unterhielten oder in nicht allzu weit entfernten Kliniken arbeiteten. Aber auch ganz allgemein war es um die l&auml;ndliche Infrastruktur (einschlie&szlig;lich der Bahn- und Busverbindungen) recht gut bestellt, da es zumindest in den gr&ouml;&szlig;eren D&ouml;rfern Schulen, Kinderg&auml;rten, L&auml;den, Arztpraxen, Gastwirtschaften, Fris&ouml;re, B&auml;cker, Schlachter und oft auch noch weitere kleine Handwerksbetriebe (zum Beispiel Tischler-, Elektro- oder Reparaturwerkst&auml;tten) gab.<\/p><p>Selbst bei den Beh&ouml;rden ging es relativ angenehm zu, da damals nicht in Effizienzkriterien gedacht wurde und es auch noch keine Konzentration auf eng umgrenzte Leistungsbereiche gab. Wegen der beh&ouml;rdeninternen Vernetzungsbereitschaft war es vielfach noch m&ouml;glich, die anstehenden Angelegenheiten schnell und formlos &bdquo;auf dem kleinen Dienstweg&ldquo; erledigen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Kinder jener Zeit waren recht unterschiedlichen Einfl&uuml;ssen ausgesetzt. Einerseits genossen sie sehr viel mehr Freiheiten als die heute lebenden Kinder, da sie in ihrer &uuml;berwiegend drau&szlig;en verbrachten Freizeit von ihren Eltern nicht &uuml;berwacht und (nach ein- oder zweimaliger F&uuml;hrung) auch nicht zur Schule begleitet wurden. Andererseits galt die Pr&uuml;gelstrafe als normales &bdquo;Erziehungsmittel&ldquo;, wobei insbesondere die in Heimen lebenden Kinder &ndash; wie erst in letzter Zeit in vollem Ausma&szlig; bekannt geworden ist &ndash; sogar noch schlimmeren Formen der schwarzen P&auml;dagogik (nicht selten in Verbindung mit sexuellem Missbrauch) ausgesetzt waren.<\/p><p>Die Ausstattung der Schulen lie&szlig; insbesondere auf dem Land lange Zeit zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Hier gab es noch etliche sogenannte Zwergschulen, die aus zwei R&auml;umen f&uuml;r jeweils vier Klassenstufen bestanden (Klassen 1 bis 4 und Klassen 5 bis 8). Schriftliche Aufgaben wurden in der Schuleingangsphase auf Schiefertafeln erledigt, bevor Hefte, Federkiele und Tintenf&auml;sser zum Einsatz kamen. Daf&uuml;r gab es keinen Mangel bei der gesundheitlichen Betreuung der Sch&uuml;ler, die in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden von Schul&auml;rzten untersucht wurden.<\/p><p>Ungeachtet aller nationalen und internationalen Krisen (Korea-Krieg, Kuba-Krise, Ermordung Kennedys, Bau der Berliner Mauer, Vietnamkrieg) erfreuten sich die in der BRD lebenden Deutschen am nach und nach gr&ouml;&szlig;er werdenden Wohlstand der &bdquo;Wirtschaftswunderjahre&ldquo;. Der Verkauf von Musiktruhen und Fernsehern (mit nur einem Programm und klar definiertem Sendeschluss) nahm kontinuierlich zu, obwohl Schuldenmachen zu jener Zeit noch verp&ouml;nt war. Man sparte halt so lange, bis man das Geld f&uuml;r den Erwerb des ersehnten Gegenstandes beisammen hatte.<\/p><p>Erste Auslandsreisen (vorzugsweise nach Italien) folgten, wobei man angesichts einer inzwischen fast erreichten Vollbesch&auml;ftigungsrate mehrheitlich von lang andauernden gesicherten Lebensverh&auml;ltnissen ausging. Tats&auml;chlich kam es damals noch ziemlich h&auml;ufig vor, dass Arbeitnehmer bis zum Erreichen des Rentenalters immer im selben Betrieb besch&auml;ftigt waren und den eigenen Arbeitsplatz gar nicht so selten auch noch ihren Kindern &bdquo;vererben&ldquo; konnten.<\/p><p>Auf der anderen Seite nahm mit dem wachsendem Wohlstand auch die Ungleichheit der Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse zu. Ein relativ gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung musste sich weiterhin ziemlich stark einschr&auml;nken. Von diesem Umstand profitierten die ersten Aldi-Filialen mit ihrem vergleichsweise g&uuml;nstigen Warenangebot. Die hinter den Preisvorteilen stehenden Personaleinsparungen blieben nat&uuml;rlich nicht unbemerkt, da sich die Kunden nun pl&ouml;tzlich selbst die Waren zusammensuchen mussten, aber ein Bewusstsein f&uuml;r die l&auml;ngerfristigen Folgen der damit in Gang gesetzten Entwicklung war dennoch kaum vorhanden.<\/p><p><strong>Zeit der Rebellion<\/strong><\/p><p>Die eben geschilderte Zeit des Aufbruchs war aber auch eine Zeit der Verdr&auml;ngung, und zwar nicht nur im Hinblick auf die vorangegangene Nazizeit. Es gab vieles, was man nicht sehen oder wahrhaben wollte, wie die oft mit Leid verbundene wirtschaftliche Abh&auml;ngigkeit der meisten Frauen oder die eigene sexuelle Verklemmtheit. Entsprechend geschockt reagierte ein Gro&szlig;teil der erwachsenen Bev&ouml;lkerung auf die bei vielen Jugendlichen pl&ouml;tzlich erwachte Bereitschaft, anders leben und tradierte Strukturen infrage stellen zu wollen.<\/p><p>Die ersten hierzulande registrierten Wellen gingen von London (&bdquo;swinging London&ldquo;), San Francisco und Paris aus. Dabei stand London vor allem f&uuml;r neue Musik (Beatles, Rolling Stones) und Mode (Minir&ouml;cke, Plateauschuhe), w&auml;hrend San Francisco zu einem Synonym f&uuml;r &bdquo;flower power&ldquo; (Hippies) wurde. Die politische Revolte fand zun&auml;chst in Paris statt, wo sich ein B&uuml;ndnis aus Studenten, Intellektuellen und Arbeitern lautstark f&uuml;r eine Beendigung des brutal gef&uuml;hrten Vietnamkriegs (Stichwort: Napalm) einsetzte.<\/p><p>Diesem Ziel f&uuml;hlten sich auch die zahlreichen Protests&auml;nger und -s&auml;ngerinnen verpflichtet, die im Rahmen des im August 1969 veranstalteten, legend&auml;ren Woodstock-Festivals auftraten. Allerdings war das Festival auch gepr&auml;gt von exzessivem Drogenkonsum und freier Liebe, wobei das Ausleben der sexuellen Freiz&uuml;gigkeit nicht zuletzt wegen der zwischenzeitlich auf den Markt gekommenen Antibabypille m&ouml;glich war, mit der sich die Frauen selbst vor unerw&uuml;nschten Schwangerschaften sch&uuml;tzen konnten.<\/p><p>Im Vergleich zu Woodstock ging es in der BRD sehr viel &bdquo;gesitteter&ldquo; zu, obwohl es auch hier zur Gr&uuml;ndung spezieller Wohngemeinschaften (Kommunen) kam, die sich auch &ouml;ffentlich zur freien Liebe bekannten. Andere junge Menschen zogen die Suche nach pers&ouml;nlicher Erleuchtung vor, was einen regelrechten Treck nach Indien ausl&ouml;ste.<\/p><p>Zum politisch motivierten Teil der damaligen Jugend geh&ouml;rten nicht zuletzt die Lehrlinge, die (wie die Studenten) deutlich mehr Mitbestimmungsrechte forderten. Die Lehrlingsbewegung wurde medial aber nicht so stark wahrgenommen wie die Studentenbewegung mit ihren riesigen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die Springerpresse und den Besuch des Schahs in Berlin.<\/p><p>F&uuml;r den Studenten Benno Ohnesorg endete die Demo gegen den Schah-Besuch t&ouml;dlich, obwohl er sich eigentlich gar nicht so richtig daran beteiligt hatte. Das sp&auml;ter auf Rudi Dutschke ver&uuml;bte Attentat ging zwar glimpflicher aus, war aber eine direkte Folge der von den Medien losgetretenen Hetzkampagne. Damit hatten sich die Medien zum Sprachrohr vor allem des &auml;lteren Teils der Bev&ouml;lkerung gemacht, in deren Augen die aufbegehrenden Jugendlichen nichts weiter als &bdquo;Ratten&ldquo; (Originalton F. J. Strau&szlig;) waren. Mit anderen Worten erlebte Nachkriegsdeutschland erstmalig eine tiefe gesellschaftliche Spaltung, aber noch handelte es sich &bdquo;nur&ldquo; um einen Generationenkonflikt.<\/p><p>Die von den Jugendlichen empfundenen Zw&auml;nge r&uuml;hrten auch daher, dass man damals erst mit 21 Jahren vollj&auml;hrig war. Umso verbissener wurde unter dem Schlagwort &bdquo;Freizeit ohne Kontrollen&ldquo; um die Errichtung von Jugendzentren gek&auml;mpft. Am bekanntesten waren die (auch musikalisch unterst&uuml;tzten) Auseinandersetzungen um das Georg-Rauch-Haus in Berlin-Kreuzberg.<\/p><p>W&auml;hrenddessen wurden in den Unis etliche Seminare und Vorlesungen nach den inhaltlichen Vorstellungen der Studenten zu Diskussionsveranstaltungen &bdquo;umfunktioniert&ldquo; und neue (Selbst-)Verwaltungsorgane eingef&uuml;hrt. Aber auch au&szlig;erhalb der Unis formierten sich zahlreiche politische Gruppierungen wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), und in beinahe allen Teilen der Republik kam es zur Bildung sogenannter K-Gruppen.<\/p><p>In dieser Zeit wurde nicht nur viel diskutiert, sondern auch viel gelesen, was eine Flut an neuen verlegerischen Produkten (Zeitungen wie <em>taz<\/em>, Zeitschriften wie <em>konkret<\/em> oder Buchreihen wie <em>Werkkreis Literatur der Arbeitswelt<\/em>) mit sich brachte. Sehr beliebt waren allerdings auch Raubdrucke, die angesichts der damaligen antikapitalistischen Grundstimmung mehr oder weniger als legitim angesehen wurden.<\/p><p>Zu den Neugr&uuml;ndungen, die sich als dauerhaft erwiesen haben, geh&ouml;rte die speziell f&uuml;r weibliche Leserinnen konzipierte Zeitschrift <em>Emma<\/em>, mit der die wieder erwachte Frauenbewegung, die sich bezeichnenderweise nicht aus, sondern in Konfrontation zur m&auml;nnlich dominierten Studentenbewegung entwickelt hatte, begleitet wurde. Da sich aber auch andere M&auml;nner (oft in &Uuml;bereinstimmung mit ihren Frauen oder Freundinnen) &uuml;berhaupt nicht mit dem Hauptanliegen der Zeitschrift (weibliche Emanzipation) identifizieren konnten, wurde die Bezeichnung &bdquo;Emanzen&ldquo; schnell zu einem Schimpfwort.<\/p><p>Kontroversen anderer Art entz&uuml;ndeten sich im Hinblick auf die auch im p&auml;dagogischen Bereich neu ausprobierten Wege. Kinderl&auml;den, in denen Erziehungsstile wie Laisser-faire oder antiautorit&auml;re Erziehung praktiziert wurden, waren (und sind) den Konservativen ein Dorn im Auge, wobei bis heute die genannten Erziehungsstile st&auml;ndig miteinander verwechselt beziehungsweise gleichgesetzt werden.