{"id":95,"date":"2004-10-27T14:37:31","date_gmt":"2004-10-27T13:37:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=95"},"modified":"2016-03-24T11:29:21","modified_gmt":"2016-03-24T10:29:21","slug":"verlierer-am-rechten-rand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95","title":{"rendered":"Verlierer am rechten Rand"},"content":{"rendered":"<p>Neun Prozent f&uuml;r die NPD in Sachsen, sechs f&uuml;r die DVU in Brandenburg. F&uuml;r Eingeweihte war das nicht &uuml;bberraschen. Wer sich von der Gesellschaft abgeh&auml;ngt f&uuml;hlt, ist schwer f&uuml;r die Demokratie zu gewinnen. Albrecht M&uuml;ller im vorw&auml;rts Oktober 2004.<br>\n<!--more--><br>\nWie gehen wir mit den Rechtsradikalen um, wird nach dem Schock vom Abend der Wahl in Brandenburg und Sachsen gefragt. Ich verstehe die Aufregung nicht ganz. Denn so verwunderlich sind die Wahlergebnisse nun auch wieder nicht. Ausl&auml;nderfeindlichkeit und zunehmende Gewalt gegen anders lebende Jugendliche z.B., davon wissen wir seit Jahren. Wir kennen auch einige der Ursachen. Wenn ein Viertel aller Arbeitsf&auml;higen einer Region ohne Arbeit ist, dann ist es kein Wunder, dass sie das Vertrauen in die Politik verlieren, sich zur&uuml;ckziehen oder radikal w&auml;hlen.<br>\nGenauso bedr&uuml;ckend wie die Wahl der Rechtsradikalen ist &uuml;brigens die Tatsache, dass in Brandenburg und in Sachsen fast die H&auml;lfte der W&auml;hler (44 bzw. 41 Prozent) nicht zur Wahl gegangen sind. In der Folge der ersten gr&ouml;&szlig;eren Rezession von 1966 ist die NPD auch mit ungef&auml;hr zehn Prozent in den Landtag von Baden-W&uuml;rttemberg gew&auml;hlt worden. Damals regierte im Bund eine gro&szlig;e Koalition, die W&auml;hler hatten keine Wahl. Heute empfinden es viele W&auml;hler &auml;hnlich, weil aus ihrer Sicht alle vier Bundestagsfraktionen die gleiche politische Linie fahren.<br>\nMit diesen Anmerkungen soll der Einzug der Rechtsradikalen in die beiden Landtage nicht verharmlost werden. Ihr Wahlerfolg ist nicht harmlos, zumal die beiden Parteien DVU und NPD bei den Jungen besonders erfolgreich waren. Die Politik und die Medien m&uuml;ssen sich um dieses Ph&auml;nomen k&uuml;mmern. Allerdings etwas anders als im Umfeld des Wahlabends. <\/p><p>Zun&auml;chst: wenn die F&uuml;hrungskader dieser Parteien verfassungsfeindliche Ziele verfolgen, dann muss trotz Scheiterns des letzten Verbotsverfahrens gepr&uuml;ft werden, ob ein neuer Versuch m&ouml;glich und sinnvoll ist. Die Hauptarbeit wird aber politisch zu leisten sein. Ein solcher Wahlerfolg hat Ursachen. Da sollten wir ansetzen und notfalls auch die Politik und den Umgang mit jenen, die heute f&uuml;r rechtsradikale Parolen empf&auml;nglich sind, &auml;ndern. Dazu vier Hinweise: <\/p><p>Erstens: Arbeit zu schaffen ist das Wichtigste, auch das Schwierigste, das gebe ich zu. Aber wir haben es auch bei der erw&auml;hnten ersten Rezession und dem damaligen Anstieg der NPD-Stimmen geschafft. Es gibt keine Gr&uuml;nde, dies nicht wieder zu schaffen, und schon gar nicht gibt es Gr&uuml;nde, Vollbesch&auml;ftigung nicht schaffen zu wollen. Wer davon redet, ausreichendes Wachstum und damit Vollbesch&auml;ftigung seien nicht mehr m&ouml;glich, oder uns gehe die Arbeit aus, oder der Osten bleibe halt abgeh&auml;ngt, darf sich doch nicht wundern, dass Rattenf&auml;nger leichtes Spiel haben. Es gibt genug zu tun. Nur wenn unsere Volkswirtschaft insgesamt anzieht, werden auch die &ouml;konomisch schwierigeren Regionen mitgezogen. Gemessen an dieser Notwendigkeit ist alles andere