{"id":954,"date":"2005-11-23T16:54:15","date_gmt":"2005-11-23T14:54:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=954"},"modified":"2016-02-28T10:19:14","modified_gmt":"2016-02-28T09:19:14","slug":"franz-walters-tipps-fur-die-grose-koalition-in-der-fr-sind-fragwurdig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=954","title":{"rendered":"Franz Walters Tipps f\u00fcr die Gro\u00dfe Koalition in der FR sind fragw\u00fcrdig"},"content":{"rendered":"<p>Von Franz Walter konnten wir in letzter Zeit immer mal wieder weiterf&uuml;hrende Essays lesen. Von dem heute in der Frankfurter Rundschau abgedruckten Beitrag l&auml;sst sich das nicht sagen. Ich muss vielem widersprechen und habe dazu Texteile von Franz Walter kommentiert, jeweils mit &bdquo;AM:&ldquo; gekennzeichnet und kursiv geschrieben.<br>\n<!--more--><br>\n<em>AM: So beginnt der Beitrag in der Frankfurter Rundschau, wer das Ganze lesen will, der Link folgt am Schluss:<\/em><\/p><p>Die T&uuml;ren fest geschlossen<br>\n<strong>Ein Tipp f&uuml;r die gro&szlig;e Koalition: Kompromisse entstehen am besten in elit&auml;ren, der &Ouml;ffentlichkeit strikt entzogenen Zirkeln \/ Von Franz Walter<br>\nWill die neue Regierung erfolgreich sein, m&uuml;ssen sich SPD und Union immer wieder schnell einigen. Ausf&uuml;hrliche Grundsatzdebatten st&ouml;ren. Die m&uuml;ssen im Parlament gef&uuml;hrt werden. Hier ist der Ort f&uuml;r Visionen und gro&szlig;e Ziele.<\/strong><br>\n&bdquo;Unter meinen politikwissenschaftlichen Kollegen der 68er Generation ist die gro&szlig;e Koalition nicht wohlgelitten. Sie argw&ouml;hnen, dass hinter dem Wunsch nach einer Allianz der beiden Gro&szlig;parteien z&auml;hlebige Reste nicht gebrochener wilhelminischer Obrigkeitskultur stecken. Auch im linksliberalen Journalismus findet man dergleichen Interpretationen.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Wo denn? Insgesamt wird damit doch wenig argumentiert. <\/em><\/p><p>&bdquo;Das fatale Charakteristikum der politischen Kultur in der deutschen Moderne ist vielmehr die Konfrontation, das Lagerdenken, die ideologische Verabsolutierung der eigenen Klasse und Grund&uuml;berzeugungen.&ldquo;<\/p><p><em>AM: Das stimmt ja nicht einmal andeutungsweise. Sp&auml;testens mit der Agenda 2010 des Jahres 2003, im Kern schon viel fr&uuml;her, seit dem Kriegseinsatz im Kosovo und Serbien und der Abl&ouml;sung Lafontaines durch Hans Eichel gibt es diese Konfrontation und das Lagerdenken kaum noch. Einvernehmlich sind Steuern gesenkt worden und die Hartz-Reformen eingef&uuml;hrt worden. Wenn es Konflikte im Bundesrat gab, dann waren das eher parteitaktische Spiele um die eigenen Wahlaussichten zu verbessern. Im Prinzip regierte seit langem eine Gro&szlig;e Koalition zwischen Bundesregierung und Bundesrat.. Bis auf die Entscheidung der Bundesregierung, dass sich Deutschland nicht am Irak-Krieg der Amerikaner beteiligte, entdeckte man zumindest in der Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik schon seit Jahrzehnten eine gro&szlig;e Koalition. Die bestimmenden Leute im Verteidigungsausschuss und dem Ausw&auml;rtigen Ausschuss sind sich doch schon seit Jahrzehnten einig. Franz Walter pr&auml;sentiert uns ein Konstrukt, dass mit der Realit&auml;t wenig zu tun hat. <\/em><\/p><p>&bdquo;In Deutschland waren die Parteien ganz im Unterschied zu anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern dezidierte Programm- und Weltanschauungsparteien, denen jeder Sprung &uuml;ber das eigene Milieu hinweg denkbar schwer fiel.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Das gilt f&uuml;r die SPD-Regierung schon lange nicht mehr. Das Berliner SPD-Grundsatzprogramm ist nahezu vollst&auml;ndig vergessen. Die SPD hat sich, von Schr&ouml;der erpresst, in der Au&szlig;en- und Reformpolitik nachweisbar dem konservativen Milieu angepasst. Auch die Union hat jenen Teil ihrer Weltanschauung, der mit der christlichen Arbeitnehmerschaft verbunden war, schon lange aufgegeben.<\/em><\/p><p>&bdquo;Die Permanenz dieser Wahlauseinandersetzungen hat die schon im 19. Jahrhundert entstandene Mentalit&auml;t des antagonistischen Gegnerhasses konserviert.