{"id":95528,"date":"2023-03-27T09:46:27","date_gmt":"2023-03-27T07:46:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95528"},"modified":"2023-04-01T14:43:27","modified_gmt":"2023-04-01T12:43:27","slug":"krieg-um-eine-neue-weltordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95528","title":{"rendered":"Krieg um eine neue Weltordnung?"},"content":{"rendered":"<p>Der European Council on Foreign Affairs (ECFR), eine paneurop&auml;ische Denkfabrik mit Hauptsitz in Berlin, publizierte j&uuml;ngst einen bisher von der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit unbeachteten &bdquo;Policy Brief&ldquo;, der es in sich hat. Es handelt sich um eine Umfragestudie mit dem vielsagenden Titel: &bdquo;United West, divided from the Rest&ldquo; (<a href=\"https:\/\/ecfr.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/United-West-divided-from-the-rest_Leonard-Garton-Ash-Krastev.pdf\"><em>&bdquo;Der Westen vereinigt, aber vom Rest getrennt&ldquo;<\/em><\/a>). Demnach sei der Westen angesichts des Krieges zwar enger zusammenger&uuml;ckt, jedoch verwandle sich die Welt in eine post-westliche, genauer in eine multipolare Welt und das Selbstbewusstsein der nicht-westlichen Staaten wachse. Und, der Krieg Russlands gegen die Ukraine erweise sich als Wendepunkt in der Weltgeschichte. Von Dr. <strong>Alexander S. Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7483\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-95528-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=95528-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230327_Krieg_um_eine_neue_Weltordnung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dieser Krieg katalysiert den seit &uuml;ber einem Jahrzehnt zu beobachtenden Prozess des Epochenbruchs in der Weltpolitik. Als ob es eine empirische Best&auml;tigung f&uuml;r diese Studie des ECFR noch bedurfte, reiste k&uuml;rzlich der chinesische Pr&auml;sident Xi Jinping f&uuml;r drei Tage nach Russland. Dieser Antrittsbesuch Xi Jinpings nach Best&auml;tigung seiner dritten Amtszeit als Pr&auml;sident hat der Welt&ouml;ffentlichkeit besonders dramatisch gezeigt, wie China sich zu Russland einerseits und zum Westen und dessen Weltordnungsvorstellung andererseits positioniert. Zum Abschluss der Reise <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/shorts\/bEpTRr7QcWg\">sagte<\/a> Xi Jinping zu W. Putin in wissentlicher Anwesenheit der Kameras und somit vor der Welt&ouml;ffentlichkeit:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Es steht ein Wandel bevor, den es seit 100 Jahren nicht mehr gegeben hat. Und wir werden diesen Wandel gemeinsam vorantreiben<\/em>.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Daraufhin W. Putin: &bdquo;<em>Ich stimme zu.<\/em>&ldquo; Xi Jinping beschlie&szlig;t das Gespr&auml;ch mit den Worten: <em>&bdquo;Bitte, pass auf dich auf, lieber Freund.<\/em>&ldquo; W. Putin antwortet: &bdquo;<em>Ich w&uuml;nsche Dir eine gute Reise!<\/em>&ldquo;<\/p><p>Dieser Besuch Xis in Moskau und die damit einhergehenden chinesisch-russischen Beschl&uuml;sse, die demonstrierte pers&ouml;nliche N&auml;he Xis und Putins als auch die offene Kampfansage an den Westen d&uuml;rften der globalpolitischen M&auml;chteverschiebung einen gewaltigen Vorschub leisten. Xi Jinping hat auf diese Weise Russland und China zu einem anti-westlichen Block erkl&auml;rt, der den Epochenwandel aktiv vorantreiben wird. Es ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass dieses Treffen zwischen den beiden Pr&auml;sidenten angesichts der offenen Kampfansage an den Westen als &bdquo;Zeitenwende auf Chinesisch&ldquo; in dem Kampf um die k&uuml;nftige Weltordnung in die Geschichtsschreibung eingehen wird.