{"id":9559,"date":"2011-05-26T15:21:55","date_gmt":"2011-05-26T13:21:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9559"},"modified":"2014-09-01T10:48:24","modified_gmt":"2014-09-01T08:48:24","slug":"ein-blick-hinter-die-kulissen-der-volkswirtschaftlichen-gesamtrechnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9559","title":{"rendered":"Ein Blick hinter die Kulissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Aufschwung XXL&ldquo;, Konsumlaune oder gar &bdquo;Kaufrausch&ldquo; der Deutschen liest und h&ouml;rt man derzeit in fast allen Medien. Ein Leser der NachDenkSeiten hat sich die Zahlen einmal etwas genauer angeschaut und Jens Berger hat an einigen Stellen erg&auml;nzt.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Generelle Anmerkungen zum Vorjahres- bzw. Vorquartalvergleich des BIP:<\/strong>\n<p>Sowohl im Vergleich zum 4. Quartal 2010 (BIP-Wachstum +1,5%) als auch im Vergleich zum Vorjahresquartal (BIP-Wachstum +5,2%) ist das BIP-Wachstum des 1. Quartals 2011 witterungsbedingt &uuml;berzeichnet. In Bezug auf den Vergleich zum 4. Quartal 2010 wurde von den Medien (wenn auch eher beil&auml;ufig versteckt) darauf hingewiesen. <\/p>\n<p>Wenn man nicht die saison- und kalenderbereinigten Werte, sondern die Rohwerte heranzieht, ist das BIP 2011\/I im Vergleich zum BIP (2010\/IV) sogar um 2,0% gesunken. <\/p>\n<p>Das BIP-Wachstum ist jedenfalls auch im Vergleich zum Vorjahresquartal (1. Quartal 2010) optisch gesch&ouml;nt. So schrieb etwa das Handelsblatt im Mai vergangenen Jahres zur Entwicklung des BIP im 1. Quartal 2010:<\/p>\n<p>&ldquo;Ein st&auml;rkeres Wachstum verhinderten schrumpfende Bauinvestitionen: Grund daf&uuml;r ist der strenge Winter. Schnee und Frost hatten wochenlang viele Baustellen lahmgelegt und viele weitere Branchen behindert.&rdquo;<\/p>\n<p>Demgegen&uuml;ber war der Winter im 1. Quartal 2011 relativ mild, so dass der BIP-Anstieg (5,2% gegen&uuml;ber dem 1. Quartal 2010) auch im Vorjahresvergleich deutlich &uuml;berzeichnet ist. <\/p>\n<p>Wenn man die Rohdaten betrachtet, ist ferner interessant, dass die Werte von 2011\/I nur um 0,15% &uuml;ber dem dritten Quartal 2008 (dem letzten &bdquo;Vorkrisenquartal) liegen. Da diese Werte noch nicht einmal inflationsbereinigt sind, kann man sagen, dass der sog. &bdquo;XXL-Aufschwung&ldquo; noch nicht einmal die Krisendelle eingeholt hat.<\/p><\/li>\n<li><strong>Wachstumsbeitrag des privaten Konsums im Vergleich zum 1. Quartal 2010 sowie zum 4. Quartal 2010:<\/strong>\n<p>Der Wachstumsbeitrag des privaten Konsums zum BIP-Wachstum des Vorjahresquartals (BIP-Wachstum +5,2%) betr&auml;gt 1,1%-Punkte. Dies entspricht einem Anteil von 21% am BIP-Wachstum zum 1. Quartal 2010.<\/p>\n<p>Der Wachstumsbeitrag des privaten Konsums zum BIP-Wachstum des Vorquartals (BIP-Wachstum +1,5%) betr&auml;gt 0,2%-Punkte. Dies entspricht einem Anteil von 13% am BIP-Wachstum zum 4. Quartal 2010.  <\/p>\n<p>Zum Vergleich: Der Anteil des privaten Konsums am gesamten Bruttoinlandsprodukt betr&auml;gt im 1. Quartal 2011 56,5%. Im Vergleich hierzu f&auml;llt der Wachstumsbeitrag des von den Medien immer wieder hochgejubelten privaten Konsums (&ldquo;Kaufrausch&rdquo; etc.) zum BIP-Wachstum auch im 1. Quartal 2011 d&uuml;rftig aus.<\/p><\/li>\n<li><strong>Entwicklung des Au&szlig;enbeitrages:<\/strong>\n<p>Der Wachstumsbeitrag aus dem erneuten Anstieg des Au&szlig;enbeitrages (bzw. des sich darin manifestierenden Anstiegs des Leistungsbilanz&uuml;berschusses) zum BIP-Wachstum im Vergleich zum Vorjahresquartal (BIP-Wachstum +5,2%) betr&auml;gt 1,6%-Punkte. Dies entspricht einem Anteil von 31% des gesamten BIP-Wachstums 1. Quartal 2011.