{"id":94637,"date":"2023-03-05T15:00:11","date_gmt":"2023-03-05T14:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94637"},"modified":"2023-03-05T17:13:03","modified_gmt":"2023-03-05T16:13:03","slug":"warum-ich-fuer-waffenstillstand-und-den-frieden-auf-die-strasse-gehe-eine-sehr-persoenliche-anmerkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94637","title":{"rendered":"Warum ich f\u00fcr Waffenstillstand und den Frieden auf die Stra\u00dfe gehe &#8211; Eine sehr pers\u00f6nliche Anmerkung"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Tag sind die meinungsmachenden Medien in diesem Land mittlerweile voll von Propagandameldungen, die nur eine Ausrichtung und Forderung kennen: Die Lieferung von immer mehr und immer schwereren Waffen, denn &bdquo;der Russe&ldquo; muss schlie&szlig;lich auf dem Schlachtfeld besiegt werden. Ich werde immer wieder gefragt, wieso ich am 25. Februar zu der Friedensdemonstration von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer gegangen bin, und warum ich mich auch sonst in der aktuellen Situation gegen Waffenlieferungen und stattdessen f&uuml;r Waffenstillstandsverhandlungen ausspreche. Meine Antwort hat viel mit dem Schicksal meiner Eltern in den beiden Weltkriegen zu tun. Von <strong>Brigitte Pick<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMeine Eltern haben den Ersten und Zweiten Weltkrieg erlebt. Im Ersten Weltkrieg war mein 1905 geborener Vater nach dem Tod seines Vaters an der Front, erschossen im Juni 1915, nun als &Auml;ltester verantwortlich f&uuml;r seine f&uuml;nf Geschwister, da meine Gro&szlig;mutter nun die Familie ern&auml;hren musste, ehe sie meinen Stiefgro&szlig;vater kennen lernte. Sie heirateten einen Tag vor Heiligabend im Jahr 1922. Als Postbeamter konnte er die gro&szlig;e Familie ern&auml;hren und k&uuml;mmerte sich r&uuml;hrend. Alle Kinder erlernten einen Beruf.<\/p><p>Wie muss sich mein Vater bei seiner Zwangseinberufung 25 Jahre sp&auml;ter gef&uuml;hlt haben? Er wusste, dass sein Vater kurz nach seiner Einberufung am 15.3.1915 als 30-j&auml;hriger, 6-facher Familienvater am 15.6.1915 starb. Mein Vater war damals 10 Jahre alt und musste als &Auml;ltester schon Verantwortung in der Familie &uuml;bernehmen. Einem Brief ist zu entnehmen, dass mein Gro&szlig;vater nicht die allgemeine Kriegseuphorie teilte, sondern berechtigte Angst hatte, zu sterben. Am 15.3.1915 schreibt er aus einer Kaserne in Spandau einen Brief an seine Frau, meine Gro&szlig;mutter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mein liebes Herz,<\/p>\n<p>Ich will Dir hiermit die letzten Gedanken, welche mich vor meinem Ausr&uuml;cken bedr&uuml;cken zu Papier bringen, und bitte Dich, auch noch pers&ouml;nlich, diesen Brief erst nach meinem Ausr&uuml;cken zu lesen.<\/p>\n<p>Ich konnte gestern Abend nicht schlafen und habe mich ruhelos umhergeworfen, weil ich mit meinen Gedanken nur bei Dir war.<\/p>\n<p>Ich sah mich in Gedanken drau&szlig;en im Felde liegen, ob krank, verwundet oder tot, ich wei&szlig; es nicht. Und weiter dachte ich an Dich und die Kinder und hei&szlig;e Tr&auml;nen habe ich geweint bei dem Gedanken Dich und die Kinderchen vielleicht nicht wieder zu sehen.<\/p>\n<p>Ich hoffe auf Gott, dass er mich Dir und den Kindern erh&auml;lt.<\/p>\n<p>Auch habe ich all das Unrecht, was ich glaube, Dir in der langen Zeit unserer Ehe angetan zu haben, tief bereut und bitte Dich herzlichst um Vergebung mein Liebling!<\/p>\n<p>Hoffe auf Gott und bete f&uuml;r mich, ich will es auch f&uuml;r Dich tun, so wird er mich besch&uuml;tzen und mich gesund zur&uuml;ckkehren lassen.