{"id":9599,"date":"2011-05-30T11:52:54","date_gmt":"2011-05-30T09:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9599"},"modified":"2014-09-01T10:53:32","modified_gmt":"2014-09-01T08:53:32","slug":"die-kanzlerkandidaten-meinungsmache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9599","title":{"rendered":"Die Kanzlerkandidaten-Meinungsmache"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine uralte Geschichte, mit Popularit&auml;tswerten von Spitzenpolitikern wie sie die  Meinungsforschung regelm&auml;&szlig;ig erhebt zu manipulieren. Gerade erleben wir wieder eine Hochzeit dieser so beliebten wie unsinnigen Datenspielerei &ndash; mit absichtsvollen Motiven der Initiatoren. Von Eckehart Hagen<br>\n<!--more--><br>\nWurde weiland zu Helmut Schmidts Kanzlerzeiten (vor allem vom damaligen INFAS-Chef)  in den siebziger Jahren mit Hinweis auf die hohe Kanzlerpopularit&auml;t und die weit niedrigeren  SPD-Werte (weil angeblich zu links) versucht, die Partei weiter nach rechts zu dr&auml;ngen, so wird derzeit von Instituten suggeriert und von den Medien bereitwillig aufgegriffen, mit Steinmeier (so die Forschungsgruppe Wahlen) bzw. Steinbr&uuml;ck (so  Forsa, jeweils diese Woche) h&auml;tte die SPD die relativ besten  Wahlchancen bei der n&auml;chsten Bundestagswahl &ndash; im Herbst 2013! <\/p><p>Abgesehen davon, dass eine Kandidatendiskussion  zweieinhalb Jahre vor der n&auml;chsten BTW und bei bundesweiten Potentialwerten f&uuml;r die SPD von plusminus 25% schlicht unsinnig ist, wird dabei geflissentlich vergessen, dass genau diese jetzt wieder hochgehandelten &bdquo;Kandidaten&ldquo; vor gerade mal 18 Monaten die SPD in ihre gr&ouml;&szlig;te Niederlage seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland gef&uuml;hrt haben. Weder in der SPD noch in den Medien wird ernsthaft die Frage gestellt und schon gar nicht kritisch analysiert, warum denn die auch 2009 relativ hohen Popularit&auml;tswerte von beiden Herren zu dem katastrophalen SPD-Ergebnis von 23% f&uuml;hren konnten. W&uuml;rde man dies tun, m&uuml;sste die Partei ja notwendigerweise &uuml;ber Inhalte bzw. die politische Ausrichtung der Partei zur L&ouml;sung gegenw&auml;rtiger Probleme sprechen, vor allem aber auch &uuml;ber die Politik und deren Ergebnisse in den zur&uuml;ckliegenden Regierungsjahren.  Beides wird tunlichst vermieden, teils aus R&uuml;cksicht auf fr&uuml;here und noch heute in Funktion stehende Mitt&auml;ter an der neoliberalen Agenda-Verirrung, teils wegen der fortbestehenden Dominanz dieser gescheiterten Ideologie in SPD-F&uuml;hrungskreisen (Seeheimer und Netzwerker). Folge f&uuml;r die Partei insgesamt ist inhaltliche Orientierungslosigkeit, die zur Offenheit nach allen Seiten und damit zur Beliebigkeit f&uuml;hrt. Man freut sich auch &uuml;ber schw&auml;chste Ergebnisse (BaW&uuml;) und dar&uuml;ber, mit jeder anderen Partei (au&szlig;er mit der Linken im Westen und auf Bundesebene!) ins Koalitionsbett steigen zu k&ouml;nnen und ein bisschen mitregieren zu d&uuml;rfen. Logische Konsequenz dieser strategischen Beliebigkeit: Niemand weiss mehr, wof&uuml;r die SPD eigentlich steht oder anders formuliert, warum und wof&uuml;r soll man die SPD &uuml;berhaupt noch w&auml;hlen. Denn richtig bleibt: F&uuml;r eine SPD-neoliberal-light gibt es im deutschen Parteienspektrum keinen Bedarf.<\/p><p>Aber zur&uuml;ck zu den Popularit&auml;tsspielereien. Hohe Sympathiewerte f&uuml;r Politiker\/innen kommen nur zustande, wenn sie von der stets gro&szlig;en Mehrheit der anderen Parteianh&auml;nger positiv bewertet werden. Und ein solches Urteil f&auml;llen gerade diese Befragten am ehesten &uuml;ber  wenig polarisierende,  sich &uuml;berparteilich gebende Politiker mit b&uuml;rgerlichem Habitus. Entscheidend ist jedoch und das haben viele Wahlen in der Vergangenheit belegt, dass hohe Sympathiewerte eher konservativer Medienlieblinge wie z.B.Steinmeier und Steinbr&uuml;ck  keineswegs auch  zur Wahl der Partei dieser &bdquo;sympathischen Kandidaten&ldquo; f&uuml;hren. Ansonsten h&auml;tte beispielsweise die SPD bei der Beliebtheit  Helmut Schmidts  bei den Bundestagswahlen 1976 gegen den Oppositionsf&uuml;hrer Kohl wie 1980 gegen Strauss weit bessere Ergebnisse erzielen m&uuml;ssen.