{"id":95827,"date":"2023-04-03T10:11:17","date_gmt":"2023-04-03T08:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95827"},"modified":"2023-04-05T15:03:16","modified_gmt":"2023-04-05T13:03:16","slug":"welche-rolle-spielte-die-bundesregierung-bei-der-ermordung-von-hundertausenden-kommunisten-in-indonesiern-ab-1965","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95827","title":{"rendered":"Welche Rolle spielte die Bundesregierung bei der Ermordung von Hunderttausenden Kommunisten in Indonesien ab 1965?"},"content":{"rendered":"<p>Nachweislich unterst&uuml;tzt von US-Geheimdiensten wurde 1965 die anti-kolonial ausgerichtete Sukarno-Regierung in Jakarta gest&uuml;rzt und in der Folge mindestens 500.000 Kommunisten grausam ermordet. Indonesien verf&uuml;gte damals &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;te kommunistische Massenpartei (die PKI) au&szlig;erhalb Chinas und der Sowjetunion. Deren Mitgliedschaft wurde v&ouml;llig liquidiert. Neue Archivfunde sowie Aussagen damaliger Diplomaten, Milit&auml;rs und Geheimdienstler deuten darauf hin, dass die Bundesregierung nicht nur von den Putsch- und Massakerpl&auml;nen wusste, sondern diese auch aktiv unterst&uuml;tzte. Eine Anfrage der Linksfraktion versuchte jetzt, Licht ins Dunkel zu bringen. Den NachDenkSeiten liegen die Antworten der Bundesregierung vor. Darin wird zudem erstmals offiziell best&auml;tigt, dass der damalige Indonesien-Korrespondent der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung,<\/em> Rudolf Oebsger-R&ouml;der (zuvor SS-Obersturmbannf&uuml;hrer), zugleich BND-Agent war. Von <strong>Florian Warweg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2926\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-95827-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=95827-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230403_Welche_Rolle_spielte_die_Bundesregierung_bei_der_Ermordung_von_Hunderttausenden_Kommunisten_in_Indonesien_ab_1965_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Dokumente scheinen eine Mitverantwortung Deutschlands (der BRD) f&uuml;r die vors&auml;tzliche und ungesetzliche T&ouml;tung von etwa einer halben Million Zivilisten zu zeigen sowie f&uuml;r die Masseninternierung von etwa einer Million weiterer. Das w&uuml;rden wir heute Verbrechen gegen die Menschlichkeit nennen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/krisen\/id_86930860\/genozid-in-indonesien-deutschlands-heimliche-hilfe.html\">lautet<\/a> beispielsweise die Einsch&auml;tzung des Historikers Geoffrey B. Robinson von der University of California nach Sichtung von freigegebenen Dokumenten, unter anderem der US-Botschaft in Jakarta.<\/p><p>Der international renommierte Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer, der mit seinen beiden preisgekr&ouml;nten Filmen &bdquo;The Act of Killing&ldquo; und &bdquo;The Look of Silence&ldquo; erstmals einer breiteren westlichen &Ouml;ffentlichkeit die zuvor kaum bekannten Massenmassaker in Indonesien ins Bewusstsein rief, <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/krisen\/id_86930860\/genozid-in-indonesien-deutschlands-heimliche-hilfe.html\">erkl&auml;rte<\/a> bereits 2017 gegen&uuml;ber <em>t-online<\/em> mit Verweis auf neu aufgetauchte Dokumente:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Genozid (in Indonesien) war eine der gr&ouml;&szlig;ten Gr&auml;ueltaten seit dem Holocaust. Dass er 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Teilen vom deutschen Staat begangen worden sein k&ouml;nnte, ist schrecklich und herzzerrei&szlig;end.