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Von Gegnerhass zu sprechen, ist fast schon wieder lustig, soweit entfernt ist es von der Realit&auml;t der parlamentarischen Praxis. Der Autor hat wohl v&ouml;llig &uuml;bersehen, wie nahe die Seeheimer und die Netzwerker der SPD zum Beispiel in Ideologie und Mentalit&auml;t und Inhalt an der CDU\/CSU dran sind. Dass es bei Wahlen dann eine Konkurrenz um die Machtpositionen und auch um Jobs gibt, und dass dabei dann auch hart gek&auml;mpft wird, ist verst&auml;ndlich, aber dies hat mit Schwarz und Rot im ideologischen Sinne doch &uuml;berhaupt nichts mehr zu tun gehabt. <\/em><\/p><p>&bdquo; Der Abend des 18. September 2005 hat daf&uuml;r ein sch&ouml;nes, besser: deprimierendes Beispiel geboten. Man sah die Anh&auml;ngerschaften von Parteien, die im Grunde gerade bitter verloren hatten, in frenetischen Jubel ausbrechen und sich enthusiastisch in den Armen liegen: einzig und allein, weil der Gegner ebenfalls taumelte. Das ist &uuml;brig geblieben von den ideologischen K&auml;mpfen der Vergangenheit: die H&auml;me, die Schadenfreude, die Herabsetzung des Gegners. Demgegen&uuml;ber ist die Sicherheit der eigenen, positiv formulierten politischen Ziele l&auml;ngst zerronnen und perdu.&ldquo;<\/p><p><em>AM: Das ist richtig beobachtet, aber dies hat nichts mit Gegnerschaft sondern schlicht und einfach mit Konkurrenz zu tun. Das glich doch eher einem Verhalten von Fu&szlig;ballfans, die ihrem Verein zujubelten.<\/em><\/p><p>&bdquo;Der gemeinsame Stolz auf die ungew&ouml;hnlichen Leistungen der alten Bonner Republik, des katholisch-sozialdemokratischen Sozialstaats h&auml;tte ein solcher Bezugspunkt sein k&ouml;nnen. Doch haben sich die Politikereliten beider Parteien bizarrerweise unisono von dieser keineswegs schm&auml;hlichen Vergangenheit gel&ouml;st, ja sie nachgerade ver&auml;chtlich gemacht.&ldquo;<\/p><p><em>AM: Da kann ich dem Autor leichten und freudigen Herzens zustimmen.<\/em><\/p><p>&bdquo;Der Erwartungsdruck der Wahlb&uuml;rger ist nicht gering. Sie wollen, dass effizient und l&ouml;sungsbezogen regiert wird. Die beiden Volksparteien m&uuml;ssen also eine rationale Verhandlungsstruktur finden, um z&uuml;gig zu handlungsorientierten Konsenspunkten zu finden, bei denen keine der beiden Parteien das Gesicht verliert.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Es geht doch nicht um eine Verhandlungsstruktur. Es geht vor allem darum, welche Inhalte und Ideologien praktisch politisch relevant werden. Es zeichnet sich zum Beispiel ab, dass die beiden gro&szlig;en Parteien immer noch nicht richtig verstanden haben, wie wichtig eine expansive Politik auf dem Binnenmarkt ist. Das haben sie zwar im Ansatz verstanden, aber dieser Ansatz, die geplante Expansion des Jahres 2006, wird kaum ausreichen, um den von einer Spar-Ideologie gepr&auml;gten Bremseffekt im Jahre 2007 zu konterkarieren. &ndash; Beide gro&szlig;en Parteien haben zum Beispiel auch nach wie vor verinnerlicht, was die Neoliberalen zur Durchsetzung ihrer Vorstellung uns erz&auml;hlen: dass Globalisierung und Demographie umfassend neue Probleme seien, die Strukturreformen verlangten. Beide haben die gleiche ideologische Basis. <\/em><\/p><p>&ldquo;Der Diskurs in der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit also f&ouml;rdert das Pathos der Grundsatzfestigkeit&ldquo;. <\/p><p><em>AM: Franz Walter ist zu bewundern, wenn er noch irgendwo Grundsatzfestigkeit findet. Er ist nicht so bewundern, wenn er aufgrund solch falscher Vorstellungen nach L&ouml;sungen sucht. <\/em><\/p><p>&bdquo;Die Einsicht in die Motive des Anderen, der Willen, auf den Verhandlungspartner zuzugehen, die F&auml;higkeit, von starren Ursprungspositionen zu lassen, dogmatische Fesseln aufzul&ouml;sen&ldquo;. <\/p><p><em>AM: Noch einmal die Frage nach den dogmatischen Fesseln. Wo sind Sie denn?<\/em><\/p><p>&ldquo;Marionetten des Basiswillens und Tempelh&uuml;ter von Parteiidentit&auml;ten sind f&uuml;r Verhandlungs- und Ausgleichssysteme &ndash; wie eben die Kompromissbildung in einer gro&szlig;en Koalition &ndash; g&auml;nzlich ungeeignet.