{"id":95160,"date":"2023-03-19T14:00:01","date_gmt":"2023-03-19T13:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95160"},"modified":"2023-03-20T13:57:07","modified_gmt":"2023-03-20T12:57:07","slug":"auf-den-spuren-der-deutschen-besatzer-besuch-im-donbass-donezk-bachmut-und-konstantinowka-mai-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95160","title":{"rendered":"Auf den Spuren der deutschen Besatzer: Besuch im Donbass (Donezk, Bachmut und Konstantinowka; Mai 2005)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95156\">Im gestrigen Beitrag<\/a> hat unser Autor &uuml;ber die Recherche der Kriegsroute seines Gro&szlig;vaters berichtet. Im Mai 2005 fuhr er in den Donbass, um die genauen Orte zu besichtigen und sich mit Veteranen zu treffen. Die Reise f&uuml;hrte ihn auch nach Bachmut (Artjomowsk). Sp&auml;ter, im Fr&uuml;hjahr 2018, verfasste er dar&uuml;ber einen Essay, den wir aus Gr&uuml;nden der Aktualit&auml;t hier nochmals unver&auml;ndert ver&ouml;ffentlichen. <strong>Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/auf-den-spuren-der-deutschen-besatzer-besuch-im-donbass-mai-2005\/\">Globalbridge<\/a>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2845\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-95160-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=95160-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230320-Deutschen-Besatzer-im-Donbass-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Im Mai 2005 flog ich zum ersten Mal nach Kiew. Wie so oft war es das Goethe-Institut, das mich eingeladen hatte, ein interkulturelles Training, dieses Mal mit ukrainischen Deutschlehrerinnen durchzuf&uuml;hren. Da ich im Jahr zuvor intensiv zur Kriegsroute meines Gro&szlig;vaters recherchiert hatte, die ihn vom Juni 1941 bis Juli 1943 quer durch die Ukraine &uuml;ber den Donbass in den Kaukasus und dann auf die Tamanhalbinsel am Asowschen Meer f&uuml;hrte, wollte ich die Gelegenheit unbedingt nutzen, auch in den Donbass zu fahren, wo mein Gro&szlig;vater von November 1941 bis Juli 1942 in den St&auml;dten Konstantinowka und Artemowsk (beide 80 Kilometer n&ouml;rdlich von Donezk) ein Armeelazarett geleitet hatte.<\/p><p>Mein sentimentaler Traum: Genau dort, wo mein Gro&szlig;vater im II. Weltkrieg als Soldat sein musste, interkulturelle Trainings durchzuf&uuml;hren und Menschen kennenzulernen, die mir bei den Recherchen vor Ort und beim Kontaktekn&uuml;pfen mit Veteranen behilflich sein k&ouml;nnten. Mit Seminaren in den genannten St&auml;dten klappte es zwar nicht, weil das Goethe-Institut dort keine Partnerorganisationen hatte, daf&uuml;r machte es das Kiewer Goethe-Institut aber m&ouml;glich, dass ich Seminare in Donezk und Gorlowka (ukrainisch: Horliwka, 40 Kilometer s&uuml;dlich der beiden St&auml;dte) &ndash; wo mein Gro&szlig;vater ebenfalls zeitweise gewesen war &ndash; durchf&uuml;hren konnte. Ich vertraute fest auf das Prinzip &bdquo;Ich kenn jemand, der kennt jemand&ldquo;, das im postsowjetischen Raum ja so gut funktioniert. Irgendwie w&uuml;rde ich &uuml;ber meine Seminare schon eine Person kennenlernen, die mich nach Artemowsk (heute wieder, wie bis 1924: Bachmut) und Konstantinowka (ukr.: