{"id":9519,"date":"2011-05-20T17:12:57","date_gmt":"2011-05-20T15:12:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9519"},"modified":"2015-05-15T09:23:47","modified_gmt":"2015-05-15T07:23:47","slug":"democracia-real-ya-die-verlorene-generation-emport-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9519","title":{"rendered":"Democracia Real Ya! &#8211; Die verlorene Generation emp\u00f6rt sich"},"content":{"rendered":"<p>Europa steht ein hei&szlig;er Sommer bevor. Aus Protest gegen die Sparma&szlig;nahmen der Regierung und die verheerende sozio&ouml;konomische Lage begehrt Spaniens Jugend auf. Seit dem 15. Mai <a href=\"http:\/\/www.spanishrevolution.eu\/records\/\">demonstrieren<\/a> in &uuml;ber 50 spanischen St&auml;dten hunderttausende Menschen auf den zentralen Pl&auml;tzen. Madrids <a href=\"http:\/\/periodismohumano.com\/sociedad\/en-directo-desde-acampadasol-en-madrid.html\">Puerta del Sol<\/a> wird dabei immer mehr zum europ&auml;ischen Pendant des Tahir-Platzes in Kairo &ndash; tausende meist junge Menschen campieren friedlich und werden von einer breiten Welle der Solidarit&auml;t getragen. In dieser Woche ist die &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/democraciarealya\">Democracia Real Ya!<\/a>&ldquo; (Echte Demokratie jetzt!) das Thema Nummer Eins in den <a href=\"http:\/\/le-bohemien.net\/2011\/05\/18\/spaniens-jugend-auf-der-strasse\/\">sozialen Netzwerken<\/a>, w&auml;hrend die klassischen Medien es weitestgehend <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=s91YSMq3XEI&amp;feature=player_embedded#at=135\">ignorieren<\/a> und totschweigen. Sollte die Solidarisierungswelle anhalten, k&ouml;nnte dies der Funke sein, um europaweite Sozial- und Demokratieproteste auszul&ouml;sen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Spaniens Jugend f&uuml;hlt sich ihrer Zukunft beraubt. In keinem anderen Land ist die Jugendarbeitslosigkeit h&ouml;her. Nach offiziellen Zahlen finden 40% aller jungen Spanier keine Arbeitsstelle. Diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, sind meist in prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen t&auml;tig, die hierzulande mit dem Begriff &bdquo;Generation Praktikum&ldquo; umschrieben werden und von deren Bezahlung man sich kein menschenw&uuml;rdiges Leben leisten, geschweige denn f&uuml;r die Zukunft planen oder gar eine Familie gr&uuml;nden kann. Die sozio&ouml;konomische Situation der spanischen Jugend war schon vor der Finanz- und Wirtschaftskrise katastrophal, die Krise hat sie noch weiter verschlimmert und vor allem jede Hoffnung auf Besserung schwinden lassen.<\/p><p>Die konkreten Folgen dieser Missst&auml;nde sind jedoch keinesfalls auf die junge Generation beschr&auml;nkt. Da das spanische Sozialsystem zu den schlechtesten Europas z&auml;hlt, m&uuml;ssen die Eltern der verlorenen Generation im Regelfall ihre erwachsenen Kinder dauerhaft unterst&uuml;tzen. So ist es in Spanien vollkommen normal, dass junge Erwachsene dauerhaft bei ihren Eltern wohnen, da sie sich trotz Vollzeitstelle noch nicht einmal eine Wohnung leisten k&ouml;nnen. Diese Probleme sind nicht neu und die Spanier haben sich in einer Mischung aus Apathie und Angst vor Ver&auml;nderung mit ihnen arrangiert. Dies ist auch eine Folge der Franco-&Auml;ra. Die relativ junge Demokratie gilt vor allem vielen &auml;lteren Spaniern immer noch als fragil &ndash; Kritik an ihr, so die Bef&uuml;rchtung, die regelm&auml;&szlig;ig durch Politiker der beiden gro&szlig;en Parteien gen&auml;hrt wird, st&auml;rke letztlich nur die faschistischen und anti-republikanischen Kr&auml;fte. Durch die dramatischen Folgen der Krise ger&auml;t diese Drohkulisse jedoch in den Hintergrund.