{"id":9602,"date":"2011-05-30T16:18:20","date_gmt":"2011-05-30T14:18:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9602"},"modified":"2019-07-05T11:32:32","modified_gmt":"2019-07-05T09:32:32","slug":"die-griechische-krise-und-das-dilemma-der-privatisierungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9602","title":{"rendered":"Die griechische Krise und das Dilemma der Privatisierungen"},"content":{"rendered":"<p>Nebenbei bemerkt, flocht der Moderator im Fr&uuml;hprogramm des griechischen Staatssenders NET am letzten Dienstag ein, seit acht Monaten habe er kein Gehalt mehr bezogen. Das Mitleid der TV-Zuschauer d&uuml;rfte sich in Grenzen gehalten haben. Im privaten Sektor sind ausbleibende Lohnzahlungen l&auml;ngst die Regel.<br>\nDie Kassenlage im staatlichen Fernsehen ist eines von vielen Anzeichen daf&uuml;r, dass der griechische Staat die Grenze zur Zahlungsunf&auml;higkeit bereits &uuml;berschritten hat. Im &ouml;ffentlichen Dienst insgesamt betr&auml;gt der Gehaltsr&uuml;ckstand durchschnittlich zwei Monate. &Auml;hnlich sieht es bei den Rentenkassen aus: Bis die Rente bewilligt ist, vergehen im Durchschnitt 18 Monate, in denen nur eine Abschlagszahlung geleistet wird. M&uuml;sste man die vollen Renten von Anfang an auszahlen, w&auml;ren einige Berufskassen bereits pleite. Und &uuml;ber die Summen, die der Staat dem privaten Sektor schuldet (z.B. Baufirmen und Krankenhaus-Lieferanten) gibt es nur Sch&auml;tzungen, die gn&auml;digste liegt bei 10 Mrd. Euro. Von Niels Kadritzke<br>\n<!--more--><br>\nKurzum: Griechenland ist bankrott und w&auml;re es offiziell schon l&auml;nger, wenn es nicht seit Mai 2010 vier Tranchen von zig Milliarden Euro aus dem 110 Mrd.-Fonds der EU (EFSF) und vom IWF bezogen h&auml;tte. Diese Eckdaten sind unbestreitbar. Sie erkl&auml;ren, warum die Regierung Papandreou keinen Verhandlungsspielraum gegen&uuml;ber der sogenannten Troika, also der EU-Kommission in Br&uuml;ssel, der EZB in Frankfurt und dem IWF in Washington hat. Ob man die Bedingungen, die von den Geldgebern diktiert werden, Erpressung nennt oder als Vertretung legitimer Gl&auml;ubigerinteressen betrachtet, kommt auf den Standpunkt an. Wichtiger ist die Frage, wie intelligent der Rettungskurs f&uuml;r Griechenland konzipiert ist und ob er langfristig zum Ziel f&uuml;hrt.<\/p><p>Die endg&uuml;ltige Antwort geben die am letzten Montag beschlossenen Ma&szlig;nahmen der griechischen Regierung. Sie setzen die &ouml;konomische &bdquo;Dr.Eisenbart-Therapie&ldquo; fort, die das Verschuldungs-Dilemma der Griechen noch einmal verl&auml;ngern und versch&auml;rfen wird, nachdem schon das urspr&uuml;ngliche &bdquo;Rettungsprogramm&ldquo; vom Mai 2010 ma&szlig;geblich zur Abw&auml;rtsspirale der Konjunktur und damit zu noch gr&ouml;&szlig;eren Defiziten bei den Staatseinnahmen gef&uuml;hrt hat (dazu meine ausf&uuml;hrliche Analyse auf den NachdenkSeiten im Dezember 2010 <a href=\"?p=7773\">Griechenland: Alternative zum Totsparen: Die Reichen m&uuml;ssen bluten<\/a> und <a href=\"?p=7863\">Griechenland: Gibt es einen Ausweg aus der Sackgasse?<\/a>).<\/p><p>Der Abw&auml;rtstrend ist in Griechenland in jeder Stadt, in jeder Stra&szlig;e und in jedem Gesch&auml;ft zu sehen, ja zu greifen. Belegt wird er durch eine empirische Studie, der zufolge 77 % der Griechen weniger ausgehen, 73 % weniger Kleider kaufen, 55 % weniger verreisen &ndash; und so weiter. Die Umsatzeinbr&uuml;che im Einzelhandel sind entsprechend, im ganzen Land haben mindestens 20 Prozent der Gesch&auml;fte und Restaurants bereits zugemacht. Und eine &Auml;nderung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Noch leben viele Familien von R&uuml;cklagen (entgegen der g&auml;ngigen Vorurteile, die bei uns nicht nur von der BILD-Zeitung, sondern auch von der Regierung gepflegt werden, waren die griechischen Privathaushalte zu Beginn der Krise nur wenig verschuldet). Aber die Privatkonten bei den Banken schmelzen rapide ab und werden in h&ouml;chstens zwei Jahren aufgezehrt sein.