{"id":96053,"date":"2023-04-10T14:00:15","date_gmt":"2023-04-10T12:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96053"},"modified":"2023-04-10T14:36:15","modified_gmt":"2023-04-10T12:36:15","slug":"arno-luik-rauhnaechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96053","title":{"rendered":"Arno Luik &#8211; Rauhn\u00e4chte"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Gestern war ich noch mitten im Leben, heute bin ich drau&szlig;en und mit dem konfrontiert, was wir alle wissen, die meisten irgendwie verdr&auml;ngen. Doch f&uuml;r mich ist es nicht mehr m&ouml;glich, dieses Wissen auszublenden: dass wir alle sterben m&uuml;ssen. Das Mistviech in meinem K&ouml;rper h&auml;mmert mir dieses Wissen ja ohne Unterlass in den Kopf: Ich hab&lsquo; Dich im Griff! Und ich w&uuml;rde es gerne anbr&uuml;llen: Komm raus, Du bl&ouml;des Viech! Aber das b&ouml;se Tier denkt nicht daran. Ob Bestrahlung, Chemo es zerm&uuml;rben, erw&uuml;rgen?&ldquo;<\/em> Diese Zeilen stammen aus dem Buch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/rauhnaechte.html?listtype=search&amp;searchparam=rauhn%C3%A4chte\">&bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo;<\/a> des Bestseller-Autors <strong>Arno Luik<\/strong> &ndash; f&uuml;r ihn mit Abstand der wichtigste Text, den er in seinem Leben<strong>&nbsp;<\/strong>geschrieben hat. Ein Text, entstanden in einer Extremsituation, der, ja, auch deswegen anregt,&nbsp;das Selbstverst&auml;ndliche nicht als Selbstverst&auml;ndliches zu sehen. Nach seiner Krebsdiagnose, die Luik im vergangenen Sp&auml;tsommer bekam, macht er das, was er vorher nie tat: Er schreibt ein Tagebuch. Er notiert seine Innenansichten, seine Albtr&auml;ume, seine Sehnsucht nach Leben &ndash; aber pl&ouml;tzlich geht es um viel mehr: um diese zerrissene, maltr&auml;tierte Welt. Die so sch&ouml;n sein k&ouml;nnte, wenn, zum Beispiel, die Regierenden nicht &hellip;&nbsp;Ein Auszug aus dem Buch, das am 3. April erschienen ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>16. Oktober 2022<\/strong><\/p><p>Seit ungef&auml;hr 14&nbsp;Tagen, seit der sogenannte Port in meinen K&ouml;rper eingepflanzt wurde, schaue ich meinen Oberk&ouml;rper im Spiegel nicht mehr an. Dieser kleine Hubbel, Buckel, H&uuml;gel, diese kleine Unebenheit, gro&szlig; wie eine 50-Cent-M&uuml;nze, ein paar Zentimeter &uuml;ber der rechten Brustwarze, in den bei der Chemo die Infusionen in meinen K&ouml;rper gehen werden, erinnert mich st&auml;ndig daran, dass ich krank bin.<\/p><p><strong>17. Oktober 2022<\/strong><\/p><p>Jetzt geht&rsquo;s los. Ich bin im UKE, ich liege im MRT, werde hin- und hergefahren; ich versuche, mich von allem wegzutr&auml;umen&nbsp;&hellip; h&ouml;re die Stimme einer Krankenschwester, &raquo;Ihre Blase ist recht voll, wollen Sie sich noch erleichtern&nbsp;&hellip;?&laquo; Ich will gar nix, ich will abtauchen, weg von diesen Ger&auml;ten, diesem Summen und Brummen, ich&nbsp;&hellip; <\/p><p>&hellip; vorvergangenen Sonntag waren Wahlen in Niedersachsen, sie gingen mehr oder weniger aus wie erwartet: Es wird eine rot-gr&uuml;ne Regierung geben.<\/p><p>Zwar haben die Gr&uuml;nen etwas weniger Stimmen bekommen, als sie erhofft hatten&nbsp;&ndash; sie kamen aber immerhin auf knapp 15&nbsp;Prozent der W&auml;hlerstimmen.<\/p><p>15&nbsp;Prozent. Bedr&uuml;ckend. <\/p><p>Bei der Frage, wen w&uuml;rden Sie kommenden Sonntag bei der Bundestagswahl w&auml;hlen, liegen die Gr&uuml;nen auf Platz zwei, bei rund 20&nbsp;Prozent. <\/p><p>20&nbsp;Prozent. Sehr bedr&uuml;ckend. <\/p><p>Denn: Die Gr&uuml;nen sind die Partei, die wie keine andere f&uuml;r Aufr&uuml;stung, Krieg, Konfrontation mit Russland, das es (O-Ton Baerbock) &raquo;zu ruinieren&laquo; (!) gilt, steht.<\/p><p>20&nbsp;Prozent der W&auml;hler (und W&auml;hlerinnen) sind damit f&uuml;r eine Partei, die mit einer au&szlig;ergew&ouml;hnlichen moralischen Rigidit&auml;t und einem selbstgerechten Furor f&uuml;r eine Politik eintritt, die in den Dritten Weltkrieg f&uuml;hren kann.