{"id":96,"date":"2004-11-30T15:10:24","date_gmt":"2004-11-30T14:10:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=96"},"modified":"2016-03-22T10:42:31","modified_gmt":"2016-03-22T09:42:31","slug":"albrecht-muller-e-elf-mythen-den-komplex-schulden-staatsquote-und-sozialstaat-betreffend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96","title":{"rendered":"Albrecht M\u00fcller E. Elf Mythen, den Komplex Schulden, Staatsquote und Sozialstaat betreffend"},"content":{"rendered":"<p>Auszug aus: &ldquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren.&rdquo; Seiten 289 &ndash; 312:<br>\n<!--more--><br>\nSehr viele Menschen machen sich Sorgen um die Staatsverschuldung &ndash; vor dem Hintergrund der Geschichte unseres Landes mit Inflation und W&auml;hrungsreform sehr verst&auml;ndliche Sorgen. Deshalb ist Sparen in Deutschland eine ernsthafte und popul&auml;re Angelegenheit. Das Problem jedoch ist, wie man wirklich sparen kann und wie man es schaffen k&ouml;nnte, von den hohen Schulden runterzukommen. Die bisherigen Versuche jedenfalls waren nicht erfolgreich. Dabei fehlt es nicht am guten Willen, eher schon am Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, wie man in einer Volkswirtschaft sparen kann. Das geht, jedenfalls wenn man es richtig anpackt. Auch Deutschland kann, wenn die richtige Wirtschaftspolitik gemacht wird, seine Schulden wieder abbauen. Es gibt keinen Grund zur Panik.<br>\nViele ziehen eine direkte Verbindung zwischen Staatst&auml;tigkeit und Ausbau des Sozialstaats einerseits und zum Stand der Schulden andererseits. Diese Beziehung ist nicht zwangsl&auml;ufig so. Wer glaubt, an den hohen Staatsschulden sei der Sozialstaat schuld, macht es sich zu einfach. Die soziale Sicherung gegen die Risiken des Lebens kann hocheffizient sein und um vieles sicherer als sich auf die Eigenverantwortung zu verlassen. Viele Probleme unseres Landes, gerade beim Zusammenwachsen der sehr uneinheitlichen Teile Deutschlands, sind ohne Solidarit&auml;t ohnehin nicht zu l&ouml;sen.<br>\nWas soll staatlich organisiert werden und was privat? Ist Deregulierung angesagt oder brauchen wir gelegentlich sogar mehr Regeln? Sollen staatliche Unternehmen weiter privatisiert werden? Das sind Fragen, die man nicht mit vorgefertigten Ideologien beantworten kann. Wir m&uuml;ssen uns angew&ouml;hnen, die Antworten auf solche Fragen ohne Scheuklappen und Vorurteile zu optimieren.<br>\nBei den heute so g&auml;ngigen Reformdebatten werden die Kosten der deutschen Einheit in der Regel nicht als ein Faktor, der unsere volkswirtschaftliche Leistungsf&auml;higkeit belastet, in Rechnung gestellt. Was einheitsbedingt ist &ndash; etwa der Anstieg der Schuldenquote oder der Sozialabgabenquote oder der Nettokreditaufnahme &ndash;, wird in vielen Debatten der Sozialstaatlichkeit zugeschrieben. Wir beobachten so den erstaunlichen Vorgang, dass die deutsche Einheit und ihre Folgekosten benutzt werden, um das Sozialstaatsversprechen des Grundgesetzes zu unterwandern und auszuh&ouml;hlen. Auch dieser Versuch gr&uuml;ndet auf Denkfehlern, auf L&uuml;gen und Legenden. Sie werden in den folgenden Kapiteln analysiert.<\/p><p><strong>Denkfehler 30: &raquo;Wir sind &uuml;berschuldet.&laquo; <\/strong><\/p><p>Variation zum Thema: <\/p><p>&raquo;Das geht zu Lasten unserer Kinder.&laquo; <\/p><p>Dass viele Menschen Sorge haben, der Staat sei &uuml;berschuldet, und dass sie das bedr&uuml;ckt, das kann man sehr gut verstehen, zumal in Deutschland. Die Erinnerung an Inflation und Staatsverschuldung in den zwanziger und drei&szlig;iger Jahren ist noch nicht aus den K&ouml;pfen. Die &uuml;berlieferte Sorge wird wachgehalten, und dagegen w&auml;re auch nichts zu sagen, wenn damit nicht ganz bewusst &Auml;ngste gesch&uuml;rt w&uuml;rden.<br>\nDie Gesamtverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte betrug 2003 etwas mehr als 1,3 Billionen Euro. Die Einordnung und Bewertung dieser dramatisch erscheinenden Zahl ist nicht einfach. Dazu einige relevante Fakten und Argumente. <\/p><p>Vor&uuml;bergehend Schulden zu machen kann sinnvoll sein <\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich w&auml;re es am besten, der Staat, also Bund, L&auml;nder, Gemeinden und die &ouml;ffentlichen Einrichtungen und K&ouml;rperschaften, h&auml;tte keine oder wenige Schulden. An drei Beobachtungen wird jedoch sichtbar, dass sich dieses Vorhaben nicht immer realisieren l&auml;sst und dass es kein Drama ist, wenn staatliche Stellen vor&uuml;bergehend Schulden machen: <\/p><ol>\n<li>Wenn die Konjunktur einbricht, wie in den siebziger Jahren wegen der &Ouml;lpreisexplosionen oder wie in den achtziger und neunziger Jahren wegen einer falschen Konjunkturpolitik, dann macht es Sinn, vor&uuml;bergehend Schulden zu machen. Volkswirtschaftlich betrachtet kann es n&auml;mlich sinnvoll sein, Schulden zu machen, um am Ende weniger Schulden zu haben. Dieser Zusammenhang wird in Denkfehler Nr. 31 (siehe S. 305) ausf&uuml;hrlich erl&auml;utert. Diejenigen, die darauf hinweisen, dass die Schulden dann in guten Zeiten aber wieder abgebaut werden sollten, haben recht. Nur hatten wir in den letzten zwanzig Jahren solche guten Zeiten (im Sinne ausreichender Besch&auml;ftigung unserer Volkswirtschaft) nicht. <\/li>\n<li>Auch in einer Demokratie ist es m&ouml;glich, dass &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum hinweg dringliche Probleme nicht erkannt werden. Wenn sie dann wahrgenommen werden, besteht hoher Investitionsbedarf. So wurde in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren beispielsweise die Bildung und Ausbildung der Kinder aus Familien mit geringerem Einkommen vernachl&auml;ssigt. Sie hatten kaum Chancen, weiterf&uuml;hrende Schulen und Universit&auml;ten zu besuchen. Damit hat der Staat Geld gespart. In den Sechzigern hat man aber gemerkt, dass der Staat zweckm&auml;&szlig;igerweise in Schulen, in Lehrern und in Hochschulen investiert, um Begabungsreserven zu mobilisieren. Es macht in einer solchen Situation Sinn zu investieren, diese Investitionen teilweise auch mit Schulden zu bezahlen und diese sp&auml;ter wieder zur&uuml;ckzuzahlen. Unter Beteiligung aller Generationen. Das gleiche gilt f&uuml;r die lange Zeit nicht entdeckte Problematik des Umweltschutzes. Ein praktisches Beispiel: Ende der sechziger Jahre drohte der Bodensee &raquo;umzukippen&laquo;. Dann wurde rund um den ganzen See in Kl&auml;ranlagen investiert. Heute versorgt er Stuttgart und andere St&auml;dte in Schwaben mit sauberem Wasser und ist zugleich ein Kleinod f&uuml;r Erholungssuchende. Die Kl&auml;ranlagen, die Wasserleitungssysteme und Energiesparsysteme, in die vor allem anfangs der siebzigiger Jahre investiert worden ist, konnte man zu Recht teilweise auf Pump finanzieren. Sie kommen sp&auml;teren Generationen genauso zugute wie die Investitionen in Universit&auml;ten und andere Bildungseinrichtungen.