{"id":948,"date":"2005-11-15T16:39:07","date_gmt":"2005-11-15T14:39:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=948"},"modified":"2016-02-28T10:46:25","modified_gmt":"2016-02-28T09:46:25","slug":"was-ist-glaubwurdigkeit-sagen-was-man-tut-und-tun-was-man-sagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=948","title":{"rendered":"Was ist Glaubw\u00fcrdigkeit? Sagen, was man tut und tun, was man sagt!"},"content":{"rendered":"<p>Ich wollte eigentlich zur Verabschiedung Gerhard Schr&ouml;ders als amtierender Kanzler auf dem Bundesparteitag der SPD nichts schreiben. Ich g&ouml;nne ihm als mir langj&auml;hrig bekannten Menschen den Jubel und die R&uuml;hrung zu seinem Abschied. Obwohl ich politisch mit ihm in vielen Dingen &uuml;berhaupt nicht &uuml;bereinstimme, will ich gerne respektieren, dass jemand, der das Amt des Bundeskanzlers sieben Jahre ausge&uuml;bt hat, bis zur Unmenschlichkeit gefordert, ja &uuml;berfordert wurde. Allein sein Nein zum Irakkrieg und die Anfeindungen, die er aushalten musste, geh&ouml;ren zu seinen historischen Verdiensten.<br>\nIch will diesmal auch gar nicht seine Abschiedsrede inhaltlich kritisieren, sondern nur sagen was mir dabei klar geworden ist. Ich meine n&auml;mlich endlich wirklich erkannt zu haben, worin das viel zitierte &bdquo;Vermittlungsproblem&ldquo; der Regierung Schr&ouml;der lag: Es ist das Auseinanderklaffen von Reden und politischem Handeln.<br>\n<!--more--><br>\nGerhard Schr&ouml;der hat u.a. folgendes geredet:<\/p><blockquote><p>Unsere Partei ist ganz gewiss stolz auf ihre Geschichte und auf ihre Traditionen.<br>\nGesellschaftlicher Fortschritt &ndash; so viel ist gewiss &ndash; ist ohne soziale Gerechtigkeit nicht denkbar, sondern zum Scheitern verurteilt.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Unser Begriff von sozialer Gerechtigkeit meint eben nicht nur ein subjektives Recht einzelner, das gew&auml;hrt wird, nein, er meint ein objektives Prinzip, das in der Gesellschaft f&uuml;r die Gesellschaft seine Wirkung entfalten muss. Genau in diesem Sinne hat die soziale Gerechtigkeit in Deutschland nur eine wirkliche Heimat: bei uns, den deutschen Sozialdemokraten.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Ein Staat eben, der schlank sein darf, aber doch nicht krank, der Verantwortung &uuml;bernimmt f&uuml;r kollektive Lebensrisiken wie Alter, Arbeitslosigkeit oder Krankheit, der Regeln setzt &ndash; nicht zu viele und schon gar nicht &uuml;berfl&uuml;ssige -, aber der daf&uuml;r sorgt, dass die St&auml;rke des Rechtes sich gegen das Recht des St&auml;rkeren allemal durchsetzen kann.<br>\nDas ist die Vorstellung, die wir vom Staat haben: an der Seite der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und nicht vor ihrer Nase, aktivierend und nicht bevormundend. Davon lassen wir auch nicht ab.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Aber nat&uuml;rlich hei&szlig;t das auch, dass wir in der gro&szlig;en Koalition unsere Identit&auml;t niemals preisgeben werden. Weil wir wissen, woher wir kommen, wissen wir auch, wo wir zu stehen haben.<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Die SPD ist die einzige Partei &ndash; das sollten wir immer wieder deutlich machen -, die einen Ausgleich schaffen kann zwischen &ouml;konomischer Effizienz und dem sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Das muss so bleiben.<\/p><\/blockquote><p>Das sind Redewendungen, denen kann jeder Sozialdemokrat nur zustimmen und sie bejubeln.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.spd-parteitag.de\/servlet\/PB\/menu\/1588495\/index.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.spd-parteitag.de\/servlet\/PB\/menu\/1588495\/index.html\">SPD Parteitag<\/a><\/p><p>Um aber solches Reden am Handeln zu messen, sollten Sie vielleicht noch einmal die Analyse des Chefredakteurs der Frankfurter Rundschau, Wolfgang Storz, &uuml;ber <a href=\"?p=946\">&bdquo;Die halbierte Gesellschaft&ldquo;<\/a> lesen, die am selben Tag als Schr&ouml;der in Karlsruhe geredet hat erschien.<\/p><p>Man k&ouml;nnte der bitteren Realit&auml;t, die Storz beschreibt, und die ja letztlich die traurige Bilanz &ndash; zumindest auch &ndash; der zur&uuml;ckliegenden Politik ist, noch viele andere schlimme Auswirkungen gerade der Schr&ouml;derschen Agenda-Politik hinzuf&uuml;gen, alles w&uuml;rde nur das Storzesche Fazit beweisen: <\/p><blockquote><p>Die eine Welt hat mit der anderen wenig zu tun.