{"id":96241,"date":"2023-04-12T11:15:59","date_gmt":"2023-04-12T09:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96241"},"modified":"2023-04-13T07:25:37","modified_gmt":"2023-04-13T05:25:37","slug":"macrons-wunsch-eines-strategisch-autonomen-europas-scheitert-nicht-zuletzt-an-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96241","title":{"rendered":"Macrons Wunsch eines strategisch autonomen Europas scheitert nicht zuletzt an Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Europa m&uuml;sse eine &bdquo;strategische Autonomie&ldquo; anstreben und dem Druck widerstehen, zu &bdquo;Amerikas Gefolgsleuten&ldquo; zu werden. In der Taiwan-Frage d&uuml;rfe man kein &bdquo;Mitl&auml;ufer&ldquo; sein. Sonst riskiere man, &bdquo;zu Vasallen [der USA] zu werden&ldquo;. Diese S&auml;tze stammen nicht etwa von Oskar Lafontaine, der sich auf den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94575\">j&uuml;ngst &auml;hnlich &auml;u&szlig;erte<\/a>, sondern von niemand anderem als Emmanuel Macron. Die Aufregung war vor allem in Deutschland gro&szlig;. So begr&uuml;&szlig;enswert Macrons Worte sein m&ouml;gen &ndash; sie gehen an der politischen Gemengelage im heutigen Europa vorbei. Vor allem in Deutschland bevorzugen Politik und Medien stattdessen eine Nibelungentreue gegen&uuml;ber dem Imperium jenseits des Atlantiks. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7475\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96241-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96241-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230412_Macrons_Wunsch_eines_strategisch_autonomen_Europas_scheitert_nicht_zuletzt_an_Deutschland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Eins muss man dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron ja lassen &ndash; er wei&szlig; zu &uuml;berraschen. W&auml;hrend sich die politischen Eliten Deutschlands derzeit gegenseitig darin &uuml;bertreffen, in m&ouml;glichst schrillen T&ouml;nen China als &bdquo;Systemgegner&ldquo; und &bdquo;Rivalen&ldquo; darzustellen, und der deutschen Wirtschaft zu einer &bdquo;Diversifizierung ihrer Investitionen&ldquo; raten, reiste der franz&ouml;sische Pr&auml;sident mit einem Tross Wirtschaftsvertretern samt vorbereiteten Milliardeninvestitionen &uuml;ber Ostern ins Reich der Mitte und besprach ganze sechs Stunden lang mit dem seinem chinesischen Kollegen Xi auf Augenh&ouml;he die Weltlage. Das allein ist schon bemerkenswert, hat sich in Europa doch die Unart durchgesetzt, selbst einer Weltmacht wie China gegen&uuml;ber in schlimmster alter Kolonialherrenart aufzutreten. <\/p><p>Noch bemerkenswerter war zumindest f&uuml;r deutsche Ohren jedoch das Interview, das Macron auf dem Heimflug dem US-amerikanischen, zum Springer-Konzern geh&ouml;renden Medienportal &bdquo;Politico&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/article\/emmanuel-macron-china-america-pressure-interview\/\">gab<\/a>.  Man f&uuml;hlte sich beinahe an die Zeiten De Gaulles erinnert, der ein &bdquo;Europa der Vaterl&auml;nder&ldquo; propagierte, das seine Interessen &ndash; nat&uuml;rlich unter franz&ouml;sischer F&uuml;hrung &ndash; klar von denen der USA unterschied. In Deutschland wird heute gerne verdr&auml;ngt, dass die europ&auml;ische Integration, die sp&auml;ter im EG-Fusionsvertrag zur Gr&uuml;ndung der Europ&auml;ischen Gemeinschaften f&uuml;hren sollte, vor allem seitens Frankreichs stets auch als Gegenmodell zur US- und NATO-Orientierung verstanden wurde, wie sie zu jener Zeit beispielsweise Gro&szlig;britannien vollzog. De Gaulle sah die NATO als Instrument US-amerikanischer Interessen, verwies die NATO-Truppen des Landes und zog 1966 die franz&ouml;sischen Truppen aus den Milit&auml;rstrukturen der NATO ab. Erst 2009 vollzog Frankreich unter Sarkozy die vollst&auml;ndige Reintegration seiner Milit&auml;rstrukturen in die NATO. Die Transatlantiker hatten &ndash; wenn auch vergleichsweise sp&auml;t &ndash; auch in Frankreich gesiegt. <\/p><p>Diese historischen Zusammenh&auml;nge vor Augen wirken Macrons &Auml;u&szlig;erungen schon weniger &uuml;berraschend. Dass die Interessen Frankreichs und auch Deutschlands keinesfalls deckungsgleich mit denen der USA sind, ist zumindest Lesern der NachDenkSeiten durchaus bekannt. Insbesondere in