{"id":95522,"date":"2023-03-27T11:00:51","date_gmt":"2023-03-27T09:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95522"},"modified":"2023-03-30T15:01:45","modified_gmt":"2023-03-30T13:01:45","slug":"willy-brandt-waere-fuer-waffenlieferungen-an-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95522","title":{"rendered":"Willy Brandt w\u00e4re f\u00fcr Waffenlieferungen an die Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Das ist zusammengefasst das erstaunliche Fazit im vorletzten Kapitel eines neuen Buches von Gunter Hofmann mit dem Titel: &bdquo;Willy Brandt. Sozialist &ndash; Kanzler &ndash; Patriot. Eine Biographie&ldquo;. Der Autor war lange Zeit Korrespondent zun&auml;chst der <em>Stuttgarter Zeitung<\/em> und dann von <em>Die Zeit <\/em>in Bonn und Berlin. Ich kannte und sch&auml;tzte ihn als qualifizierten, interessanten Journalisten. Sein Werk &uuml;ber den fr&uuml;heren Bundeskanzler Willy Brandt folgt auf Hofmann-Biografien &uuml;ber Helmut Schmidt, Richard von Weizs&auml;cker und Marion D&ouml;nhoff. Hofmanns Text zu Brandt hebt sich wohltuend ab von der vorgefertigten Tendenzberichterstattung z.B. des Historikers Gregor Sch&ouml;llgen. Hofmanns Werk hat gro&szlig;e Qualit&auml;ten und einige gro&szlig;e Schw&auml;chen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDass eine Biografie &uuml;ber Willy Brandt dazu herhalten muss, um ihm die Zustimmung zu Waffenlieferungen an die Ukraine anzuheften, l&auml;sst tief blicken in den Abgrund der Vorstellungen des Autors &uuml;ber die aktuelle Lage von Krieg und Frieden. Hofmanns &ndash; f&uuml;r mich, wie sicher auch f&uuml;r viele andere Kenner und Bewunderer dieses Journalisten &ndash; erstaunliche Einstellung wird schon im ersten (!) Satz des Buches kundgetan, unmotiviert und eigentlich nicht passend zu einer Biografie &uuml;ber Willy Brandt. Ich zitiere:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als dieses Buch begonnen wurde, war an einen Einfall russischer Truppen in die Ukraine und einen imperialistischen Krieg zur R&uuml;ckeroberung des Besitzstandes aus sowjetischen Zeiten nicht zu denken.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Damit habe ich die Lust auf die Lekt&uuml;re von Gunter Hofmanns Buch verloren. Ich m&ouml;chte keine B&uuml;cher lesen und empfehlen, die den Ukraine-Krieg mit der Unterstellung beginnen, Russland habe &bdquo;imperialistische Absichten&ldquo;, und mit der Behauptung fortfahren, dieses Land wolle den &bdquo;Besitzstand aus sowjetischen Zeiten&ldquo; zur&uuml;ckerobern. Ich wollte mich aber nicht alleine auf meinen Eindruck verlassen und habe deshalb die Meinung von Freunden eingeholt. Wolfgang Bittner zum Beispiel habe ich den zitierten Satz vorgelesen. Bittner: &bdquo;Das Zitat entspricht der g&auml;ngigen Anbiederung an die vorgeschriebene Meinung: Falsch, opportunistisch, &hellip; . Wie sollte jemand, der so etwas schreibt, Willy Brandt verstehen k&ouml;nnen?&ldquo;<\/p><p>Wenn Sie, liebe Leser, nicht so empfindlich sind oder Hofmanns Meinung teilen, dann k&ouml;nnen Sie getrost und ohne innere St&ouml;rung dieses Werk lesen. Es ist bei C.H.Beck in M&uuml;nchen erschienen, hat 517 Seiten und kostet 35 Euro.