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die Rolle der bundesdeutschen Botschaft in Jakarta <\/strong><\/p><p>Was zweifelsfrei feststeht: Die westdeutsche Botschaft in Jakarta war von den Ereignissen in Indonesien ab Oktober 1965, die auch die meisten Juristen und Historiker im R&uuml;ckblick als &bdquo;V&ouml;lkermord&ldquo; bewerten, nicht &uuml;berrascht worden. Bereits im Januar 1965 berichtete der Milit&auml;rattach&eacute; der bundesdeutschen Botschaft in Jakarta an das Bundesministerium der Verteidigung in Bonn &uuml;ber ein Massaker in Indonesien, das &bdquo;vorsorglich und probeweise&ldquo; ver&uuml;bt worden sei, &bdquo;um zu erfahren, wie die Kommunisten darauf reagieren&ldquo; w&uuml;rden. 1.400 kommunistische Plantagenarbeiter seien festgenommen worden, von denen schlie&szlig;lich 1.000 ermordet wurden (Dokument vom 8. Januar 1965, Politisches Archiv des Ausw&auml;rtigen Amts: Bestand 37, Referat IB5, Band 169A).<\/p><p>Am 11. Oktober stehen bundesdeutsche Diplomaten mit Mittelsm&auml;nnern der indonesischen Armee in Kontakt. Diese berichten von den Pl&auml;nen, den blockfrei ausgerichteten Pr&auml;sidenten Sukarno zu st&uuml;rzen und mit den Kommunisten im Land aufzur&auml;umen. Dies geht unter anderem aus einem im Oktober 2017 <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/indonesia\/2017-10-17\/indonesia-mass-murder-1965-us-embassy-files\">freigegebenen und zuvor als &bdquo;geheim&ldquo; eingestuften Telegramm<\/a> der US-Botschaft an den damaligen US-Au&szlig;enminister hervor. Dort hei&szlig;t es, datiert auf den 12. Oktober 1965:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;1. Nach Angaben eines deutschen Botschaftsangeh&ouml;rigen erw&auml;gt die Indo (indonesische) Armee jetzt, Sukarno selbst zu st&uuml;rzen, und wendet sich an mehrere westliche Botschaften, um diese wissen zu lassen, dass ein solcher Schritt m&ouml;glich ist.<\/p>\n<p>2. Die deutsche Botschaft wurde am 11. Oktober von einem vertrauensw&uuml;rdigen deutschen Gesch&auml;ftsmann informiert, dass er von einem Stabsoffizier der Indo Armee gebeten wurde, als Vermittler zur deutschen Botschaft zu agieren.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen1_NSA_Indo.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen1_NSA_Indo.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/indonesia\/2017-10-17\/indonesia-mass-murder-1965-us-embassy-files\">Das bis 2017 als &bdquo;geheim&ldquo; eingestufte Dokument der US-Botschaft in Jakarta &ndash; National Security Archive<\/a> <\/em><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/id_82562848\/deutschland-deckte-militaerputsch-in-indonesien.html\">Weiter hei&szlig;t es<\/a>, die Armee erhoffe sich &bdquo;Wohlwollen und &ouml;konomische Hilfe&ldquo; f&uuml;r den Putsch-Plan.<\/p><p><strong>&bdquo;Das letzte solide Bollwerk gegen den Kommunismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aus Akten des Ausw&auml;rtigen Amtes geht zudem hervor, dass man in Bonn die indonesische Armee damals als &bdquo;das letzte solide Bollwerk gegen den Kommunismus&ldquo; betrachtete und entsprechend wohlwollend auf Bitten um finanzielle und milit&auml;r-logistische Unterst&uuml;tzung reagierte.