{"id":95156,"date":"2023-03-18T14:00:47","date_gmt":"2023-03-18T13:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95156"},"modified":"2023-03-18T15:06:32","modified_gmt":"2023-03-18T14:06:32","slug":"der-wehrmachtsoffizier-der-seinem-land-die-niederlage-wuenschte-recherche-der-kriegsroute-meines-grossvaters-durch-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95156","title":{"rendered":"Der Wehrmachtsoffizier, der seinem Land die Niederlage w\u00fcnschte \u2013 Recherche der Kriegsroute meines Gro\u00dfvaters durch die Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Der Gro&szlig;vater unseres Autors war im Zweiten Weltkrieg als Arzt auf den Ost-Feldz&uuml;gen &ndash; und dadurch f&uuml;rs Leben verst&ouml;rt worden. Seine Eindr&uuml;cke hat er mit einer Leica-Kamera auf &uuml;ber 1.200 Bildern festgehalten. Diese Spiegelbilder seiner Seele sowie der besetzten Gebiete veranlassten den Enkel zu einer Spurensuche. Von <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/der-wehrmachtsoffizier-der-seinem-land-die-niederlage-wuenschte-recherche-der-kriegsroute-meines-grossvaters\/\">Globalbridge<\/a>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_556\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-95156-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=95156-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230317-Wehrmachtsoffizier-der-seinem-Land-Niederlage-wuenschte-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Irgendwann wollte ich es wissen. Ich war zeitweise mit einer Russin liiert gewesen und sie hatte mich es nie gefragt. Auch ihre Eltern und Freundinnen nicht. Aber f&uuml;r mich wurde die Frage immer dr&auml;ngender: Wo war mein Gro&szlig;vater in Russland im II. Weltkrieg? Genauer: Wo war er in der Sowjetunion? Pl&ouml;tzlich ging die Weltgeschichte mitten durch die privateste Beziehung. &ndash; Idiotischer Affekt: Er wird doch wohl hoffentlich nicht in der Schwarzerderegion gewesen sein, wo Nataschas Eltern und Gro&szlig;eltern lebten! Als ob im anderen Falle irgendetwas besser gewesen w&auml;re. Der bange Gedanke kam immer wieder: Was hat mein Gro&szlig;vater in Russland gemacht? Was hat er dort gesehen? Was mag er mitbekommen haben von den Verbrechen von Wehrmacht und SS?<\/p><p>Die Frage hatte schon jahrelang in mir gearbeitet. Sp&auml;testens seit mir 1998 klargeworden war, dass ich zehn Jahre zuvor zwar eine Vers&ouml;hnungsreise in die Sowjetunion nach Minsk, Moskau und Leningrad unternommen hatte, dass ich zwar damals auf russischen und wei&szlig;russischen Gedenkst&auml;tten bewegende Begegnungen mit Sowjetb&uuml;rgern hatte &ndash; dass ich jedoch merkw&uuml;rdigerweise die ganze Reise &uuml;ber und auch noch Jahre sp&auml;ter nicht auf die Idee gekommen war, dass mein Gro&szlig;vater in beiden Weltkriegen ja auch in Russland war! Irgendeine Instanz meines Unbewussten hatte offenbar diesen &bdquo;Link&ldquo; blockiert!<\/p><p><strong>Ein Wehrmachtsoffizier, der seinem Land die Niederlage w&uuml;nschte<\/strong><\/p><p>Wie bereits im II. Teil dieser Serie (Globalbridge.ch wird noch die ganze Serie bringen. Red.) angedeutet: Mein Gro&szlig;vater m&uuml;tterlicherseits (Jahrgang 1891), ein hochgebildeter kultivierter Mann, Facharzt f&uuml;r Inneres und Leiter eines katholischen Krankenhauses in Saarbr&uuml;cken, war kein Nazi. Ein Widerstandsk&auml;mpfer war er nicht. Ich wei&szlig; aber, dass er und seine Frau dem Regime gegen&uuml;ber soweit auf Distanz gingen wie das damals m&ouml;glich war, ohne sich und die achtk&ouml;pfige Familie zu gef&auml;hrden. Als Vertretern des katholischen Bildungsb&uuml;rgertums war ihnen die nationalsozialistische rassistische Weltanschauung zuwider. Mein Gro&szlig;vater versuchte seine j&uuml;dischen &Auml;rztekollegen solange am Krankenhaus zu halten, bis er selber von der Gestapo vorgeladen wurde. Zusammen mit meiner Gro&szlig;mutter besuchte er die befreundeten und angeheirateten j&uuml;dischen Ehepaare noch zu einem Zeitpunkt, als dies f&uuml;r &bdquo;Arier&ldquo; immer gef&auml;hrlicher wurde. Und ich wei&szlig; auch, dass er gro&szlig;e Sympathien f&uuml;r das russische Volk hatte.