{"id":95335,"date":"2023-03-22T14:06:20","date_gmt":"2023-03-22T13:06:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95335"},"modified":"2023-03-22T15:47:43","modified_gmt":"2023-03-22T14:47:43","slug":"vor-20-jahren-der-krieg-gegen-saddam-hussein-prof-dr-norman-paech-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95335","title":{"rendered":"Vor 20 Jahren: Der Krieg gegen Saddam Hussein"},"content":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Dieser R&uuml;ckblick von <strong>Norman Paech<\/strong> auf das Leiden der Menschen im Irak und anderen Teilen des Mittleren Ostens hilft, die aktuellen kriegerischen Interventionen und Auseinandersetzungen in der Ukraine einzuordnen. Es wird auch ansonsten noch einmal deutlich, wie unberechtigt die Agitation ist, der Westen und seine F&uuml;hrungsmacht st&uuml;nden f&uuml;r irgendwelche &bdquo;Werte&ldquo;. Sie stehen f&uuml;r Mord und Totschlag, allerdings auch f&uuml;r unentwegte Freiheit-Propaganda. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nAls Pr&auml;sident George W. Bush am 20. M&auml;rz 2003 den Befehl zum Angriff auf Bagdad gab, war das Land schon durch zwei Kriege und andauernde Wirtschaftssanktionen schwer gezeichnet. <\/p><p><strong>Desert Storm, 1991<\/strong><\/p><p>Saddam Hussein hatte im Sommer 1990 seinen Nachbarstaat Kuweit &uuml;berfallen. Der UN-Sicherheitsrat hatte sofort mit seinen Resolutionen 661 und 665 reagiert und ein totales Wirtschaftsembargo verf&uuml;gt. Von diesem Embargo waren praktisch nur medizinische Artikel sowie Lebensmittel ausgenommen, wenn aus humanit&auml;ren Gr&uuml;nden erforderlich. Doch die USA erh&ouml;hten den milit&auml;rischen Druck und erreichten vom UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 678 die erste ausdr&uuml;ckliche Erm&auml;chtigung zu milit&auml;rischen Sanktionen seit dem Koreakrieg. Dabei verzichtete er jedoch auf Druck der USA auf jegliche Aufsicht und Kontrolle der unter US-Kommando stehenden Milit&auml;rallianz. &Uuml;berliefert ist der Satz des damaligen Generalsekret&auml;rs Perez de Cuellar, den er am ersten Tag der Luftangriffe auf Bagdad &auml;u&szlig;erte: &bdquo;Dies ist eine Niederlage der Vereinten Nationen&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Die Zerst&ouml;rungen und Opfer der anschlie&szlig;enden Bombardierungen &uuml;ber 42 Tage und die sp&auml;ter dokumentierten Kriegsverbrechen der US-amerikanischen Truppen sollten ihm recht geben.<\/p><p>Der milit&auml;rische Einsatz war zwar erfolgreich, die irakischen Truppen mussten sich zur&uuml;ckziehen. Aber die vorher schon in den USA entwickelten Pl&auml;ne zur Beherrschung der zentralen &Ouml;lregion erforderten weitergehende Ma&szlig;nahmen. So verwandelte sich die Resolution 687 vom April 1991, mit der die Einstellung der K&auml;mpfe verk&uuml;ndet wurde, in einen Hebel und ein Druckinstrument f&uuml;r einen festen Zugriff auf das Land. Jede Einfuhr lebenswichtiger Lebensmittel und Medikamente, aber auch jedes Ersatzteil f&uuml;r die Wasser- und Stromversorgung oder das Transportsystem hing seitdem von der Zustimmung des Sanktionskomitees (United Nations Special Committee &ndash; UNSCOM) ab. Dieses verhinderte mit seinen Verweigerungen nicht nur den Wiederaufbau der Wirtschaft, sondern sch&auml;digte auch nachhaltig das einstmals hoch entwickelte und leistungsf&auml;hige medizinische System. <\/p><p>Das