{"id":94957,"date":"2023-03-13T11:00:05","date_gmt":"2023-03-13T10:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94957"},"modified":"2023-03-13T18:22:08","modified_gmt":"2023-03-13T17:22:08","slug":"kein-oscar-fuer-wolodymyr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94957","title":{"rendered":"Kein Oscar f\u00fcr Wolodymyr"},"content":{"rendered":"<p>Bei der heute Nacht in Los Angeles zelebrierten 95. Verleihung der Academy Awards, besser bekannt als Oscars, fehlte eine Person, die im letzten Jahr schon zum festen Inventar internationaler Film- und Medienpreise geh&ouml;rte &ndash; der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj. Cannes, Venedig, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93935\">Berlin<\/a>, die Grammys, die Golden Globes &ndash; stets durfte der zugeschaltete Selenskyj mit hoch emotionalen Appellen von der gro&szlig;en Leinwand seine Propaganda unter das Volk bringen und die Kulturbranche huldigte ihm. Nicht so heute Nacht im Dolby Theatre. Obgleich auch hier eine Zuschaltung beantragt wurde, stie&szlig; Selenskyj diesmal auf eine Ablehnung. Deutsche Medien spekulierten bereits, dass Selenskyj &bdquo;unerw&uuml;nscht&ldquo; ist <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/hollywood-ukrainischer-praesident-abgeblitzt-wolodymyr-selenskyj-ist-bei-den-oscars-unerwuenscht-weil-er-weiss-ist-li.326376\">&bdquo;weil er wei&szlig;&ldquo;<\/a> oder ein Opfer von <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/oscars-2023-selenskij-absage-1.5766544\">&bdquo;Diversit&auml;tsgr&uuml;nden&ldquo;<\/a> sei. Doch das ist oberfl&auml;chlich. Ausnahmsweise hat Hollywood hier einmal richtig entschieden. Die &uuml;berragende Rolle des Ukraine-Krieges in unserer Aufmerksamkeits&ouml;konomie hat nat&uuml;rlich auch etwas damit zu tun, dass hier &bdquo;Wei&szlig;e und Wei&szlig;e&ldquo; sich gegenseitig massakrieren. Opferreiche Kriege in Afrika oder Asien interessieren uns und unsere Kulturelite nicht die Bohne. Und daran wird sich wohl auch nichts &auml;ndern. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_730\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-94957-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=94957-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230313_Kein_Oscar_fuer_Wolodymyr_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>K&ouml;nnen Sie sich vorstellen, dass ein gewisser Debretsion Gebremichael bei einer Filmpreisverleihung zugeschaltet wird und dort hoch emotional an die Welt&ouml;ffentlichkeit appelliert, seine Truppen mit Geld und Waffen zu unterst&uuml;tzen? Sicher nicht, nur die wenigsten von Ihnen werden wissen, wer Gebremichael ist &ndash; auch ich musste das erst &bdquo;ergoogeln&ldquo;. Debretsion Gebremichael ist F&uuml;hrer der Volksbefreiungsfront von Tigray, einer der Kriegsparteien im eritreischen B&uuml;rgerkrieg. Zumindest in Hollywood d&uuml;rfte wohl auch kaum wer wissen, wo Eritrea auf der Landkarte liegt. Dabei hat der dort seit November 2020 tobende B&uuml;rgerkrieg bereits mehr als 600.000 Menschen das Leben gekostet.<\/p><p>Auch Abdul-Malik al-Houthi d&uuml;rfte nicht einmal im Traum die Chance haben, seine Propaganda vor and&auml;chtig staunenden Filmstars von einer Riesenleinwand kundzutun. Al-Houthi ist politischer F&uuml;hrer der Huthi-Milizen, einer Kriegspartei im Jemen-Krieg, der mittlerweile fast 400.000 Todesopfer gefordert hat. Gleiches gilt f&uuml;r F&eacute;lix Tshisekedi, dem derzeitigen Pr&auml;sidenten der Demokratischen Republik Kongo, der im Osten des Landes einen B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hrt, bei dem Millionen Menschen gewaltsam vertrieben worden &ndash; die Kriege im Kongo, bei denen es vor allem um den Zugang zu den Rohstoffen geht, die der Westen f&uuml;r seine Technologien ben&ouml;tigt, haben insgesamt mehr als 12 Millionen Menschen das Leben gekostet.<\/p><p>Doch kaum wer im Westen wei&szlig; etwas von diesen Kriegen und es ist vollkommen undenkbar, dass ein Kriegsf&uuml;hrer in einem dieser Konflikte, die seit Ewigkeiten in Asien und Afrika toben, seine Positionen privilegiert vor der westlichen Kulturelite und der Welt&ouml;ffentlichkeit vertreten darf. Warum wird Wolodymyr Selenskyj dieses Privileg zugestanden?