<\/p><p><strong>Zeit der Widerspr&uuml;che<\/strong><\/p><p>Aber auch ganz allgemein herrschte in weiten Teilen der Bev&ouml;lkerung viel Unverst&auml;ndnis vor. Schlie&szlig;lich hatte man es (einschlie&szlig;lich vieler Arbeiter) inzwischen zu einigem Wohlstand gebracht, der von den &bdquo;68ern&ldquo; mit Schlagworten wie &bdquo;Konsumterror&ldquo; pl&ouml;tzlich infrage gestellt wurde. Materieller Besitz und gutes Essen (Stichwort: &bdquo;Fresswelle&ldquo;) wurden als ausreichende Grundlagen f&uuml;r ein gutes Leben betrachtet, weshalb alle dar&uuml;ber hinausgehenden &bdquo;intellektuellen&ldquo; Erwartungen von vornherein als suspekt galten. Eine Steigerung dieser Abwehrhaltung erfolgte immer dann, wenn eine Befragung zur eigenen Rolle in der Nazizeit stattfand.<\/p><p>Dennoch gelang es 1969 dem Sozialdemokraten Willy Brandt, dessen (auch internationales) Ansehen schon w&auml;hrend seiner Zeit als Regierender B&uuml;rgermeister von Berlin gefestigt worden war, die Wahlen zu gewinnen und damit die jahrzehntelange Vorherrschaft der auf &bdquo;Keine Experimente!&ldquo; abonnierten CDU zu brechen.<\/p><p>Ungeachtet seiner Beliebtheit begann mit Willy Brandt eine Zeit der &auml;u&szlig;erst widerspr&uuml;chlichen politischen Signale. Einerseits stand Brandt f&uuml;r &bdquo;Mehr Demokratie wagen!&ldquo;, f&uuml;r eine neue Ostpolitik (&bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo;) und &ndash; was ganz besonders hervorzuheben ist &ndash; f&uuml;r die Er&ouml;ffnung neuer Bildungschancen f&uuml;r die bislang bildungsbenachteiligten Kinder (Stichwort: zweiter Bildungsweg).<\/p><p>Andererseits kam es in seiner &Auml;ra zur Einf&uuml;hrung der Berufsverbote, das hei&szlig;t zur Verabschiedung des Radikalenerlasses, der vermeintliche Verfassungsfeinde vom &ouml;ffentlichen Dienst fernhalten sollte. Die danach einsetzende Gesinnungsschn&uuml;ffelei beruhte auf Daten, die von dem als Verfassungsschutz bezeichneten und von ehemaligen Faschisten aufgebauten Inlandsgeheimdienst gesammelt worden waren. Schon damals gerieten sehr viele Menschen ins Visier der &bdquo;Verfassungssch&uuml;tzer&ldquo;: Studenten, angehende Lehrer, Post- und Bankangestellte, Gewerkschafter, Angeh&ouml;rige der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes sowie Menschen, die sich in der Friedensbewegung engagiert hatten. F&uuml;r die Betroffenen bedeutete die Verh&auml;ngung des Berufsverbotes, dass ihnen f&uuml;r lange Zeit der gesellschaftliche und finanzielle Boden unter den F&uuml;&szlig;en weggezogen worden war.<\/p><p>Selbst die bildungspolitischen Errungenschaften jener Zeit waren von Restriktionen begleitet. So mussten seit Beginn der 1970er-Jahre die Unterrichtsinhalte im Sinne &bdquo;operationalisierter Lernziele&ldquo; aufbereitet werden. Damit lief der Unterricht auf das Erreichen eines mess- und abfragbaren Wissens hinaus und unterschied sich somit sehr von den erst wenige Jahre zuvor erdachten und erprobten kindzentrierten Ans&auml;tzen.<\/p><p>Die radikale Hinwendung zu einem auf Messbarkeit beruhenden Leistungsverst&auml;ndnis blieb in der &Ouml;ffentlichkeit weitgehend unbemerkt, da es f&uuml;r die meisten Eltern noch immer nicht &uuml;blich war, sich in schulische Belange einzumischen, und es au&szlig;erdem bald ganz andere (vor allem mit der Neueinf&uuml;hrung des Sexualkundeunterrichts zusammenh&auml;ngende) Aufreger gab. Selbst die seinerzeit erstmalig ausgestrahlte &bdquo;Sendung mit der Maus&ldquo; wurde wegen der darin versuchten F&ouml;rderung der kindlichen Neugier vielfach ebenso argw&ouml;hnisch wie die &bdquo;Sesamstra&szlig;e&ldquo; be&auml;ugt. Schlie&szlig;lich herrschte (nicht nur in den m&auml;nnlichen) K&ouml;pfen noch immer die Vorstellung vor, dass ein Kind in erster Linie zu gehorchen hat.<\/p><p>&Auml;hnlich antiquiert war die Ansicht, dass das Arbeitsfeld verheirateter Frauen in der F&uuml;hrung des Haushalts bestand. Erst 1977 war es auch in der BRD so weit, dass Ehefrauen ohne Erlaubnis ihrer M&auml;nner einen Beruf ergreifen und eigenverantwortlich auch gr&ouml;&szlig;ere Anschaffungen (Beispiel: K&uuml;hlschrank) t&auml;tigen konnten.<\/p><p>Fast genauso lange hat es mit der Liberalisierung (nicht Abschaffung!) des &sect;218 gedauert, und dann mussten noch einmal ungef&auml;hr 20 Jahre vergehen, bevor es in den 1990er-Jahren zur (strafbewehrten) Gleichstellung ehelicher mit au&szlig;erehelicher Vergewaltigung kam. Im Vergleich dazu waren den in der DDR lebenden Frauen viele Rechte weitaus fr&uuml;her zugestanden worden. Sogar der im Grundgesetz stehende Satz &bdquo;M&auml;nner und Frauen sind gleichberechtigt.&ldquo; geht in Wirklichkeit auf eine Formulierung im Entwurf f&uuml;r die DDR-Verfassung zur&uuml;ck. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>1974 begann die &Auml;ra Schmidt, in der &ndash; aus Sicht der Bev&ouml;lkerung &ndash; so nach und nach ganz andere Probleme in den Vordergrund r&uuml;ckten. Im kollektiven Ged&auml;chtnis geblieben ist der sogenannte &bdquo;hei&szlig;e Herbst&ldquo; des Jahres 1977, in dem die inzwischen zweite Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) mit ihren zur Gefangenenbefreiung unternommenen Entf&uuml;hrungs- und Erpressungsversuchen endg&uuml;ltig scheiterte und es stattdessen zum gefeierten Einsatz der Eingreiftruppe GSG9 kam (Stichwort: Mogadischu), die als Reaktion auf das an israelischen Sportlern ver&uuml;bte Massaker w&auml;hrend der Olympischen Spiele 1972 in M&uuml;nchen gegr&uuml;ndet worden war.<\/p><p>Aber auch von der APO (Au&szlig;erparlamentarische Opposition), die den von Rudi Dutschke empfohlenen Weg gehen und einen &bdquo;Marsch durch die Institutionen&ldquo; antreten wollte, war schon relativ bald nicht mehr viel zu h&ouml;ren, da sich die meisten &bdquo;Marschierer&ldquo; schnell angepasst hatten. Entweder erlagen sie den Verlockungen des Geldes oder unterwarfen sich den in den &Auml;mtern vorherrschenden Zw&auml;ngen.<\/p><p>Im allt&auml;glichen Leben standen die Zeichen zun&auml;chst weiter auf Wachstum. Der Autoverkehr hatte rasant zugenommen, und immer mehr Menschen besa&szlig;en jetzt (Farb-)Fernseher und eigene Telefone. &bdquo;Auf der gr&uuml;nen Wiese&ldquo; entstanden gro&szlig;e Einkaufszentren, wobei die Kehrseite dieser Entwicklung (Ver&ouml;dung der Innenst&auml;dte und Zerst&ouml;rung d&ouml;rflicher Strukturen) eher hin- als wahrgenommen wurde.<\/p><p>Ein Teil der Bev&ouml;lkerung begann allerdings zu erkennen, dass wir (nicht zuletzt auf Kosten der Umwelt) &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse lebten, wozu ganz wesentlich der erste gro&szlig;e Bericht des &bdquo;Club of Rome&ldquo; beigetragen hatte. Das beg&uuml;nstigte den kontinuierlichen Aufstieg der Gr&uuml;nen, die zudem eng mit der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung verbunden waren. Die erste Regierungsbeteiligung der Gr&uuml;nen erfolgte 1983 in Hessen, obwohl der damalige sozialdemokratische Landesregierungschef B&ouml;rner zun&auml;chst nicht viel mit den &bdquo;Alternativen&ldquo; anfangen konnte (Stichwort: Dachlatten).<\/p><p>Im selben Jahr beschloss der Deutsche Bundestag die Aufstellung von Mittelstreckenraketen, nachdem Schmidt bereits 1979 (ungeachtet einer riesigen Gegendemonstration) den sogenannten NATO-Doppelbeschluss durchgesetzt hatte. Dieser beinhaltete die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa in Verbindung mit Abr&uuml;stungsverhandlungen zwischen den Superm&auml;chten.<\/p><p>Ebenfalls 1983 wurde im Bundesgesetzblatt ein neues &bdquo;Volksz&auml;hlungsgesetz&ldquo; ver&ouml;ffentlicht. Dieses Vorhaben stie&szlig; in der Bev&ouml;lkerung auf so heftigen Widerstand, dass die vierte bundesdeutsche Volksz&auml;hlung erst 1987 (in &uuml;berarbeiteter Form) durchgef&uuml;hrt werden konnte. Auch wenn f&uuml;r die Befragung selbst nach wie vor Papierb&ouml;gen vorgesehen waren, sollte die Auswertung bereits mit elektronischer Datenverarbeitung (EDV) erfolgen, wobei die damalige EDV noch auf einem Lochkartensystem beruhte.<\/p><p>Unter Hinweis auf fr&uuml;here Datenskandale, in die das Bundeskriminalamt und das Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz verwickelt waren, prangerten die Kritiker vor allem die M&ouml;glichkeiten der Entanonymisierung an, wobei insbesondere eine Verbindung mit Spezialauswertungen (zum Beispiel im Hinblick auf Wohnungsgr&ouml;&szlig;en und Monatsmieten) bef&uuml;rchtet wurde.<\/p><p>Ungef&auml;hr zeitgleich fand der erste Gro&szlig;versuch mit Scanner-Kassen im Massa-Markt 3 in R&uuml;sselsheim statt. Trotz der von Belegschaft und Betriebsrat vorgebrachten Einw&auml;nde sowie anderslautender Zusicherungen wurden nicht nur einige, sondern alle Kassen dieses Marktes schnell durch Computermodelle ersetzt. Weil die Computerkassen nicht nur jede kleinste Abwesenheit einer Kassiererin festhielten, sondern auch registrierten, wie viele Kunden zu welcher Tageszeit in den Markt kamen, verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen des Personals ebenfalls sehr schnell. Wegen der maschinell festgestellten morgendlichen &bdquo;Flaute&ldquo; wurde der Beginn der f&uuml;nfst&uuml;ndigen Schicht kurzerhand auf 10 Uhr verlegt, was sehr zu Lasten der M&uuml;tter mit kleinen und schulpflichtigen Kindern ging. Au&szlig;erdem wurden vermehrt Niedriglohnkr&auml;fte eingestellt, deren L&ouml;hne unter der Grenze f&uuml;r Sozialabgaben und Rentenversicherung lagen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p><strong>Zeit der Innovationen<\/strong><\/p><p>Das soeben skizzierte Supermarktbeispiel fiel in eine Zeit gro&szlig;er technischer Umw&auml;lzungen, die sich mit zunehmender Intensit&auml;t auch auf den Privatbereich auswirkten. Der heutigen Computertechnologie ging eine lange Entwicklung voraus, die bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren begann und vermutlich durch die technische &Uuml;berlegenheit der damaligen UdSSR, die 1957 den weltweit ersten Satelliten erfolgreich ins All bef&ouml;rdert hatte (Stichwort: &bdquo;Sputnik-Schock&ldquo;) angefeuert worden ist.