<\/p><p>Der Autor beschreibt Kindheit und Jugend, er skizziert Mutter und Gro&szlig;vater des Herbert Frahm und sp&auml;teren Willy Brandt. Er bezieht sich dabei als Quellen u.a. wesentlich auf Texte von Willy Brandt selbst. Im Kapitel II. werden Widerstandsk&auml;mpfer gegen die Nationalsozialisten in die Biografie integriert. Damit wird die Botschaft verbunden, dass Willy Brandt schon damals, in den drei&szlig;iger Jahren des letzten Jahrhunderts, auf der richtigen Seite stand. Der Autor schildert Willy Brandts Zeit in Norwegen und Schweden. Er schreibt &uuml;ber die Begegnungen mit Heinrich Mann, mit Alva und Gunnar Myrdal und ihren Einfluss auf den jungen Willy Brandt. Hofmann schildert die damaligen &Uuml;berlegungen des jungen Journalisten und Politikers &uuml;ber Zukunft und Gestalt unserer Gesellschaft und Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. <\/p><p>Diese Texte enthalten viele interessante Informationen &uuml;ber den langen Weg Willy Brandts vom Verlassen Deutschlands im Jahre 1933 bis zur R&uuml;ckkehr im Jahr 1945 &ndash; die Informationen machen vieles verst&auml;ndlicher, was wir dann selbst in der aktiven politischen Zeit des Regierenden B&uuml;rgermeisters in Berlin, des SPD-Parteivorsitzenden und des Bundeskanzlers Brandt erlebt haben.<\/p><p>Was der Autor Hofmann &uuml;ber die Jahre <strong>vor <\/strong>dem Regierungseintritt von Willy Brandts Partei als Teil der Gro&szlig;en Koalition in die Regierung Kiesinger im Dezember 1966 schildert, kann ich nicht dank <strong>eigenen <\/strong>Erlebens &uuml;berpr&uuml;fen, die sp&auml;teren Begebenheiten schon. Ab August 1968 war ich in unmittelbarer N&auml;he des Gegenstands der Biografie t&auml;tig und kann mir deshalb nicht nur ein angelesenes Urteil erlauben.<\/p><p><strong>Vieles, was Gunter Hofmann &uuml;ber diese Zeit schreibt, ist interessant und trifft auch aus meiner Sicht die Wirklichkeit:<\/strong><\/p><p>Zum Beispiel beschreibt er den Kniefall in Warschau im Jahre 1970 einf&uuml;hlsam und bewegend. Zum Beispiel weist er auf die Fehleinsch&auml;tzung hin, die Auflockerung im Osten und dessen personelle Erneuerung mit Gorbatschow sei westlicher H&auml;rte und speziell der Nachr&uuml;stung zu verdanken. Zum Beispiel hat der Autor die Entscheidung Willy Brandts zum R&uuml;cktritt im Mai 1974 &ndash; in Anlehnung an Egon Bahr und im Widerspruch zu Helmut Schmidt &ndash; richtig eingeordnet. Sie war alternativlos. Andernfalls w&auml;re Brandt einer weiteren unendlichen Hetzjagd ausgesetzt gewesen.<\/p><p>Das sind nur einige Beispiele einer gro&szlig;en Zahl von interessanten und nachvollziehbaren Beschreibungen des Geschehens im Leben des Politikers Brandt.<\/p><p><strong>Zu einigen Schw&auml;chen der Biografie &ndash; auch jenseits des eingangs zitierten ersten Satzes des Vorworts:<\/strong><\/p><p>Der Autor hat offenbar die Neigung, Quellen bekannter bis ber&uuml;hmter Personen gerne zu nutzen und Quellen guter, wichtiger, aber weithin unbekannter Personen nicht zu nutzen. Diesen Eindruck kann man am Fall der Quelle G&uuml;nter Grass im Vergleich zur Quelle Reinhard Wilke besonders gut belegen. &Uuml;ber G&uuml;nter Grass und seine und anderer Kollegen Schriftsteller, K&uuml;nstler und Wissenschaftler Initiativen und Unterst&uuml;tzung f&uuml;r den Politiker Brandt gibt es ein eigenes Kapitel, das Kapitel VII. mit insgesamt 35 Seiten. G&uuml;nter Grass und Hans-Werner Richter und sp&auml;ter auch Heinrich B&ouml;ll und viele andere waren wichtig f&uuml;r die Erweiterung des W&auml;hlerpotenzials Willy Brandts und der SPD, sie waren auch als Gespr&auml;chspartner, Ideengeber und Initiatoren von bemerkenswerter Bedeutung. Den Lesern dieser Rezension werden sie vermutlich ein Begriff sein. <\/p><p>Reinhard Wilke wird ihnen und Ihnen kein Begriff sein und er kommt im Buch von Gunter Hofmann auch nicht vor. Reinhard Wilke war B&uuml;roleiter von Willy Brandt nahezu in der gesamten Zeit von Brandts Kanzlerschaft, von 1970 bis 