Kostjantyniwka) bringen, vielleicht sogar aus einem der Orte stammen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Kiew im Song-Contest-Fieber<\/strong><\/p><p>Kiew im Mai. &Uuml;berall bl&uuml;hten die Kastanienb&auml;ume, an den Stra&szlig;enr&auml;ndern verkauften die ukrainischen Babuschkas Flieder und Maigl&ouml;ckchen, die Stadt war im European Song Contest-Fieber. Im Jahr zuvor hatte die Ukraine den Wettbewerb gewonnen, nun wurde er in Kiew ausgetragen. Auf dem Maidan, dem Kreschtschatik und dem Andreassteig herrschte ein buntes Durcheinander von St&auml;nden mit Devotionalien der Orangen Revolution, Orden, ausrangierten Uniformen und anderen Militaria von Wehrmacht und Roter Armee und einem B&uuml;chertisch mit s&auml;mtlichen Klassikern der antisemitischen Literatur, von den &bdquo;Weisen von Zion&ldquo; bis zu Hitlers &bdquo;Mein Kampf&ldquo; auf Russisch und Deutsch &ndash; gedruckt in Moskau.<\/p><p>Mein einw&ouml;chiges Seminar verlief wie im postsowjetischen Raum &uuml;blich. Die Germanistinnen waren hochmotiviert, die pr&auml;sentierten Deutschlandbilder genau wie in Russland, Belarus und Kasachstan, die Arbeit machte uns allen gro&szlig;en Spass. Nahezu alle Teilnehmerinnen sympathisierten mit der Orangen Revolution, einige hatten sich an den Maidan-Demonstrationen ein halbes Jahr zuvor aktiv beteiligt, eine gewisse Ern&uuml;chterung war allerdings bereits sp&uuml;rbar.<\/p><p>Am Sonntag, den 22. Mai bestieg ich um 19 Uhr den Zug nach Donezk.<\/p><p><strong>Donbass: Eine andere Welt<\/strong><\/p><p>Als ich am n&auml;chsten Morgen um 7 Uhr 750 Kilometer weiter &ouml;stlich in Donezk ankam, fand ich mich in einer anderen Welt wieder. Schon um diese Uhrzeit war es sehr hei&szlig;. Bereits auf dem weiten Weg ins Zentrum sah ich die ersten &#1058;&#1077;&#1088;&#1088;&#1080;&#1082;&#1086;&#1085;&#1086;&#1074;, die gro&szlig;en Abraumhalden vom Kohleabbau, die mitten in der Stadt an vielen Orten anzutreffen sind und im Stadtbild wie in der ganzen Region charakteristische Akzente setzen. Donezk, 1,1 Millionen Einwohner, Hauptstadt des Donbass, dem Zentrum der Schwerindustrie in der Ostukraine und 150 Jahre jung. Keimzelle der Stadt war eine Siedlung um eine metallurgische Fabrik, die 1869 von dem Walliser John Hughes gegr&uuml;ndet wurde &ndash; daher auch der russifizierte Name, den die Stadt bis zum Jahre 1924 trug: Jusowka. Zwischen 1924 und 1961, also auch zur Zeit der deutschen Besatzung, f&uuml;hrte sie den Namen Stalino. Stadt und Umland, das wusste ich, hatten w&auml;hrend des Krieges f&uuml;rchterlich gelitten. Nach der Befreiung Anfang September 1943 waren im Gebiet Stalino Massengr&auml;ber mit insgesamt &uuml;ber 300.000 Menschen &ndash; Zivilisten und sowjetischen Kriegsgefangenen &ndash; gefunden worden, die von den deutschen Besatzern erschossen, erh&auml;ngt, im Gas erstickt oder lebendig die F&ouml;rdersch&auml;chte hinabgesto&szlig;en worden waren oder in den Lagern (vor allem sowjetische Kriegsgefangene) an Hunger, K&auml;lte, Entkr&auml;ftung und Seuchen gestorben waren. Wie &uuml;berall hatten die Deutschen tausende Juden erschossen oder mit Gaswagen ermordet. Gro&szlig;e Teile der j&uuml;ngeren Bev&ouml;lkerung waren als Zwangsarbeiter &bdquo;ins Reich&ldquo; deportiert worden, der vor Ort verbliebene vorwiegend &auml;ltere Teil hungerte fast zwei Jahre lang, da die 17. Armee, die das Gebiet mit 250.000 Mann und 65.000 Pferden besetzt hielt, sich &bdquo;aus dem Lande&ldquo; ern&auml;hren sollte, um die Lebensmittelversorgung &bdquo;im Reich&ldquo; nicht zu belasten. Nach Ende der Kampfhandlungen war die Stadt fast vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt.<\/p><p>Es war mein Geburtstag. Ich wurde 51 und es ging mir sehr ans Herz, als ich mir klarmachte, dass im Februar 1942 mein Gro&szlig;vater 80 Kilometer weiter n&ouml;rdlich in Konstantinowka unter g&auml;nzlich anderen Umst&auml;nden ebenfalls 51 Jahre alt geworden war. Ich war einfach nur dankbar, dass ich niemals Krieg erleben und im Donbass nicht als Besatzer sein musste, sondern mich hier mit meinen F&auml;higkeiten n&uuml;tzlich machen konnte und vielleicht sogar mit den vielen Fotos meines Gro&szlig;vaters, die er in Konstatinowka und Artemowsk aufgenommen hatte, noch einen sp&auml;ten Beitrag zur Vers&ouml;hnung mit den Menschen vor Ort leisten k&ouml;nnte.<\/p><p>Wir fuhren vorbei an einer neuerbauten orthodoxen Kirche, die breiten Stra&szlig;en und gro&szlig;en Geb&auml;ude, viele von ihnen im Stalinstil der F&uuml;nfziger Jahre, waren &uuml;berraschend gut in Schuss. Ich sah &ndash; womit ich gerade in dieser Gegend nicht gerechnet hatte &ndash; viele gro&szlig;z&uuml;gig angelegte Gr&uuml;nanlagen, zwei gro&szlig;e k&uuml;nstliche Seen, die das Stadtzentrum einrahmten, und meine Begleiterin kl&auml;rte mich auf, dass Donezk nicht nur Stadt der Schwerindustrie, sondern auch die &bdquo;Stadt der Millionen Rosen&ldquo; sei. Das erinnerte mich an Lipezk in der Schwarzerderegion: Kurort und ebenfalls Zentrum der Schwerindustrie &ndash; solch abenteuerliche Kombinationen gab es nur in der Sowjetunion! Nach einigen Tagen im Donbass konnte ich den Stolz der Donezker auf die &bdquo;Millionen Rosen&ldquo;, von denen man in der Tat viele im Stadtzentrum bewundern konnte, besser verstehen. Alles war in m&uuml;hevoller Arbeit der Steppe abgerungen worden.<\/p><p>Die ehemalige Sowjetunion ist das Land der unbegrenzten M&ouml;glichkeiten und nach meinem Seminar in Donezk hatte ich, wie erhofft, zwei Frauen gefunden, die mir weiterhelfen konnten: Marina wollte mit mir nach Artemowsk fahren und Lilija stammte sogar aus Konstantinowka! Dazu hatte man mir zum Geburtstag eine Flasche Krimsekt aus der Artemowsker Sektkellerei geschenkt. Bereits einen Tag sp&auml;ter war ich in der Stadt, in der mein Gro&szlig;vater vom 19. Dezember 1941 bis zum 12. Januar 1942 ein Kriegslazarett geleitet hatte.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230319-Besatzer-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230319-Besatzer-01.