wie etwa die vorgeschlagene Kernbildung im Osten zweitrangig. <\/p><p>Zweitens: Der Stolz auf unsere bisher erfolgreiche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die Rechtsradikalen wollen ein anderes politisches System, sie setzen auf Unzufriedenheit mit dem herrschenden System. Die g&auml;ngige neoliberale Agitation gegen die Sozialstaatlichkeit und f&uuml;r den Systemwechsel ist Wasser auf ihre M&uuml;hlen, &uuml;brigens genauso wie das Gerede vom angeblich sterbenden Volk. Konkret: SPIEGEL-Titel wie &ldquo;Das schwarz-rot-goldene Himmelbett&rdquo; oder &ldquo;Wer arbeitet ist der Dumme&rdquo; oder &ldquo;Die blockierte Republik&rdquo; oder &ldquo;Der letzte Deutsche&rdquo; f&ouml;rdern die Systemunzufriedenheit und d&uuml;ngen damit den Boden f&uuml;r die Rechtsradikalen. Ich erinnere auch an die Asylanten-Kampagne von BILD und an die vielen ver&auml;chtlichen Kommentare von Medien, Wissenschaft und Politik zur Sozialstaatlichkeit der Bundesrepublik. Fazit: Wenn wir uns auf die Qualit&auml;ten des Modells Deutschland bes&auml;nnen, statt dieses Modell zu verh&ouml;hnen, w&uuml;rden wir Sympathien bei jenen gewinnen, die von den Rechtsradikalen heute missbraucht werden. <\/p><p>Drittens: Der Zusammenhalt der gesamten Gesellschaft ist wichtig. Die Rechtsradikalen grasen in den Reihen der Perspektivlosen, der Geringverdiener und Arbeitslosen. Das wird ihnen gut und immer besser gelingen, wenn diese Menschen vom Rest abgeh&auml;ngt werden und der Unterschied zwischen Reich und Arm, zwischen Eliten und Unterschicht gr&ouml;&szlig;er wird. In meiner Kolumne vom Juli bin ich auf &Uuml;berlegungen, das untere F&uuml;nftel abzuh&auml;ngen, eingegangen. Solche &Uuml;berlegungen sind so verheerend wie das Gerede vom angeblich notwendigen Niedriglohnsektor. Ja, was erwartet man denn an politischer Reaktion von Menschen, deren Verdienstm&ouml;glichkeit vorneweg so etikettiert wird? Sollen sie bei Wahlen freudig ja sagen zum Abgeschobensein in einen Niedriglohnsektor? Die Arroganz der Eliten, also der gut Ausgebildeten aus dem oberen Drittel gegen&uuml;ber den &ldquo;Minderbemittelten&rdquo; war auch am Wahlabend sichtbar geworden. Wie da die geistige Schw&auml;che und k&ouml;rperliche Abnormit&auml;t der Vertreter\/innen der Rechtsradikalen herausgesch&auml;lt und verspottet wurde, war sehr arrogant. Das st&ouml;rt mich, weil es zur Solidarisierung mit diesen Personen f&uuml;hrt. <\/p><p>Zur Solidarisierung veranlasst auch, wer einfachste demokratische Gepflogenheiten missachtet. Das ist mein vierter Punkt. Medienvertreter, die ihre Interviewpartner nicht ausreden lassen und sich gleichzeitig den etablierten Parteien gegen&uuml;ber lammfromm geben, best&auml;tigen die von den Rechten gesch&uuml;rten Vorurteile gegen unsere Demokratie. Ich verstehe ja, dass es nicht angenehm ist, die Funktion&auml;re der NPD und DVU zu interviewen und m&ouml;glicherweise verfassungsfeindliche Parolen zu verbreiten. Aber ist es wirklich so viel angenehmer und verfassungsfreundlicher, Guido Westerwelle zu interviewen, wenn dieser den grundgesetzwidrigen Systemwechsel fordert? Wer Freunde f&uuml;r die Demokratie gewinnen will, muss mit gleichem Ma&szlig; messen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neun Prozent f&uuml;r die NPD in Sachsen, sechs f&uuml;r die DVU in Brandenburg. F&uuml;r Eingeweihte war das nicht &uuml;bberraschen. Wer sich von der Gesellschaft abgeh&auml;ngt f&uuml;hlt, ist schwer f&uuml;r die Demokratie zu gewinnen. 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