{"id":94898,"date":"2023-03-12T15:00:21","date_gmt":"2023-03-12T14:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94898"},"modified":"2023-03-12T16:52:29","modified_gmt":"2023-03-12T15:52:29","slug":"multinationale-unternehmen-zwingen-lateinamerika-ihr-recht-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94898","title":{"rendered":"Multinationale Unternehmen zwingen Lateinamerika ihr Recht auf"},"content":{"rendered":"<p>Schiedsgerichte entscheiden in 62 Prozent der Streitf&auml;lle f&uuml;r die Konzerne. Mit dem Geld, um das es dabei geht, k&ouml;nnte die extreme Armut in 16 L&auml;ndern der Region behoben werden. <strong>Von Sergio Ferrari<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn den letzten 30 Jahren hat der Druck ausl&auml;ndischer Investoren auf die lateinamerikanischen Staaten von Tag zu Tag zugenommen, und die Zahl der Klagen wegen &bdquo;Vertragsverletzung&ldquo; seitens dieser Staaten hat sich vervielfacht. Von sechs bekannten F&auml;llen im Jahr 1996 ist die Zahl bis heute auf 1.190 angestiegen.<\/p><p>In diesem Zeitraum wurden die Staaten zur Zahlung von 33,638 Milliarden Dollar verurteilt, die somit aus den &ouml;ffentlichen Kassen verschwunden sind. Nach Angaben des Transnational Institute (TNI) mit Sitz in Amsterdam, Niederlande, ist dies ein Drittel mehr als die Verluste, die zwischen 1970 und 2021 durch die Auswirkungen von Klimakatastrophen auf dem Kontinent entstanden sind.<\/p><p>Laut dem j&uuml;ngsten Bericht von Bettina M&uuml;ller und Luciana Ghiotto vom TNI-Forschungsteam, der in der letzten Augustwoche ver&ouml;ffentlicht wurde und aktualisierte Daten bis 31. Dezember 2021 enth&auml;lt, sind Argentinien, Venezuela, Mexiko, Peru und Ecuador mit 211 durch multinationale Unternehmen eingebrachen Klagen die L&auml;nder, die in den letzten drei Jahrzehnten am st&auml;rksten unter juristischem Druck&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tni.org\/es\/publicacion\/isds-en-numeros-Estados-de-Am%C3%A9rica-Latina-y-el-Caribe\">gelitten<\/a>&nbsp;haben.<\/p><p><strong>Ein neoliberales Instrument, das Abh&auml;ngigkeit f&ouml;rdert<\/strong><\/p><p>Bilaterale Investitionsabkommen (BIT) sind die Instrumente, mit denen diese Anspr&uuml;che geltend gemacht werden k&ouml;nnen. Dabei handelt es sich um Abkommen zwischen zwei L&auml;ndern, die darauf abzielen, die Rechtssicherheit von Investoren zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Wie die spanische Organisation Ecologistas en Acci&oacute;n erkl&auml;rt, enthalten sie in der Regel eine Reihe von Standardbestimmungen, die f&uuml;r transnationale Unternehmen stets vorteilhaft sind und zum Beispiel die direkte oder indirekte Enteignung von Unternehmen verhindern. Sie enthalten nur selten Hinweise auf die Menschenrechte.<\/p><p>Die sch&auml;dlichste Bestimmung ist zweifellos jene &uuml;ber die Beilegung von Investor-Staat-Streitigkeiten (Investor-state dispute settlement, ISDS). Wenn ein Unternehmen der Ansicht ist, dass ein Staat die eine oder andere Klausel eines Abkommens nicht eingehalten hat, kann es sich der Justiz dieses Landes entziehen und internationale Gerichte anrufen.<\/p><p>Das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (International Centre for Settlement of Investment Disputes, ICSID), das am h&auml;ufigsten in Anspruch genommen wird, der Internationale Schiedsgerichtshof der Internationalen Handelskammer oder die Kommission der Vereinten Nationen f&uuml;r internationales Handelsrecht sind die Einrichtungen, an die sich gro&szlig;e Unternehmen h&auml;ufig wenden. Diese k&ouml;nnen den betroffenen Anlegern eine Entsch&auml;digung zuerkennen, die in den meisten F&auml;llen auch entgangene Gewinne umfasst, das hei&szlig;t die Gewinne, die dem Anleger nach seiner Berechnung durch die Ma&szlig;nahmen des beklagten Landes entgangen sind und die der Kl&auml;ger als Verletzung seiner Interessen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.ecologistasenaccion.org\/27101\/tratados-bilaterales-de-inversiones\/\">ansieht<\/a>.