{"id":94878,"date":"2023-03-12T14:00:32","date_gmt":"2023-03-12T13:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94878"},"modified":"2023-03-12T16:10:11","modified_gmt":"2023-03-12T15:10:11","slug":"von-darwin-zu-schumpeter-auf-der-suche-nach-einem-neuen-wirtschaftsmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94878","title":{"rendered":"Von Darwin zu Schumpeter \u2013 Auf der Suche nach einem neuen Wirtschaftsmodell"},"content":{"rendered":"<p>Das deutsche Wirtschaftsmodell aus billiger Energie, niedrigen L&ouml;hnen und einseitiger Exportorientierung ist gerade dabei zu implodieren. Da liegt es nahe, sich nach Alternativen umzuschauen. Eine davon k&ouml;nnte eine auf Innovation, Produktivit&auml;t und einen aktiven Staat ausgerichtete Wirtschaftspolitik sein. Beschrieben hat einen solchen Ansatz der &Ouml;konom Patrick Kaczmarczyk in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/wirtschaft\/kampf-der-nationen.html\">&bdquo;Kampf der Nationen &ndash; Wie der wirtschaftliche Wettbewerb unsere Zukunft zerst&ouml;rt&ldquo;<\/a>. Erschienen ist es im vergangenen Jahr im Westend Verlag. Kaczmarczyk hat k&uuml;rzlich seine Promotion am Institut f&uuml;r politische &Ouml;konomie der Universit&auml;t Sheffield abgeschlossen. Zudem ist er wirtschaftspolitischer Berater f&uuml;r internationale Organisationen, unter anderem f&uuml;r die Vereinten Nationen in Genf. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGeht es nach Kaczmarczyk, dann hat das Wettbewerbsmodell der Merkel-Jahre ausgedient. Dieses beruht auf der &bdquo;Hyperglobalisierungsthese&ldquo;, die im globalen Wettbewerb den Motor f&uuml;r wirtschaftliches Wachstum und zivilisatorischen Fortschritt sieht. Behaupten kann sich hier nur, wer kontinuierlich seine Wettbewerbsf&auml;higkeit steigert. F&uuml;r Kaczmarczyk handelt es sich dabei jedoch um einen &bdquo;darwinistischen Verdr&auml;ngungswettbewerb&ldquo;, bei dem sich der Staat weitgehend aus dem Wirtschaftsgeschehen herauszuhalten hat. Die Folgen sind &bdquo;Preisdruck, geringe Margen und ein hoher Kostenwahn&ldquo;. &bdquo;In einer solchen Welt, in der alle Akteure optimieren, wo es nur geht, entsteht nichts Neues. Alles wird so gemacht wie bisher, nur effizienter&ldquo;, schreibt Kaczmarczyk. (S. 84) <\/p><p><strong>Der Staat als Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung<\/strong><\/p><p>Dem stellt Kaczmarczyk einen Ansatz gegen&uuml;ber, in dem der Staat eine aktive Rolle einnimmt, ja sogar Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung ist. Vorbild sind die Lehren des &ouml;sterreichischen &Ouml;konomen Joseph Schumpeter, der seine Grundgedanken bereits 1911 in dem Werk &bdquo;Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung&ldquo; formulierte. Zentrale Figur bei Schumpeter ist der Pionierunternehmer, der nicht optimiert, sondern etwas Neues wagt. Ist er erfolgreich, ahmen die Konkurrenten ihn nach. Neue Produkte und Verfahren ersetzen die alten, die Produktivit&auml;t steigt und damit auch das Volkseinkommen. F&uuml;r diesen Prozess hat Schumpeter den Begriff der &bdquo;sch&ouml;pferischen Zerst&ouml;rung&ldquo; gepr&auml;gt.<\/p><p>Damit sich Innovationen im Schumpeter&lsquo;schen Sinne durchsetzen k&ouml;nnen, m&uuml;ssen nach Kaczmarczyk mehrere Voraussetzungen gegeben sein: ein niedriges Zinsniveau, das Investitionen und damit das Entstehen von etwas Neuem beg&uuml;nstigt, ein unvollkommener Wettbewerb, der es den Unternehmen erm&ouml;glicht, auch mal Projekte in den Sand zu setzen, sowie eine Neubewertung des Begriffs Schulden, der das Schuldenmachen nicht als etwas &bdquo;Abnormales&ldquo;, sondern als etwas Positives begreift. &bdquo;Ohne Schulden, keine Neukombinationen, keine Entwicklung&ldquo;, hei&szlig;t es dazu bei Schumpeter. Zudem werden die L&ouml;hne nicht mehr nur als Kostenfaktor, sondern auch als Nachfragedeterminante und &bdquo;Produktivit&auml;tspeitsche&ldquo; gesehen.