<br>\nAuch wenn eine Gesellschaft neu entdeckt, dass sie in Verkehrsinfrastruktur wie etwa die &ouml;ffentlichen Nahverkehrssysteme oder die Schnellstrecken der Deutschen Bahn investieren muss, kann man diese Ausgaben nicht nur der gerade lebenden, arbeitenden und Steuern zahlenden Generation anlasten. Das ist auch fr&uuml;her beim Bau von U-Bahn-Systemen, dem Aufbau eines Schienennetzes oder dem Bau des Suez-Kanals nicht anders gewesen. <\/li>\n<li>Der dritte Hinweis gilt den Kosten der deutschen Vereinigung. Diese Kosten sind hoch &ndash; rund 83 Milliarden Euro an Transferleistungen waren allein 2003 f&auml;llig. Parallel dazu stiegen die Schulden des Staates (siehe Abbildung 12).<\/li>\n<\/ol><p><em>Abbildung 12: J&auml;hrlicher Anstieg der Gesamtverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte (in Milliarden Euro) in den Jahren um die Wiedervereinigung<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/stati1.jpg\" alt=\"\/&gt;Abbildung 12: J&auml;hrlicher Anstieg der Gesamtverschuldung der &ouml;ffentlichen Haushalte (in Milliarden Euro) in den Jahren um die Wiedervereinigung&rdquo; title=&rdquo;&rdquo; \/&gt;&lt;\/p&gt;\n&lt;p class=\" reference>Quelle: Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.): Staatsfinanzen konsolidieren &ndash; Steuersystem reformieren, Jahresgutachten 2003\/04, Berlin 2003, S. 573<\/p><p>1988 betrug die Gesamtverschuldung 461 Milliarden Euro. Sie stieg in diesem Jahr um 27,7 Milliarden, 1990 dann mit 63,7 Milliarden um mehr als das Doppelte, in den folgenden Jahren um 60, 87, 83, 78, 170 und 68 Milliarden Euro. In der Phase des h&ouml;chsten Engagements, zwischen 1990 und 1998, stieg sie um insgesamt 690 Milliarden und damit um das 1,5fache des gesamten Schuldenstands von 1988.<br>\nDabei wurde ein Teil der Staatsausgaben sogar den Sozialversicherungssystemen aufgedr&uuml;ckt. Die Schulden w&auml;ren noch ein ganzes St&uuml;ck h&ouml;her, wenn die Arbeitnehmer mit ihren Beitr&auml;gen nicht einen beachtlichen Teil der Soziallasten der Vereinigung und der Sozialfolgelasten getragen h&auml;tten und noch immer tragen w&uuml;rden (N&auml;heres dazu siehe Denkfehler Nr. 40, S. 364). <\/p><p><em>Tabelle 25: Schuldenstand der &ouml;ffentlichen Haushalte in Deutschland 1970, 1980, 1990, 2000 und 2003<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/tab.jpg\" alt=\"Tabelle 25: Schuldenstand der &ouml;ffentlichen Haushalte in Deutschland 1970, 1980, 1990, 2000 und 2003\" title=\"\"><\/p><p>[1] Der &raquo;Ausrei&szlig;er&laquo; von 1995 mit 170,6 Milliarden folgte daraus, dass das &raquo;Verm&ouml;gen&laquo; der Treuhand in das Bundesverm&ouml;gen &uuml;bernommen wurde. Da die Treuhand hohe Schulden hatte, stieg die Bundesschuld um diesen extrem hohen Betrag. <\/p><p class=\"reference\">Quelle: Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Hrsg.): Staatsfinanzen konsolidieren &ndash; Steuersystem reformieren, Jahresgutachten 2003\/04, Berlin 2003, S. 573 <\/p><p>Wenn man sich die Entwicklung der Staatsschulden (Gesamtverschuldung) im Zeitablauf seit 1970 anschaut (siehe Abbildung 25), stellt man fest, dass die Schulden 1970 noch niedrig lagen, um dann mit 175,2 Milliarden bis zum Jahr 1980 beachtlich anzusteigen. Das ist zum einen die Folge der Reformpolitik und der damit verbundenen Investitionen in den siebziger Jahren, zum anderen eine Folge der Konjunktureinbr&uuml;che durch die &Ouml;lpreisexplosionen. Selbst unter Beachtung der Preissteigerungen schneiden die siebziger Jahre nicht schlechter ab als die achtziger Jahre; nominal ist der Zuwachs in den Siebzigern mit 175 Milliarden geringer als in den achtziger Jahren mit 299 Milliarden; der eigentliche Anstieg der Schulden fiel mit 673 Milliarden in die Zeit der neunziger und der folgenden Jahre.<br>\nDer Vergleich zwischen den achtziger und den siebziger Jahren ist deshalb von Interesse, weil die siebziger Jahre in der heutigen Debatte einer besonderen &Auml;chtung unterliegen. Die Ironie der Geschichte will jedoch, dass der Schuldenzuwachs in diesen zehn Jahren trotz &Ouml;lpreisexplosionen und den daraus folgenden Konjunktureinbr&uuml;chen und trotz der dagegengesetzten Konjunkturprogramme und der ausgabewirksamen Reformen jener Zeit deutlich geringer ausfiel als in den Achtzigern &ndash; jenem Jahrzehnt, das schon wesentlich von den politischen und ideologischen Kr&auml;ften bestimmt war, die nichts von Konjunkturankurbelung halten und den Staatshaushalt durch angebliches Sparen sanieren wollen. Dass das offensichtlich aber nicht funktioniert, kann man bis heute sehen (siehe dazu auch Denkfehler Nr. 31, S. 305). <\/p><p>Die Linken und die Keynesianer machen Schulden, die Wirtschaftsliberalen und die Angebots&ouml;konomen sparen? &ndash; Ein pers&ouml;nlicher Bericht zu einem g&auml;ngigen Vorurteil:<\/p><blockquote><p>\nSeit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren b&uuml;rden die Politiker unseren Kindern jedes Jahr neue Schulden auf &ndash; ohne Ausnahme.