<\/p><p>Einige weitere Stationen: 1960 kam es zum erstmaligen Einsatz von Industrierobotern (&bdquo;Unimate&ldquo;), 1970 wurde das Internet erfunden, 1972 landeten US-Astronauten auf dem Mond, 1973 stellten japanische Wissenschaftler ihren h&ouml;r-, seh-, tast-, lauf- und kommunikationsf&auml;higen Roboter &bdquo;Wabot 1&ldquo; vor, 1976 folgte die Gr&uuml;ndung der Firma Microsoft und 1981 pr&auml;sentierte IBM seinen mit dem von Microsoft entwickelten Betriebssystem MS-DOS laufenden Personal Computer (PC).<\/p><p>Bis zur ersten Verf&uuml;gbarkeit des Internets in Deutschland dauerte es allerdings noch bis 1984, aber danach kam die PC-Welle auch hierzulande ins Rollen. Erste auf dem PC erstellte Seminar-, Diplom- und Doktorarbeiten wurden abgegeben, wobei zuvor die f&uuml;r das damalige Druckerpapier typischen seitlich gelochten Randstreifen entfernt werden mussten. Aus diesen Anf&auml;ngen entwickelten sich schnell andere Anwendungsideen (wie die Verwendung vorgefertigter Satzbausteine f&uuml;r beh&ouml;rdliche Antwortschreiben).<\/p><p>Die anf&auml;ngliche Euphorie wurde befl&uuml;gelt von der weit verbreiteten Ansicht, dass ein frei zug&auml;ngliches Internet einen gewaltigen Demokratisierungsschub mit sich bringen w&uuml;rde. Ausgerechnet der zu den &bdquo;V&auml;tern&ldquo; der Computertechnologie geh&ouml;rende Joseph Weizenbaum erhob demgegen&uuml;ber schon fr&uuml;h seine warnende Stimme, indem er auf die durch milit&auml;rische Nutzung wachsenden Kriegsgefahren hinwies und feststellte: &bdquo;In dem Augenblick, wo Computer mit anderen Computern verbunden werden, wo sie sich in fremde Systeme einschalten, &lsquo;beherrscht&rsquo; man sie nicht mehr.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Die erhoffte F&ouml;rderung des demokratischen Gedankens blieb aber auch deshalb aus, weil schon 1991 die National Science Foundation (NSF) das NSF-net privatisierte, was den Investoren Milliardengewinne bescherte.<\/p><p>Dessen ungeachtet entwickelte sich die Computertechnologie immer weiter, wovon die Gen- und Biotechniken in ganz besonderem Ma&szlig;e profitierten. Sozusagen Schlag auf Schlag konnten diese Wissenschaften Ergebnisse vorweisen, die es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie gegeben hatte: Genmanipulation von Pflanzen (zwecks Ertragssteigerung oder Herbizid-Resistenz), Klonen auch gr&ouml;&szlig;erer S&auml;ugetiere (Schaf &bdquo;Dolly&ldquo;), Kinderwunscherf&uuml;llung durch k&uuml;nstliche Befruchtung au&szlig;erhalb des Mutterleibs (In-vitro-Fertilisation), Leihmutterschaft und schlie&szlig;lich sogar die komplette Entschl&uuml;sselung des menschlichen Genoms.<\/p><p>&Uuml;ber diese f&uuml;r die meisten Menschen bislang v&ouml;llig unvorstellbaren Entwicklungen wurde seinerzeit ausgiebig diskutiert, aber gleichzeitig erfolgte eine &Uuml;berschwemmung der Konsumenten mit Videokameras, neuen Empfangsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Fernsehger&auml;te (Kabelanschl&uuml;sse) sowie den handlich und erschwinglich gewordenen PCs, deren Faszination vermutlich auch von den neuartigen virtuellen Spielm&ouml;glichkeiten ausging.<\/p><p>Speziell f&uuml;r die Kinder wurde ein &bdquo;schl&uuml;sselbundgeeigneter&ldquo; Mini-Computer mit Namen Tamagotchi entwickelt, bei dem es darum ging, ein aus einem Ei geschl&uuml;pftes virtuelles Haustier durch Bedienung der entsprechenden Tasten zu &bdquo;pflegen&ldquo;. Bei fortgesetzter Nichtbeachtung der akustischen Erinnerungen an die zu leistenden Dienste starb das virtuelle Haustier schon vor der ihm zugemessenen Zeit an &bdquo;Vernachl&auml;ssigung&ldquo;.<\/p><p>Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum &bdquo;internetf&auml;higen Spielzeug&ldquo;, das den Kindern in Form von Puppen oder Pl&uuml;schtieren angeboten wurde. Mit diesen Spielwaren konnten die Kinder sprechen oder sogar Kontakt zu entfernt lebenden Verwandten aufnehmen. Dabei war den Kindern sehr wahrscheinlich nicht bewusst, dass die Eltern die oft heimlich gef&uuml;hrten Gespr&auml;che mith&ouml;ren konnten.<\/p><p>Aber auch den Erwachsenen mangelte es an einem Bewusstsein daf&uuml;r, dass es bei allen internettauglichen Ger&auml;ten immer um das Sammeln und Speichern von Daten geht (einschlie&szlig;lich der sprachlichen Kommunikation). &Auml;hnlich unbek&uuml;mmert erfolgte der Austausch bildlicher Informationen, der nach dem massenhaften Aufkommen der Digitalkameras rasant zunahm.<\/p><p>Mit Abstand am begehrtesten waren die Handys, die &ndash; mit Ausnahme der ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten &bdquo;Funkl&ouml;cher&ldquo; &ndash; eine st&auml;ndige Kommunikation auch au&szlig;erhalb der eigenen vier W&auml;nde erm&ouml;glichten. Den Handys folgten die Smartphones, die wie die Laptops und Tablets von Anfang an vollwertige Computer waren. Die parallel dazu wie Pilze aus dem Boden schie&szlig;enden Apps und Plattformen f&uuml;hrten zu einer enormen Steigerung des Missbrauchspotenzials. In den sogenannten sozialen Medien kam es schnell zu Ph&auml;nomenen wie &bdquo;hate speech&ldquo; oder &ndash; gesteuert durch eine darauf angelegte algorithmische Auswahl &ndash; zur Bildung diskussionsverhindernder &bdquo;Filterblasen&ldquo;.<\/p><p>Als besonders grausam erwies sich das schulische &bdquo;cyber mobbing&ldquo;, das auf heimlich aufgenommenen und blitzschnell im Netz verbreiteten Fotos von Mitsch&uuml;lern oder Lehrern beruhte. Selbst die im Privatbereich (zum Beispiel anl&auml;sslich einer Geburtstagsfeier) aufgezeichneten Bild- und Tonaufnahmen waren fortan nicht l&auml;nger vor fremden Zugriffen gesch&uuml;tzt. Am h&auml;rtesten traf (und trifft) es diejenigen (Kleinst-)Kinder, die vor laufender Kamera sexuell missbraucht wurden (und werden).<\/p><p><strong>Zeit des Zerbr&ouml;selns<\/strong><\/p><p>Die Zeit der beschleunigten Zerbr&ouml;selung von Infrastrukturen und &ouml;ffentlichen Dienstleistungen begann zun&auml;chst sehr hoffnungsfroh. Gegen Ende der 1980er-Jahre fiel dem 1982 per Misstrauensvotum an die Macht gekommenen Kanzler Kohl die Wiedervereinigung sozusagen in den Scho&szlig;. Anf&auml;nglich sah es ganz danach aus, als ob die von ihm versprochenen &bdquo;bl&uuml;henden Landschaften&ldquo; Realit&auml;t werden k&ouml;nnten. Tats&auml;chlich kam es zu aufw&auml;ndigen Renovierungen zahlreicher ostdeutscher Innenst&auml;dte, was aber die inzwischen eingetretene Sch&auml;bigkeit vieler westdeutscher St&auml;dte (vor allem im Ruhrgebiet) nur umso deutlicher hervortreten lie&szlig;.<\/p><p>Aber auch im Osten hielt die Freude nicht allzu lange an, da schnell klar wurde, dass die Treuhand (insbesondere nach der Ermordung Rohwedders) in den allermeisten F&auml;llen nicht an einer Erhaltung der ostdeutschen Industriebetriebe und landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften interessiert war. Stattdessen wurden nun auch im Osten Deutschlands privaten Investoren und\/oder fr&uuml;heren Eigent&uuml;mern T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet.<\/p><p>Die immer gr&ouml;&szlig;er werdende Finanznot der L&auml;nder und Kommunen hatte zur Folge, dass private Investoren in zunehmendem Ma&szlig;e auch in Bereiche der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge (und zwar sowohl im Osten als auch im Westen) einsteigen konnten (Post, Bahn, Gesundheit, Wohnen, Wasser, Stra&szlig;en, Br&uuml;cken, &Ouml;PNV und sp&auml;ter auch Schulen). Damit die dadurch aus der Hand gegebene Gestaltungsmacht nicht so stark auffiel, wurde die Gr&uuml;ndung &ouml;ffentlich-privater Partnerschaften zum bevorzugten &Uuml;bereignungsmodell.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus dr&uuml;ckte Kohl die Etablierung privater Fernsehsender durch, was sowohl unbegrenzte Konsumm&ouml;glichkeiten als auch den gew&uuml;nschten Ablenkungseffekt mit sich brachte. Diese Strategie war so erfolgreich, dass die noch gar nicht so lange zur&uuml;ckliegende Zeit gro&szlig;er gesellschaftlicher Debatten (zur Atomenergie, zum Datenschutz oder zu den Gen-, Bio- und Reproduktionstechniken) erst einmal vorbei war.<\/p><p>Auch die Printmedien gerieten zunehmend unter Druck, weil immer mehr Menschen damit anfingen, sich &uuml;ber das Internet zu informieren, wodurch es f&uuml;r die Zeitungen und Zeitschriften zu einem kontinuierlichen Einbruch der Werbeeinnahmen kam. Um diesen Verlust zu kompensieren, wurde die Zahl der fest angestellten Journalisten drastisch reduziert, w&auml;hrend sich gleichzeitig die Bereitschaft zur Annahme von Spenden erh&ouml;hte.<\/p><p>Eine vergleichbare Entwicklung vollzog sich auch im Wissenschaftsbetrieb, sodass schon damals die Unabh&auml;ngigkeit von Forschung und Lehre ernsthaft bedroht war, was sich auch an der zunehmenden Jagd nach Drittmitteln ablesen lie&szlig;. Vor diesem Hintergrund war (und ist) man gut beraten, die Interessen der jeweiligen Auftraggeber bei der Beurteilung von Studienergebnissen zu ber&uuml;cksichtigen.<\/p><p>Bestechlichkeit und Korruption auch auf politischer Ebene gab es sicherlich nicht erst seit der Kohl-&Auml;ra, sie traten in dieser Zeit aber erstmalig besonders krass in Erscheinung (Stichworte: Bimbes- und Ehrenwortkanzler). Auf der anderen Seite wurden der Bev&ouml;lkerung immer mehr Einschr&auml;nkungen im Sinne eines Sozialabbaus in den Bereichen Sozialhilfe, Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung zugemutet. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p><p>Die nachfolgende rot-gr&uuml;ne Regierung (Schr&ouml;der und Fischer) setzte diese Kahlschlagpolitik nicht nur fort, sondern erh&ouml;hte auch noch den Druck durch Einf&uuml;hrung von Hartz IV und der damit einhergehenden Ausweitung des Niedriglohnsektors. Au&szlig;erdem wurde in dieser Zeit das staatliche Rentensystem weiter geschw&auml;cht, indem zum Ausgleich des inzwischen stark gesunkenen Rentenniveaus die &uuml;berwiegend selbst zu finanzierenden Riester- und R&uuml;rup-Renten eingef&uuml;hrt wurden. Dar&uuml;ber hinaus erfolgten in dieser Zeit die Beteiligung am v&ouml;lkerrechtswidrigen Jugoslawienkrieg sowie die Erm&ouml;glichung weiterer Auslandseins&auml;tze der Bundeswehr.