<\/p><p>Was also sollten wir aus der aktuellen Kanzlerkandidaten-Meinungsmache auf Basis von hohen Popularit&auml;tswerten lernen?<\/p><ol>\n<li>Von Meinungsforschern und Medien inszenierte Kandidatendiskussionen zur Unzeit, f&uuml;hren in der SPD immer zu  Zwist und Streit, der der Partei schadet und von inhaltlichen Kl&auml;rungsprozessen ablenkt.<\/li>\n<li>Hohe Werte sind meist ein Echo auf die Behandlung der Politiker in den sogenannten Leitmedien und diese ist umso positiver, je st&auml;rker sie die &uuml;berwiegend konservativen Interessen dieser Medien und nahestehender Wirtschaftskreise bedienen.<\/li>\n<li>Derart entstandene hohe Sympathiewerte &ndash; und dies gilt in erster Linie f&uuml;r eine linke Volkspartei, die die SPD ihrem programmatischen Selbstverst&auml;ndnis nach noch immer vorgibt zu sein &ndash;  veranlassen nur wenige der W&auml;hler\/innen statt &bdquo;ihrer&ldquo; Partei nun den netten Kandidaten von der SPD zu w&auml;hlen (schlie&szlig;lich werden bei uns Parteien und nur auf Wahlkreisebene  Kandidaten also Personen gew&auml;hlt).<\/li>\n<li>Soweit hohe Popularit&auml;tswerte vor allem wenig polarisierenden Kandidaten &bdquo;der Mitte&ldquo; oder sogenannten &bdquo;Reformern&ldquo; der SPD zugeschrieben und von den Medien entsprechend positiv kommentiert werden, stehen sie einer Mobilisierung vor allem  politisch engagierter W&auml;hler und der eigenen Parteianh&auml;nger im Wege und f&uuml;hren zu den bekannt niedrigen Wahlbeteiligungen.<\/li>\n<li>Ein klares, zu anderen Parteien kontrastierendes Programm, das dem W&auml;hler eine erkennbare und glaubw&uuml;rdige politische Alternative im Interesse der Bev&ouml;lkerungsmehrheit anbietet, ist weit wichtiger f&uuml;r die Mobilisierung von W&auml;hlern und die Aktivierung der eigenen Parteimitglieder als ein &bdquo;mittiger&ldquo; popul&auml;rer Kandidat mit entsprechend profillosem Wahlprogramm. Ganz besonders trifft dies auf die SPD als einer traditionell werteorientierten Programmpartei zu.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Wir haben das ja schon seit Helmut Schmidts Zeiten immer wieder erlebt, dass die ganz &uuml;berwiegend konservativ ausgerichteten Leitmedien gerade solche SPD-Politiker hochschreiben, die sich gegen ihre eigene Partei profilieren. Das war auch bei Gerhard Schr&ouml;der so und Wolfgang Clements politische &bdquo;Karriere&ldquo; beruhte doch weitgehend darauf, dass er gegen die Ziele der SPD ank&auml;mpfte. Er wurde von den b&uuml;rgerlichen Medien geh&auml;tschelt und gerade deshalb zum &bdquo;Star&ldquo;, weil er st&auml;ndig seiner <a href=\"?p=2906\">eigenen Partei vors Schienbein trat<\/a>. Steinmeier und Steinbr&uuml;ck sind Medienlieblinge, weil sie als Garanten daf&uuml;r gelten, dass der Agenda-&bdquo;Reform&ldquo;-Kurs auf Gedeih und Verderb durchgehalten wird.<br>\nUnd wenn Steinbr&uuml;ck sich selbst als Kanzlerkandidat ins Gespr&auml;ch bringt, hat das sicherlich auch damit zu tun, dass er seinen Marktwert als &bdquo;Preis-Redner&ldquo; steigert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine uralte Geschichte, mit Popularit&auml;tswerten von Spitzenpolitikern wie sie die Meinungsforschung regelm&auml;&szlig;ig erhebt zu manipulieren. Gerade erleben wir wieder eine Hochzeit dieser so beliebten wie unsinnigen Datenspielerei &ndash; mit absichtsvollen Motiven der Initiatoren. 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