konnte auch nicht durch das sogenannte &bdquo;Oil for Food&ldquo;-Programm vom August 1991 aufgefangen werden, sodass die fortschreitende Verelendung und Mangelwirtschaft das Ausma&szlig; einer auch von der UNO festgestellten humanit&auml;ren Katastrophe annahm. Die beiden Koordinatoren des Programms, Denis Halliday und Hans-Christof von Sponeck, traten nacheinander zur&uuml;ck. Halliday begr&uuml;ndete seinen R&uuml;cktritt 1998 sp&auml;ter mit der Erkl&auml;rung:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich wurde zum R&uuml;cktritt getrieben, weil ich mich weigerte, die Anordnungen des Sicherheitsrates zu befolgen, der gleiche Sicherheitsrat, der die v&ouml;lkermordverursachenden Sanktionen eingerichtet hat und diese aufrechterh&auml;lt, die die Unschuldigen im Irak treffen. Ich wollte nicht zum Komplizen werden, ich wollte frei und &ouml;ffentlich gegen dieses Verbrechen sprechen. Der wichtigste Grund ist, dass mein angeborenes Gerechtigkeitsempfinden entr&uuml;stet war und ist &uuml;ber die Gewaltt&auml;tigkeit der Auswirkungen, die die UN-Sanktionen auf das Leben von Kindern, Familien hatte und hat. Es gibt keine Rechtfertigung f&uuml;r das T&ouml;ten der jungen, der alten, der kranken, der armen Bev&ouml;lkerung des Irak.&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><\/blockquote><p>Von Sponeck verlie&szlig; 2000 aus den gleichen Gr&uuml;nden seinen Posten. Er hatte die Luftangriffe dokumentiert, die die USA auch nach dem Krieg ohne Mandat des Sicherheitsrats gegen den Irak flogen, also v&ouml;lkerrechtswidrig waren, und viele zivile Opfer verursachten. Sie waren nicht die einzigen, die ihre Arbeit niederlegten. So auch die Leiterin des Weltern&auml;hrungsprogramms im Irak, Jutta Burghardt, mit der bitteren Erkenntnis: &bdquo;Das humanit&auml;re Programm (&Ouml;l f&uuml;r Lebensmittel) ist sachlich ausgeh&ouml;hlt und dient der Verschleierung der wirklichen Auswirkungen der Sanktionen.&ldquo; Die Zahl der Toten ist nie richtig festgestellt worden und schwankt um die eine Million. &Uuml;berliefert ist aber die zynische Antwort der damaligen UN-Botschafterin der USA, Madeleine Albright, aus dem Jahr 1996 auf die Frage, ob 500.000 tote Kinder als Folge der Sanktionen nicht ein zu hoher Preis gewesen seien: &bdquo;Ich denke, das ist eine sehr harte Wahl, aber der Preis, denke ich, der Preis war es wert.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Unter diesen Bedingungen konnte sich die Regierung in Bagdad auch nicht dagegen wehren, dass der UN-Sicherheitsrat im April 1991 mit seiner Resolution 688 die Souver&auml;nit&auml;t des Irak im Norden drastisch beschr&auml;nkte, um den gef&auml;hrdeten Kurden einen sogenannten save haven (sicheren Hafen) einzurichten, der nur f&uuml;r Hilfsorganisationen zug&auml;nglich sein sollte, die von der UNO autorisiert sind. So begr&uuml;&szlig;enswert es war, dass der Sicherheitsrat zum ersten Mal eine &bdquo;Humanit&auml;re Intervention&ldquo; als Reaktion auf innere Unruhen und B&uuml;rgerkrieg zum Schutze eines Volkes praktizierte, so war sie doch auch ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Herrschaft &uuml;ber die strategisch und &ouml;konomisch wichtige Region. Denn nicht nur &uuml;berschritt die T&uuml;rkei in den Folgejahren wiederholt die Grenze und installierte sich seit 1997 milit&auml;risch dort fest, um die Kurden zu bek&auml;mpfen. Auch die USA, Gro&szlig;britannien und Frankreich errichteten Flugverbotszonen zum Schutz der Kurden im Norden und der Schiiten im S&uuml;den. Alle Ma&szlig;nahmen waren weder von der Resolution 678 noch 687 gedeckt und offen v&ouml;lkerrechtswidrige Eingriffe in die Souver&auml;nit&auml;t und territoriale Integrit&auml;t des Irak.