<\/p><p><strong>Szenarien der Rettung und des Untergangs<\/strong><\/p><p>Angesichts dieser griechischen Misere will ich zur Kontroverse zwischen Heiner Flassbeck und Rudolf Hickel (Siehe NachDenkSeiten <a href=\"?p=5562\">Disput Hickel vs. Flassbeck zu Staatsbankrott, Umschuldung, etc.<\/a> und <a href=\"?p=5653\">Fortsetzung des Disputs<\/a>) nur ein paar empirische Hinweise beisteuern. Vor allem zu der Frage, was die diskutierten Modelle <\/p><ul>\n<li>einer &bdquo;weichen&ldquo; Umschuldung,<\/li>\n<li>eines &bdquo;harten&ldquo; &bdquo;haircut&ldquo; oder<\/li>\n<li>einer neuen Kreditlinie zu reduzierten Zinsen (in einem diskutierten Umfang von 50 bis 80 Mrd. Euro)<\/li>\n<\/ul><p>f&uuml;r die griechische Wirtschaft und die B&uuml;rger bedeuten. Wobei ich meinen Verdacht nicht verhehle, dass sich viele &bdquo;linke&ldquo; Sympathien f&uuml;r einen &bdquo;haircut&ldquo; aus der verst&auml;ndlichen Genugtuung speisen, dass auch die Banken und die privaten Profiteure, die f&uuml;r griechische Bonds jahrzehntelang gute Zinsen kassiert haben, endlich bluten sollen. Ich m&ouml;chte dem nur entgegenhalten, dass man in diese Rechnung die Kosten f&uuml;r die griechische Wirtschaft und Gesellschaft einkalkulieren sollte &ndash; zumindest dann, wenn man seine linke Position auch als Solidarit&auml;t mit Griechenland annoncieren will.<\/p><p>Die Dilemmata, die sich ergeben, wenn man auch die griechische Perspektive einbezieht, werden etwa von Gert Gr&ouml;tzinger (<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/debatte\/kommentar\/artikel\/1\/wie-europa-gerettet-werden-koennte\/\">taz vom 24. Mai<\/a>) oder auch von <a href=\"?p=9579\">Werner Schieder<\/a> ber&uuml;cksichtigt, deren durchdachte Umschuldungsmodelle auf den NachdenkSeiten vorgestellt wurden. Hier will ich nur festhalten, dass eine harte Umschuldung via &bdquo;haircut&ldquo;, wie sie auch Rudolf Hickel bef&uuml;rwortet<\/p><ul>\n<li>das griechische Bankensystem aus den Angeln heben und damit eine wirtschaftliche Erholung auf Jahre hinaus blockieren w&uuml;rde;<\/li>\n<li>die griechischen Sozialkassen extrem belasten w&uuml;rde, da diese griechische Bonds im Wert von etwa 25 Mrd. Euro in ihren Best&auml;nden haben, die durch einen &bdquo;haircut&ldquo; entsprechend entwertet w&uuml;rden;<\/li>\n<li>die politische Gefahr eines Ausschlusses aus der Eurozone versch&auml;rfen w&uuml;rde, der zwar juristisch nicht vorgesehen, aber durch politische Stimmungen und Entwicklungen im Euro-Raum (siehe Finnland, Niederlande und nat&uuml;rlich Deutschland) fr&uuml;her oder sp&auml;ter politisch erzwungen w&uuml;rde.<\/li>\n<\/ul><p>Der &bdquo;haircut&ldquo; w&auml;re also f&uuml;r Griechenland nur dann ein &bdquo;Rettungs&ldquo;konzept, wenn von der pauschalen Abwertung der griechischen Bonds die von griechischen Banken und Sozialfonds gehaltenen Best&auml;nde explizit ausgenommen w&auml;ren. Das aber ist eine denkbar unwahrscheinliche Variante, die der EU, EZB und der &ouml;ffentlichen Meinung in der Eurozone kaum abzuringen w&auml;re. <\/p><p>Die fatalste Folge eines &bdquo;haircut&ldquo; w&auml;re der Versto&szlig; aus der Eurozone. Man kann gewiss dar&uuml;ber diskutieren, wie Griechenland aktuell dastehen w&uuml;rde, wenn es dem Euro nicht beigetreten w&auml;re. Unzweifelhaft ist aber, dass die R&uuml;ckkehr zur Drachme f&uuml;r das heutige Griechenland jener wahrhaftige GAU w&auml;re, der auf &bdquo;albanische Verh&auml;ltnisse&ldquo; hinauslaufen w&uuml;rde. Angesichts dieses Katastrophen-Szenarios muss ich es nach wie vor mit Flassbeck halten: Man sollte alle M&ouml;glichkeiten aussch&ouml;pfen, ein weicheres Umschuldungsmodell zu entwickeln und zu finanzieren, das vor allem die Zahlungsverpflichtungen strecken (auf weit mehr als ein Jahrzehnt) und die Zinslasten f&uuml;r Griechenland wesentlich reduzieren w&uuml;rde. Gr&ouml;tzinger weist zu Recht darauf hin, dass das gr&ouml;&szlig;te Strukturproblem des griechischen &ouml;ffentlichen Haushalts die geringen Einnahmen sind. Aber um die entscheidend anzuheben, v.a. durch effektiven Kampf gegen die Steuers&uuml;nder &ndash; braucht es Zeit, wie inzwischen neben dem IWF auch die OECD einger&auml;umt hat.