{"id":946,"date":"2005-11-15T16:35:06","date_gmt":"2005-11-15T14:35:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=946"},"modified":"2016-02-28T10:53:50","modified_gmt":"2016-02-28T09:53:50","slug":"die-halbierte-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=946","title":{"rendered":"&#8220;Die halbierte Gesellschaft&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Ein ausgezeichneter Kommentar VON WOLFGANG STORZ, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und Mitautor des Buches &bdquo;Wider die herrschende Leere &ndash; Neue Perspektiven f&uuml;r Politik und Wirtschaft&ldquo;. Schon der Kommentar zeigt die analytische Kraft des Autors.<br>\n<!--more--><br>\n&ldquo;Die Gro&szlig;koalition&auml;re haben sich entschieden: Sie sehen keinen anderen Ausweg, als die B&uuml;rger st&auml;rker zu belasten, um ihrem vorrangigen Ziel nahe zu kommen, die Staats-Schulden zu verringern. Irgendwie soll so (oder trotzdem?) auch Wachstum initiiert werden, aber das bleibt &ndash; trotz eines angek&uuml;ndigten Investitionsprogrammes &ndash; im Nebul&ouml;sen. Damit haben die Gro&szlig;koalition&auml;re im Grundsatz aber auch entschieden, was f&uuml;r sie nicht im Mittelpunkt steht: Alles zu tun, um diese Gesellschaft zusammenzuhalten.<\/p><p>Das Projekt Hartz IV kostet den Staat statt 14 Milliarden Euro fast das Doppelte. Die herrschende Interpretation: Da ist ganz sch&ouml;n viel Missbrauch dabei. Die andere Lesart: Hier kriecht die Armut hoch. Viel weniger Hartz IV-Empf&auml;nger als die Politik dachte, haben noch Verm&ouml;gen oder Einkommen, das ihnen angerechnet werden kann. Und viel mehr Menschen als geplant haben sich berechtigt f&uuml;r den Empfang des Arbeitslosengeldes II gemeldet; auch diejenigen, die aus Scham die fr&uuml;here Sozialhilfe nicht beantragen wollten.<\/p><p>Die j&uuml;ngste Pisa-Studie belegt, dass es mit der Gerechtigkeit im Bildungssystem nicht weit her ist. Die Vorteile f&uuml;r Kinder aus den Oberschichten haben &ndash; bei gleichem Lernverm&ouml;gen und Wissensstand &ndash; zugenommen. Bereits fr&uuml;here Studien haben belegt, wie stark Arbeiterkinder benachteiligt werden.<\/p><p>Es gibt nicht nur diese beiden Befunde, die belegen: Diese Gesellschaft zerf&auml;llt zunehmend in zwei Welten. Es gibt ein wachsendes Unten und ein wachsendes Oben. Denn zeitgleich mit Armut steigt der private Reichtum. Und mit dem privaten Reichtum steigt die Armut der &ouml;ffentlichen Hand, so dass es auch weniger &ouml;ffentliche Wohlfahrt f&uuml;r die privaten Nicht-Wohlhabenden und Armen gibt. Und: Der Staat hat sich selbst noch nicht auf die neue Lage umgestellt, subventioniert er doch unver&auml;ndert noch vergleichsweise wohlhabenden Mittelschichten &ndash; ein Stichwort: Ehegatten-Splitting &ndash; und konzentriert die Mittel nicht auf die neuen Schichten der Nicht-Wohlhabenden und in Unsicherheit Lebenden.<\/p><p>Die eine Welt hat mit der anderen wenig zu tun. Die einst starke Mitte br&ouml;selt und br&ouml;ckelt und k&auml;mpft darum, nicht in die untere Welt abzust&uuml;rzen. Sie br&ouml;selt auch, weil sie an ihrem Leitmotto zweifelt: Leistung lohnt sich. Ach ja? Wo denn?