{"id":95466,"date":"2023-03-24T13:30:40","date_gmt":"2023-03-24T12:30:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95466"},"modified":"2023-03-24T14:25:54","modified_gmt":"2023-03-24T13:25:54","slug":"milliardengraeber-noch-gar-nicht-gebaute-strassen-werden-jaehrlich-zehn-prozent-teurer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95466","title":{"rendered":"Milliardengr\u00e4ber. Noch gar nicht gebaute Stra\u00dfen werden j\u00e4hrlich zehn Prozent teurer"},"content":{"rendered":"<p>Greenpeace hat nachgerechnet: 800 Stra&szlig;enbauprojekte werden im Falle ihrer Umsetzung 100 Milliarden Euro mehr an Steuergeld verschlingen, als der &bdquo;aktuelle&ldquo; Bundesverkehrswegeplan veranschlagt. Obwohl der Gro&szlig;teil der Unternehmungen bisher nur geplant ist, schie&szlig;en die Kosten ungebremst ins Kraut, mithin &bdquo;um mehrere hundert Prozent&ldquo;. Die Spielr&auml;ume f&uuml;r den &uuml;berf&auml;lligen Ausbau der Bahn schrumpfen da selbstredend zusammen, weshalb der zust&auml;ndige Minister den &bdquo;Deutschlandtakt&ldquo; mal eben auf 2070 verschoben hat. Aber Volker Wissing bekommt Gegenwind. Zehntausende wollen, dass er fliegt. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Titel der am Donnerstag von der Umweltschutzorganisation Greenpeace ver&ouml;ffentlichten Studie zur Stra&szlig;enbauplanung der Bundesregierung und ihren Kosten ist treffend gew&auml;hlt: <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.de\/publikationen\/S04361_greenpeace_Schotterpisten_03_23_last.pdf\">&bdquo;Schotterpisten&ldquo;<\/a>. Die Errichtung von Auto- und Bundesstra&szlig;en, von Br&uuml;cken und Tunneln erfordert jede Menge Steine und Sand. Vor allem braucht es f&uuml;rs Baggern, Asphaltieren und Planieren aber Asche, also Geld, sehr viel Geld und irgendwie immer mehr davon. Nach dem vorgelegten Zahlenwerk k&ouml;nnte allein die Realisierung der im Bundesverkehrswegeplan (BVWP) mit h&ouml;chster Priorit&auml;t klassifizierten Stra&szlig;enprojekte bis zum Jahr 2035 rund 100 Milliarden Euro h&ouml;here Ausgaben verursachen als urspr&uuml;nglich vorgesehen. Das w&auml;re mal eben ein ganzes &bdquo;Sonderverm&ouml;gen&ldquo;, wie es die Ampel f&uuml;r die Ert&uuml;chtigung der Bundeswehr auf den Weg gebracht hat, mit dem Unterschied, dass das Ganze keine &bdquo;Besonderheit&ldquo; ist, sondern der ganz normale Wahnsinn einer Verkehrspolitik von vorvorgestern. <\/p><p>Was die Sache noch irrer macht: Ehe nur ein Kran in Stellung gebracht und nur eine Schaufel Erde ausgehoben ist, vermehren sich die Kosten der fraglichen Unternehmungen mit rasendem Tempo. Obwohl die meisten bisher nur auf dem Papier stehen, werden sie mit jedem Jahr teurer, im Schnitt um 10,6 Prozent, wie Greenpeace ermittelt hat. Auf l&auml;ngere Sicht hei&szlig;t das: &bdquo;Ein BVWP-Fernstra&szlig;enprojekt verdoppelt seinen Preis mithin &uuml;blicherweise innerhalb von neuneinhalb Jahren.