<\/p><p>Aber er war in beiden Kriegen in Russland als Soldat. Im I. Weltkrieg als Sanit&auml;tsoffizier und im II. Weltkrieg als Oberstabsarzt und Leiter eines Armeelazaretts. Das grausame Spannungsverh&auml;ltnis, das er &ndash; und als fernes Echo w&auml;hrend der Recherche auch ich &ndash; aushalten musste: Er war nat&uuml;rlich de facto ein Okkupant &ndash; wenn auch ein Okkupant wider Willen. Dies belegte nicht zuletzt eine Aufzeichnung in den Memoiren meiner Gro&szlig;mutter, die sich bereits auf das Jahresende 1939 bezog, als mein Gro&szlig;vater, den man in der ersten Novemberh&auml;lfte als Standortarzt in den besetzten &bdquo;Warthegau&ldquo; eingezogen hatte, nach sechs Wochen f&uuml;r einen kurzen Silvesterurlaub seine Familie am Rhein wieder ein paar Tage besuchen konnte:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Vati war vollkommen verst&ouml;rt. Er sprach fast nichts und immer dasselbe. Er setzte sich irgendwo hin, nur auf einen harten Stuhl und wiederholte immer wieder: &sbquo;Ich mag nicht mehr weiterleben. Ich bin Zeuge gewesen von ungeheuerlichen Greueln und Morden, begangen von Deutschen an Polen und Juden.&lsquo; Einmal hat er es gewagt &ndash; es war sehr gef&auml;hrlich! &ndash;, einem SS-Mann sein Entsetzen &uuml;ber die Untaten kundzutun. Er bekam die Antwort: &sbquo;Ihr Gewissen ist durch eine zweitausendj&auml;hrige falsche Beeinflussung v&ouml;llig verbildet!&lsquo;&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230318-Wehrmachtsoffizier-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230318-Wehrmachtsoffizier-01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Dr. Victor Becker mit seiner Frau Angelica, Silvester 1939<\/em><\/p><p>Und meine damals elfj&auml;hrige Tante berichtete von denselben Tagen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich erinnere mich noch genau, wie ich in diesen Weihnachtstagen einmal ein Zimmer betrat, in dem meine Eltern sa&szlig;en und miteinander sprachen. Ich h&ouml;rte, wie mein Vater sagte: &sbquo;Ich habe Schreckliches (in Polen) gesehen, der Hitler ist ein Verbrecher, er darf den Krieg nicht gewinnen. Und wenn ja, dann Gnade Gott uns Katholiken.&lsquo; Ich meine auch, er h&auml;tte gesagt, &sbquo;Nach den Juden kommen wir Katholiken dran.&lsquo; Ich wu&szlig;te damals sofort, da&szlig; ich mit niemandem &uuml;ber das Geh&ouml;rte sprechen durfte.&ldquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230318-Wehrmachtsoffizier-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230318-Wehrmachtsoffizier-02.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Dr. Victor Becker (ganz rechts) Ende 1939 bei einem kurzen Besuch im Kreise seiner Familie.<\/em><\/p><p>Ein Wehrmachtsoffizier, der seinem Land die Niederlage w&uuml;nschte. Das war Ende 1939. Und der noch grausamere Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion sollte erst anderthalb Jahre sp&auml;ter beginnen.