<br>\nUnd im Vergleich zumVorquartal (BIP-Wachstum +1,5%) betr&auml;gt er 0,5%-Punkte. Dies entspricht einem Anteil von einem Drittel des gesamten BIP-Wachstums 1. Quartal 2011.<\/p>\n<p>Der Vergleich mit dem Wachstumsbeitrag des privaten Verbrauchs (Siehe Gliederungspunkt 2.) zeigt: Auch im 1. Quartal 2011 &uuml;berstieg der Wachstumsbeitrag des Au&szlig;enbeitrages jenen des privaten Verbrauchs deutlich, und dies, obwohl der private Verbrauch (wie erw&auml;hnt, mit einem Anteil am BIP in H&ouml;he von 56,5%) den mit Abstand h&ouml;chsten Beitrag zum BIP leistet. <\/p>\n<p>Dies relativiert deutlich den Versuch des Statistischen Bundesamtes, der schwarz-gelben Bundesregierung sowie der Mainstreammedien, den erneuten kr&auml;ftigen Anstieg der Exporte kleinzuschreiben, um von der Kritik an den hohen und weiter wachsenden deutschen Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;ssen (Stichworte: Lohn- und Sozialdumping) abzulenken. <\/p>\n<p>Die hiesige Politik und die deutschen Medien versuchen den Eindruck zu erwecken, die Bedeutung des Wachstumsbeitrags der Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse werde im laufenden Jahr gegen&uuml;ber den Vorjahren zur&uuml;ckgehen. Doch selbst die Gutachten des Sachverst&auml;ndigenrates und der Wirtschaftsforschungsinstitute k&ouml;nnen nicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass der deutsche Leistungsbilanz&uuml;berschuss (trotz steigender Importe) auch im Jahre 2011 weiter ansteigen wird. Dies bedeutet im Umkehrschluss: Die Verschuldung der &uuml;brigen Wirtschaftsnationen gegen&uuml;ber Deutschland wird auch im laufenden Jahr nicht nur weiter anwachsen, sondern wegen der neuerlichen Zunahme des Au&szlig;enbeitrags sogar mit beschleunigtem Tempo steigen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Entwicklung der Nettol&ouml;hne und -geh&auml;lter sowie der Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen:<\/strong>\n<p>Die Nettol&ouml;hne und -geh&auml;lter sind im Vergleich zum Vorjahresquartal (1. Quartal 2010) <\/p>\n<ul>\n<li>in der <strong>Gesamtsumme<\/strong> nominal um 3,1% angestiegen. Inflationsbereinigt betr&auml;gt der Anstieg der Gesamtsumme der L&ouml;hne und -geh&auml;lter lediglich 0,9%.<\/li>\n<li><strong>Je Arbeitnehmer<\/strong> sind sie nominal um lediglich 1,6% angestiegen. Inflationsbereinigt haben sich die L&ouml;hne und -geh&auml;lter je Arbeitnehmer sogar um -0,9% vermindert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Demgegen&uuml;ber haben sich die Gewinn- und Verm&ouml;genseinkommen mit einem nominalen Anstieg um 8,7% erneut kr&auml;ftig erh&ouml;ht. Auch inflationsbereinigt ist eine deutliche Zunahme um 6,5% zu verzeichnen.<\/p>\n<p>In der schwachen Entwicklung der realen L&ouml;hne und Geh&auml;lter manifestiert sich zum einen die schwache Tarifentwicklung. Zum anderen zeigt insbesondere der R&uuml;ckgang der realen L&ouml;hne und -geh&auml;lter je Arbeitnehmer, dass es sich bei der von den Mainstreammedien vielbejubelten Besch&auml;ftigungszunahme (&ldquo;Jobwunder&rdquo;) weitestgehend um qualitativ schlechte und schlecht bezahlte Arbeitspl&auml;tze handelt, v.a. Teilzeitjobs und Leiharbeitsjobs. <\/p>\n<p>Die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit verweist in ihrer monatlichen Pressekonferenz zu den aktuellen Arbeitsmarktdaten zwar stets darauf, die sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung sei im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Dieser Anstieg beinhaltet jedoch auch die Zunahme der zumeist prek&auml;ren Teilzeit- und Leiharbeit. Der Terminus &ldquo;Sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung&rdquo; ist nicht mehr automatisch ein Synonym f&uuml;r qualitativ hochwertige und ordentlich bezahlte Arbeitspl&auml;tze.