{"id":949,"date":"2005-11-16T16:44:49","date_gmt":"2005-11-16T14:44:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=949"},"modified":"2016-02-28T10:43:20","modified_gmt":"2016-02-28T09:43:20","slug":"die-gnade-des-neuanfangs-sozialdemokratische-tone-und-weiche-themen-vor-dem-hintergrund-der-harten-politischen-realitat-einer-grosen-koalition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=949","title":{"rendered":"Die Gnade des Neuanfangs: Sozialdemokratische T\u00f6ne und \u201eweiche Themen\u201c vor dem Hintergrund der harten politischen Realit\u00e4t einer Gro\u00dfen Koalition"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r einen &bdquo;sozialisierten Ostdeutschen&ldquo;, wie Matthias Platzeck sich in seiner Bewerbungsrede zum SPD-Vorsitzenden selbst charakterisierte, sind 99,4% Zustimmung bei einer Wahl &uuml;berraschend und fast ein wenig peinlich. Aber nach der Art seiner Rede war das Abstimmungsergebnis nicht erstaunlich. Es war eine Rede, die die Stimmung dieses Parteitages nicht besser h&auml;tte aufnehmen k&ouml;nnen und die die Delegierten nicht h&auml;tte besser ansprechen k&ouml;nnen. Die Rede bot eigentlich keinen Grund, Matthias Platzeck nicht zu w&auml;hlen. Doch wie vertr&auml;gt sich diese Rede mit dem Koalitionsvertrag?<br>\n<!--more--><br>\nWeit mehr als die H&auml;lfte seiner Redezeit widmete sich Matthias Platzeck den Themen wie &bdquo;Zusammenhalt&ldquo;, &bdquo;Integration&ldquo;, er sprach vom &bdquo;Band gesellschaftlicher Gemeinsamkeit&ldquo;, von gef&auml;hrlichen &bdquo;Spaltungslinien&ldquo; in unserer Gesellschaft, von &bdquo;neuen Gef&auml;hrdungen des Zusammenlebens&ldquo;.<br>\nEr redete von der SPD als der &bdquo;Partei der einen und zusammengeh&ouml;renden Gesellschaft&ldquo;, der Partei &bdquo;der Lebenschancen f&uuml;r alle&ldquo;, der Partei &bdquo;des sozialen Zusammenhalts&ldquo;, der &bdquo;Chancengleichheit&ldquo;, der &bdquo;inneren Einheit&ldquo;, der &bdquo;Solidarit&auml;t und der Nachhaltigkeit&ldquo;, der Partei &bdquo;der Aufkl&auml;rung und des Fortschritts&ldquo;.<br>\nDer SPD gehe es &bdquo;um die soziale Durchl&auml;ssigkeit unserer Gesellschaft, um Aufstiegschancen f&uuml;r alle, darum, dass das Leben aller Menschen nach vorne hin offen sein muss und nicht bereits vorherbestimmt ist durch Geburt, durch den Geldbeutel oder Postanschrift der Eltern.&ldquo;<\/p><p>Er trumpfte mit den alten Werten auf: &bdquo;Es geht um den Leitstern der Freiheit. Es geht um den Leitstern der Gerechtigkeit und es geht um den Leitstern der Solidarit&auml;t. Diese Ziele der sozialen Demokratie werden f&uuml;r unser Land im neuen Jahrhundert um nichts weniger wichtig sein, als sie es im 19. und 20. Jahrhundert waren.&ldquo; (Gleichheit fehlte allerdings.)<\/p><p>So hatte schon lange kein sozialdemokratischer Spitzenpolitiker mehr &uuml;ber den Sozialstaat gesprochen: &bdquo;Den st&auml;ndig herbeigeredeten marktradikalen Mainstream in unserer Gesellschaft gibt es in Wirklichkeit gar nicht.&ldquo; Im Gegenteil: &bdquo;Die Grundidee des Sozialstaates und das Prinzip der sozialen Demokratie leben; sie erfreuen sich ungebrochener Zustimmung und Beliebtheit nicht nur in unserem Lande, sondern in ganz Europa.