{"id":95615,"date":"2023-03-29T10:15:49","date_gmt":"2023-03-29T08:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95615"},"modified":"2023-03-29T16:52:27","modified_gmt":"2023-03-29T14:52:27","slug":"die-politische-weltkarte-wird-neu-gezeichnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95615","title":{"rendered":"Die politische Weltkarte wird neu gezeichnet"},"content":{"rendered":"<p>Imperiale Kriege haben meist grundlegende Ver&auml;nderungen der politischen Landkarte zur Folge. Ein Beispiel daf&uuml;r ist der Eiserne Vorhang, der den Ostblock f&uuml;r gut vier Jahrzehnte vom Rest der Welt trennte. F&uuml;r die &Auml;lteren unter uns bestimmte er die geographische &bdquo;mental map&ldquo;. Aber dieser Vorhang ist, von kaum jemandem erwartet, gefallen. Inzwischen zeichnet sich eine neue epochemachende &Auml;nderung der politischen Weltkarte ab. Der Wirtschaftskrieg, mit dem die westliche Allianz seit 2014 die Russische F&ouml;deration (RF) in die Enge zu treiben versucht, hat die russl&auml;ndische F&uuml;hrung gezwungen, die wirtschaftliche Kooperation mit der VR China zu suchen. Vorl&auml;ufiger H&ouml;hepunkt der Ann&auml;herung war der dreit&auml;gige Staatsbesuch des chinesischen Pr&auml;sidenten vom 20. bis 22. M&auml;rz in Moskau. &bdquo;Gegenw&auml;rtig geschehen Ver&auml;nderungen, wie sie seit hundert Jahren nicht geschehen sind&ldquo;, meinte Xi Jinping.[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95615#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Und vermutlich hat er recht. Von <strong>Georg Auernheimer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6388\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-95615-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=95615-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230329-Politische-Weltkarte-neu-gezeichnet-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Alles deutet darauf hin, dass sich Russland in Zukunft nach Osten hin orientieren wird, und zwar verbunden mit der Abwendung vom &uuml;brigen Europa, wenn die Europ&auml;ische Union weiter an ihrem Konfrontationskurs festh&auml;lt. Aufmerksamkeit verdient dabei, dass man nicht nur die wirtschaftlichen Verbindungen gekappt hat, sondern auch bem&uuml;ht ist, die kulturellen Kontakte einzufrieren. Es scheint auch gelungen zu sein, das Feindbild Russland, gest&uuml;tzt auf alte Stereotype, neu aufzufrischen. Wird hierzulande die Fremdheit jenes multiethnischen, bis zum Pazifik reichenden Landes beschworen [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], so braucht man sich &uuml;ber Entfremdung von der anderen Seite nicht zu wundern.<\/p><p>Eine historische Reminiszenz l&auml;sst ahnen, wie sich Russland auf lange Sicht von uns entfernen mag. Napoleon, das Kuckuckskind der Franz&ouml;sischen Revolution, hat das feudale Europa ziemlich radikal umgestaltet. Auch nachdem die alten M&auml;chte im Wiener Kongress 1815 seine eigenwilligen Staatssch&ouml;pfungen wieder r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht hatten, blieb der Kompass des Habsburger Reiches neu ausgerichtet. &bdquo;Was Napoleon in den ersten zehn Jahren seiner unerh&ouml;rten Ruhmeslaufbahn mit &Ouml;sterreich gemacht hatte, war nicht weniger, als dass er es beim Genick gefasst und in den Winkel von Europa gestellt hatte, mit dem Gesicht nach Osten. Vor zehn Jahren noch hatte Habsburgs langer Arm &uuml;ber Deutschland hinweg in die Niederlande gereicht&hellip; Dieser Arm hatte die Deutsche Kaiserkrone gehalten, die linksrheinischen burgundischen Besitzungen [&hellip;] All das geh&ouml;rte jetzt der Vergangenheit an. &Ouml;sterreich hatte Belgien und Holland aufgegeben, die Kaiserkrone fallen lassen, Burgund verloren&ldquo;, schreibt der konservative &ouml;sterreichische Schriftsteller Raoul Auernheimer (1876-1948) in seiner Metternich-Biographie.