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Chirurgie des St&auml;dtischen Krankenhauses Konstantinowka (Januar 1942), von der Wehrmacht als Armee-Feldlazarett beschlagnahmt. (Foto Viktor Becker)<\/em><\/p><p><strong>Die Mauer der Tr&auml;nen<\/strong><\/p><p>H&uuml;gelige Steppenlandschaft mit Terrikonen und Datschas auf der staubigen Strecke von Donezk &uuml;ber Gorlowka nach Artemowsk, einer Stadt, die aufgrund der nahegelegenen Gips- und Salzstollen lange vom Salzhandel gelebt hatte. Das Krankenhausgeb&auml;ude, in dem mein Gro&szlig;vater gearbeitet hatte, war schnell gefunden. Aber im Heimatmuseum, wo ich der Leiterin eine CD mit Fotos &uuml;bergab, die mein Gro&szlig;vater w&auml;hrend der Besatzungszeit von der Stadt aufgenommen hatte, erlebte ich einen Schock. Ich sah ein Plakat mit folgendem Aufdruck in russischer Sprache:<\/p><blockquote><p>\n<em>Mittwoch, den 07.01.1942<\/em><\/p>\n<p><em>Aufruf an die Juden der Stadt Bachmut<\/em><\/p>\n<ol>\n<li><em>Aus Gr&uuml;nden einer isolierten Unterbringung haben sich alle Juden der Stadt Bachmut, M&auml;nner und Frauen aller Altersgruppen, am Freitag, dem 9. Januar um 8.00 Uhr morgens im Raum des ehemaligen Eisenbahn-NKWD-Geb&auml;udes im Park einzufinden.<\/em><\/li>\n<li><em>Jede Person darf Gep&auml;ck bis zu 10 kg und auch Lebensmittelvorr&auml;te f&uuml;r acht Tage dabeihaben.<\/em><\/li>\n<li><em>Am oben erw&auml;hnten Sammelpunkt sind Wohnungsschl&uuml;ssel mit Angaben des Namens und der Adresse (Stra&szlig;e und Hausnummer) des Wohnungsbesitzers abzugeben.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Eintritt in leere j&uuml;dische Wohnungen und Mitnahme von irgendwelchen Gegenst&auml;nden aus diesen Wohnungen durch Zivilisten ist als Pl&uuml;nderung anzusehen und wird mit dem Tode bestraft. <\/em><\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><em>Nichtbeachtung dieser Anordnung, insbesondere unp&uuml;nktliches Erscheinen oder Abwesenheit am angegebenen Sammelort wird aufs Strengste bestraft.<\/em><\/li>\n<li><em>Juden, die irgendwo angestellt sind, haben zu k&uuml;ndigen.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Der B&uuml;rgermeister<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Leiterin des Heimatmuseums erz&auml;hlte mir den weiteren Verlauf der Ereignisse: Zwischen dem 9. und 12. Januar 1942 wurden circa 3.000 Juden aus der Stadt von Mitgliedern der Einsatzgruppe C unter logistischer Mithilfe der 17. Armee in einen Stollen eines ehemaligen Gips-Bergwerks nahe der Stadt verfrachtet und dort 50&ndash;70 Meter unter der Erde bei lebendigem Leibe eingemauert. Um die Aktion zu vertuschen, wurden die W&auml;nde des Stollens abgesprengt. Im September 1943, nach der Befreiung der Stadt durch die Rote Armee, wurden nach einigem Suchen die Leichen entdeckt und geborgen. Da die Leichen aufgrund der ungew&ouml;hnlichen Klimaverh&auml;ltnisse im Stollen (permanente Temperatur von +12&deg;-14&deg; sowie eine Luftfeuchtigkeit von 88-90 %) nicht verwest, sondern mumifiziert waren, konnte eine Reihe von ihnen identifiziert werden. Die Umst&auml;nde der Ermordung der Artemowsker Juden waren nach dem Kriege Gegenstand der N&uuml;rnberger Prozesse.<\/p><p>9.-12. Januar 1942. Das war genau w&auml;hrend der Zeit, als mein Gro&szlig;vater in Artemowsk das Kriegslazarett geleitet hatte. Schwer vorstellbar, dass er davon nichts mitbekommen h&auml;tte!