1974, und dann auch noch dar&uuml;ber hinaus bis 1976. Reinhard Wilke hat fortlaufend &bdquo;Aufzeichnungen zum Terminkalender des Bundeskanzlers&ldquo; notiert und diese in zwei gebundenen B&auml;nden ver&ouml;ffentlicht. Sp&auml;ter dann, 2010, erschien als regul&auml;res Buch &ndash; mit einem Vorwort von Ulrich Wickert &ndash; Wilkes Buch &bdquo;Meine Jahre mit Willy Brandt&ldquo;. <\/p><p>Autor Hofmann hat Reinhard Wilke gekannt, vermutlich gut gekannt und er musste eigentlich auch etwas von den Ver&ouml;ffentlichungen wissen. Er h&auml;tte einige Fehler vermeiden k&ouml;nnen und einiges Wichtige &uuml;ber den Gegenstand seiner Biografie berichten k&ouml;nnen, wenn er die Publikationen Wilkes angeschaut h&auml;tte. <\/p><p>Wilkes Aufzeichnungen zum Terminkalender des Bundeskanzlers enthalten unter dem Datum des 5. Dezember 1972 einen Bericht &uuml;ber die um 11:00 Uhr stattgefundenen Koalitionsverhandlungen zwischen SPD-F&uuml;hrung und FDP-F&uuml;hrung und &uuml;ber ein anschlie&szlig;endes Gespr&auml;ch Brandts mit Wehner und danach mit Horst Ehmke. Die dreiseitige Notiz f&uuml;ge ich diesem Text an.<\/p><p>Dieser 5. Dezember stellt zusammen mit dem, was seit der Wahl am 19.11.1972 geschehen war, eine historische Z&auml;sur dar. Der B&uuml;roleiter Brandts hat es in seinen kommentierenden Notizen treffend dargestellt. Ihr letzter Satz sagt das Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts voraus: &bdquo;So wurden in diesem Stadium die Machtverh&auml;ltnisse im Kabinett festgezurrt, an denen Willy Brandt dann letztlich scheitern musste.&ldquo;<\/p><p>Vorher steht zu lesen, dass sich Willy Brandt angesichts der in den Koalitionsverhandlungen in seiner krankheitsbedingten Abwesenheit zu seinen Ungunsten getroffenen personellen Festlegungen &ndash; voller Hohn &ndash; dar&uuml;ber beklagte, dass ihm zugemutet wird, einen Chef des Bundeskanzleramtes (Horst Ehmke), &bdquo;mit dem ich offenbar die Wahl verloren habe&ldquo;, und einen Chef des Bundespresseamtes (Conny Ahlers) <strong>nicht <\/strong>wieder zu nehmen.<\/p><p>Brandt l&auml;sst wissen, er werde m&ouml;glicherweise mitteilen, dass er nicht mehr als Bundeskanzler zur Verf&uuml;gung stehe. Es kam heraus, dass er sich von allen, von Scheel und Genscher und von Helmut Schmidt sowieso, hintergangen f&uuml;hlte. Zum Hintergrund und zur Erl&auml;uterung: Der Stellvertreter Brandts im Parteivorsitz, Helmut Schmidt, hat von Brandt verlangt, dass er auf den bew&auml;hrten Chef des Bundeskanzleramtes, Horst Ehmke, und den Chef des Bundespresseamtes, Conny Ahlers, verzichtet.<\/p><p>Diese Informationen geh&ouml;ren in eine Biografie &uuml;ber Willy Brandt. Sie zeigen auch eine Schw&auml;che Brandts. Er h&auml;tte dieser personellen &bdquo;S&auml;uberung&ldquo; nicht zustimmen d&uuml;rfen. Er h&auml;tte auch nicht erlauben d&uuml;rfen, dass die Koalitionsverhandlungen ohne seine Anwesenheit beginnen. Auch seine unmittelbar nach der Wahl festgestellte Erkrankung an den Stimmb&auml;ndern und die Ersch&ouml;pfung durch den Wahlkampf entschuldigen nicht, dass er zugelassen hat, dass mit den Koalitionsverhandlungen von Wehner und Schmidt ohne sein Beisein begonnen wird und damit auch gravierende sachliche und vor allem personelle Festlegungen stattfinden &ndash; zulasten der SPD und zugunsten der FDP &uuml;brigens.