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Wer von heute verbindet &Ouml;sterreich gedanklich mit Holland oder Burgund? Seine Zuwendung zum Balkan und nach Osteuropa erscheint uns quasi naturgegeben. Sie kam nach 1992 &ouml;sterreichischen Unternehmen und Banken zugute. Dem europ&auml;ischen Kapital insgesamt hat &Ouml;sterreich als Br&uuml;cke zu den dortigen M&auml;rkten gedient. Die Verschiebung der Au&szlig;engrenzen von EU und NATO hat die Erweiterung verstetigt. Auch unser Erfahrungsraum ist um eine neue Dimension erweitert worden.<\/p><p>Daf&uuml;r r&uuml;ckt Russland weg von uns, und vermutlich auf so lange Sicht, dass es wom&ouml;glich f&uuml;r die n&auml;chsten Generationen, zumindest f&uuml;r die kommende, ein fremdes Land sein wird.<\/p><p>Noch im September 2001 hat Putin im Deutschen Bundestag, mit viel Beifall bedacht, f&uuml;r &bdquo;eine umfangreiche und gleichberechtigte gesamteurop&auml;ische Zusammenarbeit&ldquo; pl&auml;diert. Er warb damit, &bdquo;dass Europa seinen Ruf als m&auml;chtiger und selbstst&auml;ndiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen M&ouml;glichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird&ldquo;. Und er zeigte sich zuversichtlich, dass man dabei sei, die Voraussetzungen &bdquo;zum Aufbau des europ&auml;ischen Hauses&ldquo; zu schaffen.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Das ist inzwischen Episode, eine historische Randnotiz.<\/p><p>Die Russische F&ouml;deration wendet sich gezwungenerma&szlig;en der VR China zu. Der gegenseitige Handel habe sich im vergangenen Jahr um 30 Prozent auf 185 Milliarden USD erh&ouml;ht, so Putin.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Damit n&auml;hert man sich schon dem bisherigen Handelsvolumen mit den EU-Staaten, das im vergangenen Jahr bei 250 Milliarden Euro lag. Die wirtschaftliche Kooperation zwischen der RF und der VR China bietet &auml;hnliche Chancen f&uuml;r beide Seiten, wie sie die Kooperation mit Westeuropa geboten h&auml;tte. China ist dabei, zum Hightech-Land zu werden, und die RF kann mit ihrem Reichtum an Rohstoffen und Energietr&auml;gern punkten. Die Landwirtschaft in den Weiten Russlands ist von gro&szlig;er Bedeutung f&uuml;r Chinas Ern&auml;hrungssicherheit. Der Agrarhandel mit China ist um 41 Prozent gewachsen. Beide L&auml;nder, vor allem das bev&ouml;lkerungsreiche China, bieten verhei&szlig;ungsvolle Absatzm&auml;rkte. Schon jetzt soll jeder dritte Neuwagen und fast jeder zweite Laptop auf dem russischen Markt aus China kommen.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Von russischer Seite strebt man mehr industrielle Kooperation an. Vielleicht gelingt es der RF in der Kooperation mit der VR, den Extraktivismus, also die starke Angewiesenheit auf Rohstoff-, &Ouml;l- und Gasexporte, zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Die jetzt verabschiedete Erkl&auml;rung zur &bdquo;Vertiefung der umfassenden strategischen Partnerschaft&ldquo; l&auml;sst sich als symbiotische Erg&auml;nzung der beiden Volkswirtschaften interpretieren. Man kann aber auch das technologische Ungleichgewicht herauslesen. &bdquo;China wolle beispielsweise mehr Elekrotechnik liefern, sagte Xi. Vereinbart worden seien auch zus&auml;tzliche russische Gaslieferungen an China, sagte Putin. Bis 2030 solle die Gaslieferung auf fast 100 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigen. Zudem w&uuml;rden 100 Millionen Tonnen Fl&uuml;ssiggas geliefert, aber auch Kohle und atomarer Brennstoff.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Gerade mit seiner extraktiven Wirtschaft ist die RF aber stark auf die Partnerschaft mit China angewiesen, nachdem der europ&auml;ische Markt verschlossen ist.