<\/p><p>Das ist &ndash; ein wenig zugespitzt &ndash; der Grund, den Will Packer, der Produzent der Oscar-Verleihung, dem Branchenmagazin Variety zufolge <a href=\"https:\/\/variety.com\/2023\/film\/news\/volodymyr-zelensky-ukraine-oscars-appearance-russia-1235547499\/\">f&uuml;r die Absage an Selenskyj nannte<\/a>.<\/p><blockquote><p>\nQuellen zufolge &auml;u&szlig;erte Packer die Bef&uuml;rchtung, dass Hollywood der Ukraine nur deshalb so viel Aufmerksamkeit schenkt, weil die von dem Konflikt betroffenen Menschen wei&szlig; sind. Im Gegensatz dazu habe Hollywood Kriege auf der ganzen Welt ignoriert, von denen farbige Menschen betroffen seien, argumentierte er. Packer reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme. Es ist unklar, was die Gr&uuml;nde f&uuml;r die diesj&auml;hrige Ablehnung der Oscars sind, aber die Academy zieht es traditionell vor, sich auf die Beitr&auml;ge der Filmemacher zu konzentrieren und sich von allem Politischen fernzuhalten.\n<\/p><\/blockquote><p>Die Aussage, dass sich &bdquo;die Academy&ldquo; von politischen Fragen fernhielte, ist nat&uuml;rlich grober Unfug. Aber das ist ein anderes Thema. Dass Hollywood seit jeher konsequent Kriege ignoriert, in denen die Opfer farbig sind, ist jedoch Fakt. Ausnahmen wie der sehr sehenswerte, aber nun auch schon fast 20 Jahre alte, Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hotel_Ruanda\">&bdquo;Hotel Ruanda&ldquo;<\/a>, der den V&ouml;lkermord in Ruanda thematisiert, jedoch auch zu gro&szlig;en Teilen die Geschichte wei&szlig;er Figuren behandelt, best&auml;tigen die Regel. Wei&szlig;e Opfer ziehen die zahlenden Zuschauer ins Kino und bieten ein passendes Werbeumfeld im Free TV. Schwarze Opfer interessieren nicht und lassen sich schlecht vermarkten. <\/p><p>Wenn die &bdquo;Diversit&auml;tsdebatte&ldquo; tats&auml;chlich dazu f&uuml;hren sollte, unsere Aufmerksamkeit auf die Kriege und Missst&auml;nde im Globalen S&uuml;den zu lenken, so w&auml;re das ja in der Tat ein &bdquo;Kollateralnutzen&ldquo;. Die Botschaft h&ouml;r&rsquo; ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Wahrscheinlicher ist, dass Selenskyj eher ein Kollateralschaden der in Hollywood tobenden &bdquo;Rassendebatte&ldquo; geworden ist. W&auml;hrend die Hautfarbe in einer besseren Welt keine Rolle spielen sollte, spielt sie im Filmgesch&auml;ft und vor allem bei den Preisverleihungen eine immer gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Im Idealfall sollte nach dem Selbstverst&auml;ndnis der &bdquo;Diversit&auml;tsdebatte&ldquo; eine Oscar-Verleihung so aussehen wie die Besetzung einer Netflix-Serie, quotiert nach M&auml;nnlein, Weiblein und Divers, wei&szlig;, schwarz, asiatisch und Latino. Und da hat Selenskyj als wei&szlig;er, heterosexueller Mann nat&uuml;rlich keine allzu guten Karten. Zynisch k&ouml;nnte man sagen, das politisch korrekte &bdquo;Hollywood-Quartett&ldquo; hat anscheinend seine eigenen Regeln: &bdquo;Jahrhundertelang unterdr&uuml;ckte farbige Minderheit&ldquo; schl&auml;gt &bdquo;Brutal vom Russen &uuml;berfallene Wertewestler&ldquo;. So &bdquo;weit&ldquo; ist man in Europa noch nicht.<\/p><p>Aber am Ende z&auml;hlt ja ohnehin nur das gro&szlig;e Geld, das das Spektakel finanziert. So stand diesmal Asien im Fokus. Der Siegerfilm &bdquo;Everything Everywhere All at Once&ldquo; erz&auml;hlt von einer chinast&auml;mmigen Migrantin in den USA. Die Oscars f&uuml;r den besten Film, die beste Regie, das beste Originaldrehbuch, die beste Hauptdarstellerin und den besten Nebendarsteller gingen diesmal an K&uuml;nstler mit ostasiatischen Wurzeln. Die Verneigung vor einem Wachstumsmarkt? Die Ber&uuml;cksichtigung einer gro&szlig;en Minderheit in den USA, die bislang bei den Oscars eher weniger ber&uuml;cksichtigt wurde? Dar&uuml;ber d&uuml;rfen sich die Experten streiten. Als kleine Randnotiz: Afrika spielte auch in diesem Jahr keine Rolle bei der Oscar-Verleihung. Und zumindest daran d&uuml;rfte sich auch in Zukunft nichts &auml;ndern.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/4f12d70b5e204faca94686002cd5be13\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der heute Nacht in Los Angeles zelebrierten 95. Verleihung der Academy Awards, besser bekannt als Oscars, fehlte eine Person, die im letzten Jahr schon zum festen Inventar internationaler Film- und Medienpreise geh&ouml;rte &ndash; der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj. 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