<\/p><p>Von den arbeitslos gewordenen Menschen wurde nicht zuletzt eine Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme in weit entfernt liegenden Orten erwartet, was das Pendleraufkommen in die H&ouml;he schnellen lie&szlig; und deshalb h&auml;ufig eine Zerst&ouml;rung des fr&uuml;her &uuml;blichen Familienlebens nach sich zog. Orientierungslosigkeit machte sich aber auch in vielen anderen Bereichen breit, sodass das Bed&uuml;rfnis nach gedruckten oder virtuellen Ratgebern schon damals stark zunahm.<\/p><p>Angeheizt von der Computerindustrie, die in dieser Zeit erstmalig tragbare Fitnessarmb&auml;nder auf den Markt gebracht hatte, wurde pl&ouml;tzlich auch die eigene Gesundheit zu einem Riesenthema. In Verbindung mit leicht verst&auml;ndlichen Zielvorgaben erm&ouml;glichten die Armb&auml;nder eine best&auml;ndige Messung diverser K&ouml;rperfunktionen, wodurch sich die Vorstellung, ungeachtet der individuellen Lebensbedingungen vor allem selbst f&uuml;r die eigene Gesundheit verantwortlich zu sein, in den K&ouml;pfen vieler Menschen festsetzte. Auf diese Weise erh&ouml;hte sich auch die Akzeptanz f&uuml;r die schon fr&uuml;her von den Krankenkassen entwickelten Modelle (Beitragsstaffelung auf der Grundlage von Risikoprofilen).<\/p><p>Zum Leidwesen vieler &auml;lterer Mitb&uuml;rger ging es so nach und nach auch bei gro&szlig;en Unternehmen und Beh&ouml;rden immer &bdquo;effizienter&ldquo; zu. Einhergehend mit dem allm&auml;hlichen Abbau der &ouml;ffentlichen M&uuml;nz- und Kartentelefone reduzierten sich die telefonischen Kontaktm&ouml;glichkeiten vielfach auf eine zentrale Nummer, die das Gespr&auml;ch mit einem echten Menschen erst nach einer einzutippenden Vorauswahl und\/oder einer langen Wartezeit freigaben. Fr&uuml;her selbstverst&auml;ndliche Dienstleistungen (zum Beispiel Beratung in den Finanz&auml;mtern) wurden als nicht mehr zugeh&ouml;rige Aufgaben deklariert, und es begann eine Zeit, in der Papierausdrucke von Formularen nur noch auf ausdr&uuml;ckliche Nachfrage herausgegeben wurden.<\/p><p><strong>Zeit der Angst<\/strong><\/p><p>Die Zeit der gro&szlig;en &Auml;ngste setzte zu Beginn des neuen Jahrhunderts\/Jahrtausends gleich mit einem Doppelschlag ein: Zerst&ouml;rung des World Trade Centers in New York City und Durchf&uuml;hrung des ersten PISA-Tests. Auf die Anschl&auml;ge des 11. September 2001 reagierten die westlichen L&auml;nder mit einer ungeheuren Aufstockung milit&auml;rischer Anschaffungen und technischer Sicherheitsma&szlig;nahmen.<\/p><p>Wie die sp&auml;teren Anschl&auml;ge (zum Beispiel in Paris oder Berlin) gezeigt haben, erwiesen sich die innenpolitisch ergriffenen Ma&szlig;nahmen als weitgehend untauglich, was aber nicht zu deren R&uuml;cknahme f&uuml;hrte. Stattdessen wurden immer mehr &Uuml;berwachungskameras installiert und erste gro&szlig; angelegte Tests zur Optimierung der Gesichtserkennungssoftware durchgef&uuml;hrt. Dar&uuml;ber hinaus scheute man sich nicht vor einer Legalisierung der zuvor unerlaubten Eingriffe in die Privatsph&auml;re.<\/p><p>Zu den in den USA eingef&uuml;hrten geheimdienstlichen Sonderrechten einige Zitate aus einem 2013 mit Thomas Drake gef&uuml;hrten Interview, in dem es um die (vor seiner Zeit als Whistleblower) beim US-Geheimdienst NSA gesammelten Erfahrungen geht: &bdquo;Die &Uuml;berwachung begann mit Telefondaten, dann E-Mails, dann das Internet, dann Kreditkarteninformationen. &hellip; Die NSA war besessen davon, alles wissen zu wollen. &hellip; Microsoft wirbt damit, dass das Privatleben seiner Kunden Priorit&auml;t hat. Und dann hilft Microsoft der Regierung, die Privatsph&auml;re der Kunden zu entschl&uuml;sseln.&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Mit anderen Worten hatte Microsoft keine Probleme damit, zur umf&auml;nglichen (also &uuml;ber das Konsumverhalten hinausgehenden) Aussp&auml;hung der eigenen (US-amerikanischen) Bev&ouml;lkerung durch Weitergabe der dem Konzern im Vertrauen &uuml;bermittelten Daten beizutragen. Da diese spezielle Zugriffsm&ouml;glichkeit hierzulande nicht gegeben war, hat sich Deutschland daf&uuml;r entschieden, die eigene Bev&ouml;lkerung mit Hilfe unbemerkt einzuschleusender Staatstrojaner auszuspionieren, was immerhin auch den grenz&uuml;berschreitenden geheimdienstlichen Austausch privater Daten erleichterte.<\/p><p>Auf den ersten Blick deutlich harmloser wirkte sich in Deutschland der sogenannte &bdquo;PISA-Schock&ldquo; aus. Nach Durchf&uuml;hrung eines von der OECD (also von einer Wirtschaftsorganisation!) entwickelten Tests stellte sich heraus, dass die deutschen Sch&uuml;ler im Vergleich zu anderen L&auml;ndern nur mit mittelm&auml;&szlig;igen Leistungen aufwarten konnten.<\/p><p>Dieses Ergebnis versetzte Eltern und Bildungspolitiker gleicherma&szlig;en derart in Panik, dass Fragen nach der Qualit&auml;t der Testkonstruktion, dem dahinter stehenden Bildungsziel oder den Besonderheiten des deutschen Schulsystems gar nicht erst aufkamen. Stattdessen verengte sich die Diskussion schnell auf die Begriffe &bdquo;Effizienz&ldquo; und &bdquo;Digitalisierung&ldquo;. Ab sofort hatten Schulen &bdquo;outputorientiert&ldquo; zu sein, was einer starren Fixierung auf die Erfordernisse des sp&auml;teren (digital gedachten) Arbeitsmarktes gleichkam und ein st&auml;rkeres Eingehen auf individuelle Interessen und Bed&uuml;rfnisse der Kinder und Jugendlichen nur noch sehr begrenzt zulie&szlig;. Dass diese Fixierung einem neoliberalen Bildungsverst&auml;ndnis entsprach, spielte f&uuml;r viele Eltern kaum eine Rolle, da f&uuml;r sie die Sicherung der beruflichen Chancen ihres Nachwuchses im Vordergrund stand.<\/p><p>Die n&auml;chste gro&szlig;e Schockwelle stellte sich 2008 als Folge des von den USA (Stichwort: Lehman Brothers) ausgehenden Zusammenbruchs der Finanzm&auml;rkte ein. Viele kleinere Anleger mussten erstmals erkennen, dass sie in gutem Glauben &bdquo;faule&ldquo; Aktienpakete erworben hatten und dass es sich bei den mit Bankmitarbeitern gef&uuml;hrten Beratungsgespr&auml;chen immer um Verkaufsgespr&auml;che gehandelt hatte. Die damalige Bundeskanzlerin Merkel (&bdquo;gro&szlig;koalition&auml;re&ldquo; Nachfolgerin von Schr&ouml;der) sah ihre Hauptaufgabe in der Beruhigung der Bev&ouml;lkerung, indem sie (sachlich unrichtig) beteuerte, dass die Spareinlagen nicht gef&auml;hrdet seien und in naher Zukunft eine sehr viel strengere Regulierung der Finanzwirtschaft erfolgen werde.<\/p><p>Diese (sp&auml;ter nur sehr minimal eingehaltene) Zusage erzielte die gew&uuml;nschte Wirkung, weshalb die von der damals gegr&uuml;ndeten Occupy-Bewegung ausgehenden Proteste relativ schnell an Bedeutung verloren.<\/p><p>&Auml;hnlich erging es der Anti-TTIP-Bewegung (TTIP: Transatlantic Trade and Investment Partnership), obwohl es ihr (nach Jahren anderweitigen Widerstands gegen dieses Freihandelsabkommen mit den USA) 2015 noch gelungen war, in Berlin eine wahrhaft riesige Demonstration gegen dieses Vorhaben zu organisieren. In diesem Fall gaben zwei Gr&uuml;nde den Ausschlag f&uuml;r das Erlahmen der Bewegung: einerseits eine der Bedeutung des Ereignisses v&ouml;llig unangemessene Kurzberichterstattung im Fernsehen und andererseits die bald darauf einsetzende &bdquo;Fl&uuml;chtlingskrise&ldquo;, die &ndash; nach einer schnell verebbten Phase des Wohlwollens &ndash; in vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern massive und sehr inhumane Abschottungsma&szlig;nahmen ausl&ouml;ste.<\/p><p>Die n&auml;chste ganz gro&szlig;e Verunsicherung setzte mit der Anfang 2020 von der WHO ausgerufenen Corona-Pandemie ein. Als Folge sehr einseitiger Berichterstattung wurde die Bev&ouml;lkerung derma&szlig;en in Angst und Schrecken versetzt, dass mehrheitlich auch die h&auml;rtesten Ma&szlig;nahmen (wie Lockdowns, Quarant&auml;ne oder Hybrid-Unterricht) widerspruchslos befolgt und viele Fragen (wie die nach den Risiken unerprobter mRNA-Injektionen) gar nicht erst gestellt wurden. Sogar die aus der permanenten Verunglimpfung der Ma&szlig;nahmenkritiker resultierende Entzweiung von Freunden und Familien wurde in Kauf genommen, woraus sich eine (wegen der bislang fehlenden Aufarbeitung auch noch nicht &uuml;berwundene) ganz neuartige, nunmehr durch alle Altersstufen vertikal verlaufende Spaltung der Gesellschaft ergab.<\/p><p>Parallel dazu existierte die seit Jahrzehnten best&auml;ndig gr&ouml;&szlig;er gewordene Kluft zwischen Arm und Reich nicht nur weiter, sondern vertiefte sich auch noch, weil die staatlichen Unterst&uuml;tzungsma&szlig;nahmen insbesondere denen zugutekamen, die gar nicht so extrem bed&uuml;rftig waren (Beispiel: Lufthansa) &ndash; ganz zu schweigen von den ohnehin superreichen &bdquo;Corona-Gewinnlern&ldquo;, die nie zur Mitfinanzierung der Ausgleichszahlungen herangezogen wurden.<\/p><p>W&auml;hrend zwischen den bislang geschilderten Angst- und Schockzust&auml;nden immer ein paar &bdquo;Erholungsjahre&ldquo; lagen, fiel der Anfang 2022 begonnene Ukraine-Krieg in eine noch l&auml;ngst nicht abgeschlossene &bdquo;Corona-Zeit&ldquo;. Unter Missachtung der von vielen Menschen empfundenen Angst vor einer Ausweitung dieses Krieges zu einem (vielleicht sogar atomar gef&uuml;hrten) Dritten Weltkrieg fand auch in diesem Fall sofort eine mediale Gleichschaltung statt, nach der nicht Verhandlungsbem&uuml;hungen, sondern Sanktionen und Waffenlieferungen als wichtigster und moralisch gebotener Akt der Solidarit&auml;t mit der ukrainischen Bev&ouml;lkerung zu gelten hatten.<\/p><p>Im Schatten und\/oder als Folge der immer permanenter und tiefgreifender werdenden Angst wurden (in Form diverser Infektionsschutzgesetze) Grundrechte eingeschr&auml;nkt, was noch schneller in Vergessenheit geriet als die kriminellen Machenschaften, in die auch Politiker verwickelt waren (Stichworte: Wirecard, Cum-Ex oder Maskendeals).