{"id":959,"date":"2005-11-24T17:09:17","date_gmt":"2005-11-24T15:09:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=959"},"modified":"2016-02-28T10:04:15","modified_gmt":"2016-02-28T09:04:15","slug":"neuer-verteilungsbericht-des-wsi-lohnkaufkraft-in-deutschland-weiter-auf-tiefststand-deutschland-gerat-noch-tiefer-in-eine-verteilungsfalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=959","title":{"rendered":"Neuer Verteilungsbericht des WSI: Lohnkaufkraft in Deutschland weiter auf Tiefststand. Deutschland ger\u00e4t noch tiefer in eine \u201eVerteilungsfalle\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der langj&auml;hrige R&uuml;ckgang beim Kaufkraftpotential von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist 2004 und 2005 durch die letzten Stufen der rot-gr&uuml;nen Steuerreform kurzfristig aufgehalten worden. Doch die Beschl&uuml;sse der gro&szlig;en Koalition werden die ungleiche Entwicklung zwischen den Arbeitseinkommen einerseits sowie den Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen andererseits wieder forcieren. Dies ist eine Schlussfolgerung aus dem neuen Verteilungsbericht 2005 des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung. &bdquo;Damit w&auml;chst die Gefahr, dass Deutschland noch tiefer in die Verteilungsfalle ger&auml;t, die seit langem auch f&uuml;r die Schw&auml;che von Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt verantwortlich ist&ldquo;, sagt Dr. Claus Sch&auml;fer, Autor des WSI-Verteilungsberichts.<br>\n<!--more--><br>\nMit dem Begriff der Verteilungsfalle beschreibt die WSI-Analyse das Auseinanderklaffen von guter Auslandsnachfrage und schlechter Binnennachfrage sowie deren Hintergrund: eine ungleiche Einkommensentwicklung und eine Fiskalpolitik, die diese Ungleichheit noch verst&auml;rkt. Beide Entwicklungen stellen Langfrist-Trends dar. Das machen Eckdaten des Berichts deutlich, der in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen erscheint*:<\/p><ul>\n<li>Die Netto-Lohnquote, die man mit dem Kaufkraftpotential der Arbeitseinkommen gleichsetzen kann, ist drastisch von 48,1 Prozent des privat verf&uuml;gbaren Volkseinkommens im Jahr 1991 auf nur noch 41,5 Prozent 2004 gesunken. Wie stark die Arbeitseinkommen seit langem zur&uuml;ckfallen, zeigt der Vergleich &uuml;ber mehrere Jahrzehnte: 1960 betrug die Netto-Lohnquote noch 55,8 Prozent.<\/li>\n<li>Zu diesem R&uuml;ckgang haben zunehmende Arbeitslosigkeit, ein wachsender Niedriglohnsektor und dauerhaft geringe Lohnzuw&auml;chse beigetragen. Aber auch die &ouml;ffentliche Steuer- und Abgabenpolitik. Das zeigt die durchschnittliche Lohnsteuerbelastung der Arbeitseinkommen. Sie stieg von 6,3 Prozent 1960 auf 16,3 Prozent 1991 und 19,5 Prozent 1998. Aktuell betr&auml;gt die durchschnittliche Lohnsteuerbelastung 17,7 Prozent. Die rot-gr&uuml;nen Steuerreformen haben also eine Entlastung von 1,8 Prozentpunkten erbracht. Parallel stieg die durchschnittliche Belastung der Arbeitseinkommen mit Sozialversicherungsbeitr&auml;gen von 9,4 Prozent im Jahr 1960 auf 14,3 Prozent 1991 und 16,5 Prozent 2004. Die rot-gr&uuml;nen Senkungsbem&uuml;hungen haben sich kaum ausgewirkt.<\/li>\n<li>Im Gegensatz dazu ist die durchschnittliche Belastung der Einkommen aus Unternehmert&auml;tigkeit und Verm&ouml;gen mit direkten Steuern durch zahlreiche politische Ma&szlig;nahmen relativ kontinuierlich vermindert worden. 1960 betrug die Belastung noch 20 Prozent, 1980 waren es 15,3 Prozent und 1991 noch 8,1 Prozent. Bis 1997 sank die Steuerbelastung sogar auf einen Tiefststand von 3,4 Prozent. Unter der rot-gr&uuml;nen Regierung stieg dieser Anteil zun&auml;chst moderat, um seit 2002 wieder zur&uuml;ckzugehen. Zwischen 2003 und 2004 sank die Belastung von 5,5 Prozent auf nur noch 5,3 Prozent.