<\/p><p>Die Versorgungsleitungen und Verkehrsverbindungen, also Pipelines, Stra&szlig;en und Eisenbahnen, will man daher erkl&auml;rterma&szlig;en ausbauen, unter anderem um die Lieferketten funktionst&uuml;chtiger zu machen. Die 2019 in Betrieb genommene Erdgaspipeline Kraft Sibiriens soll um eine zweite Pipeline erg&auml;nzt werden. Kraft Sibiriens 2 mit einer Durchleitung von 50 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr wird dann Nord Stream 2 ersetzen. Dass sich das Gesicht Russlands, um das Bild aufzugreifen, nach Osten wendet, das hat also eine materielle Basis.<\/p><p>Mit dem schrittweisen &Uuml;bergang zu den eigenen Landesw&auml;hrungen im Gesch&auml;ftsverkehr wird ein klarer Schnitt gegen&uuml;ber dem Euro- und Dollarraum gezogen. Schon in den ersten drei Quartalen 2022 seien 65 Prozent des Handels in Rubel und Yuan abgewickelt worden, erkl&auml;rte Putin.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Es hei&szlig;t also: Bye-bye Russians! &bdquo;Do svidaniya!&ldquo; k&ouml;nnen wir ihnen vielleicht schon nicht mehr zurufen, weil sie schon zu weit von uns entfernt sind und ein Wiedersehen in den Sternen steht.<\/p><p>Titelbild: AlexLMX\/shutterstock.com<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Junge Welt v. 24. 03. 2023, S. 3<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Eine Auff&uuml;hrung der Oper &bdquo;Boris Godunow&ldquo; von Modest Mussorgsky verdeutlichte f&uuml;r den Musikkritiker Peter Jungbluth, &bdquo;wie fremd uns Russland schon immer war und nicht erst geworden ist&ldquo; (BR Klassik am 27. 03. 23).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Raoul Auernheimer: Metternich. Staatsmann und Kavalier. Wien: Ullstein Verlag 1948, S.47. Raoul Auernheimer ist nicht mit dem Autor dieses Artikels verwandt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/geschichte\/gastredner\/putin\/putin_wort-244966\">bundestag.de\/parlament\/geschichte\/gastredner\/putin\/putin_wort-244966<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Junge Welt v. 23. 03. 2023, S. 1<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Junge Welt v. 24. 03. 2023, S. 3<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/friedensplan-wladimir-putin-xi-jinping-treffen-moskau-ukraine-krieg-waffenlieferungen-haftbefehl-wirtschaft-zr-92157489.html\">merkur.de\/politik\/friedensplan-wladimir-putin-xi-jinping-treffen-moskau-ukraine-krieg-waffenlieferungen-haftbefehl-wirtschaft-zr-92157489.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Junge Welt v. 23. 03. 2023, S. 1<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Imperiale Kriege haben meist grundlegende Ver&auml;nderungen der politischen Landkarte zur Folge. Ein Beispiel daf&uuml;r ist der Eiserne Vorhang, der den Ostblock f&uuml;r gut vier Jahrzehnte vom Rest der Welt trennte. F&uuml;r die &Auml;lteren unter uns bestimmte er die geographische &bdquo;mental map&ldquo;. Aber dieser Vorhang ist, von kaum jemandem erwartet, gefallen. Inzwischen zeichnet sich eine neue<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95615\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":95617,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,30],"tags":[2760,379,3260,2102,1494,2301,849,259],"class_list":["post-95615","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-bodenschaetze","tag-china","tag-feindbild","tag-geostrategie","tag-infrastruktur","tag-konfrontationspolitik","tag-nahrungsmittel","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Shutterstock_621499718.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=95615"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":95651,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/95615\/revisions\/95651"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/95617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=95615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=95615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=95615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}