<\/p><p><strong>W&uuml;stenfuchs, 1998<\/strong><\/p><p>Als dann 1998 der ehemalige Leiter von UNSCOM, Rolf Ekeus, den Inspektionen Spionage und die Weitergabe von Informationen an den israelischen Mossad vorwarf, eskalierten die Auseinandersetzungen mit Bagdad. Im Dezember 1998 forderte die USA die Inspekteure auf, das Land zu verlassen, und startete ihre &bdquo;Operation W&uuml;stenfuchs&ldquo;, ein viert&auml;giges Bombardement Bagdads mit ca. 1.600 Toten. Es gab keine Reaktion des Sicherheitsrats, es fand sich auch keine Mehrheit von Staaten, die die Operation als das verurteilten, was sie war: v&ouml;lkerrechtswidrig. Damit war dem Sicherheitsrat endg&uuml;ltig die Kontrolle &uuml;ber den Irakkonflikt entglitten, der sich nun als das darstellte, was er von Anfang an war, als Konfrontation der USA mit dem Regime Saddam Husseins.<\/p><p>Betrachten wir die US-amerikanische Strategie auf einer globalen Stufe, so geht es ihr damals wie heute um die zweite Kolonialisierung des Mittleren Ostens. Die Aufl&ouml;sung der direkten kolonialen Herrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Errichtung der UNO und der Gr&uuml;ndung des Staates Israel war zwar politisch erfolgreich und sp&auml;testens mit dem gemeinsamen Suezabenteuer von Briten, Franzosen und Israelis 1956 abgeschlossen. Eine echte &ouml;konomische und soziale Unabh&auml;ngigkeit hat aber kaum einer der postkolonialen Staaten erringen k&ouml;nnen. Die daraus resultierende Instabilit&auml;t der ganzen Region entlud sich immer wieder in Unruhen und Kriegen (Erd&ouml;lkrieg 1973\/74, 1. Golfkrieg 1980\/88, 2. Golfkrieg 1990\/91, 3. Golfkrieg 2003), die das R&uuml;ckgrat der westlichen Prosperit&auml;t zu einer der sensibelsten Zonen mit hoher Anf&auml;lligkeit machte. <\/p><p>Dem Ganzen liegt das Konzept unilateraler Beherrschung der Welt mittels absoluter milit&auml;rischer &Uuml;berlegenheit zugrunde, ein imperiales Hegemoniekonzept, das auch von den sogenannten Tauben in der US-Administration bis heute vertreten wird. Daran hatte Au&szlig;enminister Powell schon 1992 keinen Zweifel gelassen: &bdquo;Die USA ben&ouml;tigen milit&auml;rische Machtmittel, um jede konkurrierende Macht abzuschrecken, jemals davon zu tr&auml;umen, dass man uns auf der globalen Ebene herausfordern k&ouml;nnte.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Pr&auml;sident Bush wiederholte diesen Suprematieanspruch in seiner Westpoint-Rede vom Juni des gleichen Jahres: &bdquo;Oberstes Ziel der US-Strategie nach dem Ende des Kalten Krieges muss es sein, zu verhindern, dass irgendwo auf der Welt irgendeine Macht zum ebenb&uuml;rtigen Konkurrenten wird.&ldquo; [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Er lie&szlig; ihn dann in der Nationalen Sicherheitsstrategie vom 20. September 2002 noch einmal betonen: &bdquo;Es ist die Zeit gekommen, wieder die wesentliche Rolle amerikanischer Milit&auml;rmacht zu betonen &hellip; Wir werden Streitkr&auml;fte unterhalten, die zur Erf&uuml;llung unserer Verpflichtung f&auml;hig sind und die Freiheit verteidigen. Unsere Streitkr&auml;fte werden stark genug sein, potenzielle Gegner von ihren Aufr&uuml;stungsvorhaben abzubringen, die sie in der Hoffnung auf &Uuml;berlegenheit oder Gleichstellung im Hinblick auf die Macht der Vereinigten Staaten betreiben.