{"id":96176,"date":"2023-04-11T10:00:43","date_gmt":"2023-04-11T08:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96176"},"modified":"2023-04-13T19:00:17","modified_gmt":"2023-04-13T17:00:17","slug":"11-gebot-du-sollst-deinen-kirchentag-selbst-bezahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96176","title":{"rendered":"11. Gebot: \u00bbDu sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Christliche Gro&szlig;-Events wie &raquo;Kirchentage&laquo; werden aus Steuergeldern mit Millionen gro&szlig;z&uuml;gig subventioniert. Warum eigentlich? Gibt es nicht das Verfassungsgebot der Trennung von Staat und Kirche? Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Beendigung staatlichen Geld-Segens. Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4256\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96176-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96176-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230411-Kirchentag-selbst-bezahlen-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Alle Jahre wieder findet hierzulande ein Kirchentag statt, immer im Wechsel, mal ein katholischer, mal ein evangelischer &ndash; und immer in einer anderen Stadt. Das Ganze hat Event-Charakter, es gibt Musik, Tanz, gemeinsames Gebet und jede Menge Vortr&auml;ge &uuml;ber Gott und die Welt. Ein straff organisiertes Himmels-Festival mit Zeltlager-Flair. Diesmal trifft sich das Gottes-Volk in N&uuml;rnberg, zum 38. Evangelischen Kirchentag im Juni.<\/p><p>Der Freistaat Bayern unterst&uuml;tzt mit 5,5 Millionen Euro die Kirchen-Veranstaltung gro&szlig;z&uuml;gig. Bei der symbolischen Scheck&uuml;bergabe im Heimatministerium in N&uuml;rnberg sagte Ministerpr&auml;sident S&ouml;der, es sei eine Freude, dass der Kirchentag zum zweiten Mal nach 1979 in N&uuml;rnberg stattfinde. <em>&bdquo;Evangelisch is coming home, sozusagen&hellip;&rdquo;,<\/em> so der CSU-Mann im Marketing-Jargon. Weitere drei Millionen Euro gibt es aus dem st&auml;dtischen Haushalt der Franken-Metropole, die dar&uuml;ber hinaus den Kirchentag auch mit Sachleistungen, wie dem Bereitstellen von Veranstaltungsorten, in H&ouml;he von etwa einer Million Euro unterst&uuml;tzt. Dass die Stadt N&uuml;rnberg mit einem Schuldenstand von 1,9 Milliarden Euro aktuelle Schuldenk&ouml;nigin in Bayern ist, darf hier kurz angemerkt werden.<\/p><p>Die Veranstalter, an der Spitze Ex-CDU-Innenminister Thomas de Maizi&egrave;re, der diesmal als Pr&auml;sident des Kirchentags fungiert, sind hoch erfreut. Der Mann &ndash; einst zust&auml;ndig f&uuml;r Sicherheit und Ordnung, jetzt f&uuml;r Glaube und Hoffnung &ndash;&nbsp; bedankte sich f&uuml;r den staatlichen und st&auml;dtischen Geldsegen &ndash; denn dies, so de Maizi&egrave;re, sei nicht selbstverst&auml;ndlich in Zeiten, in denen die Bedeutung der Kirche abnehme. <\/p><p>Wie recht er hat! Die Kirchen leiden in Deutschland zwar unter Mitgliederschwund, ihnen laufen die Sch&auml;fchen davon. Allein 2021 waren es 640.000&nbsp;Menschen. 280.000 evangelische und 360.000 katholische. Seit Fr&uuml;hjahr 2022 befindet sich in Deutschland erstmals seit Jahrhunderten keine Mehrheit der Menschen mehr im Scho&szlig; der beiden gro&szlig;en Kirchen. Doch mit satten staatlichen Geldzahlungen und Subventionen darf die Kirchen-Lobby weiterhin rechnen, trotz dramatischer Haushalts-Defizite und klammer kommunaler Kassen. In N&uuml;rnberg hat sich der&nbsp;<em>Bund f&uuml;r Geistesfreiheit (bfg) Bayern<\/em> in einem Schreiben an die Fraktionen im N&uuml;rnberger Stadtrat gewandt, um gegen die finanzielle Unterst&uuml;tzung des Evangelischen Kirchentags zu protestieren. Nach Auffassung des&nbsp;<em>bfg<\/em>&nbsp;handelt es sich beim kommenden N&uuml;rnberger Kirchentag um eine innerkirchliche Veranstaltung, die vom Verein &raquo;38. Deutscher Evangelischer Kirchentag N&uuml;rnberg 2023 e. V.