<\/p><p>Die zitierten Notizen vom 5. Dezember 1972 deuten schon explizit das Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts an und sie benennen auch die Urheber des Niedergangs seiner durch die Wahl am 19. November 1972 grandios best&auml;tigten Regierungsverantwortung. Die Totengr&auml;ber der Kanzlerschaft Willy Brandts waren seine Stellvertreter Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Wie sehr die Beiden sp&auml;testens seit Mitte des Jahres 1972 gegen ihn gearbeitet haben, wird in der Biografie Gunter Hofmanns nicht deutlich genug herausgearbeitet.<\/p><p>Gunter Hofmann schreibt viel &uuml;ber Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Dabei wird der bestimmende Eindruck vermittelt, Wehner habe Brandt ganz besonders gef&ouml;rdert. W&ouml;rtlich hei&szlig;t es beispielsweise auf Seite 307:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit Herbert Wehner als F&uuml;rsprecher in der SPD hatte er jemanden mit Autorit&auml;t an der Seite, den er zugleich als seinesgleichen betrachten konnte &ndash; als Relikte der Weimarer Republik ragten sie beide in die neue &Auml;ra hinein.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zwei Abs&auml;tze sp&auml;ter hei&szlig;t es dann noch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;&Uuml;ber lange Jahre der Beziehung zwischen den beiden hinweg finden sich keinerlei Hinweise <em>(vor den Notizen zum Fall G.) <\/em>darauf, Willy Brandt sei Wehner mit Grundmisstrauen begegnet, im Gegenteil er suchte die N&auml;he.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das sind groteske Fehleinsch&auml;tzungen des Autors Hofmann. Es h&auml;tte gereicht, wenn er aufmerksam die Erinnerungen von Willy Brandt gelesen h&auml;tte. Da gibt es auf den Seiten 326-329 faktenreiche Schilderungen einer gest&ouml;rten Beziehung. Ich zitiere ein kurzes St&uuml;ck:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nachdem wir uns &ndash; er in Bonn, ich in Berlin &ndash; miteinander arrangiert hatten, bekam das Verh&auml;ltnis zwischen Wehner und mir einen ersten erheblichen Knacks, als wir im Herbst &rsquo;61 gemeinsam mit dem Nachtzug nach L&uuml;beck fuhren; dort hielt ich, eine Tradition begr&uuml;ndend, am Samstagnachmittag die Abschlusskundgebung vor der Bundestagswahl. Wehner, nach etwas Rotspon und auf den Vorsitzenden Ollenhauer bezogen: &lsquo;Der muss weg. Du musst es machen.&rsquo; Ich widersprach nicht heftig, eher gedehnt, denn ich war verst&ouml;rt und erschrocken &uuml;ber den Ton, der einer Partei wie der unseren fremd und nicht w&uuml;rdig war. Die Nachfolge im Parteivorsitz konnte, so fand ich, nicht putschartig geregelt werden. Und warum auch? Ich hatte zu Erich Ollenhauer ein kameradschaftliches Verh&auml;ltnis gewonnen; der Erneuerung der Partei legte er keine Steine in den Weg, im Gegenteil; er war der Garant daf&uuml;r, dass die &bdquo;alte&ldquo; Partei den Weg an die Macht mitging. Wehner merkte sich meine Reaktion, die eines Zauderers und Schw&auml;chlings. Und ich merkte mir seinen Vorsto&szlig;, den eines Mannes, der die Figuren und die Politik nach Belieben verschiebt.<\/p>\n<p>Das Vertrauensverh&auml;ltnis hielt sich in Grenzen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist ja zu verstehen, dass der Journalist Gunter Hofmann freundlich &uuml;ber Herbert Wehner schreibt. Herbert Wehner war beliebt bei Journalisten. Seine kauzige Art, seine Bereitschaft, bei der Presse &uuml;ber Kolleginnen und Kollegen herzuziehen, waren Garanten f&uuml;r immer neuen Stoff f&uuml;r die Bonner Journaille. Aber diese Umst&auml;nde sollten doch nicht den Blick auf den destruktiven Grundcharakter des Stellvertretenden Vorsitzenden der SPD Herbert Wehner vernebeln.