{"id":9488,"date":"2011-05-18T15:42:07","date_gmt":"2011-05-18T13:42:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9488"},"modified":"2014-09-01T10:23:41","modified_gmt":"2014-09-01T08:23:41","slug":"die-kanzlerin-der-stammtische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9488","title":{"rendered":"Die Kanzlerin der Stammtische"},"content":{"rendered":"<p>Die Umfragewerte sind im Keller, die CDU verliert wichtige Wahlen &ndash; in ihrer Not versucht es die Kanzlerin mit Populismus. Dass auch Bundeskanzlerin Merkel die  Parolen des Stammtisches beherrscht, bewies sie gestern auf einer Veranstaltung im sauerl&auml;ndischen Meschede. Vor 1.500  jubelnden Sympathisanten umriss Merkel, an welche Bedingungen sie weitere Kredite an die angeschlagenen s&uuml;deurop&auml;ischen Euro-Staaten kn&uuml;pfen will und spielte dabei wieder einmal mit dem Klischee vom flei&szlig;igen und sparsamen Deutschen, der dem faulen Griechen sein hart erarbeitetes Geld  in den Rachen werfen muss, so dass die S&uuml;deurop&auml;er es in Saus und Braus verprassen k&ouml;nnen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Es geht auch darum, dass man in L&auml;ndern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht fr&uuml;her in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen &ndash; das ist wichtig [&hellip;] Wir k&ouml;nnen nicht eine W&auml;hrung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen. [&hellip;] Deutschland hilft nur dann, wenn sich die anderen anstrengen.&ldquo;<br>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,763247,00.html\">Angela Merkel<\/a><\/p><\/blockquote><p>Merkels Worte klingen nach einer Mischung aus aufgew&auml;rmten Ressentiments aus der BILD-Zeitung und Franz M&uuml;nteferings unseligem Ausspruch &bdquo;Nur wer arbeitet, soll auch essen&ldquo;. Auch wenn Merkels Worte beim Stammtisch zweifelsohne gut ankommen werden, entbehren solche Spr&uuml;che jeglicher sachlichen Grundlage.<br>\nLaut OECD [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] betr&auml;gt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit deutscher Arbeitnehmer 1.390 Stunden. Ohne Urlaub entspricht dies rund 5,5 Arbeitsstunden pro Tag, bei 30 Tagen Jahresurlaub w&auml;ren dies 6,26 Arbeitsstunden. Dieser Wert steht nat&uuml;rlich in Konflikt mit der &bdquo;gef&uuml;hlten Arbeitszeit&ldquo;, l&auml;sst sich aber dadurch erkl&auml;ren, dass viele Deutsche nicht in Vollzeit, sondern in Teilzeit oder in Minijobs t&auml;tig sind, bei denen die Wochenarbeitszeit deutlich geringer ist. Es gibt kein s&uuml;deurop&auml;isches Land, in dem die Arbeitnehmer eine geringere Jahresarbeitszeit haben als die Deutschen. In Spanien betr&auml;gt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Arbeitnehmer 1.654 Stunden, in Portugal 1.710 Stunden, in Italien 1.773 Stunden und Griechenland ist mit 2.119 Stunden sogar unangefochtener Spitzenreiter in dieser Liste.<\/p><p>&Auml;hnlich verh&auml;lt es sich beim Jahresurlaub und den Feiertagen, auf die Merkel in ihrer billigen Polemik verweist. Nach Angaben [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] des arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft betr&auml;gt der gesetzliche Mindesturlaub in Griechenland 23 Tage &ndash; hinzu kommen 10 Feiertage. In Spanien betr&auml;gt der gesetzliche Mindesturlaub 22 Tage &ndash; hinzu kommen 14 Feiertage. In Italien betr&auml;gt der gesetzliche Mindesturlaub 28 Tage &ndash; hinzu kommen 11 Feiertage. Wenn man also nur den Mindesturlaub und nicht den tats&auml;chlichen Urlaub als Vergleich heranzieht, liegt Deutschland (24 + 10,5) beim Jahresurlaub hinter Spanien und Italien, aber vor Griechenland. Deutsche Vollzeitbesch&auml;ftigte haben dank der Tarifvertr&auml;ge jedoch einen durchschnittlichen Jahresurlaub von 29,1 Tagen &ndash; addiert man die 10,5 Feiertage hinzu, kommt man zum Ergebnis, dass das exakte Gegenteil von Merkels Stammtischspr&uuml;chen zutrifft.<\/p><p>Auch beim Renteneintrittsalter unterscheidet sich Deutschland nur marginal von den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern. Nach Angaben von Eurostat [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] betr&auml;gt das effektive Renteneintrittsalter in Deutschland 62,6 Jahre. In Spanien und Griechenland liegt dieser Wert mit 62,0 bzw. 62,3 Jahren nur leicht unter dem deutschen Wert, in Italien liegt er mit 62,8 Jahren leicht &uuml;ber dem deutschen Wert. Wenn Merkel also das Renteneintrittsalter ins Spiel bringt, so meint sie damit eigentlich, dass &ndash; wie bei uns mit der Rente mit 67 &ndash; auch andere L&auml;nder nach deutschem Vorbild die Renten de facto durch ein h&ouml;heres gesetzliches Eintrittsalter, das weit &uuml;ber dem effektiven Renteneintrittsalter liegt k&uuml;rzen sollten. Die deutschen Stammtische sollten sich daher nicht &uuml;ber die vermeintlich zu fr&uuml;h in Rente gehenden S&uuml;deurop&auml;er aufregen, sondern eher umgekehrt &uuml;ber ihre eigene Regierung, die ihren B&uuml;rgern die Renten &uuml;ber die Hintert&uuml;r k&uuml;rzt.<\/p><p>Statt k&uuml;rzere Arbeitszeiten und ein Rentenalter, bei dem man noch in der Lage ist, seinen &bdquo;Ruhestand&ldquo; zu genie&szlig;en, als soziale Errungenschaften zu verteidigen, propagiert die Kanzlerin einen europ&auml;ischen Wettbewerb um den Sozialabbau und das auch noch mit diskriminierenden Unwahrheiten. Das ist nicht nur chauvinistisch und sch&uuml;rt &uuml;ble Ressentiments innerhalb der vielbeschworenen europ&auml;ischen &bdquo;Gemeinschaft&ldquo;, sondern im h&ouml;chsten Ma&szlig;e unseri&ouml;s.<br>\nWir erleben einen R&uuml;ckfall ins Ende des 19. Jahrhunderts mit der deutschen Gro&szlig;mannssucht unter Willem zwo: &bdquo;Pardon wird nicht gegeben!&ldquo;<br>\nMan braucht sich nicht zu wundern, wenn die Deutschen in Europa zunehmend Sympathie verlieren, ja sogar zunehmend Ablehnung und sogar Hass auf sich ziehen.<br>\nUnd das in einem Land, das wie kein anderes &ouml;konomisch von seinen europ&auml;ischen Nachbarn abh&auml;ngig ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] OECD Employment Outlook 2010 &ndash; Zahlen f&uuml;r 2009<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] iwd, Nr. 43\/2009<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Eurostat &ndash; Zahlen f&uuml;r 2009<\/p>\n<\/div><p> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/899d11d29abf4f03b42322d19bc2ad2a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Umfragewerte sind im Keller, die CDU verliert wichtige Wahlen &ndash; in ihrer Not versucht es die Kanzlerin mit Populismus. 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