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Hans-Olaf Henkel, 8.5.2003 <\/p>\n<\/blockquote><p>Dank solcher Spr&uuml;che wie des oben zitierten von Hans-Olaf Henkel, dem fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), ist in der &Ouml;ffentlichkeit der Eindruck entstanden, f&uuml;rs Schuldenmachen seien die Politiker und da wieder vornehmlich die Linken und die Gewerkschaften verantwortlich; die Wirtschaft, die Konservativen und die Neoliberalen stehen f&uuml;rs Sparen. In der Praxis sieht die Welt anders aus, viel bunter und differenzierter. Dazu ein kurzer Bericht aus meiner praktischen T&auml;tigkeit als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt und als Bundestagsabgeordneter: <\/p><ul>\n<li>1972 wurde die gesetzliche Rentenversicherung f&uuml;r Selbst&auml;ndige ge&ouml;ffnet. Das war hilfreich f&uuml;r Selbst&auml;ndige mit schlechter Vorsorge f&uuml;r das Alter, aber ein teures Unternehmen, das die Beitragszahler der Rentenversicherung belastete &ndash; auf Betreiben der FDP.<\/li>\n<li>In den Neunzigern wurden Hunderttausende in den Vorruhestand verabschiedet, verbunden mit gro&szlig;en Belastungen f&uuml;r die Beitragszahler und letztendlich auch den Staatshaushalt &ndash; Betreiber waren die beg&uuml;nstigten Arbeitnehmer und die Industrie. Wo blieb der Protest des Industriepr&auml;sidenten?<\/li>\n<li>Im Milliardengrab des Atomreaktors Schneller Br&uuml;ter wurden 7 Milliarden Mark versenkt &ndash; von rechtzeitigen Warnungen des Bundesverbands der Deutschen Industrie ist mir ebensowenig etwas bekannt wie von kritischen Stellungnahmen des BDI zu den Milliarden f&uuml;r den Transrapid und f&uuml;r die bemannte Weltraumfahrt.<\/li>\n<li>Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramts hat es in den siebziger Jahren in Auseinandersetzungen mit dem von der FDP gef&uuml;hrten Wirtschaftsministerium geschafft, die Energieverbrauchsprognosen aus der Verkoppelung mit der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zu l&ouml;sen, sparsam mit Energie umzugehen und damit Milliarden unn&ouml;tiger Subventionen zu vermeiden. Ohne Unterst&uuml;tzung der Wirtschaft.<\/li>\n<li>Der Staat k&ouml;nnte Milliarden sparen, wenn er endlich das Steuerprivileg &raquo;Ehegattensplitting&laquo; begrenzen, w&uuml;rde. Aber das w&uuml;rde die hohen Einkommen betreffen, deren Steuer dann nicht mehr nach dem geringeren Satz berechnet w&uuml;rde, den die Steuertabelle f&uuml;r Ehepaare vorsieht. Von Hans-Olaf Henkel kenne ich keine Forderung nach Begrenzung des Ehegattensplittings.<\/li>\n<li>Die Planungsabteilung hat den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt &uuml;berzeugt, dass es fiskalisch und sozial Unsinn w&auml;re, wenn der Bund, wie vom liberalen Bundesinnenminister gefordert, 2000 DM pro Geburt zahlen w&uuml;rde; wir wiesen darauf hin, dass mit diesem einmaligen finanziellen Anreiz weder den Frauen noch den zus&auml;tzlich geborenen Kindern geholfen w&auml;re, wenn man nicht Mittel f&uuml;r weitere Hilfen bereitstellt. Dem Bund wurden so Milliardenausgaben erspart. Unterst&uuml;tzung von konservativer Seite gab es nicht.<\/li>\n<li>Die Planungsabteilung hat Bundeskanzler Helmut Schmidt 1978 davon &uuml;berzeugt, dass es haushalts- und gesellschaftspolitisch Wahnsinn w&auml;re, wenn der Bund &ouml;ffentliches Geld f&uuml;r die Fl&auml;chenverkabelung und damit f&uuml;r die Vermehrung der Fernsehprogramme und ihre Kommerzialisierung ausg&auml;be; Kanzler Kohl hat f&uuml;r diese Art von Fernsehf&ouml;rderung und zur Unterst&uuml;tzung seines Freundes Kirch und der anderen Kommerzsender mindestens 10 Milliarden Mark ausgegeben. Das Kabel gilt bis heute als wirtschaftlich nicht attraktiv.<\/li>\n<\/ul><p>Die Polemik gegen die siebziger Jahre w&auml;re um vieles glaubw&uuml;rdiger, wenn jene, die schon ab Mitte der siebziger Jahre wesentlichen Einfluss auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie auf die Geld- und Zinspolitik hatten und mit der Wende von Schmidt zu Kohl 1982 selbst das Ruder in die Hand bekamen, wenigstens andeutungsweise zeigen k&ouml;nnten, dass sie mit ihrer Linie Erfolg hatten. Selbst wenn man die besondere Beanspruchung durch die deutsche Vereinigung in Rechnung stellt, kann man jedoch in den Neunzigern &ndash; wie in den Achtzigern &ndash; keinen nachhaltigen Erfolg der Wirtschaftsliberalen feststellen. Wenn sie sich Sorgen um die Schulden machen, sollten sie sich mit den achtziger und nenziger Jahren besch&auml;ftigen. <\/p><p><em>Deutschland ist kein besonders s&uuml;ndiger Schuldenmacher <\/em><\/p><p>Will man die Entwicklung der Schulden in Deutschland, auch unter Beachtung der deutschen Vereinigung, richtig bewerten, dann macht es Sinn, diese Daten mit denen anderer L&auml;nder zu vergleichen. Um die Vergleichbarkeit herzustellen, eignet sich das Verh&auml;ltnis von Staatsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt, das hei&szlig;t man setzt die Staatsschulden in Beziehung zu den G&uuml;tern und Dienstleistungen, die wir in unserer Volkswirtschaft j&auml;hrlich produzieren (siehe dazu Tabelle A3 im Anhang, S.408). Ein solcher Vergleich zeigt: Die Schulden des Gesamtstaats &ndash; also Bund, L&auml;nder und Gemeinden zusammengerechnet &ndash; machten im Jahr 2002 62,4 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts aus. Wir haben also in diesem einen Jahr gut ein Drittel mehr produziert als wir insgesamt br&auml;uchten, um die Staatsschulden zur&uuml;ckzuzahlen. Das haben wir zwar nicht vor, aber es zeigt die Gr&ouml;&szlig;enordnung der Staatsschulden im Vergleich zu der j&auml;hrlichen und bisher immer wiederkehrenden Wirtschaftsleistung. Selbstverst&auml;ndlich wollen und k&ouml;nnen wir nicht unser ganzes Bruttoinlandsprodukt f&uuml;r die Tilgung von Schulden verwenden, denn wir wollen leben und nicht nur Schulden zur&uuml;ckzahlen. Aber der Vergleich der Schulden mit der Wirtschaftsleistung pro Jahr nimmt den in der &Ouml;ffentlichkeit diskutierten Zahlen etwas von ihrer Dramatik.<br>\nWir haben also 62,4 Prozent Schulden gemessen an der j&auml;hrlichen Leistung. Die Vergleichsziffer f&uuml;r &Ouml;sterreich lag bei 67,6 Prozent, die f&uuml;r Belgien sogar bei 105,4 Prozent, die f&uuml;r Gro&szlig;britannien bei 50,3 Prozent, die der Vereinigten Staaten bei 61 Prozent, und ganz hoch lag sie f&uuml;r Japan mit 147,2 Prozent; die vielger&uuml;hmten Schweden liegen mit 59,7 Prozent nicht weit von uns entfernt (allerdings muss man mit Respekt anerkennen, dass die Schweden in den letzten Jahren die Schuldenrelation verringert haben), Frankreich hat mit 67,1 Prozent einen h&ouml;heren Schuldenstand als wir. (Alle genannten Ziffern beziehen sich auf 2002.)