{"id":96169,"date":"2023-04-11T09:10:58","date_gmt":"2023-04-11T07:10:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96169"},"modified":"2023-04-11T11:04:23","modified_gmt":"2023-04-11T09:04:23","slug":"von-der-schoenheit-der-werte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96169","title":{"rendered":"Von der Sch\u00f6nheit der Werte"},"content":{"rendered":"<p>Werte k&ouml;nnen Orientierung geben. Wer sich allerdings nur &ouml;ffentlich mit ihnen br&uuml;stet, wird schnell politikunf&auml;hig. Denn Politik ist nichts anderes als das m&uuml;hsame Gesch&auml;ft des permanenten Austarierens von Interessen. Von<strong> Leo Ensel<\/strong> mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/von-der-schoenheit-der-werte\/\">Globalbridge<\/a>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>&bdquo;Das &Uuml;bel der Welt hat seinen Ursprung ausgerechnet<br>\nin der Arroganz derer, die sich f&uuml;r die Guten halten!&ldquo;<br>\n(Papst Franziskus)<\/p><\/blockquote><p>Werte sind etwas Feines. Sie geben Orientierung und verbreiten stets eine feierlich-andachtsvolle Stimmung, wenn man sich &ouml;ffentlich mit ihnen schm&uuml;ckt. Der Glanz dieses hehren Wortes f&auml;rbt sofort ab auf denjenigen &ndash; und erst recht diejenige &ndash;, der oder die es in den Mund nimmt. Das Charakteristische von Werten ist, dass sie, einmal postuliert, die Aura des Unhinterfragbaren annehmen. Was fr&uuml;her Gott war, das sind heute die zelebrierten Werte. Sie sind das neue Absolute.<\/p><p><strong>Beyond discussion<\/strong><\/p><p>Und daher sind sie, wie Gott, auch nicht hinterfragbar. Man kann sie verehren, sie wie eine Monstranz vor sich hertragen, man kann &ndash; mehr oder weniger erfolgreich &ndash; versuchen, sein Handeln nach ihnen auszurichten, aber man kann &uuml;ber sie nicht diskutieren. Genau das macht Werte so gef&auml;hrlich: <em>Sie sind beyond discussion! <\/em>Sie sind &ndash; anders als Interessen &ndash; nicht verhandelbar.<\/p><p>Nun haben andere L&auml;nder, V&ouml;lker, Kulturen auch Werte. Andere. Die f&uuml;r sie ebenfalls nicht verhandelbar sind. Und da es sich hier in allen F&auml;llen um das jeweils Absolute handelt, gibt es &ndash; &sbquo;Gott&lsquo; sei&lsquo;s geklagt! &ndash; auch keinen allgemein anerkannten &uuml;bergeordneten Ma&szlig;stab, der im Diskurs &ndash; im zumindest deklamatorisch immer wieder bem&uuml;hten &bdquo;Dialog der Kulturen&ldquo; &ndash; allen Beteiligten verbindliche Orientierung g&auml;be.<\/p><p>Ich habe auch Werte. Und ich habe &ndash; aber das bleibt bitte unter uns! &ndash; auch immer mal wieder gegen sie versto&szlig;en. Und ich f&uuml;rchte, ich bin nicht der Einzige. Als Menschen sind wir ja alle &ndash; bezogen auf das jeweilige Absolute &ndash; S&uuml;nder! Etwas mehr Demut im Umgang mit Werten w&auml;re also durchaus angebracht.<\/p><p><strong>Das Ende der Politik<\/strong><\/p><p>Was allerdings &ndash; zumindest in der offiziellen Politik des Westens, aber vermutlich nicht nur dort &ndash; nicht gerade g&auml;ngige Praxis ist. Nehmen wir exemplarisch unsere junge gr&uuml;ne Au&szlig;enministerin, die sich ihr &ndash; nicht selten vor den Augen der gesamten Welt&ouml;ffentlichkeit inszeniertes &ndash; Werte-Geprotze einfach nicht verkneifen kann. Zu verf&uuml;hrerisch ist das wohlige Gesuhle in der (gef&uuml;hlten) moralischen Superiorit&auml;t! Die Folgen sind fatal: Statt zum Beispiel alle &ndash; <em>alle!!<\/em> &ndash; &uuml;berhaupt denkbaren diplomatischen Initiativen zu starten, um das Blutvergie&szlig;en in der Ukraine schnellstm&ouml;glich zu beenden und eine weitere &ndash; im Worst Case sich ins Unermessliche steigernde &ndash; Eskalation gerade noch zu verhindern, verrecken ungez&auml;hlte ukrainische und (ja, auch!!) russische Soldaten. Von den get&ouml;teten, verletzten, gefl&uuml;chteten und gesch&auml;ndeten Zivilpersonen und der zerst&ouml;rten Infrastruktur dies- und jenseits der Frontlinien ganz zu schweigen.