<\/p>\n<p>Meine Feldadresse lautet, damit Du sie nicht vergisst: 5. Garderegiment zu Fu&szlig;, verst&auml;rkte 5. Garde Infanterie Brigade 25, Reserve Korps.&nbsp;<\/p>\n<p>Es fehlt nur noch die Kompanie, die gebe ich Dir sp&auml;ter an.<\/p>\n<p>Nun lebe wohl, und m&ouml;chte Gott, auf Wiedersehen, Dein treuer Richard&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Nur drei Monate sp&auml;ter war er tot. Als Angeh&ouml;riger der Fu&szlig;truppen des 5. Garderegiments war er als 30-j&auml;hriger, sechfacher Vater am Feldzug im Osten beteiligt. Nicht zu kl&auml;ren ist, warum er in seinem Alter und Status als sechsfacher Familienvater so fr&uuml;h in den Krieg eingezogen wurde oder ob er sich wom&ouml;glich freiwillig gemeldet hatte. Er geh&ouml;rte zur Reserve&nbsp;und war Teil&nbsp;der 11. Armee, die von der Westfront an die Ostfront verlegt wurde, um die Russen aus Ostpreu&szlig;en zu vertreiben.&nbsp;<\/p><p>Mein Vater war 1940 bei seiner Einberufung 35 Jahre und Vater eines Kindes, das ihm beim Exerzieren&nbsp;in der Kaserne in der Eiswaldstrasse in Berlin-Lankwitz, wo meine Eltern wohnten, zuschauen konnte.&nbsp;Im Mai 1940 wurde meine Schwester geboren.<\/p><p>Ein Einf&uuml;hrungskurs als Funker fand in Dresden statt und dann ging es zu Silvester 1941 zum Einsatz in einem Flakregiment bei Antwerpen an die Westfront. Auch von dort h&ouml;rte er immer wieder von den Luftangriffen auf Berlin vom Januar, Februar und M&auml;rz &rsquo;43. In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1943 erwischte&nbsp;es auch die Wohnung unserer Familie in der Eiswaldstra&szlig;e 9 in Lankwitz. Wir wurden ausgebombt, die Familie mit zwei Kindern stand&nbsp;vor dem Nichts. Der Vater eilte&nbsp;bereits am 26. August aus Chartres nach Berlin. Er bekam bis zum 7. September Heimaturlaub aus gegebenem Anlass, dem dritten nach den Urlauben im Januar (10.-26. Januar 43), bei dem es zu zwei Luftangriffen auf Berlin am 16.\/17. Januar und 17.\/18 Januar kam.<\/p><p>An 1943 bis 1945 erinnert sich meine Schwester und bringt 1995 Folgendes zu Papier:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als ich fast vier Jahre alt war, gingen wir zur&uuml;ck nach Berlin, wo unsere Wohnung ausgebombt war.&nbsp;Ich erinnere mich, wie wir auf den Tr&uuml;mmern rumkrabbelten und nach Sachen aus der Wohnung suchten.<\/p>\n<p>Wir erhielten bei Bekannten meiner Eltern in Teltow bei Berlin eine Bleibe.&nbsp;Dieses Haus lag direkt an der russischen Einmarschlinie. Der Sch&uuml;tzengraben war direkt vor unserer T&uuml;r. Die Erinnerung an diese Zeit ist gepr&auml;gt von Angst: n&auml;chtlicher Fliegeralarm, Aufenthalt in dunklen Kellern, bedrohliche Soldaten, die sich unberechenbar verhielten.&nbsp;Au&szlig;erdem gab es nichts zum Essen. Meine Mutter nahm lange Fu&szlig;m&auml;rsche auf sich, um dick gesch&auml;lte Kartoffelscheiben aufzutreiben.&nbsp;Als ich 5 Jahre alt war, kam mein Vater aus dem Krieg zur&uuml;ck.&nbsp;F&uuml;r mich war er der fremde Mann, der er irgendwie blieb.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ich finde Unterlagen in einem Ordner zum&nbsp;&bdquo;&nbsp;Lastenausgleich&ldquo; f&uuml;r Ausgebombte, die auf die Besch&auml;digung des Umzugsgutes meiner Mutter aus&nbsp;Schlesien nach Teltow hinweisen. Ein Tieffliegerangriff auf die Bahn am 24. Oktober 1944 besch&auml;digte und vernichtete einen Teil des aufgegebenen Gep&auml;cks der jungen Familie Pick, die aus Jakobsdorf zur&uuml;ckreist. Akribisch waren die Paketinhalte aufgelistet und der neunj&auml;hrige J&uuml;rgen f&uuml;hrte die Listen auf Ansage und malte dazu. Weg waren Skier, ein Fahrrad und ein Kinderbett f&uuml;r die damals dreij&auml;hrige Christel. Die Erfahrung der Bombenangriffe &ndash; man nannte sie offiziell Terrorangriffe &ndash; in der Nacht vom 22. zum 23. August&nbsp;1943 hatte die Familie gelehrt, wie zu verfahren ist. <\/p><p>Die Kriegssachsch&auml;den&auml;mter verlangten akribische Listen und Preise. &bdquo;Mein Hab und Gut&ldquo; Besitznachweis des Haushaltes, so lauteten die Vordrucke des Amtes, die man in Papier- und Buchhandlungen erwerben konnte. Sie listeten auf: A. M&ouml;bel und Einrichtungsgegenst&auml;nde; B Gem&auml;lde, Kunst,&nbsp;Antiquit&auml;ten&nbsp;C. Schmuck, Goldwaren D. Tafelgeschirr, Besteck, Kristall, E.