<\/p><p><strong>Die Recherche<\/strong><\/p><p>Es war in unserer Familie bekannt, dass es noch Kartons mit einer Menge von Dokumenten &uuml;ber die Zeit meines Gro&szlig;vaters im II. Weltkrieg gibt: Tagebuchaufzeichnungen, Feldpostbriefe &ndash; und Filme mit rund 1.300 Fotos, die mein Gro&szlig;vater mit seiner Leica aufgenommen hatte. Die Kriegsroute meines Gro&szlig;vaters zu rekonstruieren, d&uuml;rfte also im Prinzip kein besonders schwieriges Unterfangen sein. Allerdings waren sowohl meine Mutter als auch eine Tante von mir schon einmal an der F&uuml;lle des Materials gescheitert.<\/p><p>Im Fr&uuml;hjahr 2004 war es endlich soweit. Eine Cousine und ich hatten beschlossen, nun endlich N&auml;gel mit K&ouml;pfen zu machen. Wir besorgten uns das gesamte Material und begannen m&uuml;hsam das Tagebuch unseres Gro&szlig;vaters mit seiner charakteristischen &bdquo;Doktor-Klaue&ldquo; zu entziffern. Die gesamte Arbeit wuchs sich zu einem Projekt aus, das &uuml;ber ein Dreivierteljahr lang dauerte. Gemeinsam transkribierten wir die Tageb&uuml;cher und die Feldpostbriefe, die mein Gro&szlig;vater geschrieben und erhalten hatte. Die weitere Arbeitsteilung: Meine Cousine scannte anhand der komplett erhaltenen Filme s&auml;mtliche 1.300 Fotos ein und ich &uuml;bernahm die Aufgabe, den Kontext der Kriegsroute, genauer: die Verbrechen, die von den deutschen Besatzern auf dieser Strecke begangen worden waren, zu recherchieren. Am Ende sollte eine CD stehen, die das gesamte Material enthalten und allen Nachfahren meines Gro&szlig;vaters zur Verf&uuml;gung gestellt werden sollte.<\/p><p>Die Tageb&uuml;cher, genauer: Tagesnotizen, das zeigte sich sehr schnell, waren kein &sbquo;Seelenspiegel&lsquo; ihres Autors &ndash; was h&auml;tten sie auch anders sein k&ouml;nnen unter den Bedingungen strengster Zensur! Als Naturwissenschaftler hatte mein Gro&szlig;vater in der Regel n&uuml;chtern externe Fakten notiert: Tagesaktivit&auml;ten, Aufenthaltsorte, Einquartierungen, Krankenbelegungen, grassierende Seuchen und fast immer das Wetter. Es fanden sich allerdings auch seltene Goldk&ouml;rnchen: Sto&szlig;seufzer, meist in Form von Sto&szlig;gebeten und ironische Zitate besonders absurder Beispiele der aktuellen Nazi-Propaganda. Zudem fanden wir mehrfach Beispiele f&uuml;r subtile Distanzierungen. So hing in jeder seiner improvisierten Arztpraxen, in der er &uuml;brigens auch Menschen aus der lokalen Bev&ouml;lkerung behandelte &ndash; die Nazis nannten das &bdquo;missverstandene Menschlichkeit&ldquo; &ndash;, ein Foto von seiner j&uuml;ngsten Tochter als Erstkommunionkind. Da die Nazis bekanntlich stramm antiklerikal gesinnt waren, wusste er auf diese Weise sofort, was er von jemandem zu halten hatte, der dieses Foto mit abf&auml;lligen Bemerkungen quittierte. Das Erstkommunionsfoto als &sbquo;projektiver Test&lsquo;!<\/p><p><strong>Die Kriegsroute<\/strong><\/p><p>Die Route selbst war aufgrund der Familiendokumente und einer Anfrage bei der Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) relativ schnell klar: Mein Gro&szlig;vater war Anfang November 1939 als Standortarzt ins besetzte Polen, in den &bdquo;Warthegau&ldquo; eingezogen worden, wo er bis zum Sommer 1940 blieb. Dann wurde er ins besetzte Frankreich nach Nancy verlegt und von dort in der Karwoche 1941 wieder zur&uuml;ck nach Ostpolen, in die N&auml;he des Flusses San, wo die Demarkationslinie zwischen dem deutschbesetzten und dem sowjetischbesetzten Teil Polens verlief. Interessanterweise hat er mit dem Schreiben eines Tagebuches erst angefangen, als er von Frankreich nach Ostpolen zur&uuml;ckverlegt wurde. Offenbar war ihm bewusst, dass nun ein entscheidender Einschnitt im Kriegsverlauf bevorstand.