{"id":950,"date":"2005-11-19T16:45:56","date_gmt":"2005-11-19T14:45:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=950"},"modified":"2016-02-28T10:32:29","modified_gmt":"2016-02-28T09:32:29","slug":"the-times-economic-view-deutschland-riskiert-eine-verlorene-dekade-nach-der-art-japans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=950","title":{"rendered":"The Times \u2013 Economic View: \u201eDeutschland riskiert eine verlorene Dekade nach der Art Japans\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschlands Plan, das eingestandene &ouml;konomische Versagen dadurch zu korrigieren, dass man exakt das Gegenteil von dem tut, was die moderne &Ouml;konomie vorschl&auml;gt, ist sicher eine herausragende und neue Idee.&ldquo; Ein Leser hat f&uuml;r uns einen lesenswerten Beitrag aus der Times &uuml;bertragen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Deutschland riskiert eine verlorene Dekade nach der Art Japans <\/strong><\/p><p>Von Anatole Kaletsky <\/p><p>Nach zwei Monaten politischen Pferdehandels hat Deutschlands neue Regierungskoalition am letzten Freitag ihr Programm vorgelegt. Da Deutschland die gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft in Europa und die drittgr&ouml;&szlig;te der Welt darstellt, war das ein Ereignis von einiger Wichtigkeit. Trotzdem haben die &ouml;konomischen Ideen, die hinter diesem Programm stehen und, gelinde gesagt, sehr ungew&ouml;hnlich sind, erstaunlich wenige Debatten ausgel&ouml;st.<\/p><p>Die neue deutsche Regierung startet eines der verwegensten Experimente, die je in der Geschichte der &Ouml;konomie &ndash; oder besser der Anti-&Ouml;konomie &ndash; unternommen wurden. Deutschland war in den vergangenen drei Jahren einer der depressivsten &Ouml;konomien der Welt, mit dem schw&auml;chsten Wachstum an wirtschaftlicher T&auml;tigkeit und Konsum. Die Koalitionspartner &ndash; die entgegen gesetzten Enden des politischen Spektrums repr&auml;sentierend &ndash; fanden es bei den meisten Punkten nicht leicht, eine gemeinsame Ebene zu finden, aber auf einen Punkt konnten sie sich gemeinsam und enthusiastisch einigen:<br>\nDer Weg, eine von Massenarbeitslosigkeit und stagnierendem Konsum geplagte Wirtschaft zu stimulieren, besteht in Steuererh&ouml;hungen.<\/p><p>Deutschlands Plan, das eingestandene &ouml;konomische Versagen dadurch zu korrigieren, dass man exakt das Gegenteil von dem tut, was die moderne &Ouml;konomie vorschl&auml;gt, ist sicher eine herausragende und neue Idee. Jim O&rsquo;Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, bemerkte neulich im Fernsehen, deutsche Politiker ben&auml;hmen sich, als ob sie noch nie ein Lehrbuch der &Ouml;konomie gesehen h&auml;tten, geschweige denn verstanden.<\/p><p>Dementsprechend hat die deutsche Regierung beschlossen, eine der umfangreichsten Steuererh&ouml;hungen der Nachkriegsgeschichte durchzuf&uuml;hren und diese auf die schw&auml;chsten und sensibelsten Teile der Wirtschaft zielen zu lassen: Konsum, der unter einer dreiprozentigen Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer leiden wird, sowie Wohnen, das vom Abbau von Anreizen f&uuml;r Eigenheime getroffen wird. Zus&auml;tzlich, um Beschwerden abzuwehren, die neuen Verbrauchssteuern tr&auml;fen &uuml;berwiegend &auml;rmere Konsumenten, wird die Regierung auch die Reichen angehen, indem sie den H&ouml;chststeuersatz der Einkommensteuer von 42 auf 45% erh&ouml;ht.<\/p><p>Es scheint, als liefe Angela Merkels Idee eines Kompromisses zwischen Christdemokraten, deren unpopul&auml;rste Idee die Mehrwertsteuererh&ouml;hung war, und den Sozialdemokraten, deren meist gescholtene die nach Einkommenssteuererh&ouml;hung war, darauf hinaus, die jeweils unpopul&auml;rsten Forderungen zu kombinieren und alles weitere fallen zu lassen.<\/p><p>Als ich vor ein paar Tagen mit einem der prominentesten &Ouml;konomen Deutschlands sprach, f&uuml;hrte ich an, dass ein Absinken des Konsums als Antwort auf h&ouml;here Steuern mehr als eine theoretische M&ouml;glichkeit, sondern vielmehr eine wohlbegr&uuml;ndete empirische Tatsache sei &ndash; gest&uuml;tzt auf breite Erfahrung in einer gro&szlig;en Anzahl von L&auml;ndern.<\/p><p>&ldquo;Vielleicht&rdquo; entgegnete er, &ldquo;aber die Deutschen sind anders. Wenn in Deutschland Steuern erh&ouml;ht werden, kann ich Ihnen garantieren, dass Verbraucher mehr Vertrauen haben und mehr ausgeben werden. Sehen Sie, wir Deutschen machen uns heutzutage mehr Sorgen hinsichtlich der Staatsverschuldung als &uuml;ber unsere eigenen Einkommen.