{"id":943,"date":"2005-11-14T11:42:37","date_gmt":"2005-11-14T09:42:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=943"},"modified":"2019-07-17T11:57:35","modified_gmt":"2019-07-17T09:57:35","slug":"nachtrag-zu-e-eppler-in-der-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=943","title":{"rendered":"Nachtrag zu E. Eppler in der FR"},"content":{"rendered":"<p>Kai Ruhsert, ein F&ouml;rderer der NachDenkSeiten, schickt zum <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=755456\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=755456\">Beitrag von Erhard Eppler<\/a> in der Frankfurter Rundschau vom 12.11. einen interessanten Kommentar.<br>\n<!--more--><br>\nErhard Eppler hat die neoliberale Reformpolitik der rot-gr&uuml;nen Regierung bis vor kurzem noch unter Verweis auf die Globalisierung verteidigt. Sein neuester Beitrag k&ouml;nnte als Wende seines Denkens missverstanden werden. Bei genauerem Hinsehen kann davon aber keine Rede sein. Als Autor ist Eppler der geblieben, der er immer schon war: Ein Kommentator des politischen Zeitgeists und des &auml;u&szlig;eren Scheins der Dinge. Die Analyse von Ursachen und Zusammenh&auml;ngen ist seine Sache nicht. Als in Deutschland bis vor kurzem noch fast alle Medien unisono nach Reformen der Schr&ouml;derschen Art riefen, erkl&auml;rte auch Eppler diese f&uuml;r notwendig und verwies auf die angeblichen Zw&auml;nge der Globalisierung. Nun haben die W&auml;hler zu verstehen gegeben, dass sie einen neoliberalen Durchmarsch nicht wollen &ndash; und wieder dreht Eppler sein F&auml;hnchen nach dem Wind. Diesmal k&uuml;ndigt er das Ende des Neoliberalismus an.<br>\nDamit ist er von der Wahrheit aber genauso weit entfernt wie zuvor, denn tats&auml;chlich gescheitert ist nur das Projekt, den neoliberalen Umbau offen zum politischen Programm zu erkl&auml;ren. Der Abbau des Sozialstaats wird von mehr als 90% der Abgeordneten des Bundestags unver&auml;ndert f&uuml;r notwendig gehalten und in den Koalitionsverhandlungen weiterhin geplant. Nur die politische Taktik der Umsetzung ist den Wahlergebnissen angepasst worden. In der (falschen) &Uuml;berzeugung, das Richtige zu tun, meint die politische Elite sich mit dem Umstand abfinden zu m&uuml;ssen, dass das Volk die Wahrheit nicht h&ouml;ren und lieber weiter betrogen werden wolle.<br>\nDas gesellschaftliche Kr&auml;ftegleichgewicht verschiebt sich unterdessen auch ohne funktionsf&auml;hige Bundesregierung von Woche zu Woche weiter zu Ungunsten der Lohnabh&auml;ngigen. Der Lohndrift nach unten h&auml;lt an, und beinahe t&auml;glich wird versucht, weitere Betriebsr&auml;te mit der Drohung von Standortschlie&szlig;ungen zu erpressen. Erstmalig sind die Nettoeinkommen in Deutschland gesunken.<br>\nWas sagt Erhard Eppler dazu: <\/p><p>&bdquo;Die gro&szlig;e Koalition beginnt in einer Zeit, in der die marktradikale Welle, die bislang jeden Ansatz einer Alternative wegschwemmte, sich gebrochen hat.&ldquo; <\/p><p>Mit der Wirklichkeit in Deutschland hat das kaum etwas zu tun. Eppler nimmt die Realit&auml;t nur in einer durch Feuilletons, Leitartikel und Talkshows gebrochenen, teilweise auch verf&auml;lschten Form wahr. Daf&uuml;r gibt es eine Reihe von Indizien: <\/p><p>&bdquo;Bis vor wenigen Jahren lebten wir weltweit unter der Vorherrschaft neoliberaler und neokonservativer Ideologien &hellip;&ldquo;<br>\n&bdquo;Und Europa? Mit dem neoliberalen Europa wird es nichts.