<\/p><p>Noch eine Nachbemerkung zur der Parole &bdquo;Zur&uuml;ck zur Drachme&ldquo;, die am lautesten von dem angeblich renommierten Prof. Sinn propagiert wird, der &uuml;ber Griechenland hierzulande den gr&ouml;bsten Unsinn von sich gibt. Wer immer die R&uuml;ckkehr zur Drachme als Segen f&uuml;r Griechenland darstellen und den Griechen nostalgische Gef&uuml;hle f&uuml;r &bdquo;ihre alte Drachme&ldquo; einreden will, untersch&auml;tzt deren gesunden &ouml;konomischen Menschenverstand. Nach Umfragezahlen von Anfang Mai halten nur 16 Prozent der Bev&ouml;lkerung die R&uuml;ckkehr zur Drachme f&uuml;r einen Ausweg, w&auml;hrend zwei Drittel entschieden dagegen sind (&uuml;brigens steigt dieser Anteil bei h&ouml;herem Bildungsgrad deutlich an, weshalb man sich fragt, warum die Journalisten in Reportagen bevorzugt solche Griechen vorf&uuml;hren, die sich dann vor der Kamera zur Drachme zur&uuml;cksehnen).<\/p><p><strong>Moralisches, Abstraktes und Empirisches zur Privatisierung<\/strong><\/p><p>Eine zentrale Forderung der Troika, ist ein Privatisierungsprogramm, das bis 2015 mindestens 50 Mrd. Euro in die Staatskasse bringen soll. Das w&uuml;rde die Verschuldungsquote der &ouml;ffentlichen Hand drastisch dr&uuml;cken und nach Ansicht von EU-Kommission, EZB und IWF eine &bdquo;weiche&ldquo; Umschuldung nicht nur politisch vermittelbarer, sondern auch &ouml;konomisch realistischer machen. In Griechenland selbst machen Kritiker der Pasok-Regierung (wie Yannis Stournaras, der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts IOEB) inzwischen folgende Rechnung auf: H&auml;tte der griechische Staat bereits im Fr&uuml;hjahr 2010 Privatisierungsgewinne von 30 Mrd. Einnahmen realisiert, w&auml;re die Verschuldungrate (von damals fast 120 % des BIP) schlagartig um &uuml;ber 10 % gedr&uuml;ckt wurden, was ein relevantes Signal an &bdquo;die M&auml;rkte&ldquo; gewesen w&auml;re. Als klassisches Beispiel f&uuml;r die Vers&auml;umnisse des Staates wird stets auf die &bdquo;Olympiabauten&ldquo; von 2004 hingewiesen. Von denen werden nur ganz wenige &ouml;ffentlich genutzt, w&auml;hrend der Staat f&uuml;r alle noch sieben Jahre sp&auml;ter hohe Instandhaltungskosten zahlt, ohne die vor einigen Jahren noch m&ouml;glichen Verkaufserl&ouml;se realisiert zu haben. <\/p><p>Das Argument bedeutet nat&uuml;rlich im Umkehrschluss: Wenn Griechenland heute gezwungen ist, sein &bdquo;Tafelsilber&ldquo; zu verkaufen, macht der Staat ein schlechtes Gesch&auml;ft. Es w&auml;re deshalb &auml;u&szlig;erst n&uuml;tzlich, in der Privatisierungsdebatte zwei Ebenen zu unterschieden, die abstrakte(1) und die konkrete(2): <\/p><p><strong>Abstrakt:<\/strong> Wie sind Privatisierungen politisch zu bewerten; sind sie gut oder schlecht, oder sagen wir: &bdquo;links&ldquo; oder &bdquo;rechts&ldquo;?<br>\n<strong>Konkret:<\/strong> Sind Privatisierungen heute im quasi bankrotten Griechenland ein angemessener und erfolgversprechender Beitrag zur Abwendung des &ouml;konomischen GAUs?<\/p><p>Auf der ersten Ebene lautet die Frage schlicht: Darf und soll ein Staat sein &bdquo;Tafelsilber&ldquo; verkaufen? Die eher &bdquo;linke&ldquo; Lehre sagt: Er darf das auf keinen Fall. Das ist etwa die Position von attac (<a href=\"http:\/\/www.attac.de\/aktuell\/neuigkeiten\/detailansicht\/datum\/2011\/05\/25\/privatisierungen-griechenland-zur-pluenderung-freigegeben\/?no_cache=1\">Privatisierung Griechenland &ndash; Zur Pl&uuml;nderung freigegeben<\/a>), dessen Griechenland-Papier vorwiegend auf der prinzipiellen, moralischen Ebene argumentiert. attac f&uuml;hrt m.E. klassisch vor, wie man Prinzipien so hoch halten kann, dass sie in den Wolken verschwinden, sodass die unten liegende Landschaft (die &bdquo;facts on the ground&ldquo;), auf die sich die prinzipienfeste Haltung beziehen soll, leider unsichtbar wird. <\/p><p>Ich will deshalb im Folgenden ein paar Informationen und Gesichtspunkte liefern, die sich konkret auf die spezifische griechische Situation beziehen.