<\/p><p>Aber die Geschichte geht noch weiter: Es stellte sich n&auml;mlich heraus, dass genau die klimatischen Bedingungen, die die Mumifizierung der Leichen bewirkt hatten, zugleich ideale Bedingungen f&uuml;r die Herstellung von Sekt sind. Im Jahre 1950 wurde daher in demselben Bergwerk eine Fabrik f&uuml;r den Krimsekt &bdquo;Artemowskoje&ldquo; eingerichtet. Genau der Sekt, den man mir einen Tag zuvor zum Geburtstag geschenkt hatte!<\/p><p>Als ich drei Tage danach nochmals nach Artemowsk fuhr, besichtigte ich auch die Sektfabrik und lie&szlig; mich durch die tief unter der Erde gelegenen Salzstollen f&uuml;hren. Die Leiterin der Besichtigung erz&auml;hlte von sich aus die gesamte Geschichte und f&uuml;hrte uns auch zu dem entsprechenden Ort, zur &bdquo;Mauer der Tr&auml;nen&ldquo;, aus der aus bislang ungekl&auml;rten Gr&uuml;nden immer wieder Wassertropfen hervorquillen. Dort hatte man eine kleine Gedenkstelle mit eingelassenen Skulpturen, Blumen und Leuchten eingerichtet, die entfernt an eine Seitenkapelle erinnert.<\/p><p>Meinen spontanen Vorsatz, niemals wieder &bdquo;Artemowskoje&ldquo; zu trinken, habe ich nicht eingehalten. Aber jedes Mal denke ich zuvor an die &bdquo;Mauer der Tr&auml;nen&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;<strong>Erfrorene F&uuml;&szlig;e sind erfrorene F&uuml;&szlig;e!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es war mein vierter Tag im Donbass, als ich mit der Elektritschka vom Eisenbahnknotenpunkt Donezk-Makejewka in die Industriestadt Konstantinowka fuhr, wo mein Gro&szlig;vater fast ein halbes Jahr lang ein Armeelazarett geleitet hatte. Dieser Zeitraum war nicht nur durch seine Tagesnotizen, sondern auch mit &uuml;ber 50 Fotos gut dokumentiert, die neben dem Lazarettalltag auch die Stadt selbst und auch einige Frauen aus der lokalen Bev&ouml;lkerung zeigten, die von den Deutschen f&uuml;r die Arbeit im Lazarett dienstverpflichtet worden waren. Ich wollte diesmal nicht nur Orte verifizieren, sondern mich vor allem mit Veteranen treffen, um von ihnen zu erfahren, wie sie die Zeit der deutschen Besatzung erlebt hatten. Lilija, die ich am Montag in Donezk kennengelernt hatte, hatte das typisch sowjetische Improvisationskunstst&uuml;ck fertiggebracht, innerhalb k&uuml;rzester Zeit in ihrer Heimatstadt alles zu organisieren.<\/p><p>Klopfenden Herzens betrat ich mit Lilija den kleinen Raum der Veteranen in der Stadtverwaltung von Konstantinowka. Dort sa&szlig;en etwa zehn &auml;ltere Frauen, fast alle &uuml;ber 70 und ein sehr vitaler gleichaltriger Mann, die mich gespannt anschauten. Die Lokalzeitung hatte eine Journalistin geschickt, die eifrig mitschrieb. Ich erz&auml;hlte den Menschen, dass ich ihnen guten Gewissens sagen k&ouml;nne, dass mein Gro&szlig;vater als bekennender Katholik &ndash; Lilija &uuml;bersetzte &bdquo;Katholiker&ldquo; &ndash; und Leiter eines katholischen Krankenhauses kein Faschist war. Er ging dem Regime gegen&uuml;ber soweit es ging auf Distanz und wurde einmal sogar von der Gestapo vorgeladen, weil er versucht hatte, seine j&uuml;dischen &Auml;rztekollegen solange wie m&ouml;glich am Krankenhaus zu halten. Nach dem Krieg hatte er mit viel W&auml;rme &uuml;ber die Menschen in der Sowjetunion gesprochen und dabei auch zwei medizinische Mitarbeiterinnen aus Konstantinowka namentlich erw&auml;hnt.