puncto China liegen die Differenzen auf der Hand. W&auml;hrend die USA verzweifelt die unipolare Weltordnung mit sich selbst als einziger Supermacht erhalten und jeden Konkurrenten entweder &ndash; wie bei der EU &ndash; vereinnahmen oder, wenn das nicht m&ouml;glich ist &ndash; wie bei China &ndash;, bek&auml;mpfen wollen, kann die wirtschaftlich eng mit China verzahnte EU gar kein Interesse daran haben, sich am G&auml;ngelband der USA in diesen und andere Konflikte hineinziehen zu lassen. <\/p><p>Europa m&uuml;sse seinen eigenen Interessen sehen und denen der USA voranstellen &ndash; dies ist im Kern die Botschaft Macrons. Dass diese Botschaft nicht nur den Doktrinen der USA, sondern auch den Vorstellungen ihrer Parteig&auml;nger in Europa diametral widerspricht, ist klar. Dementsprechend erwartbar war die harsche Kritik an Macrons &Auml;u&szlig;erungen in den transatlantisch gepr&auml;gten deutschen Medien und seitens der deutschen Politik. Der SPIEGEL erkl&auml;rte Macron sogleich zur <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/macron-und-seine-verfehlte-china-politik-kommentar-a-b0a4846f-3e82-42e9-8c35-71724271a36b\">&bdquo;chinesischen Propaganda-Marionette&ldquo;<\/a> und Politiker aus den Reihen aller gro&szlig;en Parteien <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/china-politik-scharfe-kritik-an-emmanuel-macron-nach-distanzierung-von-usa-a-61571aa0-5a38-443e-a371-cf0dc3813323\">&uuml;bertrafen sich gegenseitig<\/a> in Schm&auml;hkritik am Franzosen, der &bdquo;von allen guten Geistern verlassen&ldquo; sei, wie es beispielsweise der transatlantische Falke Norbert R&ouml;ttgen h&ouml;chst diplomatisch formulierte.<\/p><p>Ist Macron von allen guten Geistern verlassen? Ja und nein. Inhaltlich hat er nat&uuml;rlich vollkommen recht. Schon 1987 prognostizierte der Historiker Paul Kennedy in seinem sehr empfehlenswerten Buch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aufstieg_und_Fall_der_gro%C3%9Fen_M%C3%A4chte\">&bdquo;Aufstieg und Fall der gro&szlig;en M&auml;chte&ldquo;<\/a> die Probleme, die mit dem Aufstieg Chinas und dem relativen Abstieg der USA verbunden sind und warnte vor &bdquo;Erosionskonflikten&ldquo;, in die Europa sich nicht hineinziehen lassen sollte. Setzt man die transatlantische Brille ab, sind Macrons &Auml;u&szlig;erungen unspektakul&auml;r und eigentlich sogar unstrittig. Dummerweise tr&auml;gt Rest-Europa jedoch ebenjene transatlantische Brille und ist unf&auml;hig, die eigenen Interessen auch nur zu erkennen. Wir riskieren nicht, &bdquo;Vasallen&ldquo; zu werden, wie Macron es formuliert; wir sind es bereits. <\/p><p>Und genau an diesem Punkt ist Macron in der Tat von allen guten Geistern verlassen. Will er zusammen mit Polen eine von den USA unabh&auml;ngige Sicherheitspolitik formulieren? Viel Spa&szlig;. Will er den Balten erkl&auml;ren, dass deren Interessen nicht mit denen der USA deckungsgleich sind? Viel Spa&szlig;. Will er Annalena Baerbock davon &uuml;berzeugen, dass es nicht im Interesse der Europ&auml;er sein kann, sich von den USA in den Taiwan-Konflikt ziehen zu lassen? Das mutet sinnlos an. <\/p><p>So wirkt Macrons Zwischenruf vor allem hilflos &ndash; ein &bdquo;gaullistischer&ldquo; Ausrei&szlig;er im transatlantischen Blockfl&ouml;tenkonzert. Viel wurde in den letzten Jahrzehnten vom deutsch-franz&ouml;sischen Tandem gesprochen, das Europa mitziehen sollte. Nimmt man Macron beim Wort, wollen die Fahrer dieses Tandems jedoch in entgegengesetzte Richtungen fahren. Aber wer wei&szlig;? Vielleicht sorgt der &bdquo;gro&szlig;e Kladderadatsch&ldquo;, den die US-Doktrin zurzeit in der Ukraine anrichtet, ja daf&uuml;r, dass zumindest die deutsche Politik ihren Kompass neu justiert? Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. <\/p><p>Titelbild: Frederic Legrand &ndash; COMEO\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/79a51b810eb94d59b8b1b9b2811b4333\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa m&uuml;sse eine &bdquo;strategische Autonomie&ldquo; anstreben und dem Druck widerstehen, zu &bdquo;Amerikas Gefolgsleuten&ldquo; zu werden. In der Taiwan-Frage d&uuml;rfe man kein &bdquo;Mitl&auml;ufer&ldquo; sein. Sonst riskiere man, &bdquo;zu Vasallen [der USA] zu werden&ldquo;. 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