<\/p><ol>\n<li>Es gibt zuweilen &ndash; und wir sprechen von der bitteren Realit&auml;t &ndash; konkrete Situationen, in der die Frage nicht lautet, ob man &bdquo;darf&ldquo;, sondern ob man &bdquo;muss&ldquo;. Warum also &bdquo;darf man nicht&ldquo; das Tafelsilber verkaufen, wenn der Teller leer zu bleiben droht? Ist mit den Fingern zu essen, nicht allemal besser, als gar nichts zwischen die Z&auml;hne zu kriegen.<\/li>\n<li>Daraus folgt, dass man zwischen Tafelsilber und dem Allernotwendigsten zum &Uuml;berleben unterscheiden muss. &Ouml;ffentliche Unternehmen oder Versorgungseinrichtungen, die der Deckung gesellschaftlicher Grundbed&uuml;rfnisse dienen, z&auml;hlen sicher zu der zweiten Kategorie und sollten in der Tat m&ouml;glichst nicht ver&auml;u&szlig;ert werden. Und zwar selbst dann nicht, wenn sie rein &bdquo;markt&ouml;konomisch&ldquo; teurer kommen als ein &bdquo;privatisierter&ldquo; Betrieb (dessen &bdquo;billigere Leistungen&ldquo; sich ohnehin meist als Illusion herausstellen).<\/li>\n<li>Auch bei solchen n&uuml;tzlichen bis unentbehrlichen &ouml;ffentlichen Einrichtungen\/Unternehmen kann allerdings ein Staat, eine Kommune, zum Verkauf gezwungen sein: weil er\/sie einen Bankrott abwenden muss, oder schlicht nicht das Geld hat, um den Betrieb weiter zu finanzieren. In dem Fall ist eine Privatisierung mindestens genauso schmerzhaft und asozial wie eine drastische K&uuml;rzung der Geh&auml;lter oder der Renten (wie im griechischen Fall). Dann haben Regierung und Gesellschaft abzuw&auml;gen, wie sie die Reihenfolge und  Hierarchie der &bdquo;schmerzhaften&ldquo; Privatisierungsopfer definieren.<\/li>\n<li>Im griechischen Fall kommt ein weiterer, sehr spezifischer Umstand hinzu. Der herrschende Klientelstaat (dazu meine ausf&uuml;hrliche Analyse auf den NachdenkSeiten <a href=\"?p=7773\">vom 16. Dezember 2010<\/a> und <a href=\"?p=7863\">vom 23. Dezember 2010<\/a>) hat viele, staatliche und kommunale Unternehmen derart &bdquo;gesellschaftsfeindlich&ldquo; denaturiert, dass ein &ouml;ffentliches Interesse an deren Aufrechterhaltung gar nicht mehr auszumachen ist. Unter Bedingungen des Klientelstaats kann die Gesellschaft mit einer Privatisierung besser bedient sein, wenn eine Umfunktionierung solcher &bdquo;&ouml;ffentlichen&ldquo; Betriebe im gesellschaftsfreundlichen Sinne durch die bisherigen Profiteure dieser Unternehmen blockiert wird. Wenn immer &uuml;ber die Privatisierungsproblematik diskutiert wird, ohne das Ph&auml;nomen des griechischen Klientelsystems zu w&uuml;rdigen, wird die abstrakt vielleicht richtige Forderung nach einer pauschalen Bestandsgarantie des &ouml;ffentlichen Sektors zur hohlen Phrase.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Ein Fall namens griechische Eisenbahn<\/strong><\/p><p>Das l&auml;sst sich an dem &ndash; zugegeben besonders krassen &ndash; Beispiel der griechischen Eisenbahngesellschaft OSE illustrieren. Die OSE hat in den letzten Jahren ein Defizit von 10 Mrd. Euro angesammelt. Bis auf die Strecke Athen-Thessaloniki (deren Ausbau seit nunmehr &uuml;ber 20 Jahren im Gang ist), wird der Personenverkehr der OSE v&ouml;llig unwirtschaftlich und vor allem v&ouml;llig unzumutbar betrieben. Zum Beispiel dauert die Fahrt von Athen nach Patras vier Stunden, mit dem Bus schafft man es in zweieinhalb (wobei der Bus zwar deutlich teurer, aber erheblich p&uuml;nktlicher ist). Dieser Schneckentempobetrieb ist eigentlich nur noch f&uuml;r nostalgische Touristen interessant, wird aber hoch subventioniert. Angesichts dessen ist die beste Zukunftsidee f&uuml;r diese Strecke zweifellos der Vorschlag, das Gleisbett zu einer Fahrradpiste f&uuml;r Radwanderer umzubauen, auf der man dann von Touristen sogar noch eine Maut kassieren k&ouml;nnte. <\/p><p>Das staatliche Un-Unternehmen OSE hat einen aufgebl&auml;hten Personalbestand mit Geh&auml;ltern, die mindestens 50 Prozent &uuml;ber dem des privaten Sektors liegen. Gef&uuml;hrt wird sie von einem b&uuml;rokratischen Un-Management, das nicht mal in der Lage ist, den betr&auml;chtlichen Immobilienbesitz des Unternehmens einigerma&szlig;en gewinnbringend zu verwalten. Im &Uuml;brigen fallen selbst im G&uuml;terverkehr betr&auml;chtliche Verluste an, weil die Gesellschaft regelm&auml;&szlig;ig hohe Entsch&auml;digungszahlen