<\/p><p>Wenn man das Verh&auml;ltnis von Schulden und Bruttoinlandsprodukt einerseits und diese Rate im Vergleich zu anderen L&auml;ndern andererseits n&uuml;chtern betrachtet, zieht man der bei uns &uuml;blichen Dramatisiererei schon den Boden unter den F&uuml;&szlig;en weg. Weder in Frankreich noch in den USA, in &Ouml;sterreich oder Schweden gibt es eine vergleichbar hysterische Debatte. Es ist aufschlussreich, die genannten Ziffern mit den Daten von 1991 zu vergleichen, also dem Jahr nach der deutschen Vereinigung. Damals lagen wir mit 38,8 Prozent noch ganz niedrig, niedriger als Gro&szlig;britannien mit 44,3 Prozent, &Ouml;sterreich mit 57,5 Prozent weit &uuml;ber uns, genauso D&auml;nemark mit 71,8 Prozent, das seine Schulden &uuml;brigens in Relation zum Bruttoinlandsprodukt abgebaut hat und heute nur noch bei 51,9 Prozent liegt. Auch Deutschland hat in den neunziger Jahren Schulden abzubauen versucht, aber die Sparversuche zwischen 1992 und 1997 waren konjunkturelle und fiskalische Fehlschl&auml;ge, die Wachstumsrate erreichte im Durchschnitt nur einen (schlechten) Wert von 1,2 Prozent, die Arbeitslosenquote stieg von 8,5 Prozent auf 12,7 Prozent. Trotz Sparversuchen ist es in dieser Phase nicht gelungen, den Bundeshaushalt zu konsolidieren. Das h&auml;ngt mit der deutschen Einheit zusammen, aber nicht nur (siehe dazu Denkfehler Nr. 31, S. 305).<\/p><p>Warum jammern der Gr&uuml;nenpolitiker und Fellow der Bertelsmann Stiftung Oswald Metzger und der Spiegel-Redakteur und Buchautor Gabor Steingart und all die Initiativen und Konvente, die bei uns so vehement gegen Deutschland Stimmung machen, nicht auch &uuml;ber die Staatsschulden von &Ouml;sterreich und von Frankreich, von Japan und Belgien oder in den USA und vor allem &uuml;ber deren Auslandsverschuldung? Da g&auml;be es unendlich viel mehr zu beklagen als &uuml;ber das eigene Land. Warum engagieren sich diese gut besoldeten Kritiker so vehement daf&uuml;r, die Lage des eigenen Landes so schwarz zu malen? Wenn ihre Sorge um die Schulden echt w&auml;re, m&uuml;ssten sie sofort aufh&ouml;ren, den Standort Deutschland mieszumachen, denn diese Miesmacherei ist Gift f&uuml;r die dringend notwendige Belebung unserer Konjunktur und des Wachstums in Deutschland.<\/p><p>Nur &uuml;ber eine bessere Auslastung der Kapazit&auml;ten und den Abbau der Arbeitslosigkeit wird es gelingen, mehr Steuern einzunehmen und Schulden zur&uuml;ckzuzahlen. Die Wirtschaftsbelebung ist die Grundvoraussetzung f&uuml;r wirkliches Sparen. Dass man mit Deklarationen und sch&ouml;nen Bekenntnissen nicht weiterkommt, m&uuml;sste sich nach der Erfahrung mit dem &raquo;Sparkommissar&laquo; Hans Eichel langsam herumsprechen. Trotz bester Absichten hat er es seit 1999 nicht geschafft, Schulden abzubauen, im Gegenteil. Seine vom Mainstream der Meinungsmacher beklatschte &raquo;Sparpolitik&laquo; hat die Konjunktur weiter in den Keller getrieben und mit ihr die Einnahmen an Steuern und Sozialbeitr&auml;gen.<\/p><p>Die au&szlig;erordentliche Ver&auml;nderung der deutschen Schuldenrate in Relation zu anderen L&auml;ndern spiegelt deutlich erstens die gro&szlig;e finanzielle Last wider, die die Vereinigung mit sich gebracht hat, und zweitens die miserable Auslastung unserer volkswirtschaftlichen Kapazit&auml;ten und damit die miserable Konjunkturpolitik nach neoliberalem Muster. Wenn es uns gel&auml;nge, die Kapazit&auml;ten unserer Volkswirtschaft richtig auszu Lasten, w&uuml;rden wir auch den Einigungsprozess besser bew&auml;ltigen und w&auml;ren nicht so in die Staatsverschuldung geraten. Nach Sch&auml;tzungen gehen uns durch die Unterauslastungen j&auml;hrlich 150 Milliarden Euro verloren. Selbst wenn nur ein Teil davon zur Vermeidung weiterer Verschuldung genutzt worden w&auml;re, h&auml;tte das &uuml;ber einen Zeitraum von zw&ouml;lf Jahren ausgereicht, um die Verschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt wenigstens auf dem Niveau von 1990 zu halten. <\/p><p><em>Wir sind &uuml;berschuldet, das geht zu Lasten unserer Kinder? <\/em><\/p><p>Von &Uuml;berschuldung spricht man normalerweise, wenn die Passiva die Aktiva &uuml;bersteigen. Es gibt keine Belege daf&uuml;r, dass dies bei unserer Volkswirtschaft oder beim Staat der Fall ist. Vielmehr hat Deutschland eine aktive Verm&ouml;gensbilanz gegen&uuml;ber dem Ausland. Die Kinder erben nicht nur die Schulden, sondern auch die Forderungen. Und sie erben die Infrastruktur. <\/p><blockquote><p>\nSeit &uuml;ber drei&szlig;ig Jahren b&uuml;rden die Politiker unseren Kindern jedes Jahr neue Schulden auf &ndash; ohne Ausnahme.&laquo; Hans-Olaf Henkel, 8.5.2003 &raquo;Wir d&uuml;rfen heute nicht aufessen, wovon morgen unsere Kinder und Enkel auch noch leben wollen.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Gerhard Schr&ouml;der, 01.05.2003<\/p>\n<\/blockquote><p>Ob man sagen kann, wir lebten zu Lasten unserer Kinder, h&auml;ngt unter anderem davon ab, wie man die Infrastruktur bewertet. Wenn man der Meinung ist, dass die vorherige Generation und die jetzige Generation eine Menge aufgebaut haben, auf dem unsere Kinder und Enkel weiterbauen k&ouml;nnen, dann ist es nicht schlimm, wenn diese Investitionen zum Teil &uuml;ber Kredite finanziert worden sind und auch die k&uuml;nftigen Generationen daran abzahlen. Wenn man allerdings der Meinung ist, dass wir unser Haus und die Infrastruktur haben verlottern lassen, sieht das kritischer aus. Meine zwanzigj&auml;hrige Tochter macht mich in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass allein der Neubau der Bahnstrecke von K&ouml;ln nach Frankfurt rund 6 Milliarden Euro gekostet hat. Die Strecke von N&uuml;rnberg nach Erfurt kostet rund 5 Milliarden, und f&uuml;r den Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin waren 10 Milliarden Euro veranschlagt. Wenn man die 11 Milliarden Euro, die alleine f&uuml;r zwei Eisenbahnteilstrecken aufgewendet wurden, und die Umzugskosten der Regierung in Relation setzt zu den 1300 Milliarden Euro Staatsverschuldung und bedenkt, wie viele Investitionen dieser Art es in Deutschland gibt, dann verliert man den Schrecken vor einer vermeintlichen &Uuml;berschuldung.