<\/p><p>Spanien wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise wie kaum ein anderes Land getroffen. 2,4 Millionen Spanier verloren zwischen 2007 und 2009 ihren Job, die offizielle Arbeitslosigkeit <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.com\/2011\/04\/29\/span-unemployment-inflation-economy-debt_n_855341.html\">stieg um elf Prozentpunkte auf 21,3%<\/a> &ndash; beide Werte sind mit Abstand die h&ouml;chsten in der EU. Dies hatte zur Folge, dass auch viele Spanier der Elterngeneration pl&ouml;tzlich ihren Job verloren, die Unterst&uuml;tzung ihrer Kinder einstellen mussten und sich in vielen F&auml;llen die Hypotheken f&uuml;r ihr Haus oder ihre Wohnung nicht mehr leisten konnten. Das neoliberale spanische Modell ist gescheitert, die Mittelschicht bricht auf breiter Front weg und die Politik vermag es nicht, eine glaubw&uuml;rdige Alternative zu bieten. Spanien ist durch ein Zweiparteiensystem gekennzeichnet, in dem sich die &bdquo;sozialistische&ldquo; PSOE und die &bdquo;konservative&ldquo; PP nur in Nuancen unterscheiden und voll und ganz hinter den neoliberalen Dogmen stehen, deren politische Umsetzung zu den  prek&auml;ren Verh&auml;ltnissen gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Spanien steckt in der tiefsten Krise seiner j&uuml;ngeren Geschichte und die Politik hat nur eine Antwort: die Dosierung der gescheiterten Rezeptur zu erh&ouml;hen. Spanien leidet nicht nur unter einer Wirtschaftskrise, sondern auch unter einer tiefen Krise der Demokratie und des Vertrauens in die Institutionen. Es ist daher auch keinesfalls &uuml;berraschend, dass der Protest gegen dieses System nicht aus dem System selbst, sondern spontan und unorganisiert aus dem Netz kommt. Formal ist &bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo; zwar ein loses B&uuml;ndnis aus mehr als 200 Gruppierungen; seine Mobilisierungskraft kommt aber aus den sozialen Netzwerken. Die Proteste wurden und werden &uuml;ber <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/politik\/europa\/artikel\/1\/yeswecamp\/\">Facebook, Twitter und Blogs organisiert<\/a>, koordiniert und kommuniziert. Zum ersten Mal in der Geschichte des Netzes kann man mit Fug und Recht von einer &bdquo;Facebook-Protestbewegung&ldquo; sprechen, der es gelang, ihr Mobilisierungspotential auch auf die Stra&szlig;e zu bringen.<\/p><p>&bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo; ist zwar eine spanische Bewegung, ihre Kritik  trifft jedoch &ndash; mit Abstrichen &ndash; genauso gut auf ganz Europa zu. Zu den Forderungen geh&ouml;rt nicht nur der Anspruch auf Arbeitspl&auml;tze und bezahlbare Wohnungen, sondern auch der Anspruch auf politische Teilhabe, eine Reform des Wirtschaftssystems, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und vor allem die Forderung nach einer Zukunftsperspektive. In all diesen Punkten haben nicht nur die etablierten Parteien, sondern auch gro&szlig;e Teile der  gesellschaftlichen Kr&auml;fte europaweit auf ganzer Linie versagt. &bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo; betrifft somit ganz Europa und erreicht dies durch das Netz auch.