{"id":9451,"date":"2011-05-13T15:49:33","date_gmt":"2011-05-13T13:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9451"},"modified":"2014-08-28T15:35:18","modified_gmt":"2014-08-28T13:35:18","slug":"nachtrag-zur-kritik-der-wachstumskritik-eine-irrationale-debatte-und-attac-auf-einem-unverstandlichen-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9451","title":{"rendered":"Nachtrag zur Kritik der Wachstumskritik: eine irrationale Debatte und attac auf einem unverst\u00e4ndlichen Weg"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anlass meines Beitrags vom 21.4.2011 &uuml;ber <a href=\"?p=9169\">Wachstumswahn<\/a> etc. bin ich auf weitere Texte von so genannten Wachstumskritikern aufmerksam gemacht worden. Au&szlig;erdem habe ich mir die Beilage von Attac in der TAZ zum Attac-Kongress &bdquo;Jenseits des Wachstums?!&ldquo; angesehen. Die meisten Texte sind eine Zumutung und nur zu lesen, wenn man sich &ndash; wie schon im Beitrag vom 21. April vermerkt &ndash; von Sprachsignal zu Sprachsignal tragen l&auml;sst. Man muss glauben, um die Texte zu genie&szlig;en, verstehen kann man viele Passagen ohnehin nicht. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nVorweg noch zu dem letzten Beitrag vom 21. April: Er war recht ausf&uuml;hrlich, deshalb der Tipp, falls Sie nach-lesen wollen: Sie k&ouml;nnen dort die Kapitel I (Ein Meer von Problemen, die unsere konzentrierte Aufmerksamkeit verlangen w&uuml;rden), Kapitel II (Eine kleine Auswahl einschl&auml;giger wachstumskritischer Text) und Kapitel III (Zentrale und wiederkehrende Botschaften der Wachstumskritiker) &uuml;berfliegen und direkt zu Kapitel IV, der &bdquo;Kritischen W&uuml;rdigung der Wachstumsdebatte&ldquo; kommen.<\/p><p><strong>I. Ein gutes Beispiel f&uuml;r die Irrationalit&auml;t der Texte ist der Beitrag von <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/1095078\/\">Harald Welzer im Deutschlandfunk\/Hintergrund<\/a> vom 1. Januar 2010 an.<\/strong><br>\nDieser ist schon etwas &auml;lter, aber darauf hat mich ein NachDenkSeiten-Nutzer mit Recht aufmerksam gemacht, weil er typisch ist f&uuml;r die Art der Argumentation. (Ein nahezu identischer Text erschien &uuml;brigens einige Monate sp&auml;ter in den <a href=\"http:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2010\/juni\/die-magie-des-wachstums?print\">&bdquo;Bl&auml;ttern&ldquo;<\/a>) <\/p><p>Hier der Einstieg zum Beitrag im Deutschlandfunk:<\/p><blockquote><p>DLF 1.1.2010<br>\n<strong>Wegmarken 2010: Wohlstand ohne Wachstum (Teil 1)<\/strong><br>\n<em>Perspektiven der &Uuml;berflussgesellschaft<br>\nVon Harald Welzer<\/em><br>\nDie politischen und &ouml;konomischen Eliten sehen ihr Heil nach wie vor in der Erzeugung von Wachstum &ndash; dabei ist keineswegs sicher, ob die Fortschritte der letzten 50 Jahre auf Wachstum oder nicht eher auf Bildung, Gesundheit und Kommunikation zur&uuml;ckgehen.<br>\n&ldquo;Unsere Kinder sollen es einmal schlechter haben&rdquo; &ndash; Der Generationenvertrag ist aufgek&uuml;ndigt<br>\nUnendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht m&ouml;glich.<br>\n(&hellip;)<\/p><\/blockquote><p>Schon die ersten S&auml;tze sind typisch f&uuml;r die Texte der Wachstumskritiker: <strong>Den<\/strong> politischen und &ouml;konomischen Eliten wird pauschal ein Ziel unterstellt, das pauschal nicht gilt. Au&szlig;erdem: Selbst die kritisierten &bdquo;Eliten&ldquo; werden nicht bestreiten, dass die Fortschritte der letzten 50 Jahre etwas mit Bildung zu tun haben. &ndash; Die Feststellung, der Generationenvertrag sei aufgek&uuml;ndigt, ist schlicht Unsinn. &ndash; Und die immer wiederkehrende Behauptung, unendliches Wachstum sei in einer endlichen Welt nicht m&ouml;glich, ist falsch. (Siehe Ziffer IV 9. im Beitrag vom 21. April.) Au&szlig;erdem: Wer will schon unendliches Wachstum. In meinem Beitrag vom 21. April ist darauf hingewiesen, dass nur wenige Politiker und &Ouml;konomen Wachstum zum Ziel erkl&auml;ren, unendliches, sowieso nicht. Nicht einmal Angela Merkel, nehme ich an.