<br>\nSollen &uuml;brigens der Umzug und die damit zusammenh&auml;ngenden Bauten in Berlin allein von der jetzt arbeitenden Generation bezahlt werden? Als Abgeordneter habe ich damals zwar gegen den Umzug gestimmt, weil ich dies in Zeiten europ&auml;ischer Integration f&uuml;r eine Fehlinvestition hielt. Aber die Mehrheit war anderer Meinung. Dem habe ich mich wie alle anderen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu f&uuml;gen, und ich verteidige das Verfahren, die Kosten nicht nur einer Generation anzu Lasten. Dass die heute erwachsene Generation nicht auf Kosten der Kinder und Enkel lebt, erkennt man leicht an der H&ouml;he der Sparquote. Wie in Denkfehler Nr. 11 schon ausf&uuml;hrlich erl&auml;utert (siehe S. 161), sparen die Deutschen rund 10 Prozent ihres j&auml;hrlich erarbeiteten Einkommens und damit mehr als die meisten vergleichbaren Nationen. Aufs ganze gesehen sorgt die heute aktive Generation immer noch f&uuml;r die kommenden Generationen vor, sie spart und investiert. Wenn Gerhard Schr&ouml;der meint, wir w&uuml;rden aufessen, wovon unsere Kinder und Enkel auch noch leben m&uuml;ssen, dann zeigt er damit nur, dass er entweder von &Ouml;konomie wenig versteht, oder aber, dass er die popul&auml;ren Spr&uuml;che liebt und deshalb in amtliche Panikmache verf&auml;llt. Er befindet sich dabei allerdings in &raquo;guter Gesellschaft&laquo;. <\/p><p>&raquo;Das Land h&auml;ngt am Tropf der Banken, die Schulden wirken wie ein schleichendes Gift, das die Muskeln l&auml;hmt und den Atem erstickt. (&hellip;) Eine R&uuml;ckzahlung der Erblast ist schon heute unvorstellbar, sagen alle &Ouml;konomen.&laquo; Spiegel, 19.5.2003 <\/p><p><em>K&ouml;nnen wir die Schulden wieder loswerden? <\/em><\/p><p>1,3 Billionen Euro sind viel Geld, aber dennoch sind diese Schulden zu bew&auml;ltigen. <\/p><ul>\n<li>Die Schulden machen rund 62 Prozent des j&auml;hrlichen Bruttoinlandsprodukts aus.<\/li>\n<li>In anderen L&auml;ndern &ndash; die keine Wiedervereinigung zu bew&auml;ltigen haben &ndash; ist es gelungen, den Staatsschuldenstand in den neunziger Jahren zu verringern (siehe Tabelle A3 im Anhang, S. 408): in D&auml;nemark von &uuml;ber 80 Prozent auf knapp &uuml;ber 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Finnland von &uuml;ber 65 Prozent auf unter 50 Prozent, in den USA von 75 Prozent auf rund 60 Prozent &ndash; wenn auch vermutlich vor&uuml;bergehend, weil Bush wie Reagan sorglos mit dem Geld umgeht.<\/li>\n<li>Wenn es uns endlich gelingt, die Produktionskapazit&auml;ten unseres Landes besser auszunutzen, haben wir j&auml;hrlich rund 150 Milliarden Euro mehr Bruttoinlandsprodukt zur Verf&uuml;gung.<\/li>\n<\/ul><p>Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen. Wir haben gute M&ouml;glichkeiten, die Staatsschulden wieder zu reduzieren: <\/p><ul>\n<li>Erstens und vor allem durch die Belebung der Konjunktur.<\/li>\n<li>Zweitens sollte der Staat sparen, wenn und wo Sparen sinnvoll ist. Zur Zeit allerdings bewirkt der Sparversuch das Gegenteil dessen, was man erreichen will. Wenn der Staat in der Wirtschaftskrise spart, versch&auml;rft er die Krise und erh&ouml;ht die Schulden.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Privatisierung ist keine L&ouml;sung <\/strong><\/p><p>Einige Kritiker der hohen Schulden raten dazu, dass der Staat staatliche Verm&ouml;gen privatisieren solle, um seine Schulden abzubauen. Das kann man machen, es kann aber auch ein &raquo;Schuss in den Ofen&laquo; sein. Niemand k&auml;me im Privatleben auf die Idee, es sei in jedem Fall gut, das eigene Haus zu verkaufen, um Schulden zu tilgen. Wenn das Verm&ouml;gen wertvoll ist und notwendig f&uuml;r das Wohlergehen einer Familie, wird man es nicht verkaufen, auch wenn man damit Schulden zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnte. Auf keinen Fall wird man ohne Zwang verkaufen, wenn man einen schlechten Preis f&uuml;r das Haus erzielt. Nicht viel anderes gilt f&uuml;r &ouml;ffentliches Verm&ouml;gen: Wenn man zum Beispiel Anteile an der Deutschen Telekom oder an der Post AG zu einem schlechten Kurs verkauft, machen das Volk insgesamt und die Volkswirtschaft kein gutes Gesch&auml;ft. Dann wird Verm&ouml;gen verschleudert. Das ist kein gutes Gesch&auml;ft f&uuml;r den, der verkauft, es ist aber meist ein gutes Gesch&auml;ft f&uuml;r den, der kauft. Sinnigerweise raten oft diejenigen zur Privatisierung, die bei solchen Privatisierungsvorg&auml;ngen viel Geld verdienen, weil sie billig einkaufen oder weil sie an den Provisionen kr&auml;ftig verdienen oder weil sie einen der hochdotierten Posten ergattern wollen, die mit der Privatisierung oder Teilprivatisierung von Staatsunternehmen geschaffen werden. So ist es bei der Privatisierung von Post und Telekom und bei der Umwandlung der Bahn in eine Aktiengesellschaft geschehen. Hochdotierte Jobs &ndash; auch f&uuml;r Spezis. Um den Abbau der Staatsschulden geht es dabei nur in zweiter Linie. <\/p><p><strong>Stimmungsmache mit sogenannten impliziten Schulden <\/strong><\/p><p>Das Thema Schulden ist angstbesetzt. Um so schlimmer, dass diese &Auml;ngste auch mit sehr unlauteren Behauptungen gesch&uuml;rt werden. So rechnen der fr&uuml;here haushaltspolitische Sprecher der Gr&uuml;nen Oswald Metzger und andere inzwischen auch die Leistungsversprechen der Sozialversicherungen zu den Schulden. Sie nennen dieses Leistungsversprechen &raquo;die implizite Verschuldung&laquo;. Mit den 1,3 Billionen Euro &raquo;explizite Schulden&laquo; kommen sie dann auf die gigantische Zahl von 5,7 Billionen Euro.