<\/p><p>&Uuml;ber die sozialen Netzwerke hat sich die Bewegung &bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo;, die in Spanien bereits nach dem Tag der ersten Demonstrationen &bdquo;Bewegung 15M&ldquo; genannt wird, wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Europaweite Solidarit&auml;tsveranstaltungen sind f&uuml;r die n&auml;chsten Tage geplant &ndash; in Deutschland sind beispielsweise am Samstag Kundgebungen in D&uuml;sseldorf und Hamburg <a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/2011\/05\/19\/emport-euch-%E2%80%93-erste-demo-aufrufe-in-deutschland\/\">geplant<\/a>. In dieser Woche waren die spanischen Proteste das Thema Nummer Eins in den sozialen Netzwerken. Die n&auml;chsten Wochen werden zeigen, ob &bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo; der Z&uuml;ndfunke war, der ein Feuer ausgel&ouml;st hat, das sich zu einem Fl&auml;chenbrand entwickelt. <\/p><p>Bei aller Euphorie in den sozialen Netzwerken sind jedoch auch Zweifel angebracht. Kampagnen in den sozialen Netzwerken haben sich in der Vergangenheit vor allem durch ihre Kurzlebigkeit und ihr Unverm&ouml;gen, den Protest auch auf die Stra&szlig;e zu bringen, ausgezeichnet. Durch das Klicken eines &bdquo;Gef&auml;llt-mir-Buttons&ldquo; l&auml;sst sich nun einmal kein gesellschaftlicher Wandel erreichen. Es ist noch ein langer Weg, bis sich aus einem digitalen Strohfeuer eine ernstzunehmende Bewegung entwickelt, die es vermag, die Politik zum Einlenken zu bewegen. In Spanien haben die Proteste bereits erste kleine Achtungserfolge erzielt: Die &bdquo;sozialistische&ldquo; PSOE versuchte sich in altbekannter Manier bei den Demonstranten anzubiedern und die Proteste f&uuml;r sich zu vereinnahmen &ndash;  sie blitzte jedoch j&auml;h ab und zeigt sich mittlerweile verhandlungsbereit. Ob dieses &bdquo;Entgegenkommen&ldquo; mehr als ein taktisches Gepl&auml;nkel ist, wird die Zeit zeigen. Der Geist ist jedenfalls aus der Flasche &ndash; ohne echte Ver&auml;nderungen wird man ihn nicht mehr zur&uuml;ckbekommen.<\/p><p>Das Manifest von &bdquo;Democracia Real Ya!&ldquo;:<br>\nWir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.<br>\nEinige von uns bezeichnen sich als aufkl&auml;rerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gl&auml;ubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und w&uuml;tend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum pr&auml;sentiert: die Korruption unter Politikern, Gesch&auml;ftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.<br>\nUnd diese Situation ist mittlerweile zur Normalit&auml;t geworden &ndash; t&auml;gliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, k&ouml;nnen wir das &auml;ndern. Es ist an der Zeit, Dinge zu ver&auml;ndern. Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deswegen treten wir eindringlich hierf&uuml;r ein:<\/p><ul>\n<li>Gleichheit, Fortschritt, Solidarit&auml;t, kulturelle Freiheit, Nachhaltigkeit und Entwicklung, sowie das Wohl und Gl&uuml;ck der Menschen m&uuml;ssen als Priorit&auml;ten einer jeden modernen Gesellschaft gelten.<\/li>\n<li>Das Recht auf Behausung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe, freie pers&ouml;nliche Entwicklung und Verbraucherrechte im Sinne einer gesunden und gl&uuml;cklichen Existenz sind unverzichtbare Wahrheiten, die unsere Gesellschaft zu befolgen hat.