&ldquo; Das l&auml;ppert sich nat&uuml;rlich mit der F&uuml;lle der Ma&szlig;nahmen. So waren die untersuchten 800 Projekte, die als &bdquo;fest disponiert&rdquo; und &ldquo;vordringlich&rdquo; eingestuft sind, bei der Verabschiedung des BVWP im Jahr 2016 noch mit knapp 51 Milliarden Euro veranschlagt. Sieben Jahre sp&auml;ter hat sich der Ansatz mal eben verdreifacht, auf 153 Milliarden Euro. Dabei w&auml;re das l&auml;ngst nicht das Ende der Fahnenstange. Der Bundesverkehrswegeplan beinhaltet Hunderte mehr Projekte des &bdquo;weiteren Bedarfs&ldquo;, die nicht in die Berechnung eingegangen sind. Insgesamt geht es um 1.360 Vorhaben, die bei Beschlussfassung mit 270 Milliarden Euro beziffert waren. Was, wenn der ganze Haufen bis zur Umsetzung in zw&ouml;lf Jahren dreimal mehr Geld verschlingt? Das w&auml;ren dann &uuml;ber 800 Milliarden  Euro. Vielleicht w&uuml;rde ja sogar die Billion geknackt, f&uuml;r etwas, das schon heute komplett aus der Zeit gefallen ist.  <\/p><p><strong>Preis verneunfacht<\/strong><\/p><p>Aber wie kommt Greenpeace auf diese riesigen Hausnummern? Grundlage der Kalkulation ist die Antwort des Bundesministeriums f&uuml;r Digitales und Verkehr (BMDV) von Anfang M&auml;rz auf eine <a href=\"https:\/\/dserver.bundestag.de\/btd\/20\/057\/2005762.pdf\">Kleine Anfrage<\/a> der Bundestagsfraktion Die Linke. Hierbei wurde die ver&auml;nderte Kostenentwicklung bei 351 Projekten behandelt und die Ergebnisse hat der Verband auf die verbleibenden 450 Ma&szlig;nahmen hochgerechnet. Dabei sei ein &bdquo;eindeutiger Trend&ldquo; erkennbar geworden: Bei 13 gingen die Preisans&auml;tze zur&uuml;ck, bei 13 blieben sie konstant. In 325 F&auml;llen ergab sich dagegen eine Verteuerung, &bdquo;zum Teil um mehrere hundert Prozent&ldquo;. <\/p><p>Dazu drei Beispiele: Der sechsstreifige Ausbau der Autobahn 59 bei Duisburg stand mit 333 Millionen Euro im BVWP zu Buche. Zum Stichtag 11. Februar 2022 hatten sich die Kosten dann auf &uuml;ber 1,4 Milliarden Euro vervierfacht. Dabei gibt es bisher nicht einmal eine Baustelle. Dagegen ist die rund 1,8 Kilometer lange Ortsumgehung bei Imsweiler in Rheinland-Pfalz immerhin im Bau, seit f&uuml;nf Jahren. 2019 wurden die Kosten bis Fertigstellung mit 66 Millionen Euro angegeben, wenige Jahre davor noch mit etwas mehr als 22 Millionen Euro. Ob es sich mit der Verdreifachung des Preises bis Bauende erledigt hat, ist nach Medienberichten &bdquo;unklar&ldquo;. Dann ist da die sechsspurige Erweiterung der A 81 zwischen dem Autobahnkreuz Stuttgart und Sindelfingen-Ost. Innerhalb von sieben Jahren haben sich die Kosten von 12,4 Millionen Euro auf 111,3 Millionen verneunfacht, wobei die letzte Taxierung mehr als zwei Jahre zur&uuml;ckliegt. <\/p><p><strong>Systematische Kleinrechnung <\/strong><\/p><p>Gr&uuml;nde f&uuml;r die groben Fehleinsch&auml;tzungen sind laut Auswertung allgemeine Kostensteigerungen beim Bau bis hin zur &bdquo;systematischen Kleinrechnung&ldquo;. In einem Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestages hat das BMDV selbst eine Steigerung der Baukosten zwischen 2016 und 2021 um 24,7 Prozent festgestellt. Die Folgen der Rekordinflation im laufenden und zur&uuml;ckliegenden Jahr sind dabei noch gar nicht ber&uuml;cksichtigt. Mindestens mitverantwortlich ist das Ministerium