<\/p><p>Diese Addition klingt einleuchtend, ist es aber nicht. Die erworbenen Leistungsversprechen sind keine Schulden. Es handelt sich in einem einigerma&szlig;en intakten System von Sozialversicherungen und privaten Versicherungen um Anspr&uuml;che, die die sp&auml;teren Leistungsempf&auml;nger durch Pr&auml;mien- beziehungsweise Beitragszahlungen erworben haben. Ihre Beitr&auml;ge werden im Umlageverfahren f&uuml;r Leistungen an die &Auml;lteren beziehungsweise &ndash; im Falle von Krankenversicherungen &ndash; an die jeweils gerade Kranken ausgezahlt. Jene, die sp&auml;ter dann mit der Rente oder im Krankheits- und Pflegefall eine Leistung in Anspruch nehmen, haben ihren Beitrag zum System fr&uuml;her geleistet. Und jene, die schon fr&uuml;her Leistungsempf&auml;nger waren, haben wieder eine Generation fr&uuml;her ihre Beitr&auml;ge geleistet. Dieses System kann gest&ouml;rt werden, wenn nicht f&uuml;r eine ausreichende Auslastung der Volkswirtschaft gesorgt wird und so zu wenig Beitr&auml;ge eingezahlt werden oder wenn sogenannte versicherungsfremde Leistungen auf den Beitragszahlern abgeladen werden, wie dies im Zuge der deutschen Vereinigung geschehen ist. Aber dieser Mangel der vergangenen Jahre rechtfertigt weder die fundamentale Kritik am System selbst noch die &uuml;bertreibende Addition zu den Schulden. Das ist reine Demagogie. <\/p><p><strong>Denkfehler 31: &raquo;Wer spart, baut Schulden ab.&laquo; <\/strong><\/p><p>Variationen zum Thema: <\/p><ul>\n<li>&raquo;Der Finanzminister muss Ausgaben streichen, um endlich weniger Schulden zu machen.&laquo;<\/li>\n<li>&raquo;Wer spart, der spart.&laquo;<\/li>\n<\/ul><p>Beginnend mit dem Jahr 1999 waren wir f&uuml;r einige Zeit Zeugen eines spannenden Wettstreits zwischen Deutschland und Frankreich um die beste und erfolgreichste wirtschaftspolitische Konzeption zur Konsolidierung der Staatsfinanzen. Damals regierte in Frankreich Ministerpr&auml;sident Jospin, in Deutschland hatte die rotgr&uuml;ne Koalition nach dem R&uuml;cktritt von Oskar Lafontaine, der gerade ein halbes Jahr im Amt war, eine neue Linie in der Finanzpolitik eingeschlagen, die eng mit dem Namen das Bundesfinanzministers Hans Eichel verbunden ist. Man nannte ihn damals &raquo;Sparkommissar&laquo;, und seine Popularit&auml;t war mit der Wahrnehmung dieser Rolle enorm gestiegen. Die Schulden des Bundes hatten sich in der Zeit von Helmut Kohls Kanzlerschaft auf 1,5 Billionen, also auf 1500 Milliarden DM, verf&uuml;nffacht; der Bund musste j&auml;hrlich rund 82 Milliarden Mark aufwenden, um die Zinsen f&uuml;r seine Schulden zu bezahlen. Der &raquo;Eiserne Hans&laquo; nahm sich vor, eisern zu sparen. Im Jahr 2006 &ndash; so seine Zielmarke &ndash; sollte mit einer Nettokreditaufnahme von Null ein ausgeglichener Haushalt erreicht werden. Auch wenn die Betroffenen &ndash; Bauern, Rentner und Arbeitslose &ndash; protestierten, Finanzminister Eichel erntete Zustimmung bei einem gro&szlig;en Teil der Medien, bei Sprechern der Wirtschaft, der Wissenschaft und im Grundsatz auch bei der Opposition.<\/p><p>Frankreich entschied sich schon zwei Jahre vor dieser Weichenstellung zu einem anderen Konzept, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Oktober 1997 notierte: &raquo;Die Regierung Jospin hat die St&auml;rkung der inl&auml;ndischen Massenkaufkraft zu einem Ziel ihrer Wirtschaftspolitik erhoben, um auf diese Weise die Konsumnachfrage und damit das Wirtschaftswachstum anzuregen.&laquo; Die franz&ouml;sische Regierung entlastete die Bezieher von L&ouml;hnen und belastete daf&uuml;r st&auml;rker die Bezieher von Kapitaleinkommen; sie legte ein gro&szlig;es Programm gegen die Jugendarbeitslosigkeit auf und ermunterte die Konsumenten, ihr Geld auszugeben, anstatt es zu sparen. Sie setzte darauf, dass sich die Belebung der Konjunktur f&uuml;r den Fiskus auszahlt, dass also die Einnahmen an Steuern und Beitr&auml;gen wegen steigender Ums&auml;tze, L&ouml;hne und Einkommen ebenfalls steigen. <\/p><blockquote><p>\nEin Kurs des Streichens, K&uuml;rzens, Sparens ist unverzichtbar.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Angela Merkel, 03.10.2003<\/p>\n<\/blockquote><p>1999 res&uuml;mierte die FAZ: &raquo;Die Regierung Jospin stellt die F&ouml;rderung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch einen Verzicht auf eine konsequent dem Sparziel verpflichtete Politik vor die rasche Sanierung der angespannten Staatsfinanzen.&laquo; Bei volkswirtschaftlichem Wachstum und Sparerfolg haben die Franzosen 1999 die Nase vorn. &raquo;Frankreich senkt das Staatsdefizit deutlich&laquo;, meldete das Handelsblatt im September 1999, und die damals noch existierende Woche notierte unter der &Uuml;berschrift &raquo;Fr&uuml;chte des Wachstums&laquo;: &raquo;Verkehrte Welt? W&auml;hrend Deutschland ums Sparpaket streitet, schwimmt Frankreich im Geld.&laquo; Infolgedessen k&ouml;nne Frankreich die Staatsschulden beschleunigt tilgen und obendrein das gr&ouml;&szlig;te Steuersenkungsprogramm seit zehn Jahren auflegen.<br>\nIn Deutschland wie in anderen L&auml;ndern sind die Schulden der &ouml;ffentlichen H&auml;nde hoch, das ist unbestritten. Deshalb muss etwas geschehen. Wie aber kommt man zum Sparerfolg? So wie Frankreich Ende der neunziger Jahre oder so wie Deutschland? Auf deutscher Seite &uuml;bertr&auml;gt man die Lebenserfahrung eines einzelnen, also die Erfahrung von privaten Haushalten und Unternehmen, auf die gesamte Volkswirtschaft. Darin liegt ein Denkfehler. Wenn eine Familie weniger ausgibt und spart, hat sie am Ende des Jahres Schulden abgebaut oder Verm&ouml;gen angesammelt. Wenn aber der Staat in einer labilen Wirtschaftslage seine Ausgaben zusammenstreicht, dann ist &uuml;berhaupt nicht gew&auml;hrleistet, dass er am Ende mehr Geld in der Kasse hat. Es gibt volkswirtschaftlich betrachtet n&auml;mlich einen Unterschied zwischen Sparabsicht und Sparerfolg.