<\/li>\n<li>In ihrem momentanen Zustand sorgen unsere Regierung und das Wirtschaftssystem nicht daf&uuml;r, sondern stellen sogar auf vielerlei Weise ein Hindernis f&uuml;r menschlichen Fortschritt dar.<\/li>\n<li>Die Demokratie geh&ouml;rt den Menschen (demos = Menschen, kr&aacute;tos = Regierung), wobei die Regierung aus jedem Einzelnen von uns besteht. Dennoch h&ouml;rt uns in Spanien der Gro&szlig;teil der Politiker &uuml;berhaupt nicht zu. Politiker sollten unsere Stimmen in die Institutionen bringen, die politische Teilhabe von B&uuml;rgern mit Hilfe direkter Kommunikationskan&auml;le erleichtern, um der gesamten Gesellschaft den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen zu erbringen, sie sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern und deswegen vorankommen, sie sollten sich nicht nur um die Herrschaft der Wirtschaftsgro&szlig;m&auml;chte k&uuml;mmern und diese durch ein Zweiparteiensystem erhalten, welches vom unersch&uuml;tterlichen Akronym PP &amp; PSOE angef&uuml;hrt wird.<\/li>\n<li>Die Gier nach Macht und deren Beschr&auml;nkung auf einige wenige Menschen bringt Ungleichheit, Spannung und Ungerechtigkeit mit sich, was wiederum zu Gewalt f&uuml;hrt, die wir jedoch ablehnen. Das veraltete und unnat&uuml;rliche Wirtschaftsmodell treibt die gesellschaftliche Maschinerie an, einer immerfort wachsenden Spirale gleich, die sich selbst vernichtet indem sie nur wenigen Menschen Reichtum bringt und den Rest in Armut st&uuml;rzt. Bis zum v&ouml;lligen Kollaps.<\/li>\n<li>Ziel und Absicht des derzeitigen Systems sind die Anh&auml;ufung von Geld, ohne dabei auf Wirtschaftlichkeit oder den Wohlstand der Gesellschaft zu achten. Ressourcen werden verschwendet, der Planet wird zerst&ouml;rt und Arbeitslosigkeit sowie Unzufriedenheit unter den Verbrauchern entsteht.<\/li>\n<li>Die B&uuml;rger bilden das Getriebe dieser Maschinerie, welche nur dazu entwickelt wurde, um einer Minderheit zu Reichtum zu verhelfen, die sich nicht um unsere Bed&uuml;rfnisse k&uuml;mmert. Wir sind anonym, doch ohne uns w&uuml;rde dergleichen nicht existieren k&ouml;nnen, denn am Ende bewegen wir die Welt.<\/li>\n<li>Wenn wir es als Gesellschaft lernen, unsere Zukunft nicht mehr einem abstrakten Wirtschaftssystem anzuvertrauen, das den meisten ohnehin keine Vorteile erbringt, k&ouml;nnen wir den Missbrauch abschaffen, unter dem wir alle leiden.<\/li>\n<li>Wir brauchen eine ethische Revolution. Anstatt das Geld &uuml;ber Menschen zu stellen, sollten wir es wieder in unsere Dienste stellen. Wir sind Menschen, keine Produkte. Ich bin kein Produkt dessen, was ich kaufe, weshalb ich es kaufe oder von wem.<\/li>\n<\/ul><p>Im Sinne all dieser Punkte, emp&ouml;re ich mich.<br>\nIch glaube, dass ich etwas &auml;ndern kann.<br>\nIch glaube, dass ich helfen kann.<br>\nIch wei&szlig;, dass wir es gemeinsam schaffen k&ouml;nnen.<br>\nGeh mit uns auf die Stra&szlig;e. Es ist dein Recht.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c49913976dfe4417ab5432a8b391c97d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa steht ein hei&szlig;er Sommer bevor. Aus Protest gegen die Sparma&szlig;nahmen der Regierung und die verheerende sozio&ouml;konomische Lage begehrt Spaniens Jugend auf. Seit dem 15. Mai <a href=\"http:\/\/www.spanishrevolution.eu\/records\/\">demonstrieren<\/a> in &uuml;ber 50 spanischen St&auml;dten hunderttausende Menschen auf den zentralen Pl&auml;tzen. 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