<\/p><p>Kurz: Wer politisches Handeln nur noch auf feierliches Werte-Gebete reduziert, wird sehr schnell politikunf&auml;hig!<\/p><p>Mit den Werten und ihren als Politiker-Sternchen-innen verkleideten Priester-Doppelpunkt-innen ist es wie mit der ber&uuml;hmten Max Weber&lsquo;schen Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik: <em>&bdquo;Verantwortlich f&uuml;hlt sich der Gesinnungsethiker nur daf&uuml;r, dass die Flamme der reinen Gesinnung nicht erlischt!&ldquo;<\/em> &ndash; Die Folgen? So what!! Hauptsache, die Reinheit der Werte wird nicht durch die Niederungen der Realpolitik, die ja notwendig auf Kompromisse abzielt, beschmutzt.<\/p><p><strong>Lob der Interessen<\/strong><\/p><p>Das Wort &bdquo;Interesse&ldquo; verbreitet keinen Weihrauch. Es klingt eher schmutzig, es stinkt nach Egoismus. Aber es hat einen unsch&auml;tzbaren Vorteil: <em>&Uuml;ber Interessen kann man ins Gespr&auml;ch, in Verhandlungen kommen. <\/em>Wie ja Politik &uuml;berhaupt nichts anderes ist als das permanente &ndash; hoffentlich einigerma&szlig;en zivilisierte!! &ndash; Austarieren unterschiedlicher Interessen. Mit einem Wort: Wer &uuml;ber Interessen spricht, ist wenigstens ehrlich!<\/p><p>Nach wie vor gilt die klassische Sentenz, die der damals 91-j&auml;hrige Egon Bahr im Dezember 2013 &ndash; &uuml;brigens unter der &Uuml;berschrift <a href=\"https:\/\/www.rnz.de\/region\/heidelberg_artikel,-Heidelberg-Egon-Bahr-schockt-die-Schueler-Es-kann-Krieg-geben-_arid,18921.html\">&bdquo;Wir leben in einer Vorkriegszeit!&ldquo;<\/a> &ndash; Heidelberger Sch&uuml;lern ins Stammbuch schrieb:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das &ndash; egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erz&auml;hlt!&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Interessengeleitete Politik schlie&szlig;t &uuml;brigens eine grunds&auml;tzliche <em>Orientierung <\/em>an Werten gar nicht aus. Man sollte sich allerdings tunlichst mit ihnen nicht coram publico weit aus dem Fenster lehnen. Werte eignen sich als <em>innerer<\/em> Kompass f&uuml;r das eigene Handeln. <em>Zelebrieren<\/em> sollte man seine Werte nur im stillen K&auml;mmerlein vor dem Hausaltar. Wer sich &ouml;ffentlich mit ihnen br&uuml;stet, riskiert auch, an ihnen <em>gemessen<\/em> zu werden &ndash; wie zum Beispiel der Westen mit der von ihm herbeigebombten &sbquo;Zeitenwende&lsquo; im Fr&uuml;hjahr 1999 in Jugoslawien oder 2003 im Irak!<\/p><p>Wer Andacht sch&auml;tzt, sollte daher das &ouml;ffentliche Wertegequassel aufgeben und stattdessen einen Gottesdienst besuchen!<\/p><p>PS: Zu den (wenigen) Dingen, die ich im Leben gelernt habe, nein: zu denen das Leben mich <em>gepr&uuml;gelt<\/em> hat, geh&ouml;rt folgende Einsicht: <em>Je moralisierender Menschen oder Organisationen<\/em> &ndash; mit welchen Argumenten und vor welchem &sbquo;ideologischen&lsquo; Hintergrund auch immer &ndash; <em>auftreten,<\/em> je mehr sie uns unter Druck setzen, m&ouml;glichst sofort dies zu tun oder jenes zu lassen, je weihevoller die Worte klingen, die sie daf&uuml;r &sbquo;ins Feld f&uuml;hren&lsquo;, <em>desto mehr sollte man sich vor ihnen in Acht nehmen!<\/em> Denn wer sich im Besitz der alleinseligmachenden Erkenntnis, Moral oder gar Gnade w&auml;hnt, der wird &ndash; wie die katholische und die stalinistische Inquisition bewiesen haben &ndash; zwangsl&auml;ufig intolerant, nein: brutal, nein: m&ouml;rderisch.<\/p><p>Der Weg von der Tugend zum Terror kann &ndash; siehe Robespierre &ndash; verdammt kurz sein!<\/p><p>Titelbild: Alexandros Michailidis\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werte k&ouml;nnen Orientierung geben. 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