<br>\nGibt der Staat zum Beispiel weniger f&uuml;r Investitionen bei der Deutschen Bahn aus, dann haben Tiefbauunternehmen im Gleisbau und die Waggonbaubetriebe weniger Arbeit, es werden weniger L&ouml;hne ausgezahlt und weniger Maschinen gekauft. K&uuml;rzt der Bund das Geld der Arbeitslosen und der Rentner, dann trifft das Gruppen, die ihre Einkommen in der Regel ausgeben, jetzt aber sparen m&uuml;ssen. Das sp&uuml;rt der Einzelhandel und bald auch die zuliefernde Industrie. Alle n&uuml;chtern kalkulierenden Unternehmen, deren Kapazit&auml;t nicht voll ausgelastet ist, werden nicht gerade ermuntert sein, durch Investitionen neue Kapazit&auml;ten aufzubauen, wenn sie &uuml;berall nur noch &raquo;sparen, sparen, sparen&laquo; h&ouml;ren. Das schw&auml;cht die Konjunktur und damit auch die staatlichen Einnahmen. Deshalb garantiert in der heutigen konjunkturellen Situation, die von hoher Arbeitslosigkeit und unausgelasteten Kapazit&auml;ten in vielen Betrieben gekennzeichnet ist, die wohlklingende Sparabsicht noch lange nicht den Sparerfolg. Mit diesem Denkfehler stieg Hans Eichels Popul&auml;rit&auml;t &ndash; und es stiegen die Schulden. <\/p><blockquote><p>\nDer &ldquo;Eiserne Hans&rdquo; hielt gerade mal zwei Jahre durch. Dann kamen die ersten Tricks, die ersten kleinen L&uuml;gen, denen schnell gr&ouml;&szlig;ere folgten. <\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Spiegel, 19.5.2003<\/p>\n<\/blockquote><blockquote><p>\nHans Eichel k&uuml;ndigte eine drastische Versch&auml;rfung des Sparkurses an. Sein oberstes Ziel bleibe die Haushaltskonsolidierung.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Regierung online, 15.05.2003<\/p>\n<\/blockquote><p>Der Theorie der sogenannten Angebotstheoretiker folgend hat Finanzminister Eichel darauf gebaut, dass durch seinen Sparwillen in der Bev&ouml;lkerung wie in der Wirtschaft Vertrauen entsteht, und er hat wohl auch darauf spekuliert, es k&ouml;nnte mit Hilfe der Medien gelingen, einen Stimmungsumschwung in Deutschland einzuleiten. In diesem Fall k&ouml;nnte die Annahme der Angebotstheoretiker greifen, und die Unternehmen w&uuml;rden unabh&auml;ngig von ihren Absatzchancen und unausgenutzten Kapazit&auml;ten investieren; das bedeutet aber, dass sie irrationale Investitionsentscheidungen treffen, nur weil der Staat sagt, er wolle sparen.<br>\nF&uuml;r so irrational halte ich die deutschen Unternehmer nicht. Das deutsche Konzept hat nicht funktioniert, die Franzosen behielten die Nase vorn, und wir brachen im Jahr 2000 und sp&auml;ter erneut wegen einer falschen Wirtschaftspolitik ein. Nicht ohne Grund warnten damals amerikanische Wirtschaftswissenschaftler in einem Appell an ihre deutschen Kollegen vor einer falschverstandenen Sparpolitik und wiesen darauf hin, die USA k&ouml;nnten sich in den neunziger Jahren auch deshalb einer niedrigen Arbeitslosigkeit erfreuen, weil dort eine expansive Geld- und Finanzpolitik betrieben worden ist. Man kann die falsche Konzeption in Deutschland nicht allein der jetzigen Bundesregierung und ihrem Finanzminister anlasten. Sie entspringt einer Misere der wirtschaftspolitischen Debatte, unter der das Land schon seit Jahren leidet. Das hat viel mit der Entwicklung einer medial bestimmten Kommunikation und Gesellschaft zu tun. Der Mainstream der deutschen Wissenschaft und Publizistik und infolgedessen auch der Politik hat sich auf ein recht primitives, aus einzelwirtschaftlichen Erkenntnissen gespeistes Verst&auml;ndnis von der &Ouml;konomie reduziert. Dass man in der &Ouml;konomie alle verf&uuml;gbaren Instrumente nutzen sollte, dass es auf Sparerfolg und nicht nur auf Sparabsicht ankommt, dass man die gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;nge und R&uuml;ckwirkungen beachten muss und nicht von einzelwirtschaftlich g&uuml;ltigen Erfahrungen auf die gesamte Volkswirtschaft schlie&szlig;en darf: Solche vern&uuml;nftigen Erkenntnisse haben in einer der schnellen und gef&auml;lligen Medienbotschaft verpflichteten Wissenschaft nur noch geringe Chancen.<br>\nDer R&uuml;ckblick auf den Wettstreit zwischen Deutschland und Frankreich ist in verschiedener Hinsicht interessant: <\/p><ul>\n<li>Es hat sich als richtig erwiesen, dass die Sparabsicht unseres Finanzministers eben nicht gereicht hat. Er hat mit seinen Sparversuchen noch dazu beigetragen, die deutsche Konjunktur weiter abzuw&uuml;rgen. Die Schulden des Bundes sind zwischen 1999 und Mitte des Jahres 2003 um fast 40 Milliarden Euro angestiegen statt abzunehmen. Und dieses Bild ist noch gesch&ouml;nt, da Eichel mehr als 50 Milliarden Euro aus den UMTS-Verk&auml;ufen erl&ouml;sen konnte. Das Ziel, bis zum Jahr 2006 die Nettokreditaufnahme auf Null zu dr&uuml;cken, ist aufgegeben.<\/li>\n<li>Der konjunkturelle Einbruch kam, obwohl der Export noch relativ gut l&auml;uft und damit die Konjunktur st&uuml;tzt. Das gilt, obwohl auch bei unseren Handelspartnern die Konjunktur in der Zeit zwischen 1999 und 2004 relativ schlecht gelaufen ist. Darauf muss man sich aber als verantwortlicher Finanzminister einstellen. Man kann nicht erwarten, dass die anderen immer die Lokomotive spielen. Jedenfalls kann man sich nicht auf diesen Einbruch hinausreden, wenn man selbst prozyklisch handelt.<\/li>\n<li>Die Spekulationen der in Deutschland Verantwortlichen, dass der Sparkurs besonderes Vertrauen gewinnen und die Unternehmen deshalb investieren w&uuml;rden, haben sich als haltlos erwiesen.<\/li>\n<li>Interessant ist der Vergleich mit Frankreich. Zwar haben die Franzosen ihren damals eingeschlagenen Kurs nicht unangetastet eingehalten, und Jospin war auch nicht lange Ministerpr&auml;sident, aber ihre Linie, zum Sparerfolg zu kommen und vor allem auch mehr Besch&auml;ftigung zu schaffen, unterschied sich deutlich von der unseren und hatte wenigstens einen erkennbaren Erfolg (siehe Tabelle 26).<\/li>\n<\/ul><p><em>Tabelle 26: Tats&auml;chliche Entwicklung zwischen 1998 und 2001 in Frankreich und Deutschland*<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/tab2.jpg\" alt=\"Tabelle 26: Tats&auml;chliche Entwicklung zwischen 1998 und 2001 in Frankreich und Deutschland* \n\" title=\"\"><br>\n* Hier werden wegen der internationalen Vergleichbarkeit die von der OECD verwendeten Zahlen benutzt. Sie weichen zum Beispiel bei den Werten f&uuml;r die Arbeitslosenquote von den Ziffern des Statistischen Bundesamts ab. Quelle: OECD (Hrsg.): Economic Outlook 2003, Paris 2003, S. 195, 209 und 227 <\/p><p>Diese parallelen Erfahrungen best&auml;tigen, dass die Wirkungszusammenh&auml;nge in einer Volkswirtschaft anders verlaufen als in einer Familie. Wenn eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen beschlie&szlig;t, im n&auml;chsten Jahr 1000 Euro zu sparen, dann schafft sie das in der Regel. Sie f&auml;hrt nicht in Ferien, sie geht nicht mehr aus, sie kauft sich keine neuen Kleider. Wenn hingegen der Bundesfinanzminister beschlie&szlig;t, 30 Milliarden Euro weniger Schulden zu machen, dann schafft er es in diesen konjunkturell schlechten Zeiten nicht, wie man schon mehrmals sehen konnte. Er macht, wenn er in einer Depression sparen will, mit seiner Sparabsicht den Sparerfolg zunichte, weil weniger Steuern und Arbeitslosenbeitr&auml;ge eingenommen werden und h&ouml;here Zusch&uuml;sse des Bundes zu den Arbeitslosenversicherungen f&auml;llig werden.