<\/p><p><strong>Zeit der Daten-Allmacht<\/strong><\/p><p>Mit der &bdquo;digitalen Hinterlassenschaft&ldquo; der coronagepr&auml;gten Jahre (Stichwort: &bdquo;Digitalisierungsschub&ldquo;) sind wir in der Jetztzeit angekommen, in der &ndash; um mit dem Bildungsbereich zu beginnen &ndash; Unterrichtsinhalte immer h&auml;ufiger digital vermittelt werden. Vor allem dann, wenn jedem Sch&uuml;ler ein eigenes Endger&auml;t zur Verf&uuml;gung steht, k&ouml;nnen die Lehrer von dieser Entwicklung noch profitieren (stillere Klassen, mehr Zeit f&uuml;r einzelne Sch&uuml;ler und abnehmender Korrekturbedarf), aber eine anwachsende Zunahme der Unterrichtsversorgung durch Avatare bedeutet eben auch, dass die Anwesenheit echter Menschen immer seltener erforderlich sein wird.<\/p><p>Wirklich neu ist dieser Trend allerdings nicht. So berichtete die Berliner Morgenpost bereits im Juli 1996: &bdquo;Der erste virtuelle, interaktive &lsquo;Lehrer&rsquo; &ndash; genannt Hermann &ndash; w&uuml;rde, so schw&auml;rmen seine Sch&ouml;pfer von der North Carolina University in Raleigh, den Schulunterricht revolutionieren. Jedes einzelne Kind der &ouml;rtlichen Schule erh&auml;lt seit etwa einem halben Jahr probeweise einen pers&ouml;nlichen &lsquo;P&auml;dagogen&rsquo; und mit ihm eine individuelle Ausbildung, abgestimmt auf die eigenen St&auml;rken und Schw&auml;chen. Eine vollkommen neuartige Software, die sich der sogenannten K&uuml;nstlichen Intelligenz (KI) bedient, bildet Hermanns &lsquo;Gehirn&rsquo;. Das Programm lernt aus den Antworten der Kinder und verfeinert sich st&auml;ndig.&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Die M&ouml;glichkeit des Eingehens auf individuelle Lernniveaus bedeutet aber noch keinen Verzicht auf fremdbestimmte Lernstoffe. Im Unterschied hierzu geht das &bdquo;Deeper Learning&ldquo; genannte Konzept projektorientiert vor, sodass sich die Sch&uuml;ler zumindest an der Ausgestaltung eines inhaltlich vorgegebenen Rahmens eigenverantwortlich beteiligen k&ouml;nnen. Zum festen Bestandteil dieses Ansatzes geh&ouml;rt die Vorstellung einer digitalisierten Schule, in der die Wissensvermittlung nicht mehr &uuml;ber Schulb&uuml;cher oder Lehrer, sondern &uuml;ber den Zugriff auf das globale Internet mit allen zur Verf&uuml;gung stehenden Wissensressourcen stattfinden soll. Auch in Deutschland gibt es bereits zwei Netzwerke zum &bdquo;Deeper Learning&ldquo;, die (Stand September 2022) insgesamt 26 Schulen umfassen und sowohl von der Robert Bosch Stiftung (Schulen in Baden-W&uuml;rttemberg) als auch von der Telekom Stiftung (Schulen bundesweit) unterst&uuml;tzt werden. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p><p>Tats&auml;chlich geh&ouml;rt zu den unbestreitbaren Vorteilen des Internets die M&ouml;glichkeit, sich schnell und in einem bislang unbekannten Ausma&szlig; &uuml;ber alle nur denkbaren Sachverhalte informieren zu k&ouml;nnen. Die sich daraus ergebende Arbeitserleichterung haben sich sowohl Sch&uuml;ler als auch Studenten fr&uuml;h zunutze gemacht, indem sie bei der Erledigung ihrer schriftlichen Aufgaben immer h&auml;ufiger auf (nicht in jedem Fall auch verstandene) Textpassagen aus dem Internet zur&uuml;ckgriffen.<\/p><p>Inzwischen haben wir es allerdings mit einem noch viel bedenklicheren Ph&auml;nomen zu tun: Mit Chat GPT steht seit Kurzem ein KI-basiertes Werkzeug zur Verf&uuml;gung, das mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit die Welt des Lehrens und Lernens auf den Kopf stellen wird. Hierbei handelt es sich um ein Texterstellungsprogramm, das v&ouml;llig selbstst&auml;ndig ganz unterschiedliche (bis zur Lyrik reichende) Texte in der jeweils gew&uuml;nschten Thematik und L&auml;nge produzieren kann.<\/p><p>Mit anderen Worten werden wir es vermutlich bald massenhaft mit Texten zu tun haben, deren Urheberschaft &uuml;berhaupt nicht mehr eindeutig gekl&auml;rt werden kann, was auch f&uuml;r schriftstellerisch t&auml;tige Menschen zu einem (nicht zuletzt finanziellen) gro&szlig;en Problem werden d&uuml;rfte. Im Bildungsbereich l&auml;uft diese Entwicklung paradoxerweise darauf hinaus, dass die inzwischen extrem hoch gehaltene Leistungsmessung &uuml;ber weite Strecken ausgehebelt wird und wir uns zuk&uuml;nftig bei keinem Text mehr sicher sein k&ouml;nnen, ob dieser von einem Menschen oder einer Maschine stammt.<\/p><p>Sehr viel &auml;lter ist die grunds&auml;tzliche Diskussion &uuml;ber den Einsatz von Computern im Unterricht. In einem (damals noch langen!) Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1984 wurden Vor- und Nachteile einer Ausstattung der Schulen mit Computern ausf&uuml;hrlich dargestellt. Dabei ging es beispielsweise um die Frage, ob im Zuge dieser Entwicklung Informatik als Unterrichtsfach auf die Oberstufe der Gymnasien beschr&auml;nkt bleiben sollte. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Demgegen&uuml;ber wurde der altersm&auml;&szlig;ig sehr fr&uuml;he Kontakt mit Computern nicht so sehr als Problem gesehen, was bis heute der &Uuml;berzeugung vieler Eltern so sehr entspricht, dass sie sich deshalb kaum fragen, welche Folgen es f&uuml;r Kinder haben kann, wenn man sie w&auml;hrend der Zeit ihrer Gehirnreifung mehr digitalen als analogen Reizen aussetzt. Dabei haben viele der im Silicon Valley arbeitenden Eltern diese Frage schon l&auml;ngst f&uuml;r sich beantwortet, indem sie ihre Kinder ganz bewusst auf eine Waldorfschule schicken und Dinge wie Tablets oder Smartphones unter Verschluss halten. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Da sich ein fr&uuml;h &bdquo;falsch verschaltetes&ldquo; Gehirn auf das ganze sp&auml;tere Leben negativ auswirken kann, sollen hier auch noch einige neurologische Aspekte erw&auml;hnt werden. Dazu zwei Zitate, die aus einem mit der Neurobiologin und Hirnforscherin Gertraud Teuchert-Noodt gef&uuml;hrten Interview stammen: &bdquo;Das Smartphone in der Hand der Mutter nimmt das Kind unaufhaltsam mit in die digitale Abh&auml;ngigkeit. Kleinkinder lernen durch Nachahmung. Nat&uuml;rlich wollen die kleinen H&auml;ndchen auch surfen. Und weil das so einfach ist, unterst&uuml;tzen das die entz&uuml;ckten Eltern. Sie merken nicht, dass die Farben und Formen wie ein D-Zug durch das K&ouml;pfchen rasen und sie ihr Kind auf das Gleis der Lernbehinderung und Suchtentstehung stellen.&ldquo;<\/p><p>Das zweite Zitat bezieht sich auf die Grundbed&uuml;rfnisse eines Kindes: &bdquo;Das Tablet im Kinderzimmer versetzt das Kind in eine digitale Zwangsjacke. Elementare Bed&uuml;rfnisse wie krabbeln, laufen, klettern werden unterdr&uuml;ckt. Diese Bed&uuml;rfnisse dienen dazu, die Sinne zu sch&auml;rfen, die Muskeln zu st&auml;rken, den Geist und die Freude an k&ouml;rperlicher Bewegung zu wecken. Nur wenn die Nervenzellen der einzelnen Hirnfelder sehr viele Kontakte mit sehr vielen anderen Zellen ausbilden, kann ein intelligentes Kind heranreifen.&ldquo; [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p><p>Hinzu kommt, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen ohnehin schon vollkommen mit digitalen Angeboten &uuml;bers&auml;ttigt sind, die ihnen aber auch aus anderen Gr&uuml;nden oft zu schaffen machen. Wer sich immer wieder bei Facebook, Instagram, YouTube, TikTok oder WhatsApp aufh&auml;lt, erh&auml;lt schnell den (zumeist f&auml;lschlichen) Eindruck, dass andere viel attraktiver sind (Stichwort: &bdquo;body shaming&ldquo;) und ein weitaus interessanteres Leben f&uuml;hren. Der unter diesen Umst&auml;nden eigentlich gebotene R&uuml;ckzug aus diesen Foren kommt aber trotzdem kaum in Frage, weil dann auch noch der virtuelle Kontakt zu den Gleichaltrigen verloren ginge. Das ist der Teufelskreis, in dem sich viele Kinder und Jugendliche heutzutage befinden: Um nicht v&ouml;llig zu vereinsamen, sind sie auf st&auml;ndige virtuelle Feedbacks angewiesen, die aber kaum noch Zeit f&uuml;r echte Kontakte im realen Leben lassen. Auch diese Entwicklung ist durch die &bdquo;Corona-Zeit&ldquo; mit ihrem Mantra von der Kontaktvermeidung als Ausdruck eines verantwortungsvollen Sozialverhaltens sehr verst&auml;rkt worden.<\/p><p>Ein anderes gro&szlig;es Problem ist bereits 2008 von der Computerzeitschrift c&rsquo;t am Beispiel des Sch&uuml;lerVZ (VZ f&uuml;r Verzeichnis) genannten Portals angesprochen worden: &bdquo;Dass das Sch&uuml;ler-Netzwerk alles andere als ein sicherer Hort f&uuml;r Privates ist, auf den nur Sch&uuml;ler zugreifen, mussten Anfang Januar auch die Hinterbliebenen einer bei einem Skiunfall verungl&uuml;ckten Sch&uuml;lerin erfahren. Einen Artikel &uuml;ber den Unfall illustrierte die Bild-Zeitung mit einem Foto aus dem Sch&uuml;lerVZ.&ldquo; [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Missbrauch kann aber auch mit denjenigen Daten getrieben werden, die bei der unterrichtlichen Nutzung digitaler Ger&auml;te anfallen, indem beispielsweise die gespeicherten Lernverlaufsprotokolle noch Jahre sp&auml;ter den Ausgang eines Bewerbungsgespr&auml;chs beeinflussen k&ouml;nnen. Damit sind wir in der digitalisierten Arbeitswelt angekommen, in der wir mancherorts schon froh sein k&ouml;nnen, wenn es echte Bewerbungsgespr&auml;che &uuml;berhaupt noch gibt. Von Amazon ist bekannt, dass es dort schon seit Jahren &uuml;blich ist, alle Bewerbungs- und Entlassungsentscheidungen von Algorithmen treffen zu lassen. Das hei&szlig;t, dass pers&ouml;nliche Faktoren (wie zum Beispiel pl&ouml;tzlich eingetretene Notlagen) &uuml;berhaupt keine Rolle mehr spielen. Diese Art der Entscheidungsfindung muss inzwischen ein solches Ausma&szlig; erreicht haben, dass sich manche Unternehmen veranlasst sehen, das Gegenteil zu beteuern. [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<\/p><p>Die zum Corona-Ma&szlig;nahmenkatalog geh&ouml;rende Zunahme an sogenannten Homeoffice-Arbeitspl&auml;tzen ist teilweise sehr begr&uuml;&szlig;t worden: Reduzierung des Pendlerverkehrs in Verbindung mit pl&ouml;tzlich ganzt&auml;giger h&auml;uslicher Anwesenheit. Es hat sich aber bald gezeigt, dass diese Art der Familienzusammenf&uuml;hrung nur dann einigerma&szlig;en gut funktioniert, wenn die Wohnung f&uuml;r eine klare Abgrenzung des Arbeitsbereiches gro&szlig; genug ist. Au&szlig;erdem bedeutet ein Arbeiten von zu Hause aus nicht automatisch, mehr Zeit f&uuml;r die Familie zu haben. Ganz im Gegenteil hat die &bdquo;Homeoffice-Welle&ldquo; eine weitere Entgrenzung der Arbeitszeit mit sich gebracht.