<\/p><p><strong>Doppelte Wirklichkeit<\/strong><\/p><p>Der Krieg unterliegt einer doppelten Wirklichkeit in Raum- und Zeitdimensionen: In der westlichen Realit&auml;t handelt es sich um einen Krieg zwischen Russland als Aggressor und der Ukraine als Opfer seit dem 24. Februar 2022 sowie dem Westen als selbstlose Hilfsorganisation f&uuml;r die &uuml;berfallene Ukraine. Der Westen selbst versteht sich jedoch nicht als Kriegspartei. Der Krieg sei mithin regional. <\/p><p>In der Realit&auml;t Russlands und Teilen des nicht-westlichen Lagers hingegen handelt es sich um einen Krieg zwischen Russland und dem Westen auf ukrainischem Boden, der das Verh&auml;ltnis zwischen dem Westen und Russland bestimmt. Die Ukrainer dienen in der russischen Perspektive als Kanonenfutter im seit rund zwei Jahrzehnten schwelenden und nun offen ausgebrochenen Krieg zur Neuordnung und Neuaufteilung der Welt &ndash; womit der Krieg einen global-strategischen Charakter annimmt. Die Ukraine ist in der russischen Lesart gewisserma&szlig;en zum Schicksalsort f&uuml;r die Entscheidung der k&uuml;nftigen Weltordnung &ndash; unipolar oder multipolar\/polyzentrisch &ndash; geworden. <\/p><p>Legt man die russische Perspektive zu Grunde, so w&auml;re die Ukraine als Schlachtfeld im global-strategischen Kampf auch mit der vom Westen unterst&uuml;tzten abtr&uuml;nnigen chinesischen Provinz Taiwan austauschbar. Unter diesem Gesichtspunkt ist es wohl nur ein Zufall, dass der Waffengang um die global-strategische Ausrichtung zuerst um die Ukraine und nicht um Taiwan ausgefochten wird. <\/p><p>Stellt man beide Realit&auml;ten gegen&uuml;ber, so k&ouml;nnte man den Eindruck gewinnen, es tr&auml;fen beide Realit&auml;ten zu: Nat&uuml;rlich hat Russland die Ukraine milit&auml;risch angegriffen und Territorien okkupiert und annektiert. Und nat&uuml;rlich sind alle drei Ma&szlig;nahmen zweifelsohne ein massiver Bruch des internationalen Rechts. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gibt es Kriegsverbrechen &ndash; sowohl gegen gefangene Kombattanten als auch gegen die Zivilbev&ouml;lkerung &ndash; und auch von beiden Seiten. Diese traurige Wirklichkeit ist ein fester Bestandteil des Krieges. Damit ist der Krieg zwischen der Ukraine und Russland als offener Krieg und somit als Realit&auml;t nicht zu leugnen, wie auch?<\/p><p>Die westliche Realit&auml;tsbeschreibung &ndash; oder in Neudeutsch: das westliche Narrativ &ndash; wird allerdings durch zwei im Westen produzierte Faktoren selbst infrage gestellt: Erstens, die massive milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung des Westens gegen&uuml;ber der Ukraine in Form von Waffenlieferungen &ndash; wohl nun auch abgereicherte Uran-Munition, womit der Konflikt auch eine nukleare Dimension light annimmt &ndash; milit&auml;rischer Ausbildung, Weitergabe von Aufkl&auml;rungsdaten, Anwesenheit westlicher S&ouml;ldner, mutma&szlig;lich verdeckte Operationsf&uuml;hrung westlicher Milit&auml;rs wohl selbst auf ukrainischem Boden bis hin zur wachsenden Gefahr eines tats&auml;chlichen Entgleisens des Krieges zwischen Russland und der NATO in einen 3. Weltkrieg einerseits. Und die unz&auml;hligen Wirtschaftssanktionen gegen Russland auch unter Inkaufnahme heftiger Bumerangeffekte auf den europ&auml;ischen und auch deutschen Wohlstand (Energieimportboykott) erscheinen mir mit einer die &bdquo;Ukraine verteidigt auch westliche (in den Worten von von der Leyen sogar <a href=\"https:\/\/germany.representation.ec.europa.eu\/news\/von-der-leyen-halt-grundsatzrede-us-universitat-princeton-ukraine-kampft-fur-globale-werte-2022-09-23_de\">&bdquo;globale&ldquo;<\/a>) Werte&ldquo;-Rhetorik nicht hinreichend erkl&auml;rbar.