<\/p><p><strong>Der &bdquo;Staat als Manager der sch&ouml;pferischen Zerst&ouml;rung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im Zentrum des Schumpeter&lsquo;schen Ansatzes steht jedoch der &bdquo;Staat als Manager der sch&ouml;pferischen Zerst&ouml;rung&ldquo;. Damit ist ein aktiver, finanziell schlagkr&auml;ftiger Staat gemeint, der die &bdquo;richtigen Rahmenbedingungen&ldquo; setzt, Innovationen anst&ouml;&szlig;t, eine &bdquo;kluge Industriepolitik&ldquo; betreibt und nicht zuletzt als &bdquo;Chefunternehmer in Wissenschaft&ldquo; sowie als &bdquo;Entscheider bei wichtigen Investitionsfragen&ldquo; fungiert. Als Beispiel eines erfolgreichen staatlichen Unternehmers nennt Kaczmarczyk China: &bdquo;Die Rolle des Staates in der Erneuerung der produktiven Strukturen in China und der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sich das Land aus der Armut befreit hat, gibt Schumpeter in jeder Hinsicht recht.&ldquo; (S. 63)<\/p><p>Das Gegenbeispiel ist f&uuml;r ihn das Wettbewerbsmodell der Europ&auml;ischen Union (EU), das &uuml;berhaupt nicht darauf ausgelegt sei, Anreize f&uuml;r Investitionen in neue Technologien zu schaffen. Kaczmarczyk verdeutlicht dies am Beispiel des europ&auml;ischen Automobilmarktes, auf dem sich seiner Ansicht nach ein &bdquo;zerst&ouml;rerischer, darwinistischer Wettbewerb&ldquo; etabliert hat. Demnach haben nicht nur das Lohndumping der 2000er-Jahre, sondern auch g&uuml;nstige Refinanzierungsbedingungen am Kapitalmarkt den deutschen Herstellern einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Konkret bedeutet Letzteres: VW konnte Autokredit und Leasingrate f&uuml;r den Golf deutlich billiger anbieten als Peugeot oder Fiat f&uuml;r vergleichbare Modelle. &Uuml;berraschend ist allerdings, dass der &bdquo;Boom&ldquo; der deutschen Autokonzerne nach 2010 haupts&auml;chlich mit einem negativen freien Cashflow einherging. Konkret hei&szlig;t dies: Es wurde Geld verbrannt.<\/p><p><strong>&bdquo;Optimierung, Verdr&auml;ngung, Darwinismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Kaczmarczyk kommt nun zu folgendem Schluss: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Anhand der Entwicklung in der Automobilindustrie konnten wir deutlich erkennen, welche Form der europ&auml;ische Wettbewerb einnimmt: Optimierung, Verdr&auml;ngung, Darwinismus. Wachstum und Ver&auml;nderung waren nicht existent, die Preisk&auml;mpfe tobten, die Profitmargen waren durch die Bank weg schwach und die gro&szlig;en ,Gewinner&lsquo; der ersten 20 Jahre nach der Einf&uuml;hrung des Euro generierten kaum Cash, gaben daf&uuml;r aber drei bis vier Mal so viel Geld f&uuml;r ihre Finanzierungsabteilungen als f&uuml;r Forschung und Entwicklung aus. Ein besseres Beispiel f&uuml;r einen zerst&ouml;rerischen Wettbewerb h&auml;tte man kaum finden k&ouml;nnen.&ldquo; (S. 134)\n<\/p><\/blockquote><p>Kaczmarczyk steht aber mit seiner Forderung nach einer Art schumpeterianischen Wirtschaftspolitik, in der der Staat quasi als Unternehmer auftritt, keineswegs allein da. Eine prominente Vertreterin dieses Denkansatzes ist die Londoner Wirtschaftsprofessorin Mariana Mazzucato, die mit ihrem bereits 2011 erschienenen Buch &bdquo;Das Kapital des Staates&ldquo; einen Bestseller landete. Mazzucato behauptet darin, dass die meisten bahnbrechenden Innovationen nicht auf Unternehmen, sondern auf Staaten zur&uuml;ckgehen (wenn auch meist aus dem milit&auml;rischen Bereich kommend). Beispiele sind das Internet, der Touchscreen, die Mikroprozessoren, das Funknavigationssystem GPS und nicht zuletzt die Technik f&uuml;r das iPhone.<\/p><p><em>Patrick Kaczmarczyk: &bdquo;Kampf der Nationen. Wie der wirtschaftliche Wettbewerb unsere Zukunft zerst&ouml;rt&ldquo;, Westend Verlag, 223 Seiten, 20 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das deutsche Wirtschaftsmodell aus billiger Energie, niedrigen L&ouml;hnen und einseitiger Exportorientierung ist gerade dabei zu implodieren. Da liegt es nahe, sich nach Alternativen umzuschauen. Eine davon k&ouml;nnte eine auf Innovation, Produktivit&auml;t und einen aktiven Staat ausgerichtete Wirtschaftspolitik sein. 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