<\/p><p>W&auml;hrend des Feldzugs gegen die Sowjetunion war mein Gro&szlig;vater als Oberstabsarzt der 17. Armee eingegliedert, die ihrerseits Teil der Heeresgruppe S&uuml;d war, die 1941 die Ukraine und 1942 die Krim eroberte. W&auml;hrend der Sommeroffensive 1942 teilte sich die Heeresgruppe S&uuml;d im Rahmen des &bdquo;Unternehmen Blau&ldquo;: Die Heeresgruppe A r&uuml;ckte in den Kaukasus, Richtung der &Ouml;lfelder von Maikop, Grosny und Baku vor, die Heeresgruppe B Richtung Stalingrad.<\/p><p>Die Stationen der Route meines Gro&szlig;vaters verliefen von Sommer bis Winter 1941 quer durch die Ukraine: &Uuml;ber Lemberg[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], Tarnopol, Winniza, Uman, Alexandria, &Uuml;berquerung des Dnjepr, Krementschug, Lossowaja bis in den Donbass, wo der Vormarsch im Winter 1941\/42 zum Stillstand kam. Von Dezember 1941 bis zur Sommeroffensive im Juli 1942 leitete mein Gro&szlig;vater ein Armeelazarett in der Industriestadt Konstantinowka, 80 Kilometer n&ouml;rdlich von Donezk. Au&szlig;er Konstantinowka (heute ukrainisch: Kostjantyniwka) tauchen w&auml;hrend seines achtmonatigen Aufenthaltes im Donbass folgende Orte in seinen Aufzeichnungen immer wieder auf: Artemowsk (Bachmut), Gorlowka (Horliwka), Slawjansk und Stalino (Donezk). Ab Juli 1942 waren die Stationen Richtung Kaukasus: Rostow am Don, Maikop und Apscheronskaja, bevor sich die 17. Armee im Winter 1942\/43 unter dem Druck der vorr&uuml;ckenden Roten Armee &uuml;ber Krasnodar auf die Tamanhalbinsel am Asowschen Meer gegen&uuml;ber der auf der Krim gelegenen Stadt Kertsch auf den sogenannten &bdquo;Kuban-Br&uuml;ckenkopf&ldquo; zur&uuml;ckziehen musste. Im Sommer 1943 konnte mein Gro&szlig;vater im Alter von 52 Jahren zu seiner Familie nach Deutschland zur&uuml;ckkehren.<\/p><p><strong>Skrupel<\/strong><\/p><p>Soweit die recherchierten externen Fakten. Aber ich wollte ja mehr wissen. Meine Aufgabe war es ja, den Verbrechenskontext der Route zu erforschen: Welche Verbrechen waren dort von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD sowie von den mit ihnen kooperierenden Teilen der Wehrmacht ver&uuml;bt worden?<\/p><p>Und damit begannen meine Schwierigkeiten.<\/p><p>Mit Beginn der genaueren Nachforschungen wurde mir mulmig. Darf ich das? Darf ich, der Nachgeborene, dem solche Pr&uuml;fungen nicht auferlegt wurden, darf ich meinem toten, also wehrlosen Gro&szlig;vater so &sbquo;hinterherschn&uuml;ffeln&lsquo;? Wer gibt mir eigentlich dazu das Recht? Dieses Gef&uuml;hl verst&auml;rkte sich, je intensiver die Nachfragen und Informationen ins Detail gingen. &ndash; Andererseits, so sagte ich mir: Ist es nicht gerade ein Akt der Verdr&auml;ngung, jetzt, wo es genau wird, wo es ans Eingemachte geht, die Augen zu verschlie&szlig;en? Ist es nicht zynisch gegen&uuml;ber den ungez&auml;hlten Opfern dieser Route, wenn ich so tue, als sei mein Gro&szlig;vater in der Ukraine und im Kaukasus nur im Urlaub gewesen? Geht es nicht genau darum, diesen Konflikt nun auszuhalten? Au&szlig;erdem: Ich werde doch mit Sicherheit nicht auf Verbrechen meines Gro&szlig;vaters sto&szlig;en, es geht doch &sbquo;nur&lsquo; darum, den Kontext seiner Route zu rekonstruieren!<\/p><p>Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer, ich w&uuml;rde in Bezug auf das Dritte Reich nichts verdr&auml;ngen. Nun war ich mir dessen nicht mehr so sicher.<\/p><p>Immer wieder versp&uuml;rte ich wider besseres Wissen in mir den Wunsch, mein Gro&szlig;vater m&ouml;ge von den ganzen Verbrechen nichts gewu&szlig;t haben. Mit der rekonstruierten Route in der Hand ging ich durch die Ausstellung &bdquo;Verbrechen der Wehrmacht &ndash; Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944&ldquo; und unterhielt mich mit einem Historiker. Im Innersten w&uuml;nschte ich mir eine beschwichtigende Auskunft. Der Kommentar fiel ern&uuml;chternd aus: &bdquo;Eine ganz verbrechensintensive Route! Ich kann Ihnen da keine Hoffnungen machen, da&szlig; Ihr Gro&szlig;vater davon nichts gewu&szlig;t hat!