<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich war er ein Okkupant &ndash; wenn auch ein Okkupant wider Willen. Auch er habe, wie alle deutschen Besatzer, ihnen das Essen weggegessen. Ich k&ouml;nne ihnen anhand seiner Tagesnotizen sogar noch sagen, was er Weihnachten 1941 im Donbass verspeist habe: Schweinebraten, &bdquo;Pute und m&auml;chtige Weihnachtsstollen&ldquo;! Ich fragte die Veteraninnen, was sie denn w&auml;hrend der Okkupationszeit gegessen h&auml;tten. Die Alten schauten mich an wie ein Auto: &bdquo;Was wir gegessen haben? &ndash; Gras und verfaulte Kartoffeln haben wir gegessen!&ldquo;<\/p><p>Ich zeigte ihnen Fotos meines Gro&szlig;vaters aus den verschiedenen Phasen seines Lebens &ndash; und als wir beim Alter von 65, 70 Jahren angekommen waren, da ging auf einmal in den Gesichtern der Babuschkas die Sonne auf: &bdquo;Was f&uuml;r ein sympathischer Mann!&ldquo;<\/p><p>Nat&uuml;rlich erregten die Fotos von Konstantinowka w&auml;hrend der Besatzungszeit gr&ouml;&szlig;tes Interesse. &bdquo;Das sind die ersten Fotos unserer Stadt aus der Zeit der Besatzung! Wir hatten bis jetzt keine!&ldquo; Ich wollte gerne einige Orte verifizieren und zeigte ihnen Fotos des Armeelazaretts. Die alten Menschen erkannten es sofort: &bdquo;&#1053;&#1072;&#1096;&#1072;, &#1085;&#1072;&#1096;&#1072;, &#1085;&#1072;&#1096;&#1072;!! &#1053;&#1072;&#1096;&#1072; &#1093;&#1080;&#1088;&#1091;&#1088;&#1075;&#1080;&#1103;!&ldquo; (&bdquo;Unsere Chirurgie!&ldquo;). Die deutschen Besatzer hatten sich mit ihrem Lazarett in der Chirurgie des St&auml;dtischen Krankenhauses einquartiert. Alle fingen sofort an zu r&auml;tseln, wer wohl die abgebildeten lokalen medizinischen Mitarbeiterinnen meines Gro&szlig;vaters gewesen sein k&ouml;nnten. Als es an die Fotos vom Lazarettalltag ging, warnte ich die Veteraninnen: &bdquo;Ich kann Ihnen die Fotos zeigen. Darunter sind auch Fotos von erfrorenen F&uuml;&szlig;en. Aber ich muss Ihnen sagen, dass dies nat&uuml;rlich Fotos von erfrorenen F&uuml;&szlig;en der deutschen Besatzer sind! Wollen Sie sie dennoch sehen?&ldquo; &ndash; Die Antwort der ukrainischen Babuschkas aus dem Donbass: &bdquo;Erfrorene F&uuml;&szlig;e sind erfrorene F&uuml;&szlig;e!&ldquo; Ich h&auml;tte sie k&uuml;ssen k&ouml;nnen.<\/p><p>Es war wie immer: Von Hass keine Spur! Daf&uuml;r die Erleichterung, ja fast Dankbarkeit, dass sich endlich, endlich mal jemand aus dem Land der Besatzer f&uuml;r ihre Erfahrungen interessierte! Immer wieder wurde betont, die deutschen &Auml;rzte im Krankenhaus h&auml;tten auch Menschen aus der lokalen Bev&ouml;lkerung behandelt. Ich schenkte den Veteranen zum Abschied eine CD mit allen Fotos. Sie verabschiedeten mich mit viel W&auml;rme und &uuml;berreichten mir im Gegenzug das Gedenkbuch f&uuml;r die Opfer ihres Oblasts (Regierungsbezirks).<\/p><p>Mein Besuch hatte ein Echo in der Lokalpresse. Der Artikel der Journalistin enthielt einen Aufruf an die alten Menschen, Erfahrungsberichte aus der Okkupationszeit zu verfassen und an die Lokalzeitung zu senden. Einige Wochen sp&auml;ter erschienen, illustriert mit Fotos meines Gro&szlig;vaters vom Besatzungsalltag in Konstantinowka, vier Berichte, von denen ich zwei auszugsweise zitiere.