{"id":9513,"date":"2011-05-20T17:25:30","date_gmt":"2011-05-20T15:25:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9513"},"modified":"2014-09-01T10:29:24","modified_gmt":"2014-09-01T08:29:24","slug":"nachtrag-nr-2-zur-wachstumsdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9513","title":{"rendered":"Nachtrag Nr. 2 zur Wachstumsdebatte"},"content":{"rendered":"<p>In den NachDenkSeiten brachten wir am 21. April eine ausf&uuml;hrliche <a href=\"\/?p=9169\">kritische Betrachtung der Wachstumskritik<\/a>  und dann am 13. Mai <a href=\"\/?p=9451\">einen Nachtrag<\/a> mit einigen Anmerkungen zu dem heute beginnenden Attac Kongress &bdquo;Jenseits des Wachstums!?&ldquo;. Die Statements beim so genannten Auftaktpodium sind anschauliche Belege f&uuml;r die Kontroverse. (Siehe <a href=\"http:\/\/www.jenseits-des-wachstums.de\/index.php?id=9372\">hier<\/a>\/Auftaktpodium).<br>\nAlbrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><\/p><p>Dort gibt es zwei Statements, die typisch sind f&uuml;r die von mir kritisierte Wachstumskritik, eines von Niko Paech und eines von Andreas Exner. Und dann einen Auftakt von Sabine Reiner von ver.di Bereich Wirtschaftspolitik. Besser h&auml;tte ich meine Kritik an der Wachstumskritik auch nicht formulieren k&ouml;nnen als Sabine Reiner. Die beiden anderen Beitr&auml;ge sind herausragende Belege f&uuml;r die g&auml;ngige Wachstumskritik, die auch der Grundlinie der Initiatoren des Kongresses entsprechen d&uuml;rften.<br>\nIch habe versucht, die Texte von Paech und Exner zu verstehen. Ich schaffe es nicht, vermutlich weil ich nicht zur Glaubensgemeinschaft jener geh&ouml;re, die meinen, diese Aneinanderreihung von Fremdw&ouml;rtern und &Uuml;bertreibungen, von aberwitzigen Vorstellungen und unbelegten Behauptungen zu verstehen. Versuchen Sie einmal, den Inhalt dieser Texte zu rekapitulieren. <\/p><p>Zwei der den Kongress vorbereitenden Personen, Alexis J. Passadakis und Matthias Schmelzer haben eine Replik auf meine fr&uuml;heren Texte verfasst. <a href=\"http:\/\/www.jenseits-des-wachstums.de\/fileadmin\/user_upload\/Kampagnen\/jenseits-des-wachstums\/Textsammlung\/Jenseits%20des%20Wachstums%20und%20des%20Tellerrands.pdf\">Hier als PDF [PDF &ndash; 154 KB]<\/a>. Wenn Sie das lesen wollen, dann sollten Sie das bitte im Blick auf die kritisierten Texte tun; ich empfehle insbesondere das Kapitel IV (&bdquo;Kritische W&uuml;rdigung der Wachstumsdebatte&ldquo;) des <a href=\"\/?p=9169\">Beitrages vom 21. April<\/a>. Sie werden feststellen, dass in der Replik auf zentrale Elemente meiner Kritik nicht eingegangen wird. Stattdessen wird mit Unterstellungen gearbeitet: Dass in meinem Text das Wort Klimakrise nicht vorkommt, ist &bdquo;ein starkes St&uuml;ck&ldquo;, dass ich die Nord-S&uuml;d-Problematik nicht als Problem genannt habe, ist ebenso schlimm. &ndash; Ich habe aber gar keinen Essay &uuml;ber &ouml;kologische Probleme und Klimakrise geschrieben. Ich habe mich konzentriert auf die Fixierung der Wachstumskritiker auf die Wachstumsrate und die Folgen dieser Fixierung.<\/p><p>In Debatten im Internet und auch sonst habe ich schon einige Male erlebt, dass mit falschen Behauptungen denunziert wird. Das geschieht nun auch wieder mit der Replik. Ich nenne nur ein Beispiel: Schon im Vorfeld haben Vertreter von Attac versucht, den NachDenkSeiten Desinteresse oder Inkompetenz in Sachen &Ouml;kologie anzuh&auml;ngen. Dieser Faden wird in der Replik weiter gesponnen. Da hei&szlig;t es: &bdquo;Offenbar reicht der umweltpolitische Horizont von Albrecht M&uuml;ller nur von den 60ern bis in die 70er Jahre.&ldquo; F&uuml;r diese Annahme gibt es f&uuml;r die Autoren keine Anhaltspunkte. Es sei denn, sie nehmen die Tatsache, dass ich im Beitrag vom 21. April aus gegebenem Anlass auf die Umweltpolitik und die umweltpolitische Debatte der siebziger Jahre hingewiesen habe und wir, der Autor Schmelzer und ich, in einem eigentlich konstruktiven Telefongespr&auml;ch &uuml;ber die umweltpolitischen Ans&auml;tze in den sechziger Jahren und die Grundlagen in der &ouml;konomischen Welfaretheorie gesprochen haben. Dass mich der Klimawandel und die Zerst&ouml;rung von Natur, Umwelt und Artenvielfalt heute &ndash; und nicht nur bis in die 70er Jahre &ndash; umtreibt, dass ich als Mitglied des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages f&uuml;r meine Fraktion ein Konzept zur Verkehrsvermeidung entwickelt habe, usw. &ndash; das muss nicht interessieren. Aber dann sollten die Autoren eine Replik auch nicht davon ausgehen, dass der Horizont nur bis in die siebziger Jahre gereicht hat.