&ldquo; &ndash; Da dachte ich nur noch an die guten Zeilen von Brecht: &bdquo;Gedenkt, wenn Ihr von unseren Schw&auml;chen sprecht, auch der finsteren Zeit, der Ihr entronnen seid!&ldquo;<\/p><p><strong>Der Kontext<\/strong><\/p><p>Es waren all die Verbrechen, die auch den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion insgesamt kennzeichneten und in die ich mich in der kommenden Zeit immer intensiver einarbeitete. Der Krieg war ja von Anfang an nicht als &sbquo;herk&ouml;mmlicher Krieg&lsquo;, sondern als &bdquo;Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen&ldquo; geplant gewesen. Der &bdquo;J&uuml;dische Bolschewismus&ldquo; sollte restlos beseitigt werden. Im Einzelnen bedeutete dies:<\/p><ul>\n<li>Verbrecherische Befehle, die auch gegen das damals geltende Kriegsv&ouml;lkerrecht verstie&szlig;en, wie der &bdquo;Kriegsgerichtsbarkeitserlass&ldquo; und der &bdquo;Kommissarbefehl&ldquo; lieferten die Zivilbev&ouml;lkerung der Sowjetunion der Willk&uuml;r lokaler Befehlshaber schutzlos aus und gaben die gefangenen Politkommissare der Roten Armee zum Abschuss frei.<\/li>\n<li>In den besetzten Gebieten wurde die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung von den vorr&uuml;ckenden Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und SD systematisch ausgerottet, die Wehrmacht leistete bei den Massenerschie&szlig;ungen logistische Hilfe.<\/li>\n<li>F&uuml;r die sowjetischen Kriegsgefangenen war von den zust&auml;ndigen Wehrmachtsstellen keine ausreichenden Vorbereitungen f&uuml;r deren Unterbringung und Versorgung getroffen worden. Die meisten von ihnen &ndash; von insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen etwa 3,3 Millionen (57,9 %) &ndash; starben in deutschem Gewahrsam. Genauer: Sie verhungerten, erfroren oder starben durch Epidemien, wenn sie nicht von der Wehrmacht f&uuml;r den eigenen Arbeitsbedarf rekrutiert wurden.<\/li>\n<li>Da sich die Wehrmacht, die mit insgesamt drei Millionen Soldaten einger&uuml;ckt war, aus dem Lande ern&auml;hren sollte, um die deutsche Bev&ouml;lkerung zu schonen, wurde der Hungertod von &bdquo;zig Millionen Menschen&ldquo; bewusst einkalkuliert. Laut G&ouml;ring sollte das &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Massensterben seit dem Drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg&ldquo; stattfinden. Vor Ort verwandelte die r&uuml;cksichtslose Requirierung von Nahrungsmitteln ganze Regionen in &bdquo;Kahlfra&szlig;zonen&ldquo;, in denen keinerlei Lebensmittel oder andere verwertbare G&uuml;ter mehr vorhanden waren.<\/li>\n<li>&Uuml;ber drei Millionen sowjetische Zivilisten wurden als Zwangsarbeiter deportiert.<\/li>\n<\/ul><p>Die Wehrmacht verwandelte im Rahmen des Antipartisanenkampfes ganze Landstriche in &bdquo;W&uuml;stenzonen&ldquo;, nahm unbeteiligte Zivilisten als Geiseln, um sie zu liquidieren und verfolgte beim R&uuml;ckzug eine Strategie der &bdquo;verbrannten Erde&ldquo;, die alles Lebenswichtige zu zerst&ouml;ren suchte.<\/p><p>Soviel war schon mal klar: Auch mein Gro&szlig;vater hatte &ndash; ob er wollte oder nicht &ndash; den Menschen in der Sowjetunion das Essen weggegessen. In seinen Tageb&uuml;chern und Briefen fand ich mehrfach Notizen &uuml;ber die &bdquo;gute Versorgung&ldquo; &ndash; Notizen, die ich nur noch mit h&ouml;chst gemischten Gef&uuml;hlen lesen konnte. Bisweilen wurde es sogar ganz konkret: Weihnachten 1941 hatte es im okkupierten Donbass, zumindest f&uuml;r die &Auml;rzte, &bdquo;Pute und m&auml;chtige Weihnachtsstollen&ldquo; gegeben.