<\/p><blockquote><p>\n<em>22 Monate Hunger, Erniedrigungen und Angst<\/em><\/p>\n<p><em>In den ersten Kriegsjahren ist mein Mann an die Front gegangen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Dieser Verlust und 22 lange Monate der Besatzung &ndash; das war das Schrecklichste in meinem Leben. Die Fenster unseres Hauses gingen auf die zentrale Stra&szlig;e, die Krasnaja. Ich habe gesehen, wie durch diese Stra&szlig;e fast jeden Tag Leute getrieben wurden. Zuerst waren das unsere Kriegsgefangenen: ins KZ oder zum Erschie&szlig;en. Sp&auml;ter wurden die Arbeiter und die Jugend zum Bahnhof getrieben, wo auf sie die G&uuml;terwaggons nach Deutschland warteten. Wer aus der Reihe herauslief, wurde an Ort und Stelle erschossen. Bis jetzt h&ouml;re ich noch das schauerliche Geschrei einer Frau in meinen Ohren, deren Bruder vor ihren Augen erschossen wurde. <\/em><\/p>\n<p><em>Um nicht &bdquo;Ostarbeiter&ldquo; zu werden, kratzte ich mir und den Kindern F&uuml;&szlig;e und Beine auf und rieb sie danach mit Knoblauch ein, damit sie anschwollen. So haben das damals viele gemacht: Die Deutschen glaubten, es sei eine Infektion und schickten diese Leute nicht zur Deportation.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht weit von uns befand sich die Gestapo. Es gab keinen Tag, an dem nicht eine Person dorthin zur Vernehmung gef&uuml;hrt wurde. Nur sehr wenige kamen von dort wieder heraus. Es sei denn, dass sie in den gedeckten Planwagen au&szlig;erhalb der Stadt zum Erschie&szlig;en hinausgefahren wurden. Dieses Los traf auch sehr viele Arbeiter unserer Glasfabrik. Ich wohnte st&auml;ndig in Angst und wartete, dass ich einmal abgeholt w&uuml;rde.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Erinnerungen an diese Ereignisse lassen mich noch bis jetzt nachts nicht einschlafen. Und an etwas Gutes kann ich mich nicht erinnern.<\/em><\/p>\n<p><em>A.F. Buljanskaja<\/em><\/p>\n<p><em>Sie hatten auch Kinder<\/em><\/p>\n<p><em>Ich war damals drei Jahre alt. Ich erinnere mich selbst nicht, aber mein &auml;lterer Bruder hat mir folgendes erz&auml;hlt: Unsere Mutter lie&szlig; uns f&uuml;r lange Wochen allein und ging in die D&ouml;rfer, um Kleidung gegen Essen zu tauschen. Einmal gab es im Hause kein Brot und kein Zwieback mehr und die Mutter war noch nicht zur&uuml;ckgekehrt. Wir a&szlig;en schon drei Tage lang nichts, ich weinte st&auml;ndig und mein Bruder konnte es nicht mehr ertragen. Da f&uuml;hrte er mich an den Zaun des deutschen Lazaretts, das sich in der Schule Nr. 1 befand. Zu Hause erschrak er: Er kehrte zur&uuml;ck &ndash; aber ich war nicht mehr da! Bis zum Abend stand er vor dem Zaum, er wurde vertrieben und versteckte sich in der Hoffnung, dass ich irgendwo in der N&auml;he umherschlendern und mich sehen lasse w&uuml;rde. Sonst w&uuml;rde die Mutter ihn &bdquo;t&ouml;ten&ldquo;!<\/em><\/p>\n<p><em>Als es zu d&auml;mmern begann, &ouml;ffnete sich die Zaunt&uuml;r und ein Deutscher kam mit einem Laib Brot in den H&auml;nden und f&uuml;hrte mich hinaus. Der Saum meines Hemdchens war vollgestopft mit Geb&auml;ck und Bonbons. Dem Bruder wurde befohlen, mich morgen wieder hinzuf&uuml;hren. Soviel er verstanden hat, hat es den im Lazarett behandelten Fritzen gefallen, mit dem aufgedunsenen Kind, das rosafarbige Wangen hatte, zu spielen &ndash; viele von ihnen hatten doch zu Hause auch Kinder.