f&uuml;r verlorenes oder gepl&uuml;ndertes St&uuml;ckgut bilanzieren muss (eine F&uuml;lle weiterer Details hat Kostas Nanos in der Zeitung Ethnos vom 4. Juli 2010 zusammengetragen)<br>\nEin derart parasit&auml;res Unternehmen wie die OSE, deren Betriebsstruktur nur einige Spezialisten durchschauen &ndash; und die dar&uuml;ber hinaus ein idealer N&auml;hrboden f&uuml;r mafiose Machenschaften ist &ndash;  w&auml;re eine Zumutung f&uuml;r jede Gesellschaft, also auch f&uuml;r eine &bdquo;sozialistische&ldquo; Wirtschaft v&ouml;llig untragbar. F&uuml;r das Publikum w&auml;re ein privater Investor bei der griechischen Eisenbahn ein Segen, weil ein vern&uuml;nftig organisiertes Transportunternehmen kundenfreundlicher und f&uuml;r die Gesellschaft billiger w&auml;re als der heutige Sauladen (selbst wenn der Betreiber kr&auml;ftige Gewinne absch&ouml;pfen w&uuml;rde). <\/p><p>Nat&uuml;rlich gilt auch hier der prinzipielle Einwand: Warum nicht eine gut organisierte staatliche Bahngesellschaft? Das ist abstrakt eine sch&ouml;ne Idee, die allerdings von der doppelten Realit&auml;t des griechischen Klientelsystems und eines bankrotten Staats absieht. Zudem sind langfristige Kredite &ndash; etwa von der Europ&auml;ischen Entwicklungsbank &ndash; f&uuml;r die Rationalisierung eines solchen Unternehmens so lange utopisch, wie der griechische Staat der Wasserkopf bleibt, der er nach wie vor ist. <\/p><p>Das griechische Publikum sieht das &auml;hnlich skeptisch. Im Fall der OSE sind laut der j&uuml;ngsten Umfrage (Kapa Research von Ende Mai, publiziert in To Vima vom 29. Mai)) fast 80 Prozent f&uuml;r und nur 20 Prozent gegen eine Privatisierung. Zweifellos wird die OSE heute &auml;hnlich negativ wahrgenommen wie die fr&uuml;here staatliche Fluggesellschaft Olympic, deren vor einigen Jahren erfolgte Privatisierung von den meisten Griechen heute durchaus positiv gesehen wird.<\/p><p>&Ouml;ffentliche Akzeptanz von Privatisierungen<\/p><ol start=\"5\">\n<li>Das f&uuml;hrt zu der allgemeinen Frage, wie die griechische Bev&ouml;lkerung zu den Pl&auml;nen steht, die ihrer Regierung von der Troika als Vorbedingung f&uuml;r die Auszahlung weiterer Kredite aufgezwungen werden. Dazu einige Zahlen aus der oben erw&auml;hnten Umfrage von &bdquo;Public Issue&ldquo;:\n<ul>\n<li>nur 11 Prozent der Befragten haben eine positive Meinung von &ouml;ffentlichen Unternehmen allgemein, dagegen sind 88 Prozent negativ eingestellt.<\/li>\n<li>79,8 Prozent halten einen Verkauf von &ouml;ffentlichem Verm&ouml;gen und Unternehmensanteilen und f&uuml;r n&ouml;tig (ein gro&szlig;er Teil davon sicher unter dem Druck der unleugbaren Realit&auml;t);<\/li>\n<li>eine klare Mehrheit ist f&uuml;r eine Privatisierung der OSE (79 Prozent), der Wettspielgesellschaft OPAP(71 Prozent), der Erdgasgesellschaft DEPA (67 Prozent), der Athener Nahverkehrsgesellschaft OASA (75 Prozent) und der Provinzflugh&auml;fen; sogar f&uuml;r die Teilprivatisierung des Elektrizit&auml;tsversorgers DEI sprechen sich inzwischen 64,5 Prozent der Befragten aus, und nur 34 Prozent. Dagegen ist nach wie vor eine Mehrheit der Griechen gegen die Teilprivatisierung der Wasserwerke von Athen\/Pir&auml;us (51,5 Prozent) und Thessaloniki.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Erstaunlich ist dabei, die zunehmende Bereitschaft, selbst eine Teilprivatisierung des Stromversorgers DEI zu bef&uuml;rworten, obwohl die Bef&uuml;rchtung besteht, dass die angek&uuml;ndigten Streiks der Betriebsgsgewerkschaft im bevorstehenden Sommer f&uuml;r Stromausf&auml;lle sorgen k&ouml;nnten. Zu diesem Trend beigetragen haben sicher die Ver&auml;rgerung &uuml;ber die aufgebl&auml;hte Personalstruktur des Unternehmens und das &ndash; im Vergleich zum privaten Sektor &ndash; deutlich h&ouml;here Lohnniveau. Zudem ist die Reputation der Gewerkschaft bei der DEI auf ein neues Tief gefallen, seit sie einr&auml;umen musste, dass diese vom Management seit 1999 mit Zuwendungen in H&ouml;he von 25,2 Millionen Euro bedacht wurde, &uuml;ber deren Verwendung es keinerlei Belege gibt (Bericht in Ta Nea vom 14. April 2011).