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p><strong>Spannungen in der Familie<\/strong><\/p><p>Die Rekonstruktion im Detail ging nicht ohne gr&ouml;&szlig;ere innere und &auml;u&szlig;ere Konflikte ab. Ich sichtete die aktuelle Literatur und notierte alles, was ich &uuml;ber die Kriegsroute meines Gro&szlig;vaters durch die Ukraine und in den Kaukasus finden konnte. In mindestens drei St&auml;dten, das ergaben meine Recherchen &ndash; in Tarnopol sowie in den Orten im Donbass: in Artemowsk und Konstantinowka &ndash; wurden die Massaker an den Juden oder ganze Vernichtungsaktionen zeitlich parallel zur Anwesenheit meines Gro&szlig;vater durchgef&uuml;hrt. Sehr unwahrscheinlich, dass er davon nichts mitbekommen haben konnte. Fast alle seiner zahllosen Fotos, die er mit seiner Leica in der Sowjetunion aufgenommen hatte, besch&auml;ftigten sich mit liebevollem Blick mit Land und Leuten. In ganz seltenen F&auml;llen hatte er aber tats&auml;chlich Verbrechen direkt dokumentiert: Im August 1941 hatte er in Uman drei Bilder von einem Steinbruch aufgenommen, in dem Hunderte von Sowjetsoldaten festgehalten wurden, die man wenige Tage zuvor nach einer der gr&ouml;&szlig;ten Kesselschlachten gefangengenommen hatte. Unter offenem Himmel sa&szlig;en sie lethargisch auf dem Boden. Die meisten von ihnen werden in den Wochen danach j&auml;mmerlich zugrundegegangen sein. Ein anderes mal hatte mein Gro&szlig;vater ukrainische Zwangsarbeiter in einem offenen G&uuml;terwaggon fotografiert &ndash; sehr wahrscheinlich auf dem Weg &bdquo;ins Reich&ldquo;.<\/p><p>Ein besonderes Problem bereitete mir die Frage nach der Darstellung des rekonstruierten Kontextes. Wie kann das Drama eines Okkupanten wider Willen deutlich gemacht werden? Wie konnte eine Form der Darstellung gefunden werden, die sowohl meinem Gro&szlig;vater als auch den Opfern dieser Route gerecht wurde? Nach l&auml;ngeren Diskussionen entschied ich mich f&uuml;r die Form einer Synopse: Neben einer Zeitleiste eine Spalte mit den Tagesnotizen meines Gro&szlig;vaters, dann in anderer Schrift eine Spalte mit den rekonstruierten Informationen zum Kontext &ndash; und dazwischen zur Abgrenzung ein dicker schwarzer Balken.<\/p><p>Schon diese Darstellung der r&auml;umlich-zeitlichen N&auml;he von Tagesnotizen und Verbrechenskontext sorgte jedoch bei einigen Familienmitgliedern f&uuml;r allergr&ouml;&szlig;te Aufregung. So genau wollten es viele nicht wissen. Die direkte Gegen&uuml;berstellung wurde als polemisch, als subtiler Vorwurf gegen meinen Gro&szlig;vater empfunden. Beziehungen wurden zeitweise auf eine harte Probe gestellt. Welche Dynamik, das wurde mir immer klarer, musste erst in Familien virulent sein, deren V&auml;ter oder Gro&szlig;v&auml;ter richtige Naziverbrecher gewesen waren!<\/p><p>F&uuml;r mich selbst blieb vor allem eine Frage offen. Wir hatten die Kriegsroute meines Gro&szlig;vaters rekonstruiert. Ich wusste mittlerweile ziemlich genau, wie der Alltag f&uuml;r ihn als Oberstabsarzt und Leiter eines Armeelazaretts ausgesehen hatte. Ich wusste ebenfalls jetzt recht genau Bescheid &uuml;ber die zeitlich parallelen Judenerschie&szlig;ungen und andere Verbrechen entlang der Route. Eines wusste ich aber &uuml;berhaupt nicht: Wie hatten die Sowjetmenschen auf dieser Strecke, wie hatte die lokale Bev&ouml;lkerung den Krieg erlebt? Welche konkreten Erfahrungen hatte sie mit den deutschen Besatzern vor Ort gemacht? Woran konnten sie sich &ndash; sofern sie &uuml;berlebt hatten &ndash; heute noch erinnern? Mit welchen Gef&uuml;hle dachten sie heute an die Zeit der Okkupation und an die Deutschen?