&ldquo; [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Diese Drohung war schon damals nicht auf den Mittleren Osten begrenzt, sondern richtete sich global ebenso gegen Russland wie gegen China und ist auch heute noch aktuell.<\/p><p>Das letzte Kapitel im Kampf um den Irak begann am 9. November 2002 mit der Resolution 1441 des UN-Sicherheitsrats, die nach monatelangem Ringen einen Weg suchte, um den offensichtlich schon im Fr&uuml;hjahr 2002 definitiv beschlossenen Krieg gegen den Irak noch zu vermeiden. Sie verlangte von der Regierung in Bagdad, alle Resolutionen des Sicherheitsrats bedingungslos zu akzeptieren, ihren Verpflichtungen zur Kontrolle und Vernichtung ihrer Massenvernichtungswaffen und den UN-Sicherheitsinspekteuren sowie der Internationalen Atomenergieorganisation uneingeschr&auml;nkt und bedingungslos Zugang zu allen Anlagen zu verschaffen. Aus dem Wortlaut der Resolution ist eindeutig keine Erm&auml;chtigung f&uuml;r einen Krieg herauszulesen, so sehr sich die USA auch bei den Beratungen darum bem&uuml;hten. Die Weigerung der Franzosen und Russen war ausschlaggebend daf&uuml;r, dass es keinen Automatismus f&uuml;r eine Kriegserm&auml;chtigung in der Resolution gab.<\/p><p><strong>Operation Iraqi Freedom, 2003<\/strong><\/p><p>So nahmen die USA nach zwei Monaten erneut einen Anlauf, um ihrem beschlossenen Feldzug gegen Saddam Hussein ein legales Gewand zu geben. Sie hatten sich drei fundamentale L&uuml;gen ersonnen, um den Sicherheitsrat zu einem Votum zu bringen, das ihren Krieg legalisieren w&uuml;rde.<\/p><ol>\n<li>Massenvernichtungswaffen. F&uuml;r die Sicherheitsratssitzung am 5. Februar 2003 hatte US-Au&szlig;enminister Colin Powell Luftaufnahmen eines angeblich mobilen Giftgaslabors mitgebracht, die ein UN-Inspektionsteam schon vorher als Wassertankwagen identifiziert hatte. Er pr&auml;sentierte au&szlig;erdem Bilder von gro&szlig;en Aluminiumr&ouml;hren, die angeblich eine Spezialanfertigung f&uuml;r den Bau von Atomwaffen seien &ndash; allerdings daf&uuml;r vollkommen ungeeignet. Er st&uuml;tzte sich zudem auf eine Aussage des britischen Premiers Anthony Blair: &bdquo;Wir wissen, der Irak hat chemische und biologische Waffen. Er stellt sie nach wie vor her und will sie auch einsetzen. Saddam kann diese Waffen innerhalb 45 Minuten aktivieren.&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Die Carnegie Endowment for International Peace erkl&auml;rte Ende 2003 in einer Studie, dass die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen systematisch aufgebauscht worden sei und Vize-Au&szlig;enminister Paul Wolfowitz musste im Mai 2003 nach Beendigung des Krieges zugeben: &bdquo;Aus b&uuml;rokratischen Gr&uuml;nden setzten wir auf das Thema Massenvernichtungswaffen, weil es der einzige Grund war, bei dem jeder zustimmen konnte.&ldquo; Noch zwei Tage vor Beginn der Bombardierung Bagdads, am 18. M&auml;rz 2003, behauptete US-Pr&auml;sident Bush, &bdquo;Geheimdienstinformationen unserer und befreundeter Regierungen lassen keine Zweifel, dass das irakische Regime einige der trefflichsten Waffen besitzt und versteckt, die jemals entworfen wurden&ldquo;.