{"id":96247,"date":"2023-04-12T12:00:27","date_gmt":"2023-04-12T10:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96247"},"modified":"2025-06-11T11:16:41","modified_gmt":"2025-06-11T09:16:41","slug":"der-nato-beitritt-finnlands-wirklich-mehr-sicherheit-fuer-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96247","title":{"rendered":"Der NATO-Beitritt Finnlands \u2013 Wirklich mehr Sicherheit f\u00fcr Europa?"},"content":{"rendered":"<p>Am 4. April 2023 ist Finnland das 31. Mitgliedsland der NATO geworden. Dieser Beitritt zum nordatlantischen B&uuml;ndnis hat nicht nur Auswirkungen f&uuml;r Finnland selbst, sondern auch f&uuml;r alle anderen B&uuml;ndnispartner. Die NATO-Grenze mit Russland hat sich jetzt mit 2.600 Kilometern ziemlich genau verdoppelt und damit auch die entsprechende NATO-B&uuml;ndnisverpflichtung. Somit stellt sich die Frage, welche Konsequenzen diese erneute Ost-Erweiterung der NATO f&uuml;r die Sicherheit Europas in seiner Gesamtheit hat. Von <strong>J&uuml;rgen H&uuml;bschen<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kurzer historischer R&uuml;ckblick<\/strong><\/p><p>In diesem Zusammenhang ist es f&uuml;r das Gesamtverst&auml;ndnis wichtig, sich die wesentlichen Fakten der geopolitischen Entwicklung Europas nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Erinnerung zu rufen.<\/p><p><strong>Staaten, die aus der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR) hervorgegangen sind:<\/strong><br>\nArmenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Kasachstan, Kirgisien, Lettland, Litauen, Moldawien, Russische F&ouml;deration, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Wei&szlig;russland.<\/p><p><strong>Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes (WP):<\/strong><br>\nNeben der UdSSR geh&ouml;rten Albanien, Bulgarien, die DDR, Polen, Rum&auml;nien, die Tschechoslowakei und Ungarn zum Warschauer Pakt. Der WP wurde am 1. Juli 1991 aufgel&ouml;st.<\/p><p>NATO-Mitglieder, die fr&uuml;her zur UdSSR oder zum Warschauer Pakt geh&ouml;rten, mit dem Jahr ihres Beitritts: Albanien (2009), Bulgarien (2004), ehemalige DDR (mit der deutschen Wiedervereinigung), Estland (2004), Lettland (2004), Litauen (2004), Polen (1999), Rum&auml;nien (2004), Slowakei (2004), Tschechische Republik (1999) und Ungarn (1999).<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230412-nato-Karte1.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230412-nato-Karte1.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das hei&szlig;t im Klartext: 11 von 14 Staaten,&nbsp;die unter der Vorherrschaft der UdSSR standen, haben zwischen 1999 und 2004 de facto die Seiten gewechselt. Um das richtig einordnen zu k&ouml;nnen, sollte man sich diese Ver&auml;nderungen einmal auf einer Karte ansehen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230412-nato-Karte2.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230412-nato-Karte2.png\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Die Erweiterung der NATO zwischen 1949 und 2022<\/strong><\/p><p>Die NATO wurde 1949 von 12 Mitgliedsstaaten gegr&uuml;ndet, der Warschauer Pakt &uuml;brigens erst 1955. Bis 2022 geh&ouml;rten 30 Staaten dem B&uuml;ndnis an. Zuletzt beigetreten waren 2017 Montenegro und 2020 Nord-Mazedonien. Der von den USA angestrebte Beitritt Georgiens und der Ukraine scheiterte 2008, weil Deutschland und Frankreich unter Berufung auf Artikel 10 des NATO-Vertrages ihre Zustimmung versagten und damit die erforderliche Einstimmigkeit nicht gegeben war.