<\/p><p>Im Mai 2005 fuhr ich in die Ukraine.<\/p><p>Nach Kiew und in den Donbass.<\/p><p>(Die Fortsetzung mit wichtigen Informationen auch zu Bachmut, wo gegenw&auml;rtig heftigste K&auml;mpfe stattfinden, folgt morgen auf den NachDenkSeiten.)<\/p><p>Titelbild: Der Gro&szlig;vater des Autors, Dr. med. Victor Becker (1891-1975; Bildmitte), Mitte November 1939 in Sieradz, Wartheland; sehr wahrscheinlich, nachdem er zuvor unfreiwilliger Zeuge einer &ouml;ffentlichen Massenexekution &ouml;rtlicher Honoratioren durch die deutsche Besatzungsmacht war.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Im Fr&uuml;hjahr 2007 unternahm ich zusammen mit meiner Cousine eine Recherchereise ins polnische Wartheland und konnte anschlie&szlig;end sehr plausible Hypothesen aufstellen, von welchen deutschen Greueln und Morden mein Gro&szlig;vater vermutlich unfreiwillig Zeuge gewesen war: Es waren unter anderem sehr wahrscheinlich Massenexekutionen an der lokalen Elite der polnischen Zivilbev&ouml;lkerung.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Ich verwende die Ortsbezeichnungen so, wie sie in den Aufzeichnungen meines Gro&szlig;vaters auftauchen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Die 17. Armee, der mein Gro&szlig;vater zugeteilt war, verf&uuml;gte, als sie im November 1941 das Donezbecken erreichte, nur &uuml;ber eine Lebensmittelreserve f&uuml;r wenige Tage. Sie sa&szlig; mit ihren 270.000 Mann und 65.000 Pferden bis zur Sommeroffensive im Juli 1942 in dieser Industrielandschaft fest, einem Ballungsgebiet mit nur wenigen Fl&auml;chen. Erschwerend f&uuml;r die 17. Armee kam hinzu, dass die wenigen Lebensmittelreserven, die sich in den St&auml;dten befunden hatten, von der abr&uuml;ckenden Roten Armee zum gr&ouml;&szlig;ten Teil noch abtransportiert oder vernichtet worden war. Mit anderen Worten: Die &bdquo;Zeche&ldquo; bezahlte die Zivilbev&ouml;lkerung vor Ort, die hungerte.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gro&szlig;vater unseres Autors war im Zweiten Weltkrieg als Arzt auf den Ost-Feldz&uuml;gen &ndash; und dadurch f&uuml;rs Leben verst&ouml;rt worden. Seine Eindr&uuml;cke hat er mit einer Leica-Kamera auf &uuml;ber 1.200 Bildern festgehalten. Diese Spiegelbilder seiner Seele sowie der besetzten Gebiete veranlassten den Enkel zu einer Spurensuche. Von <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/der-wehrmachtsoffizier-der-seinem-land-die-niederlage-wuenschte-recherche-der-kriegsroute-meines-grossvaters\/\">Globalbridge<\/a>.<\/p>\n<p><em>Dieser<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95156\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":95157,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[2104,304,2147,260,990,966],"class_list":["post-95156","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-kriegsopfer","tag-kriegsverbrechen","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-wehrmacht","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/230318-Wehrmachtsoffizier-titel.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95156","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95156"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95156\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95213,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95156\/revisions\/95213"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/95157"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95156"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95156"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95156"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}