<\/li>\n<li>Kampf gegen den Terror: Da die Massenvernichtungswaffen im Sicherheitsrat niemand richtig &uuml;berzeugen konnten, war schon fr&uuml;h der Kampf gegen den Terror eine weitere Rechtfertigung f&uuml;r die geplante Invasion. Bei der Verk&uuml;ndung des Sieges &uuml;ber den Irak am 1. Mai erkl&auml;rte Bush: &bdquo;Die Schlacht im Irak war ein Sieg im Kampf gegen den Terrorismus, der am 11. September begonnen hat. Die Befreiung des Irak war ein Sieg im Kampf gegen den Terror. Wir haben einen Verb&uuml;ndeten von Al Qaida beseitigt. Und eine Finanzierung des internationalen Terrorismus trockengelegt.&ldquo; Dies war offensichtlich falsch. Der ehemalige Geheimdienstchef Greg Thielman sagte schon damals: &bdquo;Ich kenne wirklich keinen einzigen Terrorismusexperten in der US-Administration, der Osama bin Laden als einen Alliierten von Saddam betrachten w&uuml;rde.&ldquo; Und auch ein Kommissionsbericht aus dem US-Senat best&auml;tigte, dass jegliche Verbindung von Saddam Hussein mit dem internationalen Terrornetzwerk erfunden sei. Doch Bush hielt an seiner falschen Propaganda fest.<\/li>\n<li>Geplanter Regimewechsel: Die gr&ouml;&szlig;te L&uuml;ge war jedoch, dass es bei dem Angriff auf Bagdad gar nicht um die Bedrohung durch Massenvernichtungsmittel ging. Der Krieg gegen den Irak war bereits seit Mitte der neunziger Jahre in der Planung gewesen. Die Sicherung des unangefochtenen Zugangs zum &Ouml;l war bereits in der Clinton-Administration die vorrangige Aufgabe. Vor den Pr&auml;sidentschaftswahlen 2000 hatten Paul Wolfowitz, Donald Rumsfeld und Dick Cheney beim &bdquo;Project for a new American Century&ldquo; eine Studie in Auftrag gegeben, die den &bdquo;Wiederaufbau der amerikanischen Verteidigung&ldquo; zum Gegenstand hatte. In ihr wurden die aktuellen US-amerikanischen geostrategischen Aufgaben formuliert. Das Dokument empfahl u.a. &bdquo;die direkte Errichtung von &rsaquo;Vorw&auml;rtsbasen&lsaquo; der USA in ganz Mittelasien und dem Nahen Osten &hellip;, die der Sicherung der wirtschaftlichen Vorherrschaft der USA in der Welt und der Strangulierung aller potentieller &rsaquo;Rivalen&lsaquo; oder sonstiger lebensf&auml;higer Alternativen zu Amerikas Vision einer freien Marktwirtschaft dienen sollen&ldquo;. Acht Monate vor dem Terroranschlag vom 11.9.2001, am 30. Januar 2001, fand die erste Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats statt, auf dessen Tagesordnung ganz oben der Irak stand. &bdquo;Von Anfang an&ldquo;, berichtete der ehemalige Finanzminister Paul O&rsquo;Neill, &bdquo;herrschte die &Uuml;berzeugung, dass Saddam Hussein weg m&uuml;sse. Vom ersten Moment an ging es um den Irak. Diese Dinge wurden am ersten Tag besiegelt&ldquo;.<\/li>\n<\/ol><p>So zynisch es klingen mag, der Terroranschlag vom 11.9. war der willkommene Anlass, die strategischen Pl&auml;ne nun umzusetzen. Die Bedrohungsl&uuml;gen waren das wirksamste Mittel und der glaubw&uuml;rdigste Vorwand, die Welt in einen Ausnahmezustand zu versetzen, in dem die allgemeinen Garantien demokratischer Verfahren und v&ouml;lkerrechtlicher Prinzipien au&szlig;er Kraft gesetzt werden konnten. Die gigantischen Demonstrationen, die gr&ouml;&szlig;ten nach dem 2. Weltkrieg, die sch&auml;tzungsweise 36 Mio. Menschen am 15. Februar 2003 in &uuml;ber 3.000 Demonstrationen gegen den drohenden Krieg weltweit auf die Stra&szlig;en