<\/p><p>Noch fragw&uuml;rdiger sind die schon vor 20 Jahren in den Betrieben eingesetzten Programme, mit denen das Tun und Lassen der Mitarbeiter heimlich und ohne Hinterlassung von Spuren &uuml;berpr&uuml;ft werden kann. Das nachfolgende Zitat soll die Dimension dieser Art von &Uuml;berwachung verdeutlichen: &bdquo;Programme mit unzweideutigen Namen wie &bdquo;Spector&ldquo;, &bdquo;Spy&ldquo; oder &bdquo;Boss Everywhere&ldquo; zeichnen s&auml;mtliche Details von Computerarbeit auf: Programmstarts, Tastatureingaben, E-Mails oder auch die Reiseroute &uuml;ber Datenautobahnen in aller Welt. &hellip; Besonders dreiste Varianten knipsen mit Webcams Fotos vom Mitarbeiter am Rechner und verschicken diese per E-Mail. So kann sich der Chef in aller Ruhe ein Bild davon machen, wer wann was an seinem Arbeitsplatz getrieben hat.&ldquo; [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p>Zusammen mit der Gesundheitswelle hat sich das &Uuml;berwachungsspektrum noch einmal deutlich ausgeweitet. Mit dem Versprechen, das Wohlergehen von Mitarbeitern verbessern zu k&ouml;nnen, ist eine Smartphone-Software auf den Markt gekommen, die Telefonate mit privaten Handys (also auch au&szlig;erhalb der Betriebe) auswertet. Dabei wird die Stimmenfrequenz auf mitschwingende Emotionen analysiert, um die Gem&uuml;tslage der Mitarbeiter erfassen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die App wertet aber auch den Umgang mit dem eigenen Handy aus: Wer sich oft und schnell hintereinander neue Nachrichten anschaut, gibt (im Gegensatz zu einem in der Stimme mitschwingenden L&auml;cheln) ein Stresssymptom zu erkennen. Die &Uuml;berwachung erstreckt sich sogar auf den Schlaf: Ein Herumw&auml;lzen im Bett wird vom Bewegungssensor des Smartphones registriert und flie&szlig;t ebenfalls in die Auswertung ein. Nach Auskunft des Start-ups, das diese App entwickelt hat (Soma Analytics), erfolgt die Nutzung der privaten Smartphones zur permanenten Eigen&uuml;berwachung auf freiwilliger Basis, aber von Konsequenzen im Falle einer Ablehnung ist nicht die Rede. [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]<\/p><p>Der n&auml;chste digital durchdrungene Alltagsbereich umfasst viele Aspekte unseres Konsumverhaltens. Coronabedingt hat sich nicht nur die Zahl der Gesch&auml;fte mit einem Online-Warenangebot, sondern auch die Zahl der Lieferdienste stark vermehrt. Dieser auch &bdquo;Plattform&ouml;konomie&ldquo; genannte Wirtschaftszweig zeichnet sich vor allem durch extrem schlechte Arbeitsbedingungen f&uuml;r die dort t&auml;tigen Mitarbeiter aus. Die in aller Regel nicht angestellten, sondern (schein-)selbstst&auml;ndig besch&auml;ftigten Arbeitskr&auml;fte werden schlecht entlohnt, sind nicht sozialversichert, bekommen weder Urlaubs- noch Krankheitsgeld und d&uuml;rfen h&ouml;chstens ausnahmsweise einen Betriebsrat w&auml;hlen. Hinzu kommt eine st&auml;ndige &Uuml;berwachung per App, deren Ergebnis ein rascher Auftragsschwund sein kann, der ihnen aber nie erl&auml;utert wird. Im Gegensatz zu den privaten Taxidiensten (Beispiel Uber) kommt bei den Fahrradkurieren auch noch ein stark erh&ouml;htes Unfallrisiko hinzu.<\/p><p>Angesichts zaghafter Regulierungsversuche auf EU-Ebene sind viele Plattformen dazu &uuml;bergegangen, Subunternehmen einzuschalten, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Dabei wird in der Plattform&ouml;konomie nicht nur viel Geld durch die massive Ausbeutung der Mitarbeiter verdient, sondern auch durch den Verkauf der bei jeder Lieferung anfallenden Kundendaten.<\/p><p>Kaum besser sieht es in der realen Einkaufswelt aus. Seit Errichtung der ersten Aldi-Filialen geht es bei den Selbstbedienungsl&auml;den immer um die Frage, wie und wo Personal eingespart werden kann. W&auml;hrend der erste Schritt auf diesem Weg noch &bdquo;analoger&ldquo; Natur war (Wechsel von losen zu verpackten Lebensmitteln), setzten nach der bereits erw&auml;hnten Einf&uuml;hrung der Scanner-Kassen weitere Versuche ein, den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft durch Einsatz &bdquo;intelligenter&ldquo; Technik zu reduzieren.<\/p><p>Dabei f&auml;llt auf, dass jeder neue diesbez&uuml;gliche Schritt als kundenfreundliche Verbesserung angepriesen wird. Das gilt f&uuml;r die (schon &auml;lteren) Selbstbedienungskassen ebenso wie f&uuml;r die &bdquo;Easy Shopper&ldquo;, bei denen es sich um Einkaufswagen handelt, die mit Display und Scanner zur automatischen (Preis-)Erfassung der vom Kunden hineingelegten Waren ausgestattet sind.<\/p><p>In Berlin ist Rewe gerade dabei, in einer Art Probelauf dem Beispiel von Amazon (Superm&auml;rkte ganz ohne Personal) zu folgen. Kunden, die sich am Eingang mit einer zuvor heruntergeladenen App registrieren, k&ouml;nnen die aus dem Regal herausgenommenen Waren direkt in die eigene Tasche stecken und an den Kassen vorbei nach drau&szlig;en gehen, wo sie die Rechnung auf ihr Handy bekommen. Dieses Vorgehen ist m&ouml;glich, weil in der zu diesem Zweck umger&uuml;steten Filiale 4000 Kameras installiert und die Regale und Auslagen mit mehr als 1000 Gewichtssensoren best&uuml;ckt sind. Zur technischen Ausr&uuml;stung geh&ouml;rt au&szlig;erdem eine etwa zwei Kubikmeter gro&szlig;e Servereinheit zur Verarbeitung der Daten. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<\/p><p>Was in derartigen L&auml;den sonst noch so alles m&ouml;glich ist, zeigt ein in den USA bekannt gewordenes Beispiel, das vom Onlineportal Planet Wissen ver&ouml;ffentlicht worden ist: &bdquo;Das Besondere an Big Data ist, dass nicht nur die Gegenwart erfasst wird. Es lassen sich auch Voraussagen &uuml;ber die Zukunft treffen. &hellip; Eine US-amerikanische Handelskette ermittelte zum Beispiel, welche Kundinnen wahrscheinlich schwanger sind, und bewarb diese gezielt. Wer will aber schon durch einen Supermarkt von seiner Schwangerschaft erfahren?&ldquo; [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<\/p><p>In weitaus gr&ouml;&szlig;erem Stil wird Big Data von Geheimdiensten, milit&auml;rischen Abteilungen und polizeilichen Ermittlungsstellen (auch in Deutschland) genutzt. Hierbei geht es immer darum, Massendaten so zu analysieren, dass bestimmte Muster schnell erkannt werden k&ouml;nnen. Zu den neueren Anbietern in diesem Bereich geh&ouml;rt die (auch von Peter Thiel finanzierte) US-Firma Palantor mit ihrer Fahndungssoftware &bdquo;Gotham&ldquo;. Das dar&uuml;ber hinaus (zur &bdquo;Verbrechensprophylaxe&ldquo;) verfolgte Vorhersageziel beruht auf dem Versuch, &bdquo;deviantes Verhalten&ldquo; zu erkennen, das beispielsweise bei einem &bdquo;auff&auml;lligen Betreten&ldquo; eines Parkhauses registriert wird.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zu den allt&auml;glichen Anwendungsbereichen, zu denen nicht zuletzt das Gesundheitswesen geh&ouml;rt, das inzwischen derart viele digitale Produkte und Vorgehensweisen umfasst, dass hier nur auf die etwas neueren Entwicklungen eingegangen werden soll. So sind etliche &Auml;rzte dazu &uuml;bergegangen, ihre Befundberichte als Mail-Anhang zu verschicken oder zwecks Terminvereinbarung nur noch online (&uuml;ber doctolib.de) kontaktiert werden zu wollen.<\/p><p>Ungeachtet des damit verbundenen Risikos eines Fremdzugriffs verfolgen alle gro&szlig;en Tech-Konzerne (Amazon, Apple, Facebook, Google, Microsoft) das Ziel, die Digitalisierung der Medizin voranzutreiben. Zu diesem Zweck beteiligen sie sich beispielsweise an pharmazeutischen Firmen oder universit&auml;ren Studien. Auch komplette Firmenaufk&auml;ufe sind nicht selten, wobei es immer um die Entwicklung neuartiger Produkte geht, die zur (permanenten) &Uuml;berwachung zahlreicher K&ouml;rperfunktionen oder zur rein KI-basierten Befundermittlung eingesetzt werden.<\/p><p>Aber selbst schon l&auml;nger bekannte Produkte wie das digitale Sprachverarbeitungsger&auml;t Alexa lassen sich im angestrebten medizinischen Sinne nutzbar machen: &bdquo;Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass Amazon ein Patent f&uuml;r Alexa h&auml;lt, das aus der Stimmanalyse seiner Spracheingabe auf den Gesundheitszustand des Nutzers schlie&szlig;en kann. Dies er&ouml;ffnet en passant neue Umsatzpotenziale f&uuml;r den Konzern, der k&uuml;nftig ma&szlig;geschneidert Angebote f&uuml;r nicht verschreibungspflichtige Medikamente platzieren k&ouml;nnte.&ldquo; [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]<\/p><p>Mittlerweile k&ouml;nnen sogar Toiletten (&bdquo;smarte Toiletten&ldquo;) als Datenquellen erschlossen werden, wenn man sie mit Bewegungssensoren, Teststreifen, Uroflometern, Analscannern, Drucksensoren, Stuhlkameras und Fingerabdruck-Scans best&uuml;ckt. Auf diese Weise ist es m&ouml;glich, die an eine Cloud weitergeleiteten und gespeicherten Daten dem jeweiligen Nutzer zuzuordnen. [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>]<\/p><p>Zum Sammeln und Auswerten von (Patienten-)Daten ist auch die digitale Patientenakte gedacht, die aber trotz millionenschwerer staatlicher F&ouml;rderung bislang noch nicht so richtig vom Fleck gekommen ist. Die in diesem Zusammenhang versprochene zuk&uuml;nftige Vermeidung von Doppeluntersuchungen setzt voraus, dass jeder Arztbesuch, jede Diagnose und jede Verordnung elektronisch erfasst und gespeichert wird. Das d&uuml;rfte insbesondere diejenigen Rentner verdrie&szlig;en, die gerne verschiedene &Auml;rzte aufsuchen, um ein St&uuml;ck weit ihrer Einsamkeit zu entkommen.