<\/p><p>Wir reden nicht von Hungersn&ouml;ten. Wir leben in einer der reichsten Wirtschaftsnationen. Wir reden von relativer Armut. Wir reden davon, dass vieles in der einen Welt seltener Luxus ist und in der anderen selbstverst&auml;ndlicher Alltag: Kultur, Bildung, Sicherheit, Reisen. Der &ldquo;Wohlstands- und Erlebnisgraben&rdquo;, wie ihn der Parteienforscher Franz Walter diagnostiziert hat, wird tiefer. Ein Facharbeiter, der heute entlassen wird, erh&auml;lt f&uuml;r ein Jahr Arbeitslosengeld I. Danach bekommt er im Monat nur noch rund 350 Euro Arbeitslosengeld II plus Mietzuschuss und f&auml;llt ins materielle und gesellschaftliche Nichts.<\/p><p>Wo Staat und Wille zum Gemeinsamen geschw&auml;cht sind, nehmen die Teilsysteme der Gesellschaft, allen voran die Wirtschaft, nur noch die Menschen auf, die sie unbedingt ben&ouml;tigen und behalten nur die, die funktionieren. Die Zahl der &Uuml;berfl&uuml;ssigen, der Ausgegrenzten, nur zeitweilig Ben&ouml;tigten steigt. Hunderttausende Langzeitarbeitslose, die vielen Gering- und Nichtqualifizierten, die &Auml;lteren, die ab 45 keine Arbeit mehr erhalten. Ausl&auml;ndische Jugendliche, die vielen Projekt-Arbeiter, die alle drei Monate ein neues erhalten &ndash; oder auch nicht. Die hunderttausenden geringverdienenden Freiberufler.<\/p><p>Darauf m&uuml;ssen materielle Antworten gegeben werden. Zuerst geht es jedoch um Mentalit&auml;ten, Einstellungen, um Kultur. Hartz IV-Empf&auml;nger und Parasit &ndash; wenn ein herausragender Politiker wie Wolfgang Clement mit dieser Wort-Paarung bewusst spielen l&auml;sst, ohne dass er von der Elite dieses Landes verachtet wird, wird deutlich, wie ver&auml;chtlich die da oben auf den Teil der Masse herabblicken, der nicht mithalten kann oder gerade nicht gebraucht wird.<\/p><p>Das Interesse der Eliten am Zusammenhalt dieser Gesellschaft nimmt erkennbar ab. Und die Politik erkennt das Problem der Spaltung dieser Gesellschaft noch nicht einmal als eigene Aufgabe an. Sie blickt &uuml;ber sie hinweg.&ldquo;<\/p><p>Copyright &copy; Frankfurter Rundschau online 2005<br>\nErscheinungsdatum 14.11.2005<\/p><p>P.S.: Das erw&auml;hnte Buch ist von Publik-Forum und Frankfurter Rundschau gemeinsam verlegt. Es ist im August 2005 erschienen und enth&auml;lt neben Beitr&auml;gen von Wolfgang Storz, Stephan Hebel und Wolfgang Kessler auch Beitr&auml;ge anderer Autoren und eine Zusammenstellung der wichtigsten Aussagen aus den Wahlprogrammen der Parteien. Das erleichtert den Vergleich mit dem, was jetzt im Koalitionsvertrag herausgekommen ist.<br>\nDie Abschnitte &uuml;ber die Perspektiven enthalten interessante Anregungen. Ordentlich gerieben habe ich mich an den Beitr&auml;gen von Wolfgang Kessler, verantwortlicher Redakteur des Publik-Forum, zur Wirtschaftspolitik. Sie enthalten f&uuml;r mich zu viele der jetzt g&auml;ngigen Stereotypen: die Arbeitsgesellschaft l&ouml;se sich langsam auf, auf Wachstum k&ouml;nne man sich nicht verlassen, die Globalisierung habe v&ouml;llig Neues gebracht, und so weiter. Wer wissen will, wie eine Gruppe von Autoren und Intellektuellen, die wahrlich keine Neoliberalen sind, denken, wird von Wolfgang Kessler umfassend ins Bild gesetzt. &ndash; Diese kritischen Anmerkungen sollen nicht den Eindruck verwischen, dass die Autoren ansonsten zeigen, dass wir nicht alternativlos zu sein br&auml;uchten.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ausgezeichneter Kommentar VON WOLFGANG STORZ, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und Mitautor des Buches &bdquo;Wider die herrschende Leere &ndash; Neue Perspektiven f&uuml;r Politik und Wirtschaft&ldquo;. 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