<\/p><p>Ein so heftiges Engagement des Westens f&uuml;r die &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; ist unter realpolitischem Gesichtspunkt schlichtweg Nonsens! Es muss um mehr gehen. Und es geht um mehr. So manches Mal konzedieren politische Exponenten des Westens dann doch im Eifer des Gefechts den Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland: So vor einigen Monaten die Aussage des NATO-Generalsekret&auml;rs Jens Stoltenberg, wonach &bdquo;<em>Russlands Sieg eine Niederlage der NATO<\/em>&ldquo; sei. EU-Kommissionspr&auml;sidentin Ursula von der Leyen erkl&auml;rte in ihrer Rede zur Lage der Nation: &bdquo;<em>Putin wird scheitern, Europa und die Ukraine <\/em>(sic! Genau in dieser Reihenfolge)<em> werden gewinnen<\/em>&ldquo;, womit ebenfalls das Schicksal der EU auf den ersten Blick ohne N&ouml;te an das der Ukraine gekoppelt wird. Diese Schicksalskoppelung macht nur Sinn, wenn es um das ganz gro&szlig;e Spiel geht.<\/p><p>Dass es um mehr als die Ukraine und um mehr als weiche Werte geht, ist ziemlich eindeutig: So erkl&auml;rte die Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, von der Leyen, in einer Grundsatzrede an der Princeton-Universit&auml;t in New Jersey:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Die Ukrainer k&auml;mpfen also um ihr &Uuml;berleben, aber sie k&auml;mpfen auch f&uuml;r globale Werte. Es ist nicht nur ein Krieg, den Russland gegen die Ukraine entfesselt hat. Es ist ein Krieg gegen unsere Werte; es ist ein Krieg gegen die auf Regeln basierende internationale Ordnung.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und hier liegt der wahre Grund f&uuml;r das westliche Engagement: Nicht die vielbeschworenen Werte, sondern die &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo;. Dass von der Leyen mit der &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo; nicht unbedingt das moderne und universelle V&ouml;lkerrecht meint, d&uuml;rfte sich alleine daraus ergeben, dass sie eben nicht von dem V&ouml;lkerrecht spricht, sondern von der &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo;. Denn, wenn sie vom V&ouml;lkerrecht spr&auml;che, so w&auml;re hier ein gro&szlig;er Elefant im Raume, von dem jeder wei&szlig;, dass er existiert: Der von den USA gef&uuml;hrte Westen verf&uuml;gt wohl &uuml;ber die l&auml;ngste Liste von ernsthaften V&ouml;lkerrechtsbr&uuml;chen seit dem Ende des 2. Weltkrieges.<\/p><p>Mein Hinweis auf das westliche S&uuml;ndenregister stellt keine Relativierung der unbestreitbaren V&ouml;lkerrechtswidrigkeit des russischen Angriffskrieges dar, muss aber bei aller Kritik an dem russischen Rechtsbruch Erw&auml;hnung finden, um das gesamte Bild zu zeichnen. Bedauerlicherweise hat sich in der westlichen Debattenkultur, insbesondere bei politisierenden Journalisten, eine diskursive Unart festgesetzt: Diejenigen, die das vollst&auml;ndige Bild darstellen, werden kurzerhand als Relativierer und &bdquo;umstrittene&ldquo; Personen diffamiert, die angeblich eine Whataboutism-Taktik verfolgen. Mit dieser unterkomplexen, ja geradezu primitiven, jedoch durchaus effektiven rhetorischen Waffe soll eine seri&ouml;se Debatte und eine plurale Meinungsbildung verhindert werden.<\/p><p>Tats&auml;chlich ist es umgekehrt: N&auml;mlich jene, die ein interessendeterminiertes selektives Wirklichkeitsbild zeichnen, relativieren vielmehr Verbrechen und Rechtsbr&uuml;che, indem sie die Rechtsbr&uuml;che der einen Seite mit einer zwischenzeitlich gut einge&uuml;bten Emp&ouml;rungskultur per Knopfdruck skandalisieren und die Vergehen der anderen Seite schlichtweg &bdquo;vergessen&ldquo;.<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zu der &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo; und der grunds&auml;tzlichen Frage, ob es sich um einen Regionalkrieg und\/oder um einen Stellvertreterkrieg handelt: Diese in den letzten Jahren aufgekommene neue Wortkreation der &bdquo;regelbasierten internationalen Ordnung&ldquo; weicht eindeutig vom modernen V&ouml;lker- bzw. vom internationalen Recht ab. Denn die &bdquo;regelbasierte internationale Ordnung&ldquo; ist die westliche Ordnungsvorstellung &ndash; mithin die Vorstellung von der unipolaren Weltordnung unter dem F&uuml;hrungs- und Gestaltungsanspruch der USA.