<\/p><p>In den 1990er-Jahren war ich mal Chefredakteur der taz. Es war die Zeit der aufziehenden Balkankriege. Ich hielt die Nato-Osterweiterung f&uuml;r keine gute Idee, ich war (auch mit Kommentaren) gegen eine Beteiligung der deutschen Armee an diesen Kriegen. Gegen diese Position (g)eiferten Teile des taz-Auslandsressorts, des Meinungsressorts, des Inlandsressorts. <\/p><p>Der Hintergrund: Die Gr&uuml;nen mit Joschka Fischer wollten damals mit aller Macht an die Macht, und das hie&szlig;: Bedingungsloses Ja zu Nato und zur Bundeswehr, bedingungsloses Ja zur Nato-Osterweiterung, Ja zu einer m&ouml;glichen Beteiligung an dem absehbar drohenden Angriffskrieg gegen Serbien.<\/p><p>Und Joschka Fischer war klar, dass es extrem wichtig ist, dass die taz als Sprachrohr der Gr&uuml;nen, auch linker (Gegen)-&Ouml;ffentlichkeit, auf diesen Pro-Nato-Kurs einschwenkt und ihn publizistisch unterst&uuml;tzt&nbsp;&ndash; dass dies viel wichtiger ist als das selbstverst&auml;ndliche Ja der FAZ zum Militarismus.<\/p><p>Es ging um nichts weniger als die Umerziehung einer Bev&ouml;lkerung, die kritisch gegen&uuml;ber der Armee, in ihrer &uuml;berwiegenden Mehrheit ablehnend gegen Kriegseins&auml;tze war. Es galt, die Skepsis, die Unwilligkeit der zu vielen Friedenswilligen zu &uuml;berwinden. Es ging darum, den gr&uuml;n-alternativen Pazifismus, dieses l&auml;stige Gedankengut, auf den M&uuml;llhaufen der Geschichte zu werfen. <\/p><p>Es war ein Kampf um die Herzen und K&ouml;pfe.<\/p><p>Entsprechend heftig agierten Fischers Bodentruppen in der taz gegen mich, machten mir das Leben schwer.<\/p><p>Ein Beispiel: Ich wusste, dass Rolf Winter, gro&szlig;er Journalist der alten BRD, Ex-Stern-Chef, Ex-Geo-Chef, aufgrund pers&ouml;nlicher Erfahrungen in Jugoslawien w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs ein Anti-Militarist geworden ist. Ihn bat ich, einen Essay &uuml;ber den um sich greifenden Militarismus zu schreiben&nbsp;&ndash; heraus kam ein fulminantes pazifistisches Manifest. Nur: F&uuml;r mich war es unm&ouml;glich, diesen Essay in der taz zu publizieren; das ginge, hie&szlig; es, in dieser historischen Situation nicht. <\/p><p>Fast zwei Wochen lang gab es t&auml;glich heftige Streitereien und Diskussionen, auch Weinkr&auml;mpfe wegen dieses Artikels. In einer Redaktionskonferenz sagte ich irgendwann, genervt, frustriert, entt&auml;uscht: Die Linke hat auch eine pazifistische Tradition, auch die Gr&uuml;nen haben zum Teil eine pazifistische Geschichte, und nun sagt ihr mir: Diesen Artikel k&ouml;nnen wir in der taz nicht drucken? Also, meinte ich, das hie&szlig;e doch im Klartext, wir k&ouml;nnten heute Wolfgang Borcherts gro&szlig;es Gedicht &raquo;Dann gibt es nur eins!&laquo; auch nicht mehr drucken? Darin hei&szlig;t es ja: &raquo;Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kocht&ouml;pfe mehr machen&nbsp;&ndash; sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. Dann gibt es nur eins: Sag NEIN!&laquo;<\/p><p>Schlie&szlig;lich haben wir uns so geeinigt, dass Rolf Winters Friedensaufruf neben einen Essay gestellt wurde, der f&uuml;r Bundeswehreins&auml;tze, f&uuml;r das Ja zur Nato warb. Gleichwohl, die Bellizisten in der taz k&auml;mpften weiter&nbsp;&ndash; mit einem Eifer (der sich auch aus Renegatentum speiste), dem man rational nicht begegnen konnte. Sie k&auml;mpften damals schon f&uuml;r die &raquo;Zeitenwende&laquo;, die Enttabuisierung des Milit&auml;rs. Und so gaben mein Co-Chef und ich irgendwann entnervt auf. Wir kapitulierten. Wir k&uuml;ndigten.