bei dem, was auch die Rechnungsh&ouml;fe in Bund und L&auml;ndern wiederholt beanstandet haben. Der Bundesrechnungshof (BRH) hatte schon 2016 moniert, die Festsetzung der Projektkosten w&auml;re nicht nachvollziehbar, teilweise nicht plausibel und beruhe auf Sch&auml;tzungen, die eher zu niedrig angesetzt seien. Trotzdem wurden die Pl&auml;ne praktisch ausnahmslos durchgewunken. <\/p><p>Das alles hat System, wie auch Greenpeace best&auml;tigt. &bdquo;Je geringer die angeblichen Kosten, desto besser das Nutzen-Kosten-Verh&auml;ltnis (NKV).&ldquo; Diese Gr&ouml;&szlig;e entscheide bei der Aufstellung des BVWP ma&szlig;geblich dar&uuml;ber, &bdquo;welcher Priorit&auml;tsstufe die Projekte zugeordnet werden &ndash; und damit &uuml;ber die Wahrscheinlichkeit, dass sie &uuml;berhaupt umgesetzt werden&ldquo;. Je niedriger die Kalkulation, desto eher wird ein Projekt realisiert, bemerkte auch Greenpeace-Verkehrsexpertin Lena Donat in einer Medienmitteilung. &bdquo;Die tats&auml;chlichen Kosten werden erst im weiteren Verlauf offensichtlich.&ldquo; Dazu kommt ein weiterer Faktor. Bei stetig wachsendem Abstand zwischen geplanten und schlussendlich f&auml;lligen Kosten ergeben sich auch gr&ouml;&szlig;ere Spielr&auml;ume zur Bereicherung von Beteiligten: Planer, Baufirmen, Lieferanten, Mitarbeiter in Beh&ouml;rden bis hin zu politischen Entscheidern. Wo in gro&szlig;em Stil Staatsgeld verpulvert wird, wird auch gerne die Korruption heimisch. <\/p><p><strong>Bahn auf Abstellgleis<\/strong><\/p><p>&bdquo;Ohne politische Steuerung perpetuiert sich der Stra&szlig;enbau immer weiter&ldquo;, &auml;u&szlig;erte sich Carl Wa&szlig;muth vom B&uuml;ndnis &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo; am Freitag gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten. Die H&auml;lfte der Autobahnbr&uuml;cken sei 50 Jahre alt, jetzt wolle die Ampelregierung sie f&uuml;r weitere 50 Jahre neu herrichten. Die Autobahnen erhalte man sorgf&auml;ltig und baue das Netz immer weiter aus. Aber bei der Bahn habe man Tausende Kilometer Schiene stillgelegt. &bdquo;Das ist v&ouml;llig absurd, denn nur die Bahn ist imstande, uns vor dem Klimakollaps zu retten&ldquo;, bekr&auml;ftigte Wa&szlig;muth. Tats&auml;chlich will Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) an seinen in jeder Beziehung &uuml;berdimensionierten Ausbaupl&auml;nen festhalten. F&uuml;r die aktuell in Ausarbeitung befindliche Verkehrsprognose 2040 werden die Vorgaben des BVWP praktisch eins zu eins &uuml;bernommen. Bei Umsetzung w&auml;ren das zus&auml;tzliche 3.300 Autobahn- und Bundesfernstra&szlig;enkilometer, wof&uuml;r der Bund seine Investitionsmittel vervierfachen und ab 2023 jedes Jahr &uuml;ber zehn Milliarden Euro ausgeben m&uuml;sse, bem&auml;ngelt Greenpeace. <\/p><p>&bdquo;Volker Wissing hat ein CO&#8322;- und ein Finanzproblem. Noch mehr Autobahnen zu bauen, verschlimmert beides. Die Antwort kann nur sein, den Bundesverkehrswegeplan grundlegend zu &auml;ndern&ldquo;, bekr&auml;ftigte Donat. Ihr Verband fordert, den Aus- und Neubau von Autobahnen und Bundesstra&szlig;en umgehend zu stoppen. Das