&ldquo; <\/p><p>Platzeck verortete die SPD als &bdquo;Partei der linken Mitte&ldquo; und f&uuml;r sein Verst&auml;ndnis von &bdquo;links&ldquo;, &ouml;ffnete er erneut den gesamten altgewohnten Begriffsapparat. Als sein gesellschaftliches Vorbild gab er das skandinavische Modell aus: &bdquo;Jeder wird gef&ouml;rdert, jeder wird gefordert, niemand darf zur&uuml;ckgelassen werden, keiner wird aufgegeben.&ldquo;<\/p><p>Nach Jahren &bdquo;Basta&ldquo;-Vorsitz von Schr&ouml;der und nahezu bedingungslos eingeforderter Disziplin durch M&uuml;ntefering, atmeten die Delegierten erleichtert auf, als sie von ihrem designierten Vorsitzenden h&ouml;rten: &bdquo;Ich m&ouml;chte, dass die deutsche Sozialdemokratie auch weiterhin eine lebhafte, eine diskussionsfreudige Partei ist.&ldquo; Sie sei eine Partei mit einer &bdquo;offenen Diskussionskultur&ldquo;. Oder: &bdquo;Wir brauchen die jungen Leute. Wir brauchen die Talente.&ldquo; Und: &bdquo;Ich w&uuml;nsche mir, dass unsere Partei ein Ort ist, an dem gute Ideen und Engagement jederzeit eine Anlaufstelle haben.&ldquo;<br>\nAn die Adresse der Gewerkschaften gerichtet, versprach er eine &bdquo;Erneuerungspartnerschaft f&uuml;r unser Land zwischen der SPD und den Gewerkschaften.&ldquo;<br>\nKurz: Der neue Vorsitzende redete &bdquo;sozialdemokratisch&ldquo; und arbeitnehmerorientiert, er sprach von &bdquo;links&ldquo; und er will wieder eine &bdquo;lebhafte und diskussionsfreudige Partei&ldquo;.<br>\nEs gab also wirklich keinen Grund, ihn nicht zu w&auml;hlen. Und sein Wahlergebnis war dem entsprechend.<\/p><p>Anders als seine Vorg&auml;nger vermied er tunlichst, von einer &bdquo;konsequenten Fortsetzung der Reformpolitik&ldquo; zu sprechen. Weder &bdquo;Reformpolitik&ldquo;, noch &bdquo;Agenda 2010&ldquo;, noch &bdquo;Hartz&ldquo; kamen in seiner Rede vor. Platzeck redete freundlicher vom &bdquo;Kurs der inneren Erneuerung&ldquo; oder von &bdquo;Weiterentwicklung&ldquo;.<br>\nUnd weil er die Vorgeschichte doch nicht ganz ausblenden konnte und seine Vorg&auml;nger im Amt ja auch loben musste, sagte er ganz vorsichtig: &bdquo;Mit Gerhard Schr&ouml;der und Franz M&uuml;ntefering an der Spitze hat die SPD den richtigen Weg f&uuml;r unser Land entschlossen eingeschlagen.&ldquo;<br>\nKonkreter wollte er, was die harten Themen Wirtschaft, soziale Sicherung, Finanzpolitik oder Steuerpolitik angeht, nicht werden. <\/p><p>Daf&uuml;r gab er den &bdquo;weichen Themen&ldquo; um so mehr Raum:<br>\nBildung sei f&uuml;r ihn der Schl&uuml;ssel f&uuml;r eine sozialdemokratische Welt der Zukunft. Bildung sei &bdquo;die soziale Gerechtigkeitsfrage des begonnenen Jahrhunderts schlechthin&ldquo;, entscheidend sei &bdquo;ob es uns gelingt, gute und gleiche Bildungschancen f&uuml;r alle zu organisieren.&ldquo;<br>\nEr forderte eine bessere Familienpolitik als Voraussetzung von mehr Kindern. Er lobte das Alter und forderte vor allem ein besseres, vertrauensvolleres und optimistischeres &bdquo;Miteinander&ldquo;.<\/p><p>Das ging den Delegierten an die Seele und als er dann am Schluss noch seine ostdeutsche Biografie ansprach und die (nur) zehnj&auml;hrige Mitgliedschaft in der SPD als &bdquo;die zehn der besten und gl&uuml;cklichsten Jahre meines Lebens&ldquo; nannte, da hatte ihn der Parteitag in sein Herz geschlossen.