<\/p><p>Der Text von Welzer ist typisch und unertr&auml;glich. Ein Freund, Hans Bleibinhaus (hier ein <a href=\"?p=4608\">fr&uuml;herer Beitrag<\/a> von ihm in den NachDenkSeiten) hat den Text kommentiert. Er bedient sich einer drastischen Sprache, die etwas abzumildern ich mir erlaubt habe: <\/p><blockquote><p>Der Welzer-Beitrag ist ein religi&ouml;ser Schwachsinn, dem mit&nbsp; Vernunft so wenig beizukommen ist wie den Kreationisten mit Darwin. Super, wie sich sein Satz: &ldquo;die religi&ouml;se Qualit&auml;t des Wachstums&hellip;[gemeint nat&uuml;rlich nur bei den &lsquo;doofen&rsquo; &Ouml;konomen]&rdquo; gegen ihn selbst richtet. Dass er das nicht merkt, ist ein Zeichen seiner Unbelehrbarkeit. Die neoliberalen G&ouml;tzendiener und die &ouml;kologistischen Teufelsanbeter huldigen doch der gleichen Religion: Dem Wachstumsfetischismus. Den einen ist wichtig, dass w&auml;chst, was ihre Taschen f&uuml;llt (und wenn die halbe Welt verhungert) und den andern ist wichtig, dass nichts mehr w&auml;chst (und wenn die halbe Welt verhungert).<br>\nDann die Stelle, wo er meint, der Fortschritt sei nicht am Wachstum, sondern vielleicht eher an Bildung, Gesundheit, Kommunikation gelegen. Wer so blockiert ist, dass er nicht erkennt, dass Wachstum das Messergebnis von Besch&auml;ftigung in B, G und K (usw.) ist, also eine ganz andere Begriffskategorie ist, mit dem kann man nicht diskutieren: Er spricht keine rationale Sprache&hellip;<br>\nVielleicht kommt man solchen Leuten mit einfachen Beispielen f&uuml;r den Unsinn bei, den sie reden. Hier: Dass unser Junge&nbsp;wieder ein St&uuml;ck gr&ouml;&szlig;er geworden ist, ist&nbsp;ein falscher und gef&auml;hrlicher&nbsp;Weg, dem Einhalt zu bieten ist. Wichtig ist vielmehr, dass er an Gehirn, Muskeln und Knochenbau zunimmt&hellip;<br>\nLeute wie Welzer m&uuml;ssten noch einmal in die Schule gehen. Und dort tausendmal an die Tafel schreiben: &ldquo;Es kommt darauf an, was w&auml;chst. Und nicht, dass gar nichts w&auml;chst&rdquo;. <\/p><\/blockquote><p><strong>II. Der unverst&auml;ndliche Weg von Attac<\/strong><\/p><p>Damit w&auml;ren wir bei den Attac-Texten der  taz-Beilage zum Kongress vom n&auml;chsten Wochenende <a href=\"http:\/\/www.attac-netzwerk.de\/fileadmin\/user_upload\/Kampagnen\/jenseits-des-wachstums\/Textsammlung\/taz-Beilage_Jenseits-des-Wachstums_attac.pdf\">&bdquo;Jenseits des Wachstums!?&ldquo; [PDF &ndash; 630 KB]<\/a><\/p><p>In dem einf&uuml;hrenden Artikel auf der ersten Seite &uuml;ber &bdquo;Sozial-&ouml;kologische Rechte jenseits des Wachstums&ldquo; von Alexis J. Passadakis, Mitglied im Koordinierungskreis von Attac und Oliver Powalla, aktiv bei der Vorbereitung des Kongresses<br>\n&bdquo;Jenseits des Wachstums?!&ldquo; wird so ziemlich alles an Sprachsymbolen zusammengemixt, das f&uuml;r das Verstehen innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Wachstumskritiker hilfreich ist. Aber nach der Logik des Zusammenhangs der verkn&uuml;pften einzelnen Aussagen darf man nicht fragen.<\/p><p>Besonders interessant fand ich, dass den Autoren &bdquo;jene Str&ouml;mung, die auf &ouml;kologische Modernisierung setzt und einen Kurs &sbquo;nachhaltigen Wachstums&rsquo; anstrebt&ldquo;, auch nicht passt. Sie wollen eine &bdquo;solidarische Postwachstums&ouml;konomie&ldquo; statt &bdquo;eines anderen Wachstums&ldquo;.<br>\nViel Vergn&uuml;gen, kann man da nur noch w&uuml;nschen. Man muss sich allerdings noch fragen, warum eine Organisation wie Attac sich gegen jene in Stellung bringen l&auml;sst, die daf&uuml;r arbeiten, dass in unserer Wirtschaft und Gesellschaft das Richtige geschieht und das Richtige w&auml;chst, wenn man den Begriff Wachstum &uuml;berhaupt gebrauchen will. Die konkreten &Uuml;berlegungen, welche Rahmen man Wirtschaft und Gesellschaft setzen muss, damit mit den Ressourcen schonend und gerecht umgegangen wird, werden mit Verweis auf ein im Nebel liegendes Projekt, die &bdquo;solidarische Postwachstums&ouml;konomie&ldquo;, als nicht zeitgem&auml;&szlig; beiseite geschoben.