&laquo; organisiert und durchf&uuml;hrt wird. Aber, &bdquo;es ist nicht die Aufgabe der &ouml;ffentlichen Hand beziehungsweise der Steuerzahler*innen, eine religi&ouml;se Gro&szlig;veranstaltung zu finanzieren&rdquo;, so ein Sprecher.<\/p><p><strong>Wof&uuml;r das staatliche Geld eigentlich eingesetzt wird, bleibt unklar<\/strong><\/p><p>Auch wenn der Bedeutungsverlust un&uuml;bersehbar ist, eine gesellschaftliche Debatte, ob Kirchentage weiterhin aus &ouml;ffentlichen Mitteln unterst&uuml;tzt werden sollen &ndash; also auch von Kirchenfernen, Andersgl&auml;ubigen und Ungl&auml;ubigen &ndash; findet nicht statt. Die Politik verteilt weiterhin gro&szlig;z&uuml;gig Blankochecks. Dabei widerspricht die Kirchentagsf&ouml;rderung dem Grundgesetz: Laut Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes darf &raquo;niemand wegen seines Glaubens oder seiner religi&ouml;sen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden&laquo;. Die Millionen-Gaben verletzen den rechtsstaatlichen Grundsatz der Trennung von Staat und Religion. <\/p><p>Dabei besitzen die Kirchen Milliardenverm&ouml;gen. Allein die Kirchensteuereinnahmen der Evangelischen Kirche betrugen 2021 rund sechs Milliarden Euro. Und die Katholische Kirche nahm 2021 6,73 Milliarden an Kirchensteuer ein. Da bleibt die Frage: Warum finanzieren die Kirchen ihre PR-Veranstaltungen eigentlich nicht selbst?<\/p><p>Die Kirche &ndash; auch so geht&rsquo;s &ndash; tritt nicht als Veranstalter auf. Die Organisation wird vom &raquo;Verein F&ouml;rderung des Deutschen Evangelischen Kirchentags&laquo; oder dem &raquo;Zentralrat der deutschen Katholiken&laquo; &uuml;bernommen. Dazu wird f&uuml;r jeden Kirchentag jeweils ein weiterer eigener Verein gegr&uuml;ndet, der die &ouml;ffentlichen Gelder erh&auml;lt und verwaltet &ndash; und sp&auml;ter wieder aufgel&ouml;st wird. Das hat viele Vorteile. Ein Vorteil: Kirchentage brauchen keine Abrechnung vorzulegen. Religionsgemeinschaften sind in Deutschland nicht rechenschaftspflichtig. Landesrechnungsh&ouml;fe d&uuml;rfen sie nicht &uuml;berpr&uuml;fen. So bleibt intransparent, wof&uuml;r das staatliche Geld eigentlich eingesetzt wird. Transparenz sieht anders aus.<\/p><p><strong>Relevante gesellschaftliche Veranstaltung oder Kirchen-PR-Event<\/strong><\/p><p>Nicht zum ersten Mal gibt es Diskussionen &uuml;ber die Finanzierung von Kirchentagen. In D&uuml;sseldorf hat sich die &raquo;Initiative D&uuml;sseldorfer Aufkl&auml;rungsdienst (DA)&laquo; vorgenommen, mit einem B&uuml;rgerbegehren gegen einen Beschluss des dortigen Stadtrates vom Juni 2022 vorzugehen. Der Rat der Stadt hatte beschlossen, das Christentreffen mit mindestens 5,8 Millionen Euro zu unterst&uuml;tzen. Die Initiative, die f&uuml;r eine aufgekl&auml;rte und humanistisch orientierte Gesellschaft eintritt, will nicht den Kirchentag als solchen verhindern. Sie wendet sich aber gegen die Finanzierung aus &ouml;ffentlichen Mitteln. &bdquo;Von mir aus k&ouml;nnen die Kirchen st&auml;ndig ihre Kirchentage abhalten, sie sollen sie nur selbst bezahlen&ldquo;, meint DA-Vorstand Ricarda Hinz. In einem ersten Schritt braucht es 15.000 Unterschriften von B&uuml;rgern, die auch bei der Kommunalwahl wahlberechtigt w&auml;ren. Wird dieses Quorum erreicht, besteht die M&ouml;glichkeit, den Beschluss mit einem sogenannten B&uuml;rgerentscheid zu stoppen.<\/p><p>Die kirchlichen Veranstalter kontern: &bdquo;Kirchentage sind gesellschaftlich relevante und nachhaltig wirksame Gro&szlig;veranstaltungen&ldquo;. Gef&ouml;rdert w&uuml;rden sie, weil sie mit ihren Zielen in Bezug auf gesellschaftliche Dialogr&auml;ume, interkulturellen Austausch und Partizipation einem breiten &ouml;ffentlichen Interesse dienten. Und sie weisen immer wieder darauf hin, dass sie nicht nur ihre Kirchenmitglieder ansprechen, sondern einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs &uuml;ber ethische und politische aktuelle Fragen erm&ouml;glichen wollen. Das Event sei somit ein Katalysator f&uuml;r b&uuml;rgerschaftliches Engagement.<\/p><p>Wenn man allerdings, wie zuletzt beim Katholikentag in Stuttgart, nur noch 27.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreicht, von denen viele ehren- oder hauptamtliche Helfer waren, wird der Rechtfertigungsdruck nicht geringer. Und das in einer Zeit, in der die Kirchen sich ohnehin in einer Krise befinden und sowohl die Kirchensteuer als auch die immer noch gezahlten Staatsleistungen von aktuell&nbsp;rund einer halben Milliarde Euro pro Jahr erhalten. &Uuml;ber 10 Millionen Euro hatte das Stuttgarter Kirchen-Event gekostet, 4,35 Millionen Euro davon &ndash; und damit etwa 40 Prozent der Gesamtkosten &ndash; kamen aus &ouml;ffentlichen Geldern. Mit 241 Euro pro Besucher erhielt der Stuttgarter Katholikentag eine absurd hohe F&ouml;rderung.<\/p><p><strong>Der Staat muss weltanschaulich neutral sein<\/strong><\/p><p>Von der Kirchenlobby war den &ouml;ffentlichen Geldgebern die Finanzierung mit den &uuml;blichen Argumenten schmackhaft gemacht worden: der vermeintlichen gesamtgesellschaftlichen Relevanz&hellip;<\/p><p>Nein, das gesellschaftliche Engagement vieler religi&ouml;ser Kirchentags-Besucher soll nicht infrage gestellt werden, allerdings engagieren sich &ndash; darauf weisen die D&uuml;sseldorfer Aufkl&auml;rungs-Aktivisten hin &ndash; ebenso auch religionsfreie, andersgl&auml;ubige und ungl&auml;ubige Menschen in unserem Land. Sie erhalten keine auch nur ann&auml;hernd vergleichbare finanzielle Unterst&uuml;tzung. Politikerinnen und Politiker in Deutschland sollten endlich umdenken: Die absurd hohen F&ouml;rdersummen sind mit einem weltanschaulich neutralen Staat nicht zu vereinbaren! In unserer Verfassung steht: &raquo;Es besteht keine Staatskirche&laquo;.<\/p><p>Es ist das gute Recht gl&auml;ubiger Menschen, Kirchentage und sonstige klerikale Spektakel durchzuf&uuml;hren. Wir leben in einer Demokratie. Aber der Staat sollte nirgendwo als Finanzier auftreten, allenfalls als Gast. Polit-Prominenz l&auml;sst sich &ndash; &raquo;als Christenmensch&laquo; &ndash; partei&uuml;bergreifend gerne auf Kirchentagen sehen, kaum ein Podium oder ein Diskussions-Forum findet ohne sie statt. Auch f&uuml;r die tempor&auml;re Pr&auml;sidentschaft stehen ehemalige und amtierende Politikerinnen und Politiker gerne &raquo;ehrenamtlich&laquo; zur Verf&uuml;gung. Die gr&uuml;ne Politikerin Katrin G&ouml;ring-Eckardt, heute Bundestags-Vizepr&auml;sidentin, war von 2009 bis 2013 Pr&auml;ses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Parallel auch Pr&auml;sidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2011. Als Privatperson mag sie in der Kirche &rdquo;Trost und Heimat&rdquo; finden &ndash; als Parlaments-Repr&auml;sentantin aber steht ihr Doppel-Engagement exemplarisch f&uuml;r eine kritikw&uuml;rdige Komplizenschaft von Kirche und Staat.<\/p><p>Das Motto des N&uuml;rnberger Kirchentages lautet <em>&raquo;Jetzt ist die Zeit<\/em>&laquo;. Ja, Zeit f&uuml;r die Beendigung von Millionen-Subventionen f&uuml;r Kirchentage und sonstige Gottes-Events m&ouml;chte man kontern. Kommende Kirchentage sind bereits terminiert: 2024: Erfurt, 2025: Hannover, 2026: W&uuml;rzburg, 2027: D&uuml;sseldorf. Ob katholisch oder evangelisch: Vielleicht sollte ein Motto allen vorangestellt werden. Das 11. Gebot: &raquo;Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen&laquo;.<\/p><p><em>Lese-Tipp: <strong>Helmut Ortner<\/strong> &ndash; <strong>EXIT<\/strong> <strong>Warum wir weniger Religion brauchen<\/strong> &ndash; Nomen Verlag, 360 Seiten, 20 Euro<\/em><\/p><p>Titelbild: Kvitka Nastroyu \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christliche Gro&szlig;-Events wie &raquo;Kirchentage&laquo; werden aus Steuergeldern mit Millionen gro&szlig;z&uuml;gig subventioniert. Warum eigentlich? Gibt es nicht das Verfassungsgebot der Trennung von Staat und Kirche? Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Beendigung staatlichen Geld-Segens. 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