<\/p><p>Um das ebenfalls auf den Weg gebrachte elektronische Rezept (E-Rezept) digital empfangen zu k&ouml;nnen, wird die App &bdquo;E-Rezept&ldquo; ben&ouml;tigt. W&auml;hrend der digitale Empfang eines E-Rezepts im Rahmen einer Videosprechstunde (Stichwort: &bdquo;Telemedizin&ldquo;) noch nachvollziehbar ist, gilt das nicht f&uuml;r echte Arztbesuche. &bdquo;Daten-Junkies&ldquo; werden das allerdings anders sehen und auf eine l&uuml;ckenlose Ausstattung mit Smartphones und\/oder anderen digital nutzbaren Ger&auml;ten hoffen.<\/p><p>Zur telemedizinischen Ausstattung geh&ouml;ren auch mobile (Selbst-)Messger&auml;te, deren Ergebnisse eine wichtige Beratungsgrundlage f&uuml;r die per Video zugeschalteten &Auml;rzte darstellen. Dem Vernehmen nach sollen sogar schon K&ouml;fferchen mit darin enthaltenen Stethoskopen in Vorbereitung sein. Wie auch immer: Coronabedingt haben Selbstkontrollen und -untersuchungen enorm zugenommen, wodurch es zu einem fr&uuml;her undenkbaren &bdquo;outsourcing&ldquo; &auml;rztlicher Leistungen gekommen ist.<\/p><p>Und noch etwas hat sich ge&auml;ndert: Seit Ende 2020 k&ouml;nnen &Auml;rzte auch medizinische Apps (Aufzeichnung von Blutwerten, Hilfe bei Tinnitus oder Austausch von Vitaldaten mit medizinischem Fachpersonal) verschreiben. Diese k&ouml;nnen erg&auml;nzt werden durch die von manchen Krankenkassen angebotenen Bonus-Apps, die aber nur nach einer Verkn&uuml;pfung mit der auf dem Smartphone vorinstallierten Health App funktionieren. Dabei ist die letztgenannte App die eigentliche Datensammlerin, sodass die Bonus-App lediglich eine Kopie der ganz anderweitig gesammelten Daten erh&auml;lt.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von den Anwendungsbeispielen kann festgestellt werden, dass sich insbesondere der Gesundheitssektor durch eine symbiotische und zugleich gewinntr&auml;chtige Verbindung von Digitalisierung und Privatisierung auszeichnet. Als Folge dieser von der Regierung unterst&uuml;tzten Entwicklung m&uuml;ssen immer mehr &ouml;ffentlich betriebene Krankenh&auml;user schlie&szlig;en, die dann durch (zumeist ausgerechnet innerst&auml;dtisch angesiedelte und den Abbau nur unzureichend ausgleichende) Medizinische Versorgungszentren (MVZ) ersetzt werden. Ohne Wissen der Patienten betreiben Investoren aber auch den Ankauf der von niedergelassenen &Auml;rzten betriebenen Praxen oder die Gr&uuml;ndung von Gemeinschaftspraxen, die auf ein Spezialgebiet (Beispiel Augenheilkunde) fokussiert sind und den Patienten bevorzugt teure (Sonder-)Behandlungen anbieten.<\/p><p>Zu den noch gar nicht erw&auml;hnten Projekten geh&ouml;ren Vorhaben wie Einf&uuml;hrung einer elektronischen Identit&auml;t (Stichwort: ID2020), Schaffung eines digitalen Zwillings oder Genommedizin. Auch wenn die genannten Vorhaben derzeit noch nicht &bdquo;spruchreif&ldquo; sind, l&auml;sst sich schon jetzt erahnen, wohin die Reise gehen k&ouml;nnte. Sp&auml;testens dann, wenn es gelingt, alle &uuml;ber uns gesammelten Daten auf kleinstem Raum miteinander zu verkn&uuml;pfen, ist eine Art &bdquo;Superpass&ldquo; denkbar, der Angaben enth&auml;lt wie Gesundheitsdaten, geschlechtliche Identit&auml;t, Schufa-Ausk&uuml;nfte, politische und sexuelle Pr&auml;ferenzen, Konsumverhalten, Lern- und Studieng&auml;nge, Abschlussnoten, Reiseziele, eventuelle Vorstrafen, berufliche T&auml;tigkeiten, beh&ouml;rdliche Dokumente und vielleicht auch noch Angaben zu unseren engsten Freunden und bevorzugten Freizeitaktivit&auml;ten.<\/p><p>Ein solcher (eines Tages vielleicht sogar weltweit auslesbarer) Pass k&ouml;nnte (vergleichbar mit den bisherigen Schufa-Dateien) per Scoring-Verfahren (Punktesystem) dazu genutzt werden, die (dann nicht l&auml;nger nur finanzielle) &bdquo;Seriosit&auml;t&ldquo; des jeweiligen Inhabers zu beurteilen. Sollte es so weit kommen, w&auml;re dieser Ausweis lediglich umfangreicher als die in Bologna bereits geplante &bdquo;Smart Citizen Wallet&ldquo;. Vergleichbare Vorhaben sind mittlerweile auch schon in Rom, Wien und Bayern angek&uuml;ndigt worden. Angepriesen werden solche Projekte als Tr&auml;ger gro&szlig;er sozialer und &ouml;kologischer Verbesserungen, wodurch der darin enthaltene manipulative Charakter (Erziehung zum &bdquo;tugendhaften&ldquo; B&uuml;rger) vollkommen verschleiert wird.<\/p><p>Obwohl in Europa zun&auml;chst nur &bdquo;Belohnungspunkte&ldquo; vergeben werden sollen, erinnern derartige Vorst&ouml;&szlig;e doch sehr an das in China schon vor Jahren eingef&uuml;hrte Sozialkreditsystem. Danach wird belohnt, wer sich im Sinne der &bdquo;von oben&ldquo; gesetzten Ziele verh&auml;lt, w&auml;hrend diejenigen, die ein &bdquo;unerw&uuml;nschtes Verhalten&ldquo; an den Tag legen, mit Punkteabz&uuml;gen und den daraus folgenden gro&szlig;en Nachteilen f&uuml;r ihr t&auml;gliches Leben bestraft werden. Zusammen gedacht mit der ebenfalls geplanten Abschaffung des Bargeldes beziehungsweise der Einf&uuml;hrung diverser digitaler Zentralbankgelder wird die von solchen Systemen ausgehende Gefahr noch deutlicher: Bestrafung unerw&uuml;nschten Verhaltens nicht nur durch Punkteabzug, sondern auch durch Kontosperrungen, die dann nicht l&auml;nger anderweitig &uuml;berbr&uuml;ckt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Im Gegensatz zu den noch hypothetischen Gefahren sind wir bereits jetzt mit einer Entwicklung konfrontiert, bei der es darum geht, noch mehr Arbeitskr&auml;fte durch den Einsatz von Robotern einzusparen oder Personal erst gar nicht einstellen zu m&uuml;ssen. Ganz anders als die schon vor Jahrzehnten eingef&uuml;hrten Industrieroboter sind nunmehr viele &bdquo;niedliche&ldquo; (mit Kulleraugen best&uuml;ckte) und bedarfsgerecht programmierte Dienstleistungsroboter im Einsatz. In Alten- und Pflegeheimen treten sie als sprechende Animateure auf, die Witze oder Geschichten erz&auml;hlen k&ouml;nnen, zur Teilnahme an Spielen oder gymnastischen &Uuml;bungen ermuntern und in der Lage sind, eine Reihe von Fragen (zum Beispiel nach dem Wetter) zu beantworten.<\/p><p>Das Empathie hervorrufende Kindchenschema wird unterst&uuml;tzt durch eine bewusst klein gehaltene Gestalt, weshalb sogar Restaurantbesucher (beim Anblick eines Servierroboters) versucht sind, dessen &bdquo;K&ouml;pfchen&ldquo; zu streicheln. Dabei wird v&ouml;llig ausgeblendet, dass auch die so menschlich wirkenden Dienstleistungsroboter mit Mikrofonen und Kameras ausgestattet sind, von denen wir nicht wissen, was sie aufnehmen und speichern.<\/p><p>In diesem Zusammenhang kann gar nicht eindringlich genug betont werden, dass es die &bdquo;K&uuml;nstliche Intelligenz&ldquo; in der heutigen Form gar nicht g&auml;be, wenn wir nicht immer wieder (aus Bequemlichkeit, Unwissenheit oder Alternativlosigkeit) bereit gewesen w&auml;ren, den Computern Massen an pers&ouml;nlichen Daten anzuvertrauen, die &ndash; in Verbindung mit den von den &Uuml;berwachungssystemen gesammelten Daten &ndash; allesamt von diversen Interessenten abgesch&ouml;pft und verwertet werden.<\/p><p>Die dabei verfolgten Ziele sind, soweit dar&uuml;ber &uuml;berhaupt gesprochen wird, teilweise so bizarr, dass sie kaum glaubhaft erscheinen. Als Beispiel sei die Metavers genannte Welt genannt, in der wir uns nach den Vorstellungen von Zuckerberg zuk&uuml;nftig ganz &uuml;berwiegend aufhalten werden. Das hei&szlig;t konkret: Sobald wir nach dem morgendlichen Aufstehen unser Headset aufgesetzt haben, soll sich praktisch unser gesamtes allt&auml;gliches Leben (Arbeiten, Einkaufen oder Schulbesuch der Kinder) in dieser k&uuml;nstlichen Welt abspielen.<\/p><p>Eine andere Zielrichtung ist unter dem Begriff &bdquo;Transhumanismus&ldquo; bekannt geworden, worunter &ndash; grob gesagt &ndash; eine &bdquo;Verschmelzung&ldquo; von Mensch und Maschine verstanden wird. In diesem Bereich gibt es durchaus unterschiedliche Ans&auml;tze, aber allen Bef&uuml;rwortern gemeinsam ist die Vorstellung, dass es zwischen Mensch und (KI-gest&uuml;tzter) Technik keinen fundamentalen Unterschied mehr gibt.<\/p><p>Wer so denkt, leugnet die dem Menschen eigene Emotionalit&auml;t (Liebe, Sehnsucht, Trauer, Freude, Verzweiflung, Mitgef&uuml;hl, Begeisterung, Hass), Kreativit&auml;t, Spontaneit&auml;t, Spiritualit&auml;t, Verletzlichkeit und auch Irrationalit&auml;t vollkommen und kann (wie Eagleman) von einer &Uuml;berwindung des Todes durch Herunterladen unserer zuvor kopierten Gehirne auf einen Computer und damit von einem ewigen Leben in Silizium tr&auml;umen.<\/p><p>Aber selbst dann, wenn von diesen Horrorprojekten Abstand genommen werden sollte, bleiben wir in jedem Fall die Ausgebeuteten: Ausschlie&szlig;lich wir sind die Urheber unserer mehr oder weniger freiwillig gelieferten Daten, aber von den riesigen Gewinnen, die entweder durch den Direktverkauf unserer Daten oder durch den Verkauf der auf unseren Daten basierenden Produkte erzielt werden, bekommen wir nichts ab. Aus diesem Umstand zieht Werner Meixner folgenden Schluss: &bdquo;Wenn allgemein bewusst wird, dass jegliche privaten Daten wertvoller Rohstoff sind, dann wird sich der Wille zum Eigentum m&auml;chtig zeigen. Sp&auml;testens dann werden die Leute einsehen, dass es auch nicht um die Frage geht, ob man etwas zu verbergen hat, sondern um die Frage, ob man bestohlen werden will.&ldquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]<\/p><p><strong>Zwischenbilanz<\/strong><\/p><p>Der zeitgeschichtliche R&uuml;ckblick auf die Entwicklung der BRD verdeutlicht, dass die von Lebensfreude und Zuversicht gepr&auml;gten Jahre schon weit zur&uuml;ckliegen und sich nie wiederholt haben. Das euphorische Lebensgef&uuml;hl ist (von Ausnahmen abgesehen) der heutigen Jugend nie verg&ouml;nnt gewesen, und das, was davon vielleicht doch noch vorhanden war, ist in den &bdquo;Corona-Jahren&ldquo; gr&uuml;ndlich zerfetzt worden.<\/p><p>Aber auch insgesamt haben sich die Lebensbedingungen kontinuierlich verschlechtert: Zerbr&ouml;selung der Infrastruktur, Deregulierung und Prekarisierung des Arbeitsmarktes, Zunahme der Armut, privatisierungsbedingte Schw&auml;chung der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge und Sozialversicherungssysteme, familienunfreundliche Entgrenzung der Arbeitszeiten, Verlust an Glaubw&uuml;rdigkeit (Politik, Presse und Wissenschaft), neoliberale Umstrukturierung des Bildungswesens, Krisenbew&auml;ltigungspolitik auf Kosten der Armen, Zementierung der Verm&ouml;gensungleichheit, Abbau demokratischer Grundrechte und Forcierung der Digitalisierung im &uuml;berwiegenden Interesse der Kapitalanleger.