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Wo gibt es denn die Tempelh&uuml;ter und den Basiswillen noch?<\/em><\/p><p>&ldquo;Pr&auml;gen, konzipieren, entwerfen, vordenken, Ideen hervorbringen, die gro&szlig;e Debatte f&uuml;hren, Zukunft antizipieren, Themen setzen, die wesentlichen Inhalte von Gesellschaft und Politik definieren &ndash; das ist die Aufgabe von brillanten Parlamentariern und anspruchsvollen Parteileuten. Keine Koalitionsrunde kann ihnen diese Funktion wegnehmen.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Dieser Absatz zeigt eher, dass der Autor noch von den alten Lehrbuchmythen von den herausragenden Geistern und Pers&ouml;nlichkeiten als Abgeordneten tr&auml;umt, als dass er die Realit&auml;t bundesdeutscher Parlamentarier im Auge hat. Die Rolle des Parlaments und damit auch der Parlamentarier wurde ja sowohl unter der Kanzlerschaft Kohls als auch Schr&ouml;ders auf die Funktion von Funktionsgehilfen der Regierung degradiert. Brillanz und Selbstanspr&uuml;che der Abgeordneten wurden systematisch der Fraktionsdisziplin untergeordnet. Das hat ja auch dazu gef&uuml;hrt, dass sich immer weniger profilierte Leute in den Parteien nach einem Parlamentsmandat dr&auml;ngen. Die Rolle des Stimmviehs im Parlament und dem Watschenmann vor Ort war auch bestimmt nicht gerade dazu angetan, dass sich Leute, die etwas auf dem Kasten hatten, f&uuml;r eine Kandidatur zu gewinnen.<\/em><\/p><p>&ldquo;Und der politische Bewegungsraum daf&uuml;r ist im Deutschen Bundestag unter den Bedingungen der gro&szlig;en Koalition breiter als sonst. Gro&szlig;e Koalitionen lockern die Fesseln der Disziplin, l&ouml;sen den Druck der Uniformit&auml;t. Die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r abweichende Positionen, gesonderte Gruppierungen, unorthodoxe Antr&auml;ge und eigensinnige Redebeitr&auml;ge sind gr&ouml;&szlig;er als in Zeiten kleiner Koalitionen mit knappen, also prek&auml;ren Mehrheiten.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Das wollen wir erst mal noch sehen. Vorerst ist die Behauptung ein reines Konstrukt.<\/em><\/p><p>&bdquo;Zwischen 1966 und 1969 war das Selbstbewusstsein der deutschen Bundestagsabgeordneten deshalb erheblich angewachsen. Die Regierungsfraktionen sahen sich nicht mehr ausschlie&szlig;lich als parlamentarische Exekutive des Kabinetts, sondern als prim&auml;rer Ort der Willensbildung und Themensetzung.&ldquo; <\/p><p><em>AM: Ich war damals Mitarbeiter eines Ministers der Gro&szlig;en Koalition und kann mich nicht an das erinnern, was Franz Walter hier behauptet.<\/em><\/p><p>&ldquo;Moderne, fragmentierte, aufgekl&auml;rte Gesellschaften sind auf beides angewiesen: Auf kompromissf&auml;hige Effizienz und auf charismatisch-programmatische &Uuml;berzeugungskraft. Beides gedeiht in unterschiedlichen Arenen mit gegens&auml;tzlichen Logiken. Eben das macht Politik so schwierig, oft auch schwer verst&auml;ndlich. Politische Koalitionen ben&ouml;tigen effektiv, verl&auml;sslich und verschwiegen operierende Elitezirkel f&uuml;r die Kompromissbildung. Sie brauchen aber auch selbstbewusste, &ouml;ffentlich agierende Parlamentarier, die die gro&szlig;en Linien ziehen, einpr&auml;gsame Begriffe kreieren, mehr noch: die dem politischen B&uuml;ndnis orientierende Leitvorstellungen voranstellen k&ouml;nnen&ldquo;&hellip;<\/p><p><em>AM: Auch diese letzte Passage ist wie nahezu der gesamte Beitrag ohne Verbindung zur Realit&auml;t, zum Beispiel ohne Verbindung und Bezug zur Koalitionsvereinbarung geschrieben worden. Es k&ouml;nnte aus einem Stehsatz stammen oder aus einem Lehrbuch der Politologe. Das ist schade, denn von Franz Walter sind wir in der letzten Zeit erleuchtendere Beitr&auml;ge gewohnt.<\/em><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/?cnt=760454\">FR<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Franz Walter konnten wir in letzter Zeit immer mal wieder weiterf&uuml;hrende Essays lesen. 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