<\/p><\/li>\n<li>Am kritischsten sind nach den er&ouml;rterten Kriterien die Pl&auml;ne f&uuml;r die Wasserwerke von Thessaloniki und Athen zu sehen, f&uuml;r die von der Regierung eine Teilprivatisierung schon f&uuml;r dieses Jahr vorgesehen ist. F&uuml;r die meisten Beobachter in Athen kam das Auftauchen dieser klassisch &bdquo;sozialen&ldquo; Versorgungsunternehmen auf der short-list der Privatisierungen v&ouml;llig &uuml;berraschend, weil die politische Akzeptanz gerade in diesen F&auml;llen sehr niedrig liegt. Eine Erkl&auml;rung d&uuml;rfte die Information liefern, die man auf der Website des &ouml;ffentlichen Wasser- und Abw&auml;sser-Unternehmens f&uuml;r Athen (EYDAP) findet: &bdquo;Eydap bietet erg&auml;nzend Erdgas sowie Wasserkraft- und Hydroelektrische Produkte an. Einen breiten Bereich nimmt die Forschung ein: Eydap pr&uuml;ft die M&ouml;glichkeit, seine Abwasserleitungen f&uuml;r die Errichtung eines alternativen Telekommunikationsnetzes mit Fiberoptikfasern zu nutzen.&ldquo;<\/li>\n<li>Das Beispiel EYDAP ist in mehrerer Hinsicht aufschlussreich. Die Regierung rechnet offenbar f&uuml;r solche Unternehmen, die ein attraktives Entwicklungspotential ausweisen &ndash; in diesem Fall auf einem vom urspr&uuml;nglichen Unternehmenszweck v&ouml;llig unabh&auml;ngigen Technologiesektor &ndash; mit noch einigerma&szlig;en hohen Erl&ouml;sen. Die Bereitschaft zur Privatisierung selbst der kommunalen Wasserwerke verweist dann aber wiederum im Umkehrschluss auf das Hauptproblem des gesamten Programms: Die erwarteten Ertr&auml;ge f&uuml;r die zu ver&auml;u&szlig;ernden staatlichen Anteile an den Unternehmen sind &auml;u&szlig;erst ungewiss. Mit dem Stigma von &bdquo;Notverk&auml;ufen&ldquo; lassen sich auf &bdquo;den M&auml;rkten&ldquo; kaum angemessenen Preise erzielen. Das d&uuml;rfte im griechischen Fall sogar f&uuml;r Infrastrukturobjekte mit hohem Potential gelten. Wenn sich z.B. die deutsche Fraport f&uuml;r die Staatsanteile am Athener Flughafen interessiert (an dem bereits das Erbauerunternehmen Hochtief beteiligt ist), obwohl die Passagierzahlen aktuell r&uuml;ckl&auml;ufig sind, d&uuml;rfte sie einen kr&auml;ftigen Preisabschlag im Auge haben &ndash; und am Ende auch durchsetzen k&ouml;nnen. Dasselbe gilt f&uuml;r die Hafenanlagen im ganzen Land, f&uuml;r sich angeblich franz&ouml;sische und t&uuml;rkische (!) Unternehmen interessieren.<\/li>\n<\/ol><p>Gegen zu niedrige Erl&ouml;se gibt es theoretisch ein Abwehrmittel: Der Staat kann versuchen, Gleitklauseln auszuhandeln und Nachschl&auml;ge auf die aktuell erzielten Preise durchsetzen, also quasi eine Beteiligung an Gewinnen in bessere Zeiten. Aber auch hier hat eine Regierung, die am Rand des Staatsbankrotts steht, in Verkaufsverhandlungen mit privaten Interessenten ziemlich schlechte Karten. <\/p><p><strong>Angebot und Nachfrage<\/strong><\/p><ol start=\"8\">\n<li>Im Fall Griechenland ist die Lage aber noch schlimmer. F&uuml;r viele Privatisierungsobjekte d&uuml;rften K&auml;ufer nur schwer zu finden sein. Das zeigt sogar der Fall des Telefonunternehmens OTE: Die Deutsche Telecom hat sich 2008 verpflichtet, dem griechischen Staat weitere 10 Prozent &ndash; von den 20 Prozent der staatlichen Anteile &ndash; zu einem bereits fixierten Preis von 400 Millionen Euro abkaufen. Diese Option wird jetzt von der Regierung Papandreou gezogen. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung (vom 28.\/29.Mai, S.25) charakterisiert dies zurecht als &bdquo;eher widerwilligen&ldquo; Beitrag zur Sanierung des griechischen Staatshaushalts, denn der Kauf komme f&uuml;r die Telecom zum &bdquo;denkbar ung&uuml;nstigsten Zeitpunkt&ldquo;. Deshalb rechnet in Athen niemand damit, dass das deutsche Unternehmen in absehbarer Zeit dem griechischen Staat auch noch die restlichen 10 Prozent abkaufen wird, wozu es laut Vertrag berechtigt w&auml;re.