<br>\nDaraus folgt: Wer als Finanzminister in einer Krisenlage mehr ausgibt und weniger zu sparen beabsichtigt, spart am Ende vielleicht mehr und macht weniger Schulden. Dieser Zusammenhang ist in der deutschen und europ&auml;ischen Diskussion immer noch nicht begriffen: Als die Bundesregierung aus der Erfahrung lernen wollte und die dritte Stufe der Steuerreform vorzuziehen beschloss, da formulierte die Redaktion der ZDF-Sendung Berlin Mitte am 26. Juni 2003 den klassischen Trugschluss: &raquo;Steuern runter, Schulden rauf.&laquo; Wenn die Konjunktur jedoch anspringt, stimmt dieser Schluss nicht. Dann kann die Verschuldung am Ende geringer sein als ohne stimulierende Steuersenkung. Und wenn die Konjunktur weiter lahmt, auch weil man nicht den Mut hat zum &raquo;Steuern runter&laquo;, dann kann gerade deshalb der Fall &raquo;Schulden rauf&laquo; eintreten. Volkswirtschaftliche Abl&auml;ufe machen einzelwirtschaftlich gepr&auml;gte Erwartungen zur Makulatur. Der Bundeskanzler hat versucht, gegen den Denkfehler anzugehen. Zu sp&auml;t. Und bei den meisten Medien mit wenig Erfolg.<br>\nSo &auml;hnlich war es auch bei der &ouml;ffentlichen Debatte im Umfeld des Vermittlungsverfahrens zur Steuerreform im November 2003. Der Denkfehler &raquo;Wir werden nicht zulassen, dass 80 Prozent der Steuersenkung mit h&ouml;heren Schulden bezahlt werden&laquo; galt als logische Einlassung. Zweifel an der volkswirtschaftlichen Logik eines solchen Satzes hat nur eine verschwindende Minderheit. Die Verblendung, gestiftet von Angebots&ouml;konomen der Chicago-Schule und gef&ouml;rdert von einzelwirtschaftlichem Denken der Mehrheit, ist fast nicht wegzukriegen.<br>\nDas gleiche Spiel dann bei einem neuen Versuch der Koalitionsspitze, angesichts nochmals tr&uuml;berer Konjunkturaussichten und sinkender Steuersch&auml;tzungen Ende April\/Anfang Mai 2004 den Kurs zu korrigieren. &raquo;Regierung bricht Konsolidierungskurs ab&laquo; lauteten die ebenso eint&ouml;nigen wie sinnlosen Schlagzeilen. Was man beim Sparversuch nicht erreicht hat, die Konsolidierung, das kann man wohl nicht abbrechen. Wieder scheiterte die Regierung an einer zu tiefst irrationalen ver&ouml;ffentlichten Meinung und am darin wohlgebetteten Bundesfinanzminister. <\/p><blockquote><p>\nDie Konsolidierung der Staatsfinanzen sollte meiner Meinung nach nicht aufgegeben werden.<\/p>\n<div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div>\n<p class=\"reference\">Horst K&ouml;hler, FAZ-Interview vom 12.05.2004<\/p>\n<\/blockquote><p>Ein weiteres Beispiel f&uuml;r das herrschende Missverst&auml;ndnis ist die Reaktion auf die Entscheidung des Rats der Wirtschafts- und Finanzminister der EU-Staaten (&raquo;Economic and Financial Council&laquo; oder kurz Ecofin-Rat) vom 25. November 2003, das von der EU-Kommission eingeleitete Strafverfahren gegen Deutschland und Frankreich wegen der Verletzung der Maastricht-Kriterien auszusetzen. Die daraufhin einsetzende massive Kritik &ndash; Tod des Stabilit&auml;tspakts, Gefahr f&uuml;r den Euro, Abkehr von der Sparpolitik &ndash; gr&uuml;ndete auf dem Denkfehler, dass Deutschland effektiv sparen w&uuml;rde, wenn es der Aufforderung der EU-Kommission nachk&auml;me, noch 4 Milliarden Euro im Bundeshaushalt einzusparen. Das Gegenteil kann richtig sein, dass n&auml;mlich mit weiteren Sparabsichten der angestrebte Erfolg noch mehr zunichte gemacht wird. Deshalb ist es auch richtig, auf eine vern&uuml;nftige Auslegung des EWU-Stabilit&auml;tspakts zu pochen, der durchaus Spielraum l&auml;sst f&uuml;r besch&auml;ftigungspolitische Initiativen. Wenn diese Interpretation keinen R&uuml;ckhalt findet, sollte man versuchen, eine rationalere Interpretation des Maastrichter Vertrags festzuschreiben. Denn wenn eine Fessel Millionen Menschen ungl&uuml;cklich macht und obendrein das erkl&auml;rte Hauptziel nicht erreicht, n&auml;mlich tats&auml;chlich zu sparen und nicht nur die Absicht dazu zu haben, dann muss man sie sprengen.<br>\nHans Eichels publizistischer Erfolg gr&uuml;ndete auf einer desinformierten &Ouml;ffentlichkeit &ndash; das ist unser wahres Problem. Wenn wir nicht lernen, die Denkfehler in der &ouml;konomischen Debatte und Willensbildung zu vermeiden, wenn wir nicht lernen, die L&uuml;gen und die Legenden zu durchschauen, dann wird es auch weiterhin eine fehlerhafte Meinungsbildung und daraus folgend bedr&uuml;ckend schlechte politische Entscheidungen geben. In den letzten Jahren war die regierende Politik nicht irrationaler als die Meinungsmacher. Sie hat gelegentlich versucht, aus dem Ghetto des einzelwirtschaftlichen und dogmatischen Denkens auszubrechen. Allerdings hat sie es vers&auml;umt, um die Meinungsf&uuml;hrerschaft zu k&auml;mpfen, was besonders dann notwendig ist, wenn die &ouml;ffentliche Debatte schon in ihren Grundstrukturen so vorurteilsbeladen ist wie bei dem Thema &raquo;Wer spart, der spart&laquo;. <\/p><p><em>Tabelle A3: Staatsschuldenstand im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in vergleichbaren L&auml;ndern <\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/tab3.jpg\" alt=\"Tabelle A3: Staatsschuldenstand im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) in vergleichbaren L&auml;ndern \" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auszug aus: &ldquo;Die Reforml&uuml;ge. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren.&rdquo; Seiten 289 &ndash; 312:<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,14,30],"tags":[300,1110,325],"class_list":["post-96","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32391,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96\/revisions\/32391"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}