<\/p><p>Datiert auf den 3. November 1965 wird in einem mittlerweile zug&auml;nglichen internen BND-Lagebericht mit dem Betreff &bdquo;F&ouml;hrenwald&ldquo; das &bdquo;Abschlachten von Kommunisten&ldquo; geschildert. Nur f&uuml;nf Tage sp&auml;ter, am 8. November, wird in einem weiteren BND-Dokument, das der Journalist Jonas Mueller-T&ouml;we <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/krisen\/id_86930860\/genozid-in-indonesien-deutschlands-heimliche-hilfe.html\">ausgewertet<\/a> hat, eine &bdquo;dringende Bitte&ldquo; des indonesischen Ministers f&uuml;r Staatssicherheit, General Abdul Haris Nasution, er&ouml;rtert. Der General bitte um eine Barzahlung in H&ouml;he von 1,2 Millionen D-Mark f&uuml;r &bdquo;besondere Zwecke&ldquo;. Dieser besondere Zweck wird im weiteren Verlauf des Akteneintrags noch konkretisiert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;General Nasution ben&ouml;tigt diese Mittel f&uuml;r anti-kommunistische S&auml;uberungsaktionen. Das Geld wird haupts&auml;chlich f&uuml;r Sonderaktionen gegen KP-Funktion&auml;re und zur Durchf&uuml;hrung von gesteuerten Demonstrationen ben&ouml;tigt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Zu diesem Zeitpunkt ist den westdeutschen Stellen im Ausw&auml;rtigen Amt und BND schon vollumf&auml;nglich bekannt, dass das indonesische Milit&auml;r im Rahmen von &bdquo;S&auml;uberungsaktionen&ldquo; bereits Abertausende Kommunisten auf grausamste Weise (gek&ouml;pft, verbrannt, bei lebendigem Leib diverse K&ouml;rperteile abgetrennt) get&ouml;tet hat.<\/p><p>Am 14. Dezember 1965 berichtet der bundesdeutsche Botschafter in Indonesien, das ehemalige NSDAP-Mitglied Luitpold Werz (seit Herbst 1933 im diplomatischen Dienst t&auml;tig), dem Ausw&auml;rtigen Amt von bereits &bdquo;mindestens 128.000 get&ouml;teten Kommunisten&ldquo; sowie &bdquo;vermutlich mehreren Hunderttausend Inhaftierten&ldquo;.<\/p><p>Das Wissen um die beginnenden Massent&ouml;tungen von Kommunisten durch das Milit&auml;r und verb&uuml;ndete Milizen hinderte die Bundesregierung aber nicht daran, am 26. November 1965 den indonesischen Brigadegeneral Achmed Sukendro in Bonn zu empfangen, im Gegenteil. Botschafter Werz sch&auml;tzt den General als &bdquo;einen der f&auml;higsten und energischsten Antikommunisten&ldquo;. Im Vorfeld des Besuchs kabelt er an den damaligen Staatssekret&auml;r im Ausw&auml;rtigen Amt, den sp&auml;teren Bundespr&auml;sidenten Karl Carstens:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Schon vor Monaten hat Sukendro zu mir gesagt, die Armee warte nur auf den Vorwand, die Kommunisten zu vernichten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Bemerkenswert: Der indonesische General wird, entgegen sonstigen Gepflogenheiten, sogar vom damaligen BRD-Au&szlig;enminister Gerhard Schr&ouml;der h&ouml;chstpers&ouml;nlich empfangen. Nach aktuellem Wissensstand kehrte General Sukendro nicht mit leeren H&auml;nden aus der Bundesrepublik zur&uuml;ck. Es floss wohl finanzielle Unterst&uuml;tzung &bdquo;unter sch&auml;rfster Abschirmung der &Uuml;bermittlungswege&ldquo;, wie es in einem weiteren Aktenvermerk hei&szlig;t, und milit&auml;rische Ausr&uuml;stung. Das Rechercheteam um Jonas Mueller-T&ouml;we zitiert in diesem Zusammenhang aus dem Entwurf eines Vortrags des sp&auml;teren BND-Chefs Gerhard Wessel vor dem Vertrauensgremium des Bundestags. Darin hei&szlig;t es w&ouml;rtlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Im Oktober 1965 bereits bestehende enge Verbindungen zum indonesischen strategischen ND [Nachrichtendienst, Anm. d. Red.] erm&ouml;glichten Unterst&uuml;tzung (Berater, Ger&auml;te, Geld) des indonesischen ND und milit&auml;rischer Sonderorgane bei Zerschlagung der KPI (und Entmachtung Sukarnos &ndash; Steuerung und Unterst&uuml;tzung von Demonstrationen).&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen2.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen2.