<\/p><p>Zu den wenigen Lichtblicken der vergangenen Jahrzehnte geh&ouml;ren die st&uuml;ckweise Umsetzung der grundgesetzlich verankerten Gleichberechtigung (mit einem allerdings bis heute bestehenden &bdquo;gender gap&ldquo; bei der Entlohnung) oder die Abschaffung der Pr&uuml;gelstrafe. Jenseits der inzwischen vielf&auml;ltig eingetretenen missbr&auml;uchlichen Nutzung kann auch die Digitalisierung als Fortschritt gelten.<\/p><p>So hat &ndash; auf der Grundlage eines schnellen Informationsaustausches &ndash; das Internet ganz neuartige M&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnet: Zugriff auf viele bislang verschlossen gebliebene Wissensbereiche, Schaffung neuer Kreativit&auml;tsfelder oder Bildung von Netzwerken mit Menschen, die man auf anderen Wegen kaum kennengelernt h&auml;tte. Ebenso wenig sollen die zahlreichen Anwendungen und Arbeitserleichterungen geleugnet werden, die sich (einschlie&szlig;lich etlicher medizinischer Sparten) in vielen Berufsfeldern bew&auml;hrt haben.<\/p><p>Angesichts der nutzbringenden (und somit erhaltenswerten) Vorteile des Internets ist es nicht verwunderlich, dass viele Menschen die dunkle Seite der Digitalisierung nicht mit ihrem Alltagsleben in Verbindung bringen. So wird immer wieder &uuml;bersehen, dass die angestrebte &bdquo;Voll-Digitalisierung&ldquo; der Gesellschaft auf eine Exklusion derjenigen Menschen hinausl&auml;uft, die diesen Weg nicht mitgehen k&ouml;nnen oder wollen. Hinzu kommt ein inzwischen recht sorglos gewordener Umgang mit den eigenen Daten, der es den (Gro&szlig;-)Konzernen sehr leicht macht, uns diese zu entwenden. Das sah in den 1980er-Jahren, als es um die Durchf&uuml;hrung der vierten Volksz&auml;hlung ging, noch v&ouml;llig anders aus.<\/p><p>Mit anderen Worten d&uuml;rfte in den dazwischen liegenden Jahren eine gewaltige Abstumpfung und\/oder Resignation (als Folge des oft verwehrten Zugangs bei &bdquo;Datenverweigerung&ldquo;) eingetreten sein. Eine in dieser Hinsicht gro&szlig;e Rolle spielt auch die geschickte Marketingstrategie, nach der es niemals um Gewinnsch&ouml;pfung und -maximierung, sondern immer nur um das Wohl des Volkes (Stichwort: Sicherheit) oder um das Wohl des Einzelnen (Stichwort: Gesundheit) geht.<\/p><p>Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Wir haben uns einlullen lassen und sind nun mehrheitlich von der Unausweichlichkeit und\/oder N&uuml;tzlichkeit der Digitalisierung aller Lebensbereiche &uuml;berzeugt. Obwohl die Angst vor einer Abh&auml;ngigkeit von Energieressourcen inzwischen sehr gro&szlig; geworden ist, schrecken wir nicht davor zur&uuml;ck, uns durch das fortschreitende Verstopfen aller analogen (Notfall-)Alternativen in eine noch viel gr&ouml;&szlig;ere Abh&auml;ngigkeit zu begeben.<\/p><p>Aber nicht nur vor diesem Hintergrund, sondern auch im Hinblick auf das zuk&uuml;nftige Schicksal der (Enkel-)Kinder und der gesamten Menschheit sollten wir uns wieder h&auml;ufiger die Frage stellen: Ist ein komplett digitalisiertes Leben &uuml;berhaupt w&uuml;nschenswert?<\/p><p><em>Lesen Sie auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94291\">den zweiten Teil<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94871\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Daniel Krason\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Meyer-Schoppa, Heike und Gille-Linne, Karin, Mythos der Waschk&ouml;rbe, <em>vorw&auml;rts<\/em>, O7-08\/2008, S.27<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Roitsch, Jutta, Am Ende wird die Kassiererin selbst kassiert \/ Die lautlose Revolution an den Ladenkassen der Superm&auml;rkte, <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 02.06.1984 (Rubrik &bdquo;Zeit und Bild&ldquo;)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Interview der Wochenzeitung <em>&bdquo;industrie&ldquo;<\/em> mit Joseph Weizenbaum, das in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 30. November 1983 unter dem Titel &bdquo;Diese technologischen Prozesse setzen sich fort wie Krebs&ldquo; auszugsweise ver&ouml;ffentlicht worden ist, S.15<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Steffen, Johannes, K&uuml;rzungen, Streichungen und h&ouml;here Beitr&auml;ge, <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, 22.12.1995, S.16. Der Beitrag beruht auf einer von der Arbeiterkammer Bremen erstellten Dokumentation &uuml;ber den in vielen Bereichen vorgenommenen Sozialabbau. In dem Artikel ist die Dokumentation leicht gek&uuml;rzt und zugleich aktualisiert worden. Der dargestellte Zeitraum umfasst die Jahre von 1982 bis 1995.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Drake, Thomas im Gespr&auml;ch mit Hahn, Dorothea, Sie sind besessen davon, alles wissen zu wollen, <em>taz<\/em> vom 18.07.2013, <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F07%2F18%2F\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2013%2F07%2F18%2F<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Georgescu, Vlad \/ Vollborn, Marita, Sch&ouml;ne neue (Schul-)Welt? Computer als &bdquo;perfekte&ldquo; Lehrer, <em>Berliner Morgenpost<\/em> vom 07.07.1996, S. 53<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Aus einem Interview mit Anne Sliwka, Online-Ver&ouml;ffentlichung in: <em>News4Teachers vom 21.09.2022<\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Titelgeschichte in: <em>DER SPIEGEL<\/em>, Nr.47\/1984, Alarm in den Schulen: Die Computer kommen<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Lemh&ouml;fer, Anne, Lasst sie buddeln, <em>Frankfurter Rundschau<\/em>, FR7 Magazin vom 16.\/17.05.2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Wurzbacher, Ralf im Gespr&auml;ch mit Teuchert-Noodt, Gertraud, Wir machen aus unseren Kindern Psychopathen, <em>junge welt<\/em>, 19.01.2019 (Wochenbeilage)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Bager, Jo, Dabei sein ist alles, <em>c&rsquo;t 2<\/em>008, Heft 5, S.92-94<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] So hei&szlig;t es in einem der Autorin zugegangenen Schreiben einer Abrechnungsstelle w&ouml;rtlich: &bdquo;Eine Verwendung Ihrer Daten f&uuml;r ein Profiling oder eine automatisierte Entscheidungsfindung erfolgt nicht.&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Uehlecke, Jens, Big Brother im Betrieb, <em>VER.DI PUBLIK<\/em> 04, April 2003, S.8<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Darstellung nach: Klofta, Jasmin und Rest, Jonas, Big Boss is watching you, <em>Frankfurter Rundschau, 23.04.2015, S. 14-15<\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Knoblach, Jochen<em>, <\/em>Wie klauen, nur legal, <em>Berliner Zeitung <\/em>vom 10.11.2022<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.planet-wissen.de\/technik\/computer_und_roboter\/big_data_das_netz_der_daten\/index.html\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">planet-wissen.de\/technik\/computer_und_roboter\/big_data_das_netz_der_daten\/index.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Kr&uuml;ger-Brand, Heike E., Tech-Konzerne als Treiber, <em>Deutsches &Auml;rzteblatt<\/em>, Jg.117, Heft 8, 21.02.2020<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Bebilderte Darstellung in: <em>Apotheken-Umschau<\/em>, A 12\/22, S.54-55<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Meixner, Werner, Die smarte Diktatur, <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/die-smarte-diktatur\" target=\"_top\" rel=\"noopener noreferrer\">rubikon.news\/artikel\/die-smarte-diktatur<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der &Uuml;berzeugung, dass sich die qualitative und quantitative Beschaffenheit der sich abzeichnenden zuk&uuml;nftigen Entwicklungen besonders gut durch Vergleiche mit fr&uuml;heren Gegebenheiten beurteilen l&auml;sst, soll zun&auml;chst &ndash; beginnend mit den &bdquo;fetten Jahren&ldquo; der Nachkriegszeit &ndash; ein Blick auf die einstmals &uuml;blichen Lebensbedingungen geworfen werden. Zwar sind die eigenen diesbez&uuml;glichen Erfahrungen weitgehend auf die damalige BRD<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94286\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":94287,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[184,165,161],"tags":[352,2097,329,2094,1288,3089,2625,1494,1805,295,2674,2254,1554,371,3111,2105,3027,3347,3348,687,510,1979],"class_list":["post-94286","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ueberwachung","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-68er","tag-big-data","tag-brandt-willy","tag-digitalisierung","tag-einzelhandel","tag-frauenrechte","tag-home-office","tag-infrastruktur","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-kohl-helmut","tag-konsumismus","tag-lebensqualitaet","tag-orwell-2-0","tag-pisa","tag-plattformoekonomie","tag-raf","tag-sozialkreditsystem","tag-telemedizin","tag-transhumanismus","tag-ungleichheit","tag-vollbeschaeftigung","tag-wirtschaftswunder"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/230225_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94286","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=94286"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94286\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":94909,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/94286\/revisions\/94909"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/94287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=94286"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=94286"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=94286"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}