trieb, konnte ihn dennoch nicht verhindern. Es gibt nur die Erinnerung, einen Film des iranischen Regisseurs Amit Amirani, &bdquo;We are many&ldquo;, der ein faszinierendes Dokument dieses Aufstands gegen die L&uuml;gen und f&uuml;r den Frieden in der ganzen Welt &ndash; bis in die Antarktis &ndash; in neunj&auml;hriger Arbeit erstellt hat. Bisher fand er allerdings keinen Verleih. <\/p><p>Die Opfer dieses Krieges waren katastrophal. Wurden die Auswirkungen des &bdquo;Desert Storm&ldquo; von 1991 z.B. von Denis Halliday und vielen anderen schon als V&ouml;lkermord bezeichnet, so haben die Toten, Verwundeten, Vertriebenen und Zerst&ouml;rungen von der &bdquo;Operation Iraqi Freedom&ldquo; 2003 die Opferzahlen in Dimensionen getrieben, &uuml;ber die auch heute noch keine endg&uuml;ltigen Zahlen vorliegen. Selbst wenn man davon ausgehen muss, dass bis zum Abzug der US-Truppen im Jahr 2011 weit &uuml;ber eine Million Menschen ihr Leben lie&szlig;en und neun Millionen vertrieben wurden, l&auml;sst das nur erahnen, in welchem Ausma&szlig; dieser Krieg, der im Grunde nur einen unliebsamen Herrscher mit seinem widerspenstigen Baath-Regime aus dem Wege r&auml;umen sollte, die ganze Gesellschaft des Irak aufgerissen, die sozialen Strukturen zerst&ouml;rt und fremder Herrschaft unterworfen hat. Der Terror, der nach den Worten Bushs beseitigt werden sollte, bl&uuml;hte danach erst richtig auf und verw&uuml;stete mit dem IS den Nachbarstaat Syrien.<\/p><p>In der anschlie&szlig;enden Besatzung, die acht Jahre dauern und dem Umbau des Staates in eine Demokratie mit den westlichen Werten der Marktfreiheit dienen sollte, wurde der koloniale Charakter der Eroberung deutlich. Ein Vasallenstaat, in dem ein r&uuml;cksichtsloser Paul Bremer mit seinem abh&auml;ngigen irakischen Dienstpersonal radikale S&auml;uberungen unternahm, einen speziellen Polizei- und Repressionsapparat aufbaute und die Besatzungstruppen zu brutalen Eins&auml;tzen gegen den Widerstand in sunnitischen Gebieten schickte. Dieses Regime hatte weniger den Aufbau von Demokratie, sondern vor allem die Zurichtung des Staates f&uuml;r das internationale Kapital im Sinn. <\/p><p>Und w&auml;hrend ein Volk unter Besatzung, Gewalt, Embargo, Diskriminierung und Korruption um seine physische Existenz und kulturelle Identit&auml;t k&auml;mpft, haben sich die Verantwortlichen f&uuml;r dieses Desaster bereits anderer L&auml;nder bem&auml;chtigt (Libyen, Syrien), um dort f&uuml;r Freiheit und Demokratie zu sorgen. Sie werden wie in Afghanistan und Irak auch dort das gleiche Elend hinterlassen und f&uuml;r nichts zur Rechenschaft gezogen. Weder f&uuml;r die Toten, Verletzten, die zerst&ouml;rten H&auml;user, Stra&szlig;en, Br&uuml;cken, Fabriken und Werkst&auml;tten, noch f&uuml;r die Folterungen in Abu Ghraib oder die Massaker in Fallujah [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>], die Pl&uuml;nderung der Rohstoffe und Reicht&uuml;mer &ndash; alles schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. F&uuml;r solche Verbrechen haben die Staaten ein Strafgesetzbuch entwickelt, es wird Zeit, dass ihre Verbrecher die Strafen, die sie f&uuml;r den russischen Pr&auml;sidenten Putin fordern, auch gegen sich selbst gelten lassen m&uuml;ssen.