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>In weiterer Folge lieferte die Bundesrepublik, abgesegnet vom Ausw&auml;rtigen Amt, ab 1966 Jagdpanzer vom Typ KANONE, 10.000 Gewehre, 255.000 Kilogramm Nitroglycerin sowie 20 Millionen Schuss Munition (&bdquo;ohne NATO-Markierung&ldquo;) an die Milit&auml;r-Junta in Indonesien.<\/p><p><strong>Wie bundesdeutsche Diplomaten und Geheimdienstler das Abschlachten von Hunderttausenden Kommunisten bejubelten<\/strong><\/p><p>Der Nachfolger von Werz als Botschafter in Jakarta ab 1966, der bundesdeutsche Spitzendiplomat Kurt Luedde Neurath (ehemaliges SA-Mitglied, Eintritt in den diplomatischen Dienst 1938), feierte in einem Vortrag 1967 das Abschlachten von Hunderttausenden Kommunisten ganz offen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eines k&ouml;nnen wir von diesem Einschnitt im staatlichen Leben Indonesiens mit Sicherheit sagen. Er war nicht gegen die freie Welt gerichtet. Hunderttausende umgebrachter Kommunisten bieten eine recht gro&szlig;e Gew&auml;hr daf&uuml;r, dass die heutige Regierung alles tun wird, um das Staatsschiff nicht wieder auf kommunistischen Kurs kommen zu lassen. (&hellip;) Der Coup hat die marxistische Linke ausgeschaltet und neue Kr&auml;fte freigesetzt. Die ideologische Offenheit gegen&uuml;ber dem Westen ist gro&szlig;.&ldquo; (Vortrag vom 18. Juni 1967, zitiert nach Glenn J&auml;ger 2023, S. 409, in <a href=\"https:\/\/shop.papyrossa.de\/Bevins-Vincent-Die-Jakarta-Methode\">&bdquo;Die Jakarta-Methode&ldquo;<\/a>)\n<\/p><\/blockquote><p>Reinhard Gehlen, unter Adolf Hitler Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost und sp&auml;ter erster Pr&auml;sident des BND, gab sich ebenso euphorisch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Erfolg der indonesischen Armee, die die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und H&auml;rte verfolgte, kann nach meiner &Uuml;berzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingesch&auml;tzt werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Doch auch die bundesdeutschen Leitmedien konnten nichts Schlechtes an der Ermordung von Hunderttausenden Kommunisten finden. So verfasste Anfang 1970 etwa das <em>Handelsblatt <\/em>eine Eloge auf den Putsch-General Suharto, ohne mit nur einer Zeile auf den Massenmord einzugehen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Suhartos Verdienst besteht darin, da&szlig; er diesen Wandel mit der Geschmeidigkeit und Geduld eines typischen Zentraljavaners erm&ouml;glicht hat. Suharto verf&uuml;gt neben Geschmeidigkeit auch &uuml;ber taktisches Gesp&uuml;r und notfalls Entschlossenheit, wie er das bei der Ausschaltung seines Vorg&auml;ngers hinl&auml;nglich bewiesen hat.&ldquo; (zitiert nach Rainer Werning, Der Archipel Suharto, 2008: S. 185)\n<\/p><\/blockquote><p>Vor diesem Hintergrund erfolgte die Kleine Anfrage &bdquo;Rolle der Bundesrepublik Deutschland bei den Massakern in Indonesien ab 1965&ldquo;, initiiert von dem Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko (Die Linke). Auffallend, trotz der aufgezeigten neuen Erkenntnisse, Aussagen und Archivfunde, verneint die Bundesregierung jegliche Mitverantwortung. Die Bewertung der &bdquo;damaligen Ereignisse&ldquo; sei ausschlie&szlig;lich &bdquo;Aufgabe und Gegenstand wissenschaftlicher Forschung&ldquo;. Im &auml;hnlichen Duktus geht es weiter. Fragen nach Kenntnissen &uuml;ber die Lieferung von Waffen, Geld und Informationen, die Frage, ab welchem Zeitpunkt die Bundesregierung dar&uuml;ber informiert war, dass das indonesische Milit&auml;r einen Massenmord plante, oder auch die Frage, ob es je diplomatische Protestnoten wegen des Genozids gab, wird lapidar mit folgendem Satz &bdquo;beantwortet&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;(&hellip;) Sie (die Bundesregierung) verweist (&hellip;) auf die M&ouml;glichkeit selbst&auml;ndiger Informationserhebung aus den Best&auml;nden des Bundesarchivs und des Politischen Archivs des Ausw&auml;rtigen Amtes.