<\/em><\/p>\n<p><em>Sp&auml;ter tauchte bei mir noch ein &bdquo;Freund&ldquo; auf &ndash; aus der Brotwarenfabrik gegen&uuml;ber dem Lazarett. Er hie&szlig; Paul und immer wenn er durch das Fenster mich sah, hatte er f&uuml;r uns ein Viertel und manchmal die H&auml;lfte eines hei&szlig;en Brotes. Ich selbst kann mich schon daran erinnern. Besonders Paul als einmal nicht hinauskam. Wir standen mit dem Bruder und warteten. Pl&ouml;tzlich wurde &bdquo;unser&ldquo; Deutscher in Handschellen hinausgef&uuml;hrt und man begann ihn in das gedeckte Fahrzeug hineinzusto&szlig;en. Ich lief zu ihm und er rief: &bdquo;Lebe wohl, Edward!&ldquo; Das Fahrzeug fuhr weg. Und ich fiel auf den Weg hin und weinte lange.<\/em><\/p>\n<p><em>E. Karpunov<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der ganzen Woche meines damaligen Aufenhalts im Donbass habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der f&uuml;r die Orange Revolution gewesen w&auml;re. Alle zeigten sich deutlich reserviert gegen&uuml;ber die &bdquo;Kiewern&ldquo; und den Menschen im Westen des Landes. Und es schwangen, deutlich vernehmbar, Kr&auml;nkungen mit: &bdquo;Die haben uns w&auml;hrend der Wahlk&auml;mpfe &#1041;&#1099;&#1076;&#1083;&#1086; (Hornochsen) genannt!&ldquo; Mir wurde klar, dass eine ganze Region hier v&ouml;llig anders &sbquo;tickt&lsquo; &ndash; am ehesten vielleicht vergleichbar mit den Bayern in Deutschland.<\/p><p>Gorlowka geh&ouml;rt jetzt zur selbsternannten Donezker Volksrepublik. Konstantinowka war zeitweise von den Rebellen besetzt, wurde aber im Sommer 2014 von Truppen der Kiewer Zentralgewalt zur&uuml;ckerobert. Artemowsk hei&szlig;t seit 2016 wieder Bachmut und ist jetzt ein Vorposten der ukrainischen Armee. Die Eisenbahnlinie Donezk-Konstantinowka wurde gekappt. Eine Busfahrt, die mehrere Grenzposten passieren muss, dauert jetzt acht Stunden.<\/p><p>Titelbild: Zerst&ouml;rte Br&uuml;cke &uuml;ber den Kriwoj Torez bei Konstantinowka (Foto Viktor Becker, 1942)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95156\">Im gestrigen Beitrag<\/a> hat unser Autor &uuml;ber die Recherche der Kriegsroute seines Gro&szlig;vaters berichtet. Im Mai 2005 fuhr er in den Donbass, um die genauen Orte zu besichtigen und sich mit Veteranen zu treffen. Die Reise f&uuml;hrte ihn auch nach Bachmut (Artjomowsk). Sp&auml;ter, im Fr&uuml;hjahr 2018, verfasste er dar&uuml;ber einen Essay, den wir aus<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95160\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":95163,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171],"tags":[3004,1289,2104,260,966],"class_list":["post-95160","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-donbass","tag-holocaust","tag-kriegsopfer","tag-ukraine","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/230319-Besatzer-titel.png","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95160"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95257,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95160\/revisions\/95257"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/95163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}