<\/li>\n<li>Die &bdquo;unzeitgem&auml;&szlig;e&ldquo; Investition der Telecom verweist auf ein weiteres Problem: Das deutsche Unternehmen f&uuml;hlt sich nicht mehr zum &bdquo;strategischen Investor&ldquo; berufen, den die Griechen f&uuml;r ihre teilstaatlichen Unternehmen verzweifelt suchen. Eine der wichtigsten Aspekte f&uuml;r einen auf Privatisierung setzenden defizit&auml;ren Staat ist die Finanzierung von Zukunftsinvestitionen, die aus &ouml;ffentlichen Mitteln nicht aufgebracht werden k&ouml;nnen. Wichtig sind in solchen F&auml;llen die Bedingungen, die ein &bdquo;strategischer Investor&ldquo; mit dem verkaufenden Staat aushandelt. Auch hier hat ein bankrotter Staat nat&uuml;rlich schlechte Karten. Das hat sich schon in dem Fall gezeigt, den die Athener Regierung als ihren erfolgreichsten &bdquo;Deal&ldquo; des letzten Jahrzehnts betrachtet: der Verpachtung von zwei Piers des Container-Hafens von Pir&auml;us f&uuml;r 35 Jahre an das chinesische Staatsunternehmen Cosco (f&uuml;r 4,3 Mrd. Euro). Die Chinesen waren erst bereit, den Vertrag mit einem zugesagten Investitionsvolumen von fast einer Milliarde Euro zu unterzeichnen, nachdem der Verk&auml;ufer (die staatliche Hafengesellschaft OLP) den Personalbestand der ver&auml;u&szlig;erten Verladeanlagen drastisch reduziert hatte. Das kostete den Staat damals Abfindungen in H&ouml;he von mehreren Hundert Millionen Euro f&uuml;r die Fr&uuml;hpensionierung von nur knapp 600 Hafenarbeitern &ndash; damit Cosco einen schlankeren Personalbestand &uuml;bernehmen konnte (die L&ouml;hne der Hafenarbeiter lagen um das Dreifache &uuml;ber dem griechischen Durchschnittslohn von ca. 32 000 Euro). Das Beispiel zeigt, dass einem fast bankrotten Staat jeder &bdquo;strategische Investor&ldquo;, der sich in ein staatliches oder teilstaatliches Unternehmen einkauft, seine eigenen Rahmenbedingungen diktieren kann.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Moral von der Geschichte<\/strong><\/p><ol start=\"10\">\n<li>Um es zusammenzufassen: Nach einer Analyse von Daniel Gros, dem Direktor des Br&uuml;sseler Center for European Studies, glaubt niemand ernsthaft, dass die griechische Regierung die anvisierten 50 Mrd. Euro an Privatisierungserl&ouml;sen &bdquo;schnell genug realisieren kann, um die aktuelle Situation wesentlich zu ver&auml;ndern&ldquo; (beziehungsweise, wie er malizi&ouml;s anmerkt, &bdquo;um sich bis zur n&auml;chsten deutschen Bundestagswahl durchfinanzieren zu k&ouml;nnen&ldquo;).<br>\nDie Begr&uuml;ndung von Gros: &ldquo;Es ist &auml;u&szlig;erst unwahrscheinlich, dass Ausl&auml;nder auf einmal Milliarden in ein Land investieren, das am Rand des Zusammenbruchs steht, das nicht einmal ein funktionierendes Kataster und klare Regeln &uuml;ber Bauverbote und Industrieansiedlung hat, und &uuml;berdies mit einer undurchsichtigen B&uuml;rokratie geschlagen ist.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Als wahrscheinlichste Entwicklung beschreibt Gros folgendes Szenario: Zwar werde es ein lebhaftes Interesse f&uuml;r die von der Regierung ver&auml;u&szlig;erten Unternehmensanteile geben, aber nur wenige ausl&auml;ndische Investoren &bdquo;werden tats&auml;chlich bereit sein, einen Deal abzuschlie&szlig;en und bares Geld f&uuml;r Objekte zu zahlen, von denen sie erwarten k&ouml;nnen, dass man sie im weiteren Verlauf der Krise viel billiger erwerben kann.&ldquo;<\/p><p>Diese letzte Bemerkung unterstellt freilich, dass ein &bdquo;haircut&ldquo; und die &bdquo;Zwangsausweisung&ldquo; aus der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion in die Drachmenzone gar nicht mehr zu vermeiden seien. Das verweist indirekt wiederum auf die oben angesprochen Hierarchie der &bdquo;kleineren &Uuml;bel&ldquo; (uns selbst diese sind im Fall Griechenland riesengro&szlig;e). Die R&uuml;ckkehr zur Drachme w&uuml;rde die krasseste Form des &bdquo;Ausverkaufs&ldquo; nicht nur &ouml;ffentlichen, sondern auch privaten griechischen Besitzes bedeuten: Alle reichen Griechen, die bereits gro&szlig;e Eurobest&auml;nde ins Ausland geschafft haben, w&uuml;rden sich mittels billig eingetauschter Drachmen die Besitztitel aneignen, die als &bdquo;Notverk&auml;ufe&ldquo; auf den idealen K&auml;ufermarkt geworfen werden. Und nat&uuml;rlich w&uuml;rde sich das Auslandskapital bei dieser &bdquo;Fiesta&ldquo; die gr&ouml;&szlig;ten Brocken aneignen, zum Beispiel im Tourismussektor. F&uuml;r