<\/p><\/blockquote><p>Bezogen auf Schr&ouml;ders Rede bedeutet das:<br>\nSein Reden (auf dem Parteitag, wie auch schon im Wahlkampf) und sein politisches Programm bzw. die Auswirkungen seines politischen Handelns das sind zwei Welten.<\/p><p>Und genau das ist das eigentliche Vermittlungsproblem zwischen der Praxis sozialdemokratischer Regierungspolitik und der Gesellschaft &ndash; genauer der unteren H&auml;lfte der &bdquo;halbierten Gesellschaft&ldquo;, der angesichts ihrer pers&ouml;nlichen Erfahrungen mit der praktischen Politik ihr Vertrauen auf das sozialdemokratische Reden immer mehr verloren gegangen ist.<\/p><p>Schr&ouml;der zog auf dem SPD-Parteitag aber auch noch ein weiteres Res&uuml;mee:<\/p><blockquote><p>Wir sind in den letzten Jahren einen guten Weg gegangen, f&uuml;r unsere Partei, f&uuml;r unser Land.<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;F&uuml;r unsere Partei&ldquo;? Wie das? <\/p><p>Die Feierlichkeiten zum Volkstrauertag, am Tag vor dem SPD-Parteitag h&auml;tte die Delegierten in Trauer versinken lassen m&uuml;ssen. In der Neuen Wache in Berlin legten der Bundespr&auml;sident, der Bundestagspr&auml;sident, der Bundesratspr&auml;sident (alle geh&ouml;ren inzwischen der CDU an) und Peter Struck, in Vertretung der Bundesregierung, die Gedenkkr&auml;nze nieder. Der Pr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts stammt von der CDU.<br>\nAb 22. November wird auch noch ein weiteres Verfassungsorgan, die Bundeskanzlerin, von der CDU gestellt. Die Union hat inzwischen 11 von 16 Ministerpr&auml;sidenten&auml;mtern erobert. Die SPD hat zahllose Oberb&uuml;rgermeister und Ratsmandate in den St&auml;dten verloren.<br>\nDie politische Landkarte in Deutschland ist in den sieben Jahren, in denen die SPD die Regierung gestellt hat, tiefschwarz geworden.<br>\nDie SPD hat allein in der Amtszeit Gerhard Schr&ouml;ders an die zweihundert Tausend Mitglieder verloren und liegt inzwischen als die klassische Mitgliederpartei mit unter sechshunderttausend Mitgliedern deutlich hinter den b&uuml;rgerlichen Unionsparteien zur&uuml;ck.<\/p><p>Doch der Parteitag jubelte Gerhard &uuml;ber zw&ouml;lf Minuten zu.<\/p><p>Wie gesagt, ich g&ouml;nne dem Kanzler einen respektvollen Abschied durch seine Partei, aber der <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/thema_des_tages\/?cnt=756895\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/thema_des_tages\/?cnt=756895\">&bdquo;Klatschtag in Karlsruhe&ldquo;<\/a>, der geh&ouml;rt mit zum Realit&auml;tsverlust dieser Partei und daraus w&auml;chst wenig Hoffnung, dass auch in der SPD Reden und Handeln alsbald wieder in Einklang kommen.<\/p><p>Der Altvater der SPD und Altbundespr&auml;sident Johannes Rau hat das Geheimnis seiner erfolgreichen Politik einmal ganz einfach formuliert: Wer das Vertrauen der Menschen gewinnen will, der muss glaubw&uuml;rdig sein. Glaubw&uuml;rdigkeit hei&szlig;t: Sagen, was man tut und tun, was man sagt.<br>\nDie SPD und ihre Spitzenpolitiker m&uuml;ssen die Diskrepanz zwischen ihrem Sagen und ihrem Tun aufheben, dann k&ouml;nnten sie das Motto ihres Parteitages einl&ouml;sen und wieder &bdquo;Vertrauen in Deutschland&ldquo; zur&uuml;ckerwerben.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wollte eigentlich zur Verabschiedung Gerhard Schr&ouml;ders als amtierender Kanzler auf dem Bundesparteitag der SPD nichts schreiben. Ich g&ouml;nne ihm als mir langj&auml;hrig bekannten Menschen den Jubel und die R&uuml;hrung zu seinem Abschied. Obwohl ich politisch mit ihm in vielen Dingen &uuml;berhaupt nicht &uuml;bereinstimme, will ich gerne respektieren, dass jemand, der das Amt des Bundeskanzlers<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=948\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,123,41,146],"tags":[411,758],"class_list":["post-948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-soziale-gerechtigkeit","tag-schroeder-gerhard","tag-storz-wolfgang"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=948"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31635,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions\/31635"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}