<\/li>\n<li>Den Staat finanzieren vor allem die Steuern der aktiven und ehemaligen Besch&auml;ftigten: Die Lohnsteuer und die gr&ouml;&szlig;ten Verbrauchsteuern, die weitestgehend aus der Entstehung und Verausgabung von Arbeitseinkommen und Lohnersatzeinkommen anfallen, erbrachten 2004 76,5 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Die Summe aller Gewinnsteuern (veranlagte Einkommensteuer, Dividendensteuer, K&ouml;rperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Zinsabschlagsteuer) macht dagegen nur noch 15,1 Prozent aus. Zum Vergleich: 1960 trugen beide Steuergruppen noch fast parit&auml;tisch zur Finanzierung des Staates bei.<\/li>\n<\/ul><p>Die ungleiche Einkommensverteilung hat negative Konsequenzen f&uuml;r die binnenwirtschaftliche Nachfrage, so WSI-Experte Dr. Claus Sch&auml;fer: &bdquo;Die konsumnahen privaten Einkommen wurden erheblich geschw&auml;cht, die konsumfernen gest&auml;rkt.&ldquo; Zudem wurde die &ouml;ffentliche Nachfrage durch die Steuerentlastungen von hohen Einkommen (z.B. Senkung des Spitzensteuersatzes), Gewinnen (Senkung der K&ouml;rperschaftsteuer) und Verm&ouml;gen (Aussetzung der Verm&ouml;gensteuer) zunehmend belastet.<\/p><p>Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Mehrwertsteuererh&ouml;hung und die Sparvorhaben im Bundeshaushalt entz&ouml;gen insbesondere konsumnahen privaten Einkommen weiteres Nachfragepotential, analysiert der WSI-Verteilungsbericht. Lediglich die so genannte Reichensteuer weise zu einem alternativen Politikansatz. Sie bringe jedoch nur ein eher symbolisches Mehraufkommen. Auch das geplante Investitionsprogramm kehre die zunehmende Polarisierung der Einkommensverteilung angesichts seiner geringen Dimension nicht um.<\/p><p>Aus verteilungspolitischer und wachstumspolitischer Sicht sei eine entgegen gesetzte Akzentsetzung der Politik sinnvoll, so Sch&auml;fer: Eine deutliche Wiedererh&ouml;hung des privaten Spitzensteuersatzes oder eine Wiedereinf&uuml;hrung der Verm&ouml;gensteuer k&ouml;nnten der &ouml;ffentlichen Hand konjunkturunsch&auml;dlich den notwendigen Spielraum verschaffen. Angesichts einer im EU-Vergleich unterdurchschnittlichen Abgabenquote und der ungleichen deutschen Einkommensverteilung lasse sich auf diese Weise ein Einbruch bei der &ouml;ffentlichen Nachfrage vermeiden, ohne die private Nachfrage zu belasten. Die private Nachfrage werde sogar gest&auml;rkt, wenn Teile der Steuererh&ouml;hungen genutzt w&uuml;rden, um die Sozialversicherungsbeitr&auml;ge der Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen zu senken.<\/p><p><em>*Claus Sch&auml;fer, Weiter in der Verteilungsfalle &ndash; Die Entwicklung der Einkommensverteilung in 2004 und den Vorjahren, in: WSI-Mitteilungen 11\/2005<\/em><\/p><p>Quelle 1: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2005_19_1.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2005_19_1.pdf\">Grafiken zum Download im B&ouml;ckler Impuls 19\/2005<\/a><br>\nQuelle 2: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-64AA4507\/hbs\/hs.xsl\/32014_57603.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-64AA4507\/hbs\/hs.xsl\/32014_57603.html\">B&ouml;ckler Impuls 19\/2005<\/a><\/p><p><strong>Ansprechpartner in der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung <\/strong><br>\nDr. Claus Sch&auml;fer<br>\nWSI<br>\nTel.: 0211-7778-205<br>\nE-Mail: <a href=\"mailto:Claus-Schaefer@boeckler.de\" title=\"E-Mail an Claus-Schaefer@boeckler.de\">Claus-Schaefer@boeckler.de<\/a> <\/p><p>Rainer Jung<br>\nLeiter Pressestelle<br>\nTel.: 0211-7778-150<br>\nE-Mail: <a href=\"mailto:Rainer-Jung@boeckler.de\" title=\"E-Mail an Rainer-Jung@boeckler.de\">Rainer-Jung@boeckler.de<\/a>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der langj&auml;hrige R&uuml;ckgang beim Kaufkraftpotential von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist 2004 und 2005 durch die letzten Stufen der rot-gr&uuml;nen Steuerreform kurzfristig aufgehalten worden. 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