<\/p><p>Ich will nun Matthias Platzeck nicht schon nach seiner Bewerbungsrede um den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei kritische Unterstellungen machen. Er m&ouml;ge von der Gnade des Neuanfangs zehren. Wenn man jedoch diese Rede vor dem Hintergrund des am Tag zuvor mit &auml;hnlichen Mehrheiten angenommenen Koalitionsvertrages sieht und wenn man das gleichfalls &uuml;berw&auml;ltigende Mandat des Parteitags an die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder betrachtet, so musste man den Eindruck bekommen, dass man auf zwei Parteitagen gewesen ist.<br>\nAuch Platzeck redete am Vortag noch ganz anders, so als er den Satz sagte: &bdquo;Wir k&ouml;nnen auf die sieben Jahre, in denen wir nach langer Pause wieder Verantwortung f&uuml;r Deutschland getragen haben, sehr stolz sein.&ldquo; Oder: Dass sich die Sozialdemokraten mit gutem Gewissen mit dem Koalitionsvertrag sehen lassen k&ouml;nnten.<\/p><p>Sollte die k&uuml;nftige Arbeitsteilung zwischen SPD-Regierungsmitgliedern und der Partei so sein, dass der Vorsitzende der SPD die sozialdemokratische Seele anspricht und die Regierungsmitglieder die notwendige &bdquo;Drecksarbeit&ldquo; machen, so bek&auml;me die SPD ein noch gr&ouml;&szlig;eres Problem mit ihrer Glaubw&uuml;rdigkeit, als sie das schon die letzten Jahre hatte. <\/p><p>Oder aber &ndash; und das w&auml;re angesichts der Inhalte der Rede Platzecks schade &ndash; Matthias Platzeck w&uuml;rde diejenigen, die seinen Worten Glauben geschenkt haben, tief entt&auml;uschen &ndash; weil Reden und Handeln einmal mehr weit auseinanderklafften. Der Spagat w&uuml;rde so gar noch gespreizter und noch viel schmerzhafter.<\/p><p>Matthias Platzeck l&auml;uft mit seiner Rede zum Parteivorsitz ein hohes Risiko, f&uuml;r sich selbst und f&uuml;r seine Partei. Man kann nur hoffen, dass ihn die Regierungsmitglieder der SPD in der Gro&szlig;en Koalition von der Welle der geradezu euphorischen Zustimmung nicht schon recht bald wieder auf den Boden der harten politischen zur&uuml;ckschleudern.<br>\nAn Gerhard Schr&ouml;ders Mimik war jedenfalls w&auml;hrend dieser Rede keine allzu gro&szlig;e Begeisterung abzulesen: He was not very amused &ndash; und Clement schon gar nicht.<br>\nAber die sitzen ja nicht mehr in der Regierung. M&uuml;ntefering mimte mal wieder die Sphinx.<br>\nUnd Steinbr&uuml;ck drohte, dass er eine solche Arbeitsteilung zwischen Partei und Regierung nicht mitmachen werde und deshalb in den Vorstand wolle.<br>\nAngesichts dieser Drohkulissen kann einem Matthias Platzeck schon jetzt ein wenig leid tun.<br>\nVielleicht war seine Rede, mit der um eine m&ouml;glichst gro&szlig;e Zustimmung war, schon sein erster gro&szlig;er Fehler als SPD-Parteivorsitzender.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r einen &bdquo;sozialisierten Ostdeutschen&ldquo;, wie Matthias Platzeck sich in seiner Bewerbungsrede zum SPD-Vorsitzenden selbst charakterisierte, sind 99,4% Zustimmung bei einer Wahl &uuml;berraschend und fast ein wenig peinlich. Aber nach der Art seiner Rede war das Abstimmungsergebnis nicht erstaunlich. 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