<br>\nWenn man in der Debatte um die Sache, n&auml;mlich um die Frage, welchen Sinn die zur Zeit tobende Wachstumskritik hat und wie relevant sie ist, nicht weiter wei&szlig;, dann greift man offensichtlich zu solchen diffamierenden Erfindungen.<\/p><p>Das ist nicht weiter schlimm. Wirklich schlimm ist die arbeitnehmerfeindliche Grundtendenz der wachstumskritischen Debatte. Gro&szlig;e Teile der Wachstumskritik entlasten die neoliberalen Ideologen von ihrer Verantwortung f&uuml;r die Existenz einer gro&szlig;en Zahl von Arbeitslosen, f&uuml;r die Existenz einer Reservearmee, die tief greifende Wirkung f&uuml;r die Effektivl&ouml;hne in Deutschland und in anderen L&auml;ndern hat. Die Rechtskonservativen haben diese Reservearmee bewusst geschaffen. Sie nutzten dazu beginnend mit den siebziger Jahren die Geldpolitik und die Fiskalpolitik<br>\nDer ehemalige Notenbanker Sir Alan Budd &ndash; seine Biografie siehe <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Alan_Budd\">hier<\/a> &ndash; beschrieb die Geldpolitik der Bank of England unter Margret Thatcher so: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Viele &bdquo;haben nie (&hellip;) geglaubt, dass man mit Monetarismus die Inflation bek&auml;mpfen kann. Allerdings erkannten sie, dass [der Monetarismus] sehr hilfreich dabei sein kann, die Arbeitslosigkeit zu erh&ouml;hen. Und die Erh&ouml;hung der Arbeitslosigkeit war mehr als w&uuml;nschenswert, um die Arbeiterklasse insgesamt zu schw&auml;chen. [&hellip;] Hier wurde &ndash; in marxistischer Terminologie ausgedr&uuml;ckt &ndash; eine Krise des Kapitalismus herbeigef&uuml;hrt, die die industrielle Reservearmee wiederherstellte, und die es den Kapitalisten fortan erlaubte, hohe Profite zu realisieren.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>(The New Statesman, 13. Januar 2003, S. 21)<\/p><p>Sie hatten Erfolg damit: Unter dem Druck der Reservearmee, unter dem Druck der Austauschbarkeit besch&auml;ftigter Personen durch Arbeitslose haben sie es geschafft, die L&ouml;hne zu dr&uuml;cken, Leiharbeit massiv auszudehnen und insgesamt die Lohnquote, also den Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen drastisch zu dr&uuml;cken, von ungef&auml;hr 70 % auf etwas &uuml;ber 60 %.<\/p><p>Sie haben das bewusst getan. Sie werden von dieser Verantwortung auch durch die Wachstumskritiker entlastet. Denn eines der grundlegenden Glaubenss&auml;tze auch der meisten Wachstumskritiker ist, dass es seit den siebziger Jahren aus wel&ouml;chen Gr&uuml;nden auch immer, vorz&uuml;glich aus &bdquo;systemischen&ldquo; Gr&uuml;nden, kein ordentliches Wachstum mehr gegeben habe. An diese M&auml;r glauben Rechte und Linke gleicherma&szlig;en &ndash; mit dem kleinen Unterschied, dass sich der Glaube f&uuml;r die Rechten auszahlt und einige von ihnen, wie der zitierte Brite, des Erfolgs ihres Coups freuen k&ouml;nnen.<br>\nIn Deutschland ist wie in Gro&szlig;britannien die Besch&auml;ftigungspolitik beginnend mit den siebziger Jahren bewusst heruntergefahren worden. Die Folgen m&uuml;ssen von Arbeitnehmern und den finanziell Schw&auml;cheren unserer Gesellschaft getragen werden. Das entscheidende: ihre Marktmacht auf dem Arbeitsmarkt ist massiv besch&auml;digt. Die wachstumskritische Debatte versch&auml;rft diese Tendenz. Ohne dass dies n&ouml;tig ist. Man m&uuml;sste sich nur bem&uuml;hen, Besch&auml;ftigung f&uuml;r das &ouml;kologisch Richtige zu schaffen.<br>\n&Uuml;brigens: wenn Menschen mit dem, was sie verdienen, ihre Familie nicht mehr ern&auml;hren k&ouml;nnen, wenn sie in Leiharbeit und Minijobs gedr&auml;ngt werden, dann werden sie ihre Herzen auch nicht f&uuml;r die berechtigten &ouml;kologischen und sozialen Sorgen &ouml;ffnen. Erst das Fressen, dann die Moral. Dieser Satz mag einem nicht schmecken. Richtig ist er dennoch. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den NachDenkSeiten brachten wir am 21. April eine ausf&uuml;hrliche <a href=\"\/?p=9169\">kritische Betrachtung der Wachstumskritik<\/a> und dann am 13. Mai <a href=\"\/?p=9451\">einen Nachtrag<\/a> mit einigen Anmerkungen zu dem heute beginnenden Attac Kongress &bdquo;Jenseits des Wachstums!?&ldquo;. Die Statements beim so genannten Auftaktpodium sind anschauliche Belege f&uuml;r die Kontroverse. 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