<\/p><p>Die Bellizismus-Saat, die damals ges&auml;t wurde, die die taz &uuml;bernahm und seither sorgsam pflegt, ist heute aufgegangen und erlebt ihre Bl&uuml;te in Figuren wie Anton Hofreiter, Annalena Baerbock, Robert Habeck. Die sich qu&auml;len, debattieren, zweifeln&nbsp;&ndash; um dann, immer wieder erwartbar, zu sagen: Ja! <\/p><p>Ja zu Waffen in Krieg f&uuml;hrende Scharia-Staaten; Ja, dass Schrott-AKWs l&auml;nger laufen. Ja, um Kohle abbaggern zu lassen. Ja, um umweltsch&auml;dliches Fracking-Gas zu ordern; Ja, um immer schwerere Waffen f&uuml;r die Ukraine zu fordern und zu liefern, um China zu drohen, kurz: um eine Realpolitik zu betreiben, die surreal ist&nbsp;&ndash; und alles gef&auml;hrdet. <\/p><p>Das einzige Prinzip, das diese Partei hochh&auml;lt, dem sie sich verpflichtet f&uuml;hlt, seit Langem: Prinzipienlosigkeit. Und: Machtgeilheit.<\/p><p>Bin ich gemein? <\/p><p>Vor vielen Jahren, Anfang der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, f&uuml;hrte ich ein Gespr&auml;ch mit Otto Graf Lambsdorff, einem der gr&ouml;&szlig;ten Polit-Schlawiner der BRD, Ehrenvorsitzender der FDP, verwickelt in Mauscheleien der unfeinsten Art, Flickskandal, Steuerskandale. Seine Maxime: Nehmt den Armen, gebt den Reichen. F&uuml;r den Spiegel-Gr&uuml;nder Rudolf Augstein war Lambsdorff &raquo;der Spitzenpolitiker mit der bekleckertsten Weste&laquo;, der &raquo;rotzfreche Graf&laquo;.<\/p><p>Er also, der oberschlaue, skrupellose Politstratege, h&ouml;hnte damals &uuml;ber die Gr&uuml;nen und Joschka Fischer so: &raquo;Mit dem Herrn Fischer k&ouml;nnen Sie alles haben. Den interessieren seine Parteiprogramme &uuml;berhaupt nicht. Sie wissen nie, wo Sie mit ihm dran sind. Das einzig Zuverl&auml;ssige bei ihm ist seine absolute Unzuverl&auml;ssigkeit&nbsp;&ndash; ich meine das nicht moralisch, sondern politisch. Der Mann ist so wendig, dass er schon um die n&auml;chste Ecke rum ist, bevor Sie mit ihm anfangen zu streiten.&laquo;<\/p><p>Damals fand ich diese Einsch&auml;tzung Fischers (und somit der Gr&uuml;nen) frech. <\/p><p>Heute ist das die n&uuml;chterne Analyse dieser Partei. Einer Partei, die alle Grunds&auml;tze, die mal zu ihrer Gr&uuml;ndung f&uuml;hrten, nachhaltig entsorgt hat. Nur eines hat sie behalten: ihr pietistisches Moralisieren. Bei allem Verrat&nbsp;&hellip;<\/p><p>&hellip; ich sp&uuml;re, wie auf meinem K&ouml;rper etwas eingezeichnet wird, Punkte und Striche, dort, genau dort sollen ab kommendem Montag die Strahlen hin. &raquo;Sie k&ouml;nnen sich nun wieder anziehen.&laquo;<\/p><p><em>Arno Luik: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/rauhnaechte.html?listtype=search&amp;searchparam=rauhn%C3%A4chte\">&bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo;, 192 Seiten, Westend Verlag, 3. April 2023<\/a><\/em><\/p><p>Titelbild: &copy; Andreas Herzau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Gestern war ich noch mitten im Leben, heute bin ich drau&szlig;en und mit dem konfrontiert, was wir alle wissen, die meisten irgendwie verdr&auml;ngen. Doch f&uuml;r mich ist es nicht mehr m&ouml;glich, dieses Wissen auszublenden: dass wir alle sterben m&uuml;ssen. Das Mistviech in meinem K&ouml;rper h&auml;mmert mir dieses Wissen ja ohne Unterlass in den Kopf: Ich<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96053\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96055,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[194,182,161],"tags":[3293,714,929,590],"class_list":["post-96053","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gruene","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-wertedebatte","tag-bellizismus","tag-fischer-joschka","tag-krankheiten","tag-taz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/230410_luik.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96053"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96053\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96164,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96053\/revisions\/96164"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96055"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}