<\/p><p>Diese Abkommen, die von der spanischen Umweltorganisation als &bdquo;ein grundlegendes Instrument der liberalen Globalisierung&ldquo; bezeichnet werden, profitieren von drei Elementen, die ihr Wesen ausmachen:<\/p><ul>\n<li>Die &auml;u&szlig;erst vage Formulierung der meisten dieser Rechtsinstrumente, die es erm&ouml;glicht, einen Staat aus fast jedem Grund zu verfolgen.<\/li>\n<li>Die undurchsichtigen und intransparenten Methoden, mit denen F&auml;lle gel&ouml;st werden, die letztlich von internationalen Schiedsrichtern entschieden werden.<\/li>\n<li>Und schlie&szlig;lich, wie Ecologistas en Acci&oacute;n hervorhebt, &bdquo;die Einseitigkeit und Ausschlie&szlig;lichkeit von ISDS, da Investoren Staaten anprangern k&ouml;nnen, aber die umgekehrte Situation nicht akzeptieren, das hei&szlig;t, wenn es um Investoren geht, die gegen irgendeinen Teil des Abkommens versto&szlig;en (oder wenn sie Menschenrechte verletzen)&ldquo;.<\/li>\n<\/ul><p>Auf der Website ISDS Impacts, die die Studie von TNI aufgreift, wird erkl&auml;rt, dass &bdquo;das System der Investor-Staat-Streitbeilegung in Tausenden von internationalen Vertr&auml;gen enthalten ist&ldquo;. Es ist der Mechanismus, der es ausl&auml;ndischen Investoren erm&ouml;glicht, Regierungen vor internationalen Gerichten&nbsp;<a href=\"https:\/\/isds-americalatina.org\/\">zu verklagen<\/a>, wenn sie der Meinung sind, dass &Auml;nderungen in der Regierungspolitik &ndash; selbst solche, die dem Schutz der Umwelt oder der Gesundheit dienen &ndash; ihre Gewinne beeintr&auml;chtigen.<\/p><p><strong>Transnationale Konzerne: Raubv&ouml;gel<\/strong><\/p><p>Dem TNI-Bericht zufolge machen die 327 Klagen gegen lateinamerikanische und karibische Staaten in den letzten 30 Jahren ein Viertel aller F&auml;lle aus, die von multinationalen Unternehmen weltweit angestrengt wurden.<\/p><p>In der Region wurde die &uuml;berwiegende Mehrheit (86,8 Prozent der F&auml;lle) von US-amerikanischen, kanadischen und europ&auml;ischen Anlegern eingereicht. Unter den Europ&auml;ern vor allem aus Spanien, den Niederlanden, Gro&szlig;britannien und Frankreich.<\/p><p>Drei von vier F&auml;llen wurden vor das ICSID gebracht, eine der f&uuml;nf Organisationen der&nbsp;<a href=\"https:\/\/icsid.worldbank.org\/es\/acerca\">Weltbankgruppe<\/a>. Die Ergebnisse sprechen f&uuml;r sich: In 62 Prozent der entschiedenen F&auml;lle haben die Unternehmen gegen die Staaten gewonnen, indem sie entweder einen g&uuml;nstigen Schiedsspruch erhielten oder von einer Vergleichsvereinbarung profitierten.<\/p><p>23 der 42 L&auml;nder Lateinamerikas und der Karibik haben bereits Erfahrungen mit dem strengen internationalen Schiedsgerichtssystem gemacht. Besonders heftig werden Argentinien (62 Klagen), Venezuela (55), Mexiko (38), Peru (31) und Ecuador (25) angegriffen.<\/p><p>Dieser Mechanismus zur Verfolgung der Staaten Lateinamerikas hat sich insbesondere zwischen 2011 und 2021 intensiviert. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Klagen von 91 auf 180 und verdoppelte damit die Gesamtzahl der Verfahren. Die meisten dieser Klagen wurden von multinationalen Unternehmen eingereicht, die in den Bereichen Bergbau sowie &Ouml;l- und Gasf&ouml;rderung t&auml;tig sind. Aber auch Unternehmen, die von Gas und Elektrizit&auml;t sowie dem verarbeitenden Gewerbe profitieren, spielen dabei eine bedeutende Rolle.<\/p><p>Argentinien, das 87 Prozent der gegen das Land gerichteten Klagen verloren hat, hat damit auf dem Kontinent die meisten Niederlagen vor solchen Gerichten erlitten. Und es h&auml;lt den Rekord f&uuml;r den Betrag, der in einem einzigen Fall gezahlt worden ist: f&uuml;nf Milliarden Dollar, die im Rahmen einer Vergleichsvereinbarung an das spanische Unternehmen Repsol &uuml;berwiesen wurden. Die verlorenen Gerichtsverfahren kosteten das s&uuml;damerikanische Land 9,222 Milliarden Dollar, die es an die Investoren zahlen musste.<\/p><p>In 64 Prozent der gegen Venezuela &#8210; das von internationalen Gerichten am zweith&auml;ufigsten mit Sanktionen belegte Land des Kontinents &#8210; erhobenen Klagen war die Entscheidung negativ. Zugleich hat das Land den teuersten Schiedsspruch des Kontinents zu seinen Gunsten erhalten. Im Jahr 2019 verurteilte das ICSID-Tribunal den transnationalen Konzern Conoco Phillips zur Zahlung von 8,366 Milliarden Dollar.<\/p><p>Konkret in Geld ausgedr&uuml;ckt, sind die Staaten fast immer die gro&szlig;en Verlierer, stellt das Transnational Institute in seinem j&uuml;ngsten Bericht fest. &bdquo;Rechtsstreitigkeiten kosten sie Millionen von Dollar an Verteidigungs- und Prozesskosten&ldquo;. Selbst in F&auml;llen, in denen die Schiedsgerichte zugunsten der Staaten entscheiden, ist es nicht ungew&ouml;hnlich, dass diese Millionen Dollar f&uuml;r die Beauftragung von Anwaltskanzleien f&uuml;r ihre Verteidigung ausgeben m&uuml;ssen, die bis zu 1.000 Dollar pro Stunde f&uuml;r die Beratung verlangen k&ouml;nnen. Ein emblematischer Fall ist der von Ecuador, das bis 2013 155 Millionen Dollar ausgegeben hat, um seine Rechtsverteidigung zu gew&auml;hrleisten und die Kosten f&uuml;r das Schiedsverfahren zu tragen.<\/p><p>Die von den Unternehmen seit 1996 geforderten Betr&auml;ge belaufen sich laut dem ausf&uuml;hrlichen TNI-Bericht auf 240,733 Milliarden Dollar. Bei 68 der 327 Klagen sind die geforderten Betr&auml;ge jedoch nicht bekannt, so dass diese Zahl deutlich h&ouml;her ist. Die Gerichte haben die lateinamerikanischen Staaten bisher zur Zahlung von 33,638 Milliarden Dollar verurteilt.<\/p><p>Nach Berechnungen der Vereinten Nationen k&ouml;nnte mit diesem Geld das Drama der extremen Armut in 16 L&auml;ndern des Kontinents gel&ouml;st werden.<\/p><p>&bdquo;Dieser Betrag ist h&ouml;her als die Auslandsverschuldung von El Salvador, Nicaragua und Belize zusammen (Werte f&uuml;r 2020) und ist um ein Drittel h&ouml;her als der Gesamtverlust, den die Region zwischen 1971 und 2021 durch Klimakatastrophen erlitten hat&ldquo;, erkl&auml;rt TNI.<\/p><p>In Bezug auf die anh&auml;ngigen Klagen (es ist nur bekannt, was die Unternehmen in 44 der 96 offenen F&auml;lle an Anspr&uuml;chen geltend machen) k&ouml;nnte dies f&uuml;r Lateinamerika und die Karibik zus&auml;tzliche Verluste in H&ouml;he von 49,626 Milliarden Dollar bedeuten. Dies ist die unverbl&uuml;mte und dramatische Realit&auml;t eines ungleichen Kampfes.<\/p><p>Es ist etwa so, als k&auml;mpften im Ring zwei Akteure (ein Boxer und der Schiedsrichter) gemeinsam gegen den anderen Boxer, der durch die Hiebe von vier F&auml;usten K.o. geschlagen wird.<\/p><p><em>Der Beitrag ist zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/lateinamerika-anders.org\/heftausgaben-2016-2022\/lateinamerika-anders-nr-4-dez-2022\/\">lateinamerika anders<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Andrey Burmakin<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=91103\">China und Russland: Bedrohungen f&uuml;r Lateinamerika?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90571\">Stimmen aus Lateinamerika: Die neue Welt aus Sicht der USA<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/4e20dbd0c56444899c36538d9f82d33b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schiedsgerichte entscheiden in 62 Prozent der Streitf&auml;lle f&uuml;r die Konzerne. 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