<\/p><p><strong>Artikel 10 des NATO-Vertrages und die herausragende Rolle der USA<\/strong><\/p><p>Weil dieser Artikel 10 des NATO-Vertrages aktuell beim Beitritt Finnlands eine wesentliche Rolle gespielt hat, ist es wichtig, sich seinen <a href=\"https:\/\/lxgesetze.de\/nato-vertrag\/9\">Originaltext<\/a> vor Augen zu f&uuml;hren: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Parteien k&ouml;nnen durch einstimmigen Beschluss jeden anderen europ&auml;ischen Staat, der in der Lage ist, die Grunds&auml;tze dieses Vertrags zu f&ouml;rdern und zur Sicherheit des nordatlantischen Gebiets beizutragen, zum Beitritt einladen. Jeder so eingeladene Staat kann durch Hinterlegung seiner Beitrittsurkunde bei der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika Mitglied dieses Vertrags werden. Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika unterrichtet jede der Parteien von der Hinterlegung einer solchen Beitrittsurkunde.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Der offizielle NATO-Beitritt Finnlands<\/strong><\/p><p>Am 4. April 2023 wurde im NATO-Hauptquartier in Br&uuml;ssel im Beisein des US-amerikanischen Au&szlig;enministers Antony Blinken der formelle Beitritt Finnlands vollzogen. Finnland war durch seinen Au&szlig;enminister Pekka Haavisto vertreten, die NATO durch Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg. Um deutlich zu machen, wie die &bdquo;Rollenverteilung&ldquo; zwischen den USA, dem NATO-Generalsekret&auml;r und einem neuen NATO-Mitglied aussieht, macht es Sinn, sich den Ablauf des formalen Akts zum NATO-Beitritt noch einmal vor Augen zu f&uuml;hren: <\/p><p>US-Au&szlig;enminister Blinken: <em>&bdquo;Herr Generalsekret&auml;r, Herr Minister, ich bin erfreut zu berichten, dass gerade vor wenigen Augenblicken die T&uuml;rkei bei mir, als Vertreter der Vereinigten Staaten, die Ratifizierung des Beitrittsdokuments f&uuml;r den NATO-Beitritt Finnlands hinterlegt hat. Und mit der Entgegennahme und Annahme der Niederschrift kann ich sagen, dass das Verfahren nunmehr in Kraft ist.&ldquo;<\/em><\/p><p>NATO-Generalsekret&auml;r Stoltenberg: <em>&bdquo;Herzlichen Dank. Dies sind gro&szlig;artige Neuigkeiten, Au&szlig;enminister Blinken. Und damit kann ich Ihnen, Minister Haavisto, im Namen aller NATO-Mitgliedsl&auml;nder die offizielle Einladung an die Republik Finnland &uuml;berreichen, der NATO beizutreten. Bitte sehr.&ldquo;<\/em><\/p><p>Finnischer Au&szlig;enminister Haavisto: <em>&bdquo;Vielen Dank.&rdquo;<\/em><\/p><p>NATO-Generalsekret&auml;r: <em>&bdquo;Und gleichzeitig bitte ich Sie, Ihre Beitrittsdokumente bei der amerikanischen Regierung zu hinterlegen, die hier durch Au&szlig;enminister Blinken vertreten wird.&ldquo;<\/em><\/p><p>Haavisto: <em>&bdquo;Danke, Herr Generalsekret&auml;r, danke Au&szlig;enminister Blinken. <\/em><\/p><p><em>Jetzt, nachdem ich die Einladung erhalten habe, ist es mir eine gro&szlig;e Freude, Finnlands Beitrittsdokumente beim Au&szlig;enminister der Vereinigten Staaten zu hinterlegen. Bitte.&ldquo;<\/em><\/p><p>US-Au&szlig;enminister Blinken: <em>&bdquo;Herzlichen Dank, wir k&ouml;nnen jetzt verk&uuml;nden, dass Finnland das 31. Mitglied der NATO ist.