<\/p><p>Sie ist also alles andere als eine Ordnung auf der Grundlage der UN-Charta und weiterer konsensualer multilateraler Abkommen. Und gegen diese westliche Ordnungsvorstellung, zumal einer unipolaren Weltordnungsvorstellung unter F&uuml;hrung des Westens, genauer der USA, verst&ouml;&szlig;t Russland tats&auml;chlich &ndash; und nicht nur Russland. Zunehmend macht sich gegen diesen westlichen Ordnungsanspruch Widerstand in der nicht-westlichen Welt breit. Der Versuch, Russland international zu isolieren, d&uuml;rfte nicht nur als gescheitert betrachtet werden, sondern sogar den Westen selbst zunehmend isolieren, wie es die eingangs genannte Studie des ECFR darlegt.<\/p><p><strong>Regional- und Stellvertreterkrieg sind kein Widerspruch<\/strong><\/p><p>Welchen Charakter hat also der Krieg zwischen Russland und der Ukraine? Ich glaube, man muss schon von recht einf&auml;ltiger Natur sein, perzipiert man den russisch-ukrainischen Krieg als einen blo&szlig;en Regionalkrieg zwischen beiden Staaten, statt eines auch globalen Stellvertreterkrieges. Auch die &Auml;u&szlig;erungen westlicher Politikentscheider k&ouml;nnen dem aufmerksamen Beobachter trotz der omnipr&auml;senten Werterhetorik und dem stets hervorgehobenen und selbstverst&auml;ndlichen Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung nicht verborgen bleiben: Es ist auch ein &ndash; noch m&uuml;hevoll verdeckter &ndash; Krieg zwischen dem kollektiven Westen und dem Nicht-Westen, an dessen Spitze Russland und zunehmend auch China steht.<\/p><p>Es geht ums Ganze! Es geht um die Entscheidung zur k&uuml;nftigen Weltordnung: Eine R&uuml;ckkehr zur bedingungslosen pax americana &ndash; also der US-gef&uuml;hrten Unipolarit&auml;t &ndash; oder um Durchsetzung einer multipolaren Weltordnung, in der China, Russland und andere Staaten der nicht-westlichen Welt auch ihren Gestaltungsanspruch geltend machen k&ouml;nnen. Dass nicht nur Russland, sondern auch die &uuml;brigen BRICS-Staaten und weitere Staaten des Nicht-Westens eine multipolare Weltordnung einfordern, wird nicht zuletzt an deren Verweigerungshaltung deutlich, sich westlichen Sanktionsforderungen gegen Russland zu unterwerfen. Ja, nicht einmal das NATO-Land T&uuml;rkei beteiligt sich an den Sanktionen. Und auch das NATO- und EU-Mitgliedsland Ungarn widersetzt sich im Rahmen seiner M&ouml;glichkeiten der Sanktionspolitik. Diese Staaten akzeptieren ganz offensichtlich nicht l&auml;nger das seit Jahrhunderten w&auml;hrende westzentrierte Weltbild und die westzentrierte Weltordnung in den internationalen Beziehungen. Der Ukraine-Krieg ist nicht ihr Krieg, wie es indessen der Westen in seinen Vorstellungen einer globalen Isolation Russlands fordert. <\/p><p>Es ist aber indirekt ihr Krieg, da es sich eben auf der globalstrategischen Ebene um die Neugestaltung der internationalen Ordnung handelt, an der sie partizipieren und auch partizipieren wollen. Und es ist auch ihr Krieg, da sie der Westen mit seiner Sanktionspolitik gegen Russland und den damit einhergehenden Sekund&auml;rsanktionen sowie der Androhung direkter Sanktionen gegen diese Staaten, sollten sie die westlichen Sanktionen gegen Russland unterlaufen, in den Krieg als Beteiligte gegen ihren Willen zwingt. Die westlichen unilateralen Sanktionen werden durch das Instrument der Sekund&auml;rsanktionen de facto zu multilateralen Sanktionen unter Ausschaltung des UN-Sicherheitsrates. Diese Sanktionspolitik des Westens schr&auml;nkt die souver&auml;nen politischen und &ouml;konomischen Handlungsfreiheiten der Staaten des Nicht-Westens ein, was eine weitere Entfremdung zwischen beiden Staatengruppen geradezu provoziert.