<\/p><\/li>\n<li><strong>FAZIT: <\/strong>\n<p>Ein Blick hinter die Kulissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zeigt: <\/p>\n<p>Es ist bei weitem nicht alles Gold, was vordergr&uuml;ndig gl&auml;nzt. Hinter dem arroganten Aufplustern der hiesigen neoliberalen Kreise in Politik und Medien sowie bei den sog. Wirtschafts-&ldquo;Experten&rdquo; &ndash; insbesondere gegen&uuml;ber den &uuml;brigen europ&auml;ischen Nachbarn &ndash; steckt eine geh&ouml;rige Portion Dreistigkeit. Denn das gegen&uuml;ber unseren Nachbarn parasit&auml;re Lohn- und Sozialdumping tr&auml;gt ma&szlig;geblich zur &ouml;konomischen Schieflagen zwischen Deutschland und zahlreichen Staaten der Eurozone bei. <\/p>\n<p>Die von der hiesigen Politik diktierten Spar- und Lohnsenkungsprogramme an die Adresse der notleidenden Staaten werden die dortigen Probleme versch&auml;rfen und insbesondere die Situation der dort lebenden Arbeitnehmer verschlechtern. Der von der schwarz-gelben Bundesregierung aufgebaute Druck etwa zur europaweiten Einf&uuml;hrung der &ldquo;Rente mit 67&rdquo;, auf die L&ouml;hne oder auf Sozialstandards und die unwahren Behauptungen Merkels bzgl. Rente, Urlaub und Arbeitszeiten in den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten sind der <a href=\"?p=9488\">Gipfel der Arroganz<\/a> und <a href=\"?p=9505\">lenken von den eigentlichen Problemen ab<\/a>. Vor allem in den s&uuml;deurop&auml;ischen Staaten wird man diese Gro&szlig;spurigkeit Merkels und ihrer Kabinettskollegen genau registrieren. Selbst der jeglicher Linkslastigkeit unverd&auml;chtige Altkanzler Helmut Schmidt kritisierte im Dezember 2010 die hohen deutschen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse und die daraus drohenden Gefahren f&uuml;r zuk&uuml;nftige &ouml;konomische Entwicklung in Deutschland und Europa. Und schon im Juni vergangenen Jahres kritisierte Schmidt v&ouml;llig zur Recht die &ldquo;wilhelminische Gro&szlig;spurigkeit&rdquo; der schwarz-gelben Regierungspolitiker. Helmut Schmidt: Europa  brauche weder einen &ldquo;deutschen Oberkommandierenden&rdquo;, noch einen &ldquo;deutschen Schulmeister&rdquo;. Schwarz-Gelb und die sie unterst&uuml;tzenden Medien scheinen jedoch mit dem Motto &ldquo;Am deutschen Wesen soll die Welt genesen&rdquo; an ungute alte Zeiten ankn&uuml;pfen zu wollen.<\/p>\n<p>Die deutschen Arbeitnehmer sind die doppelten Verlierer: durch die Reallohnverluste und das Sozialdumping in der Vergangenheit und dadurch dass ihnen als Steuerzahler auch noch die Kosten f&uuml;r die sich herausbildende &ldquo;Transferunion&rdquo; mit aufgeb&uuml;rdet werden, w&auml;hrend die Exportunternehmen wie in der Vergangenheit durch weitere Export&uuml;bersch&uuml;sse (selbst in die Krisenl&auml;nder) auch k&uuml;nftig ihre Gewinne einfahren k&ouml;nnen.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Aufschwung XXL&ldquo;, Konsumlaune oder gar &bdquo;Kaufrausch&ldquo; der Deutschen liest und h&ouml;rt man derzeit in fast allen Medien. 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