die griechische Gesellschaft w&auml;re das Resultat eine historisch einmalige Verm&ouml;gensumverteilung, deren Dimensionen die gesellschaftlichen &bdquo;Verluste&ldquo;, die bei dem aktuellen, durch die pure Not erzwungenen Privatisierungsprogramm anfallen, weit in den Schatten stellen w&uuml;rden. <\/p><p>Die &bdquo;Moral von der Geschichte&ldquo;: Im Fall Griechenland sind die realen Dilemmata so gro&szlig;, dass eine rein &bdquo;moralische&ldquo; Betrachtung &ndash; wie etwa die von Attac &ndash; darauf hinausl&auml;uft, die Augen vor der tats&auml;chlichen Misere der griechischen Gesellschaft zu verschlie&szlig;en &ndash; und damit vor der Realit&auml;t zu kapitulieren.<\/p><p>Das hei&szlig;t allerdings noch lange nicht, dass man das jetzt von der Regierung vorgelegte Privatisierungsprogramm f&uuml;r richtig, geschweige denn f&uuml;r erfolgreich halten m&uuml;sste.<\/p><p><em>PS: Die gestrige Sonntagsausgabe der Athener Zeitung Kathimerini hat eine historische Facette aufgedeckt, die ein fatales Versagen der &ldquo;EU-Aufsicht&rdquo; &uuml;ber die griechische Staatsschuld dokumentiert. Bereits im Juli 2009 hat Joaquin Almunia, der damalge EU-Kommissar f&uuml;r Finanz- und W&auml;hrungsfragen die Finanzminister der Eurozone darauf hingewiesen, dass der <strong>Regierung Karamanlis<\/strong> in Athen das Staatsdefizit aus dem Ruder zu laufen droht. In seinem Bericht vom 2. Juli 2009 hei&szlig;t es w&ouml;rtlich: &ldquo;Die Umsetzung des Haushaltsplans f&uuml;r den Zeitraum Januar bis M&auml;rz weicht offenbar betr&auml;chtlich von dem angestrebten Jahresziel ab&hellip; Wenn diese Tendenz anh&auml;lt, wird das Defizit der Zentralregierung im Lauf des Jahres die Marke von 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts &uuml;berschreiten, was dem offiziellen Ziel eines Defizits von 5 Prozent des BIP zuwiderl&auml;uft.&rdquo;<br>\n&Uuml;ber Reaktionen auf diesen Brandbrief in den Hauptst&auml;dten der Eurozone ist nichts bekannt. Eine versch&auml;rfte Aufsicht &uuml;ber den griechischen Haushalt wurde jedenfalls auf dem EU-Gipfel vom Juli 2009 nicht beschlossen. Wohl aber wurde der damalige griechische Finanzminister Papathasaniou von Almunia zu einer Unterredung vorgeladen. Danach versicherte dieser noch am 7. Juli vor griechischen Journalisten in Br&uuml;ssel, seine Regierung strebe nach wie vor an, das Haushaltsdefizit bis Ende 2009 auf 3,7 Prozent zu reduzieren. Obwohl er nach dem Inhalt seiner Unterredung mit Almunia gefragt wurde, erw&auml;hnte er dessen Warnung vor einem zweistelligen Defizit nicht. Im Oktober musste dann die <strong>neu gew&auml;hlte Regierung Papandreou<\/strong> entdecken, dass die <strong>ND-Regierung<\/strong> tats&auml;chlich das von Almunia bef&uuml;rchtete zweistellige Defizit hinterlassen hatte. Die genaue H&ouml;he konnte erst im Fr&uuml;hjahr 2010 ermittelt werden, sie lag bei 15,4 Prozent.<\/em><\/p><p><em>Der Verfasser des Berichts von Kathimerini, Kostas Karkayiannis, hat bei Eurozonen-Chef Juncker, den EU-Kommissionspr&auml;sidenten Barroso und den Finanzministern Frankreichs und Deutschlands, Lagarde und Sch&auml;uble, nachgefragt, warum sie damals von der griechischen Regierung keine entschiedenen Schritte gegen die drohende Ausweitung des Defizits gefordert haben. Juncker antwortete, er wolle nichts zu dem Thema sagen, Herr Barroso, Frau Lagarde und Herr Sch&auml;uble haben bislang nicht reagiert.<\/em><\/p><p><strong>Niels Kadritzke<\/strong>, Jahrgang 1943, ist Redakteur der deutschen Ausgabe von &bdquo;Le monde diplomatique&ldquo;. Der studierte Politikwissenschaftler und Soziologe war zuvor u.a. Ressortleiter Ausland der 1996 eingestellten &bdquo;Wochenpost&ldquo;, freier Journalist, Dozent an der FU Berlin, Lektor bei Rotbuch und &Uuml;bersetzer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nebenbei bemerkt, flocht der Moderator im Fr&uuml;hprogramm des griechischen Staatssenders NET am letzten Dienstag ein, seit acht Monaten habe er kein Gehalt mehr bezogen. Das Mitleid der TV-Zuschauer d&uuml;rfte sich in Grenzen gehalten haben. 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