<\/p><p>Meine Erfahrungen gr&uuml;nden auf der pers&ouml;nlichen Erfahrung als Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministers und Pr&auml;sidiumsmitglieds der SPD Karl Schiller von August 1968 bis November 1969, auf den Erfahrungen als Leiter der Abteilung &Ouml;ffentlichkeitsarbeit beim Parteivorstand der SPD von Dezember 1969 bis Januar 1973 und auf der dann folgenden T&auml;tigkeit als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Brandt und Schmidt.<\/p><p>Zugespitzt: In dieser Zeit habe ich Herbert Wehner <strong>einmal wirklich konstruktiv<\/strong> erlebt: Er hat als Erster in der SPD-F&uuml;hrung im Juli 1969 erkannt, welche gro&szlig;e Bedeutung die Debatte um die Aufwertung der D-Mark im f&uuml;r den Kanzlerwechsel entscheidenden Wahlkampf spielen k&ouml;nnte. Der daf&uuml;r zust&auml;ndige und die Aufwertung &ndash; im Konflikt mit der CDU\/CSU und vor allem mit Franz-Josef Strau&szlig; &ndash; vorschlagende Bundeswirtschaftsminister hatte monatelang versucht, die SPD-F&uuml;hrung von der Notwendigkeit und der m&ouml;glichen wahlstrategischen Rolle der Aufwertung zu &uuml;berzeugen. Mit Wehners Einsicht zweieinhalb Monate vor der Wahl gelang der notwendige Durchbruch und das war dann Teil des Erfolgs bei der Bundestagswahl 1969.<\/p><p>Diese positive Erfahrung vorweg. Daran anschlie&szlig;end habe ich von Herbert Wehner im Verh&auml;ltnis zu Willy Brandt und den f&uuml;r ihn wichtigen Mitarbeitern <strong>nur Destruktion <\/strong>erlebt. Das waren reihenweise Gr&uuml;nde f&uuml;r ein grunds&auml;tzliches Misstrauen des SPD-Vorsitzenden Brandt gegen&uuml;ber seinem Stellvertreter Wehner &ndash; und &uuml;brigens auch gegen&uuml;ber Helmut Schmidt.<\/p><p>Es begann schon mit der auf die Bundestagswahl von 1969 folgenden Regierungsbildung. Die SPD war erstmals im Dezember 1966 als Juniorpartner in die Gro&szlig;e Koalition mit der CDU\/CSU eingetreten. Nach der Wahl von 1969 gab es dann zum ersten Mal die Chance zum Kanzlerwechsel. Nach 20 Jahren zum ersten Mal! Willy Brandt hat diese M&ouml;glichkeit ergriffen, Helmut Schmidt und vor allem Herbert Wehner waren nicht begeistert. Sie wollten die Gro&szlig;e Koalition mit der CDU\/CSU fortsetzen. Objektiv betrachtet war das eine abstruse Idee. Aber diese abstruse Idee war im Interesse von Helmut Schmidt, der sich selbst f&uuml;r den besseren Kanzler hielt und wahrscheinlich noch warten wollte. Und Herbert Wehner schien Willy Brandt die Kanzlerschaft nicht zu g&ouml;nnen und machte ihm und seinen Mitarbeitern in der Parteizentrale das Leben und die Arbeit schwer.<\/p><p>Als ich dort im Dezember 1969 die Leitung der &Ouml;ffentlichkeitsarbeit &uuml;bernahm, hatte die SPD &uuml;ber 8.000 Ortsvereine und ca. 900.000 Mitglieder. Zwischen der Zentrale und den Ortsvereinen und Mitgliedern gab es nahezu keine Kommunikation. Es gab ein Blatt, das sich Bonner Depesche nannte und von Herbert Wehner und der ihm zugeordneten Abteilung Organisation betreut wurde. Das Blatt diente im Wesentlichen dem Abdruck von Reden.<\/p><p>Es war klar, dass damit die gro&szlig;e kommunikative M&ouml;glichkeit der 8.000 Ortsvereine und der rund 900.000 Mitglieder nicht genutzt wurde. Ortsvereinsvorsitzende waren in der Regel vielbesch&auml;ftigte Menschen. Sie brauchten kurze Informationen und Fakten.<\/p><p>Deshalb haben wir dem damaligen Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Wischnewski vorgeschlagen, die Ortsvereine mit einem Medium zu versorgen, das diesen Anspr&uuml;chen gerecht w&uuml;rde. Im Mai 1970 wurde &bdquo;intern&ldquo;, so hie&szlig; das Blatt, zum ersten Mal verschickt. In ver&auml;nderter Form gibt es dieses Medium noch heute.