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen3.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen3.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Quelle: Screenshot Kleine Anfrage \/ Drucksache 20\/5697<\/p><p>In diesem ausweichenden und nichtssagenden Stil geht es weiter. Die einzige konkrete Antwort hat es dann aber durchaus in sich und wirft ein exemplarisches Licht auf die Verfasstheit der damaligen bundesdeutschen Presselandschaft und seiner Journalisten. Es geht um Rudolf Oebsger-R&ouml;der, ehemaliger SS-Obersturmbannf&uuml;hrer und Leiter der ber&uuml;chtigten Einsatzkommandos in Ungarn. Dieser arbeitete ab Anfang der 1960er Jahre in Indonesien unter dem Pseudonym O. G. Roeder als Korrespondent f&uuml;r die <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> und <em>NZZ<\/em> sowie sp&auml;ter als Berater f&uuml;r den Putschisten und Diktator <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suharto\">Hadji Mohamed Suharto<\/a> (oder wie Helmut Kohl ihn zu nennen pflegte, &bdquo;treuer Freund Deutschlands&ldquo;). Es gab aber Hinweise, dass er neben seiner T&auml;tigkeit als Journalist auch f&uuml;r den BND t&auml;tig gewesen sein soll. Frage 10 der parlamentarischen Anfrage lautet daher:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung &uuml;ber die Arbeit von Rudolf Oebsger-R&ouml;der alias &bdquo;O. G. Roeder&ldquo; im Auftrag des BND?<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Kann die Bundesregierung best&auml;tigen, dass Rudolf Oebsger-R&ouml;der f&uuml;r den BND gearbeitet hat, und wenn ja, von wann bis wann?<\/li>\n<li>Kann die Bundesregierung best&auml;tigen, dass Rudolf Oebsger-R&ouml;der in Indonesien f&uuml;r den BND gearbeitet hat, und wenn ja, von wann bis wann?&ldquo;<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote><p>Die Antwort der Bundesregierung ist diesmal unmissverst&auml;ndlich:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dr. Rudolf Oebsger-R&ouml;der war von 1948 bis 1966 und innerhalb dieses Zeitraums von Dezember 1959 bis Dezember 1962 sowie von Juli 1964 bis M&auml;rz 1966 in Indonesien f&uuml;r die Organisation Gehlen bzw. den nachfolgenden Bundesnachrichtendienst t&auml;tig.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen_4.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230403-Indonesien-Screen_4.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Die &bdquo;Jakarta-Methode&ldquo; in Lateinamerika <\/strong><\/p><p>Das Vorgehen der Milit&auml;rjunta in Jakarta sollte nur wenig sp&auml;ter weltweit als &bdquo;Vorbild&ldquo; und Blaupause &bdquo;gegen kommunistische Umtriebe&ldquo; gelten. Der ehemalige S&uuml;dostasien-Korrespondent der <em>Washington Post<\/em>, Vincent Bevins, legt in seinem Standardwerk zu dem Thema &bdquo;The Jakarta Method&ldquo; minuti&ouml;s dar, wie zum einen die USA den Massenmord an Kommunisten in Indonesien auf allen Ebenen unterst&uuml;tzten (logistisch, milit&auml;risch, diplomatisch, geheimdienstlich) und zudem diese &bdquo;Methode&ldquo; weltweit Anwendung fand, insbesondere in Lateinamerika.