<\/p><p><strong>Interregnum im Nuklearzeitalter<\/strong><\/p><p>Die Welt befindet sich nun sichtbar f&uuml;r alle in der &Uuml;bergangsphase, einem globalen Interregnum: Die alte Epoche geht zu Ende, die neue Epoche ist erst in Umrissen erkennbar, die Entwicklungsrichtung scheint in den Augen des Westens indessen noch nicht entschieden zu sein &ndash; im Gegensatz zur nicht-westlichen Welt, wie die Studie des ECFR auch darlegt. Allein das westliche Selbstverst&auml;ndnis, basierend auf jahrhundertelanger Globaldominanz, erlaubt es schlichtweg nicht, den eigenen auch nur relativen Machtverlust ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen.<\/p><p>Realit&auml;t und Realit&auml;tswahrnehmung divergieren zunehmend, das zeigt auch die Studie des European Council on Foreign Relations: W&auml;hrend im Westen das Selbstverst&auml;ndnis als Nabel der Welt zumindest in den hiesigen Eliten ungebrochen ist, wendet sich der Rest der Welt von uns ab. Statt den Epochenbruch zu akzeptieren und diesen konstruktiv und kooperativ zu begleiten, um zu retten, was noch zu retten ist, n&auml;mlich die Verhinderung einer anti-westlichen Weltordnung, wird auf Konfrontation mit ungewissem Ausgang &ndash; inklusive der Gefahr eines Nuklearkrieges &ndash; gesetzt. Es soll abgewendet werden, was wahrscheinlich nicht mehr abwendbar ist. Und der Wandel zur multipolaren Ordnung ist meiner Auffassung nach nicht mehr abwendbar, ungeachtet des Ausgangs des Ukraine-Krieges. Eine kluge strategische Politik, zumindest in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten, s&auml;he die Notwendigkeit einer konstruktiven und auf Schadensbegrenzung orientierten Politik &ndash; eine kluge Politik. Die aber scheint derweil keine Chance zu haben.<\/p><p>Die Entscheidungsschlacht &uuml;ber die k&uuml;nftige Ordnung &uuml;berlagert derweil alle anderen regionalen und globalen Probleme &ndash; selbst die sich breitmachende Klimakatastrophe, die die Existenzfrage unseres Planeten zunehmend und sp&uuml;rbar ber&uuml;hrt, wird in der Priorit&auml;tensetzung untergeordnet, was f&uuml;r das menschliche Schicksal fatal ist. Der Krieg selbst, die massive Aufr&uuml;stung dies- und jenseits der Frontlinie beschleunigen den Klimawandel sogar noch signifikant. Wertvolle Ressourcen, seien es menschliche, seien es finanzielle oder nat&uuml;rliche Ressourcen, werden f&uuml;r einen wahnsinnigen Hegemonialkrieg geopfert. Und damit meine ich ganz explizit beide Konfliktseiten in diesem Stellvertreterkrieg.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ red-feniks<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94118\">Was hei&szlig;t Sieg oder Niederlage f&uuml;r Russland versus f&uuml;r Ukraine und den Westen? 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Es handelt sich um eine Umfragestudie mit dem vielsagenden Titel: &bdquo;United West, divided from the Rest&ldquo; (<a href=\"https:\/\/ecfr.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/United-West-divided-from-the-rest_Leonard-Garton-Ash-Krastev.pdf\"><em>&bdquo;Der Westen vereinigt, aber vom Rest getrennt&ldquo;<\/em><\/a>). Demnach<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95528\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":95529,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,171,161],"tags":[379,3212,2102,2301,3276,3125,259,2794,260,1556,1703,1019],"class_list":["post-95528","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-china","tag-doppelte-standards","tag-geostrategie","tag-konfrontationspolitik","tag-multipolare-welt","tag-regelbasierte-ordnung","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-usa","tag-voelkerrecht","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Weltordnung.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95528"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95797,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95528\/revisions\/95797"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/95529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}