<\/p><p><em>Hamburg, 20. M&auml;rz 2023 <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Vgl. N. Paech, Die Vereinten Nationen und ihr Krieg. Vom Umgang mit dem V&ouml;lkerrecht, in: Werner Ruf (Hrsg.), Vom Kalten Krieg zur hei&szlig;en Ordnung? Der Golfkrieg Hintergr&uuml;nde und Perspektiven, M&uuml;nster 1992, S. 62 ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"http:\/\/gandhifoundation.org\/2003\/01\/30\/2003-peace-award-denis-halliday-2\/\">gandhifoundation.org\/2003\/01\/30\/2003-peace-award-denis-halliday-2\/<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Plenarprotokoll 19\/183 &ndash; Deutscher Bundestag, S. 2358 ff., <a href=\"https:\/\/twitter.com\/renatekuenast\/status\/1506731216405418000\">twitter.com\/renatekuenast\/status\/1506731216405418000<\/a>, <a href=\"https:\/\/braunschweig-spiegel.de\/1-2-million-tote-kinder-durch-irak-sanktionen-m-albright-wir-denken-der-preis-ist-es-wert\/\">braunschweig-spiegel.de\/1-2-million-tote-kinder-durch-irak-sanktionen-m-albright-wir-denken-der-preis-ist-es-wert\/<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Zitiert nach Anatol Lieven, Leidenschaftlich gerne gro&szlig;, Die Bush-Regierung, der Irakkrieg und die neue national Selbstgewissheit, in: Le Monde Diplomatique, November 2002, S. 12 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Vgl. Francis FitzGerald, George Bush and the World, in: New York Review of Books, 26. Sept. 2002.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] National Security Strategy v. 20. September 2002, <a href=\"http:\/\/www.whitehouse.gov\/nsc\/nss.pdf\">whitehouse.gov.\/nsc\/nss.pdf<\/a>. Deutsch auszugsweise in: <em>Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik<\/em>, 12\/2002, S. 1505 ff., 1511.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Vgl. <em>FAZ<\/em> v. 24. 9. 2002, Blair: Saddam will chemische und biologische Waffen einsetzen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Im April 2004 griffen US-amerikanische Soldaten Fallujah an und t&ouml;teten 736 Menschen, von denen mindestens 60 Prozent Frauen und Kinder waren. Im November &uuml;berfielen sie noch einmal den Ort und t&ouml;teten zwischen 580 und 670 Zivilisten.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Dieser R&uuml;ckblick von <strong>Norman Paech<\/strong> auf das Leiden der Menschen im Irak und anderen Teilen des Mittleren Ostens hilft, die aktuellen kriegerischen Interventionen und Auseinandersetzungen in der Ukraine einzuordnen. Es wird auch ansonsten noch einmal deutlich, wie unberechtigt die Agitation ist, der Westen und seine F&uuml;hrungsmacht st&uuml;nden f&uuml;r irgendwelche &bdquo;Werte&ldquo;. Sie stehen f&uuml;r Mord<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95335\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,212,171],"tags":[368,2102,1426,3043,2175,641,1564,1611,2104,304,2316,1418,639,1556,1019],"class_list":["post-95335","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-bush-george-w","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-hussein-saddam","tag-interventionspolitik","tag-irak","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-kriegsluegen","tag-kriegsopfer","tag-kriegsverbrechen","tag-powell-colin","tag-regime-change","tag-uno","tag-usa","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95335"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95352,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95335\/revisions\/95352"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}