BMDV d&uuml;rfe sich nicht weiter an eine immer teurer werdende &bdquo;W&uuml;nsch-dir-was-Liste aus der Zeit gefallener Stra&szlig;enprojekte klammern&ldquo;. Statt dessen m&uuml;ssten die Mittel in den Ausbau der Schiene flie&szlig;en und die Planung von Verkehrsinfrastruktur grundlegend &uuml;berarbeitet und an den Klimazielen ausgerichtet werden. <\/p><p><strong>150.000 gegen Wissing<\/strong><\/p><p>Immerhin sorgt der Starrsinn Wissings f&uuml;r Unmut in der Koalition. Am kommenden Sonntag soll der anhaltende Streit zwischen FDP und Gr&uuml;nen &uuml;ber den Autobahnausbau in einem Koalitionsausschuss beigelegt werden. Man darf gespannt sein, wer hier wie viel seiner Stellung wird preisgeben m&uuml;ssen und welcher (faule) Kompromiss dabei herausspringt. Zumal man auf den Durchsetzungswillen der Gr&uuml;nen-Partei nicht allzu viel geben sollte. Deren Ministerriege, angef&uuml;hrt von Robert Habeck und Annalena Baerbock, legt im Zeichen des Ukraine-Kriegs schlie&szlig;lich selbst gerade einen fulminanten klimapolitischen Rollback hin, Stichworte: Kohlecomeback, Fracking- und Fl&uuml;ssiggasf&ouml;rderung. <\/p><p>Am Ende h&auml;ngt es von den B&uuml;rgern im Land selbst ab, wohin die klimapolitische Reise der BRD geht, ob sie weiter mit viel Gestank und Stau &uuml;ber die Stra&szlig;e f&uuml;hrt oder mit Tempo und Komfort &uuml;ber die Schiene. F&uuml;r Letzteres bedarf es freilich eines neuen Steuermanns. Gerade einmal drei Tage ist eine <a href=\"https:\/\/weact.campact.de\/petitions\/verkehrsminister-wissing-treten-sie-zuruck-1\">Petition<\/a> von Fridays for Future (FFF) bei Campact.de mit einer R&uuml;cktrittsaufforderung an Verkehrsminister Wissing auf Sendung und schon <a href=\"https:\/\/www.campact.de\/presse\/mitteilung\/20230324-pm-150-000-menschen-fordern-ruecktritt-von-verkehrsminister-wissing\/\">mehr als 150.000 Menschen<\/a> haben sich dem Aufruf angeschlossen. Die bisherige Leistungsbilanz des FDP-Politikers: kein Tempolimit, Bremsen beim Verbrennerausstieg, steigende Emissionen in seinem Ressort, ein aufs Jahr 2070 verschobener &bdquo;Deutschland-Takt&ldquo; bei der Bahn. Solange er im Amt bleibe, &bdquo;wird es keine Verkehrswende geben, die diesen Namen verdient&ldquo;, beklagen die Klimaschutzaktivisten. Deshalb, &bdquo;Herr Kanzler Scholz, greifen Sie ein und lassen Sie jemanden diesen Job machen, der wei&szlig;, wovon er spricht, was seine Aufgaben sind, und bereit ist, tats&auml;chlich loszulegen&ldquo;. Gut so, aber: Wer soll das sein? <\/p><p>Titelbild: APChanel\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/0961f200a4e54923af18a376e955780b\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Greenpeace hat nachgerechnet: 800 Stra&szlig;enbauprojekte werden im Falle ihrer Umsetzung 100 Milliarden Euro mehr an Steuergeld verschlingen, als der &bdquo;aktuelle&ldquo; Bundesverkehrswegeplan veranschlagt. Obwohl der Gro&szlig;teil der Unternehmungen bisher nur geplant ist, schie&szlig;en die Kosten ungebremst ins Kraut, mithin &bdquo;um mehrere hundert Prozent&ldquo;. 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