&ldquo; <\/p><p>Dieser Befund ist nur f&uuml;r den gesellschaftlichen Diskurs zutreffend. Die sozialpolitische und volkswirtschaftliche Diskussion in Deutschland litt bis vor kurzem unbestreitbar unter einer &uuml;berragenden Dominanz der Neoliberalen; die Umsetzung in praktische Politik hingegen erfolgte nur verz&ouml;gert und in kleineren Schritten. Dieses Bild hat sich umgekehrt; w&auml;hrend die meisten Politiker zur Zeit lieber nicht in der N&auml;he von bekannten Neoliberalen gesehen werden wollen, steht eine Fortsetzung und Versch&auml;rfung der Reformpolitik &uuml;berhaupt nicht zur Disposition. Der Neoliberalismus ist in der Praxis so gefestigt wie nie zuvor. <\/p><p>Sobald Eppler sich der Sph&auml;re der &Ouml;konomie n&auml;hert, wird er nebul&ouml;s bis unverst&auml;ndlich: <\/p><p>&bdquo;Dass n&auml;mlich die Amerikaner dazu ersehen seien, zu konsumieren, was andere in Japan, China oder Europa produziert haben, wobei dann die Produzenten ihr Geld in die USA transferieren, damit die Amerikaner weiter auf Pump kaufen k&ouml;nnen. Man muss nicht studierter &Ouml;konom sein, um zu begreifen, dass dies kein Dauerzustand sein d&uuml;rfte. Auch nicht, um zu sehen, wer von alledem profitiert.&ldquo; <\/p><p>Konkret bitte: Wer profitiert zur Zeit nicht von dieser Konstellation?<br>\nDie Amerikaner freuen sich, weil die US-Wirtschaft recht kr&auml;ftig w&auml;chst.<br>\nChinesen, Japaner und Europ&auml;er wissen die USA als gro&szlig;en Exportmarkt zu sch&auml;tzen.<br>\nMag sein, dass dieser Zustand ein vor&uuml;bergehender ist, aber wer ist denn nun bitte der Gesch&auml;digte? <\/p><p>&bdquo;Die Union hat sich immer, und zwar flexibler als andere, Zeitstr&ouml;mungen angepasst. Aber sie war nie, wie die FDP, eindeutig neoliberal.&ldquo; <\/p><p>Sicher; die CDU-F&uuml;hrung hat nach den Wahlen Kreide gefressen. Aber wieder verwechselt Eppler den &auml;u&szlig;eren Schein mit der Realit&auml;t: Eine eindeutig neoliberale F&uuml;hrung hatte auf den CDU-Parteitagen praktisch alle Forderungen zum Abbau sozialer Rechte durchsetzen k&ouml;nnen. Die Koalitions-Unterh&auml;ndler verhandeln &uuml;ber einen Katalog sozialer Grausamkeiten. Und der Christliche Gewerkschaftsbund hilft beim Projekt der Lohndr&uuml;ckerei so erfolgreich wie nie zuvor.<\/p><p>&bdquo;Sie (die Regierung, KR) wird sich dar&uuml;ber streiten m&uuml;ssen, ob wir ein Europa wollen, das sich als Transmissionsriemen der &ouml;konomischen Globalisierung versteht, oder eines, das, aller Globalisierung zum Trotz, Politik wieder m&ouml;glich macht, europ&auml;isch den Rahmen f&uuml;r den Markt zimmert, der in den Nationalstaaten zerbrochen ist.&ldquo; <\/p><p>Was mag Eppler wohl meinen mit dem Markt, der in den Nationalstaaten &bdquo;zerbrochen&ldquo; sei? Etwa die Internationalisierung oder Globalisierung? Aber auch dann erg&auml;be der Absatz keinen Sinn, denn Eppler m&ouml;chte ja &bdquo;aller Globalisierung zum Trotz&ldquo; Politik wieder m&ouml;glich machen. Globalisierung reicht aber nun einmal &uuml;ber Europa hinaus. Wenn, wie Eppler fr&uuml;her behauptete, &bdquo;national gesetzte Rahmen wie l&auml;cherliche Attrappen erscheinen&ldquo;, warum sollte das im Verh&auml;ltnis von Europa zum Rest der Welt grundlegend anders sein?<br>\nEppler hat zur Frage, welchen Gestaltungsspielraum der Nationalstaat noch hat, einfach nichts zu sagen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kai Ruhsert, ein F&ouml;rderer der NachDenkSeiten, schickt zum <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=755456\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/standpunkte\/?cnt=755456\">Beitrag von Erhard Eppler<\/a> in der Frankfurter Rundschau vom 12.11. einen interessanten Kommentar. <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,198,123,190],"tags":[1654,319,312],"class_list":["post-943","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wahlen","tag-eppler-erhard","tag-lohnentwicklung","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/943","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=943"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/943\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31640,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/943\/revisions\/31640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=943"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=943"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}