<\/p><p>So erkl&auml;rte beispielsweise Jos&eacute; L&oacute;pez Rega, Gr&uuml;nder des ultrarechten paramilit&auml;rischen Todesschwadrons Triple A (Alianza Anticomunista Argentina), kurz vor dem Putsch 1976, in dessen Folge nach aktuellen Sch&auml;tzungen 30.000 linke Argentinier brutal gefoltert und ermordet worden waren:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Argentinien brauchen wir keine Million Tote wie in Indonesien, das Problem l&auml;sst sich mit zehntausend l&ouml;sen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>&Auml;hnlich wie im Falle Indonesiens war die bundesdeutsche Seite auch in Chile 1973 und 1976 in Argentinien Wochen im Voraus &uuml;ber die Putschpl&auml;ne informiert. Im Falle Argentiniens wurde die Information vier Wochen vor dem eigentlichen Putsch direkt an den damaligen bundesdeutschen Botschafter J&ouml;rg Kastl vermittelt. Dieser erkl&auml;rte nach Erhalt der Information dem Junta-Mitglied Massera:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie brauchen Standgerichte mit einem Ausnahmezustand, dann begreift das ihr Volk.&ldquo;<br>\n(zitiert nach Glenn J&auml;ger in: Vincent Bevins, Die Jakarta-Methode, 2023: S. 410)\n<\/p><\/blockquote><p>Im Falle Chiles war der BND ebenso nachweislich zwei Wochen vor dem 11. September 1973 von der CIA &uuml;ber die entsprechenden Putschpl&auml;ne informiert worden. Allerdings soll in diesem Fall, so der aktuelle Stand, der BND die Information nicht an Willy Brandt weitergeleitet haben. Dieser befand sich zum Zeitpunkt des Staatsstreichs der Pinochet-Junta in den USA. Die an dem Putsch beteiligten chilenischen Offiziere und Gener&auml;le besprachen das sp&auml;tere Verschwindenlassen von Tausenden Allende-Unterst&uuml;tzern nachweislich unter dem Motto &bdquo;el plan Yakarta&ldquo;. In den Monaten vor dem Putsch tauchten an den H&auml;userw&auml;nden in Santiago de Chile Botschaften auf, die in verschiedenen Varianten verk&uuml;ndeten: &bdquo;Yakarta viene&ldquo; (Jakarta kommt) oder auch &bdquo;Yakarta se acerca&ldquo; (Jakarta kommt n&auml;her).<\/p><p>Die &bdquo;Methode Jakarta&ldquo; und die in diesem Kontext erfolgte direkte und indirekte Unterst&uuml;tzung durch die Bundesregierung an einem Massenmord ist ein bis heute nicht aufgearbeitetes Kapitel der bundesdeutschen Geschichte. Und wie die Antworten der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage belegen, zeigt auch eine SPD-gef&uuml;hrte Bundesregierung im Jahr 2023 keinerlei Interesse, diese Mitverantwortung aufzuarbeiten.<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95925\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Screenshot von Drucksache 20\/5697<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=78580\">Die Jakarta-Methode oder Ein Land im antikommunistischen Blutrausch<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95409\">Im Namen der Guten: &bdquo;Die Jakarta-Methode&ldquo; &ndash; ein m&ouml;rderisches Programm einer verbrecherischen Politik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=60434\">Das Fanal von Bandung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95717\">Stimmen aus Lateinamerika: Das Wiederaufleben der blockfreien &bdquo;Dritten Welt&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/316c9d7a989140eabefc36b3992723da\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachweislich unterst&uuml;tzt von US-Geheimdiensten wurde 1965 die anti-kolonial ausgerichtete Sukarno-Regierung in Jakarta gest&uuml;rzt und in der Folge mindestens 500.000 Kommunisten grausam ermordet. Indonesien verf&uuml;gte damals &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;te kommunistische Massenpartei (die PKI) au&szlig;erhalb Chinas und der Sowjetunion. Deren Mitgliedschaft wurde v&ouml;llig liquidiert. 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