&nbsp;W&auml;sche; F. Kleidungsst&uuml;cke G. Sonderposten wie Kraftwagen, Sparb&uuml;cher, Versicherungen etc. Zeugen&nbsp;mussten&nbsp;den Verlust best&auml;tigen. <\/p><p>Der Verlust meiner Familie summierte sich auf 13.000 RM, ein ganz normaler Haushalt in einer Zweizimmerwohnung ohne luxuri&ouml;se Gegenst&auml;nde, Kunst oder Schmuck. Mein Bruder verlor seine M&auml;rklin-Eisenbahn, seine Ballonroller sowie ein Tretauto. Das Silberbesteck meiner Eltern glich dem unsrigen heute von der WMF. In der Verlustmeldung ist verb&uuml;rgt, dass mein Vater eine Geige besa&szlig;.&nbsp;Der rechtliche Durchschnittswert f&uuml;r einen Haushalt mit drei Personen wurde auf 7.000 RM festgelegt. Die Presse informierte dar&uuml;ber.&nbsp;Sie erhalten am 31. August 1943 vorl&auml;ufig 1.000 RM Vorschuss f&uuml;r den Verlust.<\/p><p>Die Luftangriffe fanden nie von den Russen statt, bleibt zur&uuml;ckhaltend anzumerken. Wohnungslos und bei Bekannten an unterschiedlichen Orten in und bei Berlin, kam ich als drittes Kind 1946 auf die Welt, geboren in Zerst&ouml;rung und Armut. Nach vielen Hilfsarbeiten wie der Aufforstung des Tiergartens bekam mein Vater als gelernter Versicherungskaufmann im Juli 1950 endlich eine feste Anstellung bei der Berliner Bank und die Familie eine Dreizimmer-Wohnung in Berlin-Zehlendorf. <\/p><p>Ein Antikriegs-Gen ist mir in die DNA eingebrannt und deshalb gehe ich mit 76 Jahren immer wieder f&uuml;r den Frieden auf die Stra&szlig;e. Ich erinnere mich an die gro&szlig;en Vietnam-Demonstrationen 1968 in Berlin. Wir waren mit den gemeinsamen Demonstranten weltweit ein Baustein f&uuml;r das Kippen der Stimmung gegen den Krieg und sein Ende wurde erst Ende April 1975 besiegelt. Solange k&ouml;nnen und d&uuml;rfen wir nicht warten. Es pressiert.<\/p><p>Ich w&uuml;nsche mir, dass wir sichtbarer und immer mehr werden. Die verschiedenen Friedensinitiativen m&uuml;ssen sich zusammenschlie&szlig;en. <\/p><p>Titelbild: Gemeinfrei, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=640204\">commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=640204<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88386\">Orwell und das Heute<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94529\">2014: Die Vorhersage des heutigen Ukrainekriegs<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94418\">Stimmen aus der Ukraine: Den Krieg sofort beenden und an den Verhandlungstisch setzen!<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94511\">Faktencheck der Faktenchecker: UN-Berichte widerlegen Darlegung von &bdquo;Hart aber fair&ldquo;-Moderator Klamroth gegen&uuml;ber Sahra Wagenknecht<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/df591937db7e484b80d8c92148ccdd74\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag sind die meinungsmachenden Medien in diesem Land mittlerweile voll von Propagandameldungen, die nur eine Ausrichtung und Forderung kennen: Die Lieferung von immer mehr und immer schwereren Waffen, denn &bdquo;der Russe&ldquo; muss schlie&szlig;lich auf dem Schlachtfeld besiegt werden. 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