&rdquo;<\/p><p>Wenn sich das bewahrheiten w&uuml;rde &ndash; und die Deutschen als Reaktion auf Merkels Steuererh&ouml;hungen wirklich mehr ausgeben &ndash; wird das sicher eines der unerwartetsten Ereignisse in der Geschichte der &Ouml;konomie sein. Wie stehen also die Chancen, dass das Merkelsche Experiment erfolgreich sein wird? Die Erfahrung lehrt, dass Stimulation der Wirtschaft durch Steuererh&ouml;hungen unwahrscheinlich ist, aber nicht v&ouml;llig unm&ouml;glich. Lassen Sie mich mit den schlechten Nachrichten beginnen. Die engste Parallele zum aktuellen deutschen Versuch ist die Erh&ouml;hung der Verbrauchssteuern, die die Hashimoto-Regierung in Japan 1997 vornahm. Die japanische Wirtschaft war schon seit f&uuml;nf Jahren vor der Erh&ouml;hung depressiv (wie die deutsche seit 2001), aber der japanische Konsum stieg von 1991-96 noch um durchschnittlich 2,3% pro Jahr. In dem Jahr nach der Steuererh&ouml;hung fiel er um drei Prozentpunkte um dann in den folgenden f&uuml;nf Jahren um gerade einmal magere 0,2% zu steigen.<\/p><p>Dieser Zusammenbruch des japanischen Binnenmarktes (Konsums) von 1997 an l&ouml;ste die asiatische Finanzkrise und die riesigen wirtschaftlichen Verwerfungen, die sie begleiteten, aus. In anderen Worten, die Steuererh&ouml;hung von 1997 war nachweisbar die desastr&ouml;seste &ouml;konomische Entscheidung irgendeiner bedeutenderen Regierung seit dem Smooth-Hawley-Tarif von 1931.<\/p><p>Wenn in Deutschland eine &auml;hnliche Entwicklung folgt &ndash; und das ist h&ouml;chst wahrscheinlich &ndash; wird die Merkelsche Steuerschraube Deutschland f&uuml;r den Rest des Jahrzehnts zur Depression verurteilen und ziemlich wahrscheinlich eine asien-&auml;hnliche Finanzkrise in weiten Teilen Osteuropas in den n&auml;chsten ein bis zwei Jahren ausl&ouml;sen.<\/p><p>Es gibt jedoch eine entfernte M&ouml;glichkeit eines g&uuml;tigeren Ausgangs. Die letzten 20 Jahre gab es ein paar Beispiele, wo Regierungen es geschafft haben Steuererh&ouml;hungen so zu gestalten, dass sie Wirtschaftswachstum angesto&szlig;en haben &ndash; vor allem Bill Clinton&rsquo;s Steuererh&ouml;hungen Mitte der 90er, Norman Lamont&rsquo;s Sparbudget nach dem Schwarzen Mittwoch sowie das Thatcher Budget von 1981.<\/p><p>Kann es sein, dass der deutsche Steuerplan zu einer weiteren derartigen &Uuml;berraschung wird? Es w&auml;re immerhin m&ouml;glich.<\/p><p>Die deutsche Koalition hat eine sinnvolle Entscheidung getroffen: Anstatt die Erh&ouml;hung so bald als m&ouml;glich zu machen, haben sie sie auf Januar 2007 verschoben. Dadurch ist es m&ouml;glich, dass deutsche Verbraucher n&auml;chstes Jahr vermehrt konsumieren werden, um der Erh&ouml;hung 2007 zu entgehen. Das vorgezogene Konsumieren k&ouml;nnte der Wirtschaft einen zeitweiligen Schub im n&auml;chsten Jahr versetzen, das w&uuml;rde aber den Einbruch 2007 nur umso schlimmer machen (wie auch in Japan vor zehn Jahren).<\/p><p>Auch sind alle F&auml;lle, in denen Steuererh&ouml;hungen zur Erholung einer Wirtschaft gef&uuml;hrt haben, sehr leicht zu erkl&auml;ren: die Erh&ouml;hungen waren jeweils begleitet von drastischen Zinssenkungen und einer W&auml;hrungsabwertung.<\/p><p>Wenn die deutsche Steuererh&ouml;hung also von einer dramatischen Zinssenkung und einer weiteren Abwertung des Euro begleitet w&uuml;rden, w&auml;re es sicher vorstellbar, dass Deutschland eine starke wirtschaftliche Belebung erfahren w&uuml;rde. Aber ungl&uuml;cklicherweise scheint die Europ&auml;ische Zentralbank eine Erh&ouml;hung der Zinsen, nicht eine Senkung, zu planen. Die ECB k&ouml;nnte immer noch zur Vernunft kommen, oder ein anderes Wunder geschehen.<br>\nWahrscheinlicher allerdings ist, dass Deutschland eine verlorene Dekade nach japanischem Vorbild bevorsteht.<\/p><p>&Uuml;bertragen von Reinhard Kalinke<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/business.timesonline.co.uk\/article\/0,,13130-1871527,00.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/business.timesonline.co.uk\/article\/0,,13130-1871527,00.html\">TIMES ONLINE<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Deutschlands Plan, das eingestandene &ouml;konomische Versagen dadurch zu korrigieren, dass man exakt das Gegenteil von dem tut, was die moderne &Ouml;konomie vorschl&auml;gt, ist sicher eine herausragende und neue Idee.&ldquo; Ein Leser hat f&uuml;r uns einen lesenswerten Beitrag aus der Times &uuml;bertragen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[190,30],"tags":[290,1497,279,488,449],"class_list":["post-950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wahlen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-japan","tag-spitzensteuersatz","tag-steuererhoehungen","tag-umsatzsteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=950"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31629,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/950\/revisions\/31629"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}