<\/p><p>Herbert Wehner, damals Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, intervenierte sofort und erzwang die Beteiligung seiner Mitarbeiter an der Redaktion von &bdquo;intern&ldquo;. Weil diese dann alle 14 Tage mit langen Riemen ankamen, die sie in &bdquo;intern&ldquo; ver&ouml;ffentlicht haben wollten, war diese Intervention fast schon ein Schlag gegen das Grundkonzept.<\/p><p>Wehners Intervention galt nicht vor allem uns, den Mitarbeitern, sondern dem Parteivorsitzenden. Wehner wollte nicht, dass Willy Brandts Position in der inneren Organisation der SPD Beifall findet.<\/p><p>Dieses destruktive Motiv war dann auch der Grund daf&uuml;r, dass Wehner das n&auml;chste Projekt, das von uns entwickelte Mitgliedermagazin, bek&auml;mpfte. Er polemisierte gegen die Nullnummer so, als w&auml;re dieses Exemplar schon unter die Leute, also unter die Mitglieder gebracht.<\/p><p>Wehners Destruktion richtete sich auch diesmal nicht nur gegen die Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Hans-J&uuml;rgen Wischnewski und dann Holger B&ouml;rner, die f&uuml;r die Publikationen verantwortlich zeichneten, sie richteten sich vor allem gegen Willy Brandt, dem er die positive innerparteiliche Verankerung, die mit solchen Medien verbunden ist, weil sie den Mitgliedern und den Ortsvereinen etwas nutzen, nicht g&ouml;nnte. In Gunter Hofmanns Biografie spielen diese SPD-internen Vorg&auml;nge keine gro&szlig;e Rolle, obwohl sie das Leben und die Politik des Willy Brandt beachtlich tangierten.<\/p><p>&Uuml;brigens: Willy Brandt best&auml;tigte die destruktive Haltung seiner Stellvertreter bei einem Gespr&auml;ch zur Planung des Wahlkampfes im Sommer 1972. Ich hatte ihm, seinen Stellvertretern im Parteivorsitz und dem Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer der SPD das &bdquo;Drehbuch&ldquo; f&uuml;r den Wahlkampf geschickt. Willy Brandt hatte mich zum Gespr&auml;ch dar&uuml;ber am Samstag, den 8. Juli 1972, in sein Wohnhaus auf dem Bonner Venusberg eingeladen. Wir besprachen Kampagne f&uuml;r Kampagne und die Grundanlage des Wahlkampfes. Am Ende des Gespr&auml;chs fragte ich ihn, ob sich seine Stellvertreter ihm gegen&uuml;ber zum Drehbuch ge&auml;u&szlig;ert h&auml;tten. &bdquo;Nein&ldquo;, aber darauf brauche ich auch nicht zu warten. &bdquo;Denn die wollen nicht gewinnen.&ldquo;<\/p><p>Diese Antwort war f&uuml;r mich die Best&auml;tigung dessen, was ich drei Jahre lang erlebt hatte: Wehner&rsquo;sche Destruktion.<\/p><p>Weil dieser Charakterzug dann ja auch das nahe Ende der politischen F&uuml;hrung durch Willy Brandt bewirkte, wie schon in der Notiz Reinhard Wilkes vom 5. Dezember 1972 vermerkt ist, h&auml;tten die Leser von Gunter Hofmanns Biografie des Willy Brandt eigentlich verdient, ein bisschen mehr davon lesen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95684\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Anhang<\/strong><\/p><p><strong>Reinhard Wilke: Aufzeichnungen zum Terminkalender des Bundeskanzlers<\/strong><\/p><p><strong>Auszug vom 5. Dezember 1972<\/strong><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-01.jpg\" alt=\"\" titl=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-02.jpg\" alt=\"\" titl=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-03.jpg\" alt=\"\" titl=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230327-Rezension-Anhang-04.jpg\" alt=\"\" titl=\"\"><span><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist zusammengefasst das erstaunliche Fazit im vorletzten Kapitel eines neuen Buches von Gunter Hofmann mit dem Titel: &bdquo;Willy Brandt. 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