&ldquo;<\/em><\/p><p><strong>Die Bedeutung des NATO-Beitritts Finnlands<\/strong><\/p><p><strong>Bedeutung f&uuml;r Finnland<\/strong><\/p><p>Finnland hat seine traditionelle politische Unabh&auml;ngigkeit aufgegeben, weil das Land sich von einem NATO-Beitritt mehr Sicherheit verspricht. In Helsinki war und ist man sich offensichtlich dar&uuml;ber im Klaren, dass die eigene Armee im Falle eines russischen Angriffs nicht in der Lage sein w&uuml;rde, das Land zu verteidigen, insbesondere vor dem Hintergrund der etwa 1.300 km langen gemeinsamen Grenze mit Russland. Nach vorliegenden Berichten stimmen 80 Prozent der Finnen dem NATO-Beitritt ihres Landes zu. 20 Prozent sind der Meinung, dass es besser gewesen w&auml;re, den neutralen Status beizubehalten, weil keine konkrete Gefahr durch den russischen Nachbarn gesehen wird und weil zudem Finnland jetzt nicht mehr als Vermittler bei internationalen Krisen agieren kann. Finnlands Pr&auml;sident Sauli Niinist&ouml; bezeichnete den NATO-Beitritt seines Landes als &bdquo;Beginn einer neuen &Auml;ra&ldquo;. Die Zeit der milit&auml;rischen B&uuml;ndnisfreiheit seines Landes sei nun zu Ende gegangen, erkl&auml;rte das finnische Staatsoberhaupt und betonte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es ist ein gro&szlig;artiger Tag f&uuml;r Finnland.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die NATO-Mitgliedschaft verschaffe Finnland Sicherheit, gleichzeitig st&auml;rke der Schritt, so Niinist&ouml;, die regionale Stabilit&auml;t. <\/p><p><strong>Bedeutung f&uuml;r die NATO<\/strong><\/p><p>Die Aufnahme Finnlands erfolgte genau 74 Jahre nach der Gr&uuml;ndung der NATO am 4. April 1949 in Washington. NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg erkl&auml;rte, er k&ouml;nne sich kaum etwas Besseres vorstellen, als diesen Geburtstag mit dem Beitritt Finnlands zu feiern. Er machte deutlich, &bdquo;dass er den Beitritt Finnlands als Zeichen f&uuml;r ein Scheitern der Politik von Russlands Pr&auml;sident Wladimir Putin sieht&ldquo;. Ein erkl&auml;rtes Ziel der Invasion in die Ukraine sei es gewesen, weniger NATO an der russischen Grenze zu haben und neue Mitgliedschaften zu verhindern. Nun bekomme Putin genau das Gegenteil, n&auml;mlich mehr NATO-Truppen im &ouml;stlichen Teil des B&uuml;ndnisses und mehr NATO-Mitglieder. Zugleich betonte Stoltenberg, dass es f&uuml;r Russland keinerlei Grund gebe, sich durch die &bdquo;Norderweiterung&ldquo; bedroht zu f&uuml;hlen. Er widersprach auch Darstellungen, das B&uuml;ndnis wolle Russland regelrecht einkreisen, und die NATO begr&uuml;ndet das wie folgt: <\/p><p>Nach vorliegenden Statistiken hat Russland eine Landgrenze von insgesamt 22.407 Kilometern, davon bislang nur 1.317, die an NATO-Staaten grenze: 324 Kilometer mit Estland, 332 mit Lettland, 191 mit Norwegen und zus&auml;tzlich durch die Kaliningrader Oblast 261 Kilometer mit Litauen und 209 mit Polen. Durch den Beitritt Finnlands erh&ouml;ht sich die Grenze zu NATO-Staaten um etwa weitere 1.300 Kilometer. Die &Uuml;berwachung der Ostsee wird durch den Beitritt Finnlands erheblich verbessert und durch den geplanten Beitritt Schwedens weiter ausgebaut, so dass die Ostsee dann, abgesehen von der russischen Kaliningrader Oblast, auf beiden Seiten von NATO-Staaten &bdquo;eingerahmt&ldquo; ist.<\/p><p><strong>Massive Ausweitung der NATO-B&uuml;ndnisverpflichtung<\/strong><\/p><p>Was Stoltenberg nicht erw&auml;hnte: Durch die finnische Mitgliedschaft verdoppelt sich die direkte Grenze zwischen der NATO und Russland auf jetzt 2.600 Kilometer. <\/p><p>F&uuml;r die NATO ist dies eine massive Ausweitung der B&uuml;ndnisverpflichtung gem&auml;&szlig; Artikel 5 des NATO-Vertrages. Auch wenn die finnischen Streitkr&auml;fte &uuml;ber eine hohe Einsatzbereitschaft verf&uuml;gen sollen, sind sie mit einer Antrittsst&auml;rke von lediglich 12.000 Soldaten nicht in der Lage, das Land alleine zu verteidigen. Auch die hohe Anzahl von Reservisten w&uuml