<\/p><p>Ich habe mir noch einen anderen Text des Autors eines Basistextes f&uuml;r den Attac-Kongress, Alexis Passadakis, angesehen. Hier der Beitrag vom 29.04.2011 in Sozialistische Zeitung: <a href=\"http:\/\/www.jenseits-des-wachstums.de\/fileadmin\/user_upload\/Kampagnen\/jenseits-des-wachstums\/Textsammlung\/SoZ%20-Postwachstums%C3%B6konomie-Gastbeitrag%20Alexis-5800_01.pdf\">&ldquo;Notausgang Postwachstums&ouml;konomie &ndash; Gleiche soziale und &ouml;kologische Rechte &ndash; eine Alternative zum Wachstumswahn&rdquo;, von Alexis Passadakis [PDF &ndash; 60 KB]<\/a>. Und ich begreife nichts mehr. Deshalb m&ouml;chte ich Ihnen einfach nur empfehlen, wenn Sie an dieser Debatte von Attac interessiert sind, diese Texte zu lesen. Was der Autor zusammen mit M. Schmelzer als Basistexte f&uuml;r den Kongress in Berlin geschrieben und zusammengetragen hat, wird schlie&szlig;lich in der TAZ-Beilage so empfohlen: &bdquo;Eine hervorragende Einf&uuml;hrung in die Wachstumskritik und die zukunftsweisenden Konzepte der Degrowth-Bewegung&ldquo;.<\/p><p>&Uuml;ber solche Texte kann man meines Erachtens nicht diskutieren, weil man st&auml;ndig fragen muss, was gemeint ist. Und weil man die Logik nicht versteht, sondern glauben muss. Mich erinnern diese Texte wie auch die Mehrheit der in meinem Beitrag vom 21. April genannten Texte zur Wachstumskritik an manche Debatten unter den 68ern und den Jusos jener Zeit. Wenn man zur Glaubensgemeinschaft geh&ouml;rte, dann konnte man sehr sch&ouml;n zum Beispiel &uuml;ber Selbstverwirklichung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel austauschen. Jeder im inneren Zirkel h&ouml;rte und w&uuml;rdigte die Sprachsignale. Verstanden hat&rsquo;s keiner. Aber die Gemeinschaft war eng und heimelig.<\/p><p>Auch mit anderen Beitr&auml;gen in der TAZ-Beilage von Attac kann ich nichts anfangen. Das gilt zum Beispiel f&uuml;r &ldquo;Wohlstand ohne Wachstum&rdquo; von Tim Jackson oder f&uuml;r &ldquo;Der Preis des Wachstums&ldquo; von Max Bank und Kathrin Henneberger.<\/p><p>Ich kann mir nicht vorstellen, dass auf der Basis solcher Texte mit ihrer Inflation von schw&uuml;lstigen Fremdw&ouml;rtern und unbelegten Behauptungen eine zielf&uuml;hrende  und sinnvolle Diskussion m&ouml;glich ist. <\/p><p>Die Debatte ist durchsetzt von Glaubenss&auml;tzen, die man erstmal aufgenommen haben muss und akzeptieren muss, bevor man durch die Texte durchkommt. Zum Beispiel:<\/p><ul>\n<li>Das Rezept der so genannten Realpolitik gegen alle Probleme der Gegenwart besteht im wiederholten Sprechen eines magischen Wort: Wachstum. (Welzer)<\/li>\n<li>In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben. (Welzer usw.)<\/li>\n<li>Ohne die Nutzung von Naturressourcen ist keine Produktion m&ouml;glich. (Bank\/Henneberger)<\/li>\n<li>Es gab in der Menschheitsgeschichte gerade mal 250 Jahre Wachstum. (Welzer, Bank etc)<\/li>\n<li>Auf die Steigerung der Ressourceneffizienz zu setzen ist zweifelhaft. (Jackson)<\/li>\n<li>Privatwirtschaftliche Marktwirtschaft erzwingt Wachstum. Deshalb m&uuml;ssen wir die Institutionen ver&auml;ndern, das System ver&auml;ndern.<\/li>\n<li>In den siebziger Jahren sind die Wachstumsbef&uuml;rworter gescheitert.<\/li>\n<li>Eine schrumpfende Wirtschaft f&uuml;hrt zu Verteilungsk&auml;mpfen.<\/li>\n<\/ul><p>Attac war mal auf einem besseren Weg als mit dem Kongress vom n&auml;chsten Wochenende. Angesichts des religi&ouml;sen Charakters der Texte macht es leider auch keinen Sinn, sich in Berlin in die Diskussion einzubringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Anlass meines Beitrags vom 21.4.2011 &uuml;ber <a href=\"?p=9169\">Wachstumswahn<\/a> etc. bin ich auf weitere Texte von so genannten Wachstumskritikern aufmerksam gemacht worden. Au&szlig;erdem habe ich mir die Beilage von Attac in der TAZ zum Attac-Kongress &bdquo;Jenseits des Wachstums?!&ldquo; angesehen. 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