{"id":96185,"date":"2023-04-21T11:30:53","date_gmt":"2023-04-21T09:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96185"},"modified":"2023-04-21T12:23:35","modified_gmt":"2023-04-21T10:23:35","slug":"stefan-lorenz-sorgner-contra-philipp-von-becker-transhumanismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96185","title":{"rendered":"Stefan Lorenz Sorgner contra Philipp von Becker: \u201eTranshumanismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Ph&auml;nomen ChatGPT hat aufs Neue die Endlichkeit menschlichen Verm&ouml;gens dem Anschein einer Unendlichkeit maschineller Kr&auml;fte gegen&uuml;bergestellt. Im Lichte der aktuellen Geschehnisse kommt ein Pro-und-Contra-Band des Westend Verlags zum Thema Transhumanismus wie gerufen, der am 11. April 2023 erschienen ist. Transhumanismus ist der Name einer philosophischen Position, die sich von der konsequenten technischen Umgestaltung des Menschen und seiner Lebensgrundlagen immer neue Freiheitsgrade menschlicher Existenz verspricht. Der Transhumanismus fu&szlig;t dabei, im Unterschied zu einer traditionellen Auffassung des menschlichen Wesens als naturgegeben, auf einer Konzeption, der zufolge der Mensch wesenhaft durch einen kulturell technischen Kontext gepr&auml;gt ist, den er permanent selbst gestaltet. Eine Rezension von <strong>Dierk Streng<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Grundlagen der menschlichen Existenz werden dabei zum Objekt eines Programms technischer Optimierung. Diese unternimmt es, neben einer industriellen wie bildungsgest&uuml;tzten Verbesserung menschlicher Lebensverh&auml;ltnisse, das Subjekt durch Drogen und Implantate in seiner Leistungsf&auml;higkeit zu steigern. Langfristiges Ziel ist die immer st&auml;rkere L&ouml;sung des Menschen von seiner physischen Basis und m&ouml;glicherweise gar die Abl&ouml;sung der menschlichen, endlichen Subjektivit&auml;t durch Superintelligenzen auf maschineller Basis, in denen sich die menschliche Intelligenz fortschriebe.<\/p><p>Auf Grundlage einer solchen Akzentverschiebung von dem, was gegeben ist, auf das, was machbar ist, unternimmt Stefan Lorenz Sorgner eine Neuausrichtung bioethischen Denkens. In seiner Betonung &bdquo;reproduktiver Freiheit&ldquo; vollzieht er dabei einen Perspektivwechsel weg von einem diskriminierungstr&auml;chtigen Fokus auf eine blo&szlig;e Verhinderung unerw&uuml;nschter Eigenschaften. Stattdessen vertritt er ein Paradigma, das die kreative Schaffung von Menschen mit von den Erzeugern erw&uuml;nschten Eigenschaften ins Zentrum stellt. Gleichzeitig wird die technische Verbesserung der menschlichen Lebensverh&auml;ltnisse als zentrales Verfahren zur Aufhebung globaler Ungleichheit wie auch, &uuml;ber eine sich durch Wohlstand und Bildung ergebende Senkung der Reproduktionsrate, der Steuerung des Klimawandels angesehen.<\/p><p>Was im Aufsatz von Sorgner, neben dem Fehlen einer klaren argumentativen Struktur, gleich zu Anfang ins Auge sticht, ist ein eklatanter Mangel an Problemreflexion. Was zun&auml;chst wie lautere Naivit&auml;t erscheint, erscheint aber im Weiteren als Zug einer durchaus suggestiven Strategie, die zuerst maximalen Geltungsanspruch erhebt, um die sich erhebenden Zweifel im Nachhinein in den Detaildiskussionen zu verarbeiten. Man mag das als Auswirkung des Pro\/Contra-Formats deuten, das strukturell nicht dazu einl&auml;dt, den gegnerischen Standpunkt in der eigenen Argumentation explizit, sei es auch kritisch, zu reflektieren.<\/p><p>Dennoch wundert man sich, dass Sorgner kaum einen Gedanken daran verschwendet, welche lobbyismusbedingten Reibungsverluste oder Missbrauchsversuche noble Ideen, und eine solche ist der Transhumanismus, im Prozess ihrer Umsetzung im Regelfall erleiden m&uuml;ssen. Gleichzeitig bleiben die m&ouml;glichen Blowback-Effekte technischen Eingreifens in die Natur zur Korrektur menschengemachter Ver&auml;nderungen wie des Klimawandels weidlich unterbelichtet. Dies gilt auch f&uuml;r die Ungleichheiten, die sich unter dem Druck &ouml;konomischer Verh&auml;ltnisse f&uuml;r die Anwendung selbstoptimierender Techniken durch Einzelne ergeben w&uuml;rden. Man denke hier an die denkbaren Kosten von Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung, die eine gro&szlig;e Leistungskluft zwischen Gut- und Minderverdienern oder Gut- und Schlechtversicherten schlagen k&ouml;nnen, die dann ihrerseits das Einkommensniveau noch weiter auseinandertreiben k&ouml;nnte. Eigentlich w&auml;re erst eine Reform der gesellschaftlichen Strukturen n&ouml;tig, um dann &uuml;ber die reale Implementierung eines aus dem Transhumanismus gewonnenen Programms nachdenken zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Entgegen dem Freiheitsversprechen Sorgners analysiert Philipp von Becker den transhumanistischen Standpunkt als konsequente Fortschreibung eines neoliberalen Programms. Er verweist treffend darauf, dass entsprechende Entscheidungen f&uuml;r die eine oder andere Eigenschaft des zu zeugenden Kindes, die eine oder andere technische Modifikation der eigenen k&ouml;rperlichen oder geistigen Existenz immer in einem gesellschaftlichen Kontext stattfinden w&uuml;rden, der in zentraler Form durch &ouml;konomische Bedingungen strukturiert ist. Weiterhin w&uuml;rden digitale M&ouml;glichkeiten zur totalen &Uuml;berwachung und Verhaltenssteuerung der Menschen durch den Staat wie durch Konzerne die Grundlagen autonomen Handelns unterminieren. Unter den Imperativen der Betreiber der Plattformen, dem Druck des Wettbewerbs, der immerfort wachsenden Perfektion der technischen Apparatur zerbr&auml;che auch das transhumanistische Gl&uuml;cksversprechen. Der Mensch geriete, in Adaption von Gunter Anders&lsquo; Begriff &bdquo;prometheischer Scham&ldquo;, in immer st&auml;rkeren Zugzwang, der Perfektion des maschinellen Konstrukts, das doch zur Abhilfe seiner existenziellen M&auml;ngel geschaffen worden ist, durch eigene Perfektionierung gerecht werden zu m&uuml;ssen. Und am Ende st&uuml;nde eine Freiheit, die nur noch zur Absegnung maschineller Verdikte genutzt w&uuml;rde.<\/p><p>Wie Sorgner bleibt allerdings auch von Becker der Einseitigkeit des Pro\/Contra-Schemas treu, welches aber den Band (getreu dem Versprechen der Herausgeberin) nicht daran hindert, dem Leser eine informierte Meinungsbildung zu erm&ouml;glichen. Becker l&auml;sst &ndash; in aller Luzidit&auml;t seiner streckenweise virtuosen Kritik &ndash; das humane Potenzial au&szlig;er Acht, das im Transhumanismus steckt. Der durch den technischen Fortschritt erschlie&szlig;bare Gestaltungsspielraum macht gerade erkennbar, welche Eigenschaften f&uuml;r den Menschen wesentlich sind und welche nicht. Wie weit dessen Transzendierung sinnvollerweise gehen sollte, ist dabei aber der schmerzvollen k&uuml;nftigen Erfahrung &uuml;berlassen. Sinnvolles Optimieren wie ma&szlig;volles Transzendieren der jeweils gegebenen Bedingungen der menschlichen Existenz scheinen mir nicht weniger als das zu sein, was den Menschen im besten Fall immer schon ausgezeichnet hat. Und ein Verzicht darauf, die technische Entwicklung in diesem Bereich achtsam zu adaptieren, w&uuml;rde die Gefahr heraufbeschw&ouml;ren, von den Kr&auml;ften des Marktes und den Begehrlichkeiten der Politik &uuml;berrollt zu werden.<\/p><p>Doch auf der anderen Seite k&ouml;nnen wir jetzt schon sehen, was unbedachtes technisches Handeln mit den Lebensgrundlagen des Menschen anstellt, wie es uns die fluchbehafteten Segnungen der neueren Agrartechnik lehren. Und wir k&ouml;nnen sehen, was unbedachter Umgang mit den neuen Techniken mit der Kultur des Menschen macht: Die Eloge auf den Transhumanismus, den der ChatGPT-Bot am Ende von Sorgners Beitrag zum Besten geben darf, ist in ihrer wohlinformierten Seichtigkeit in diesem Sinne eine Warnung vor dem, was uns bevorstehen k&ouml;nnte. Ach, was hei&szlig;t &bdquo;bevorstehen&ldquo;?<\/p><p><em><a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/transhumanismus\/\">Transhumanismus &ndash; Dystopie oder letzte Hoffnung?<\/a><\/em><\/p><p><em>Erschienen in der Reihe &bdquo;Streitfragen&ldquo;. Herausgegeben von Lea Mara E&szlig;er. Westend Verlag.<\/em><\/p><p>Titelbild: Westendverlag<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=88163\">&bdquo;Wachstum&ldquo; &ndash; Eine Streitschrift stellt zwei Positionen gegen&uuml;ber<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94286\">Unser Weg in die digitale Diktatur (1\/2)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94291\">Unser Weg in die digitale Diktatur (2\/2)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=69261\">&bdquo;Im Rausch des Ausnahmezustands springen zu viele Politiker &uuml;ber ihren demokratischen Schatten&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/3219ed6c21b34aee901052eeba81a115\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ph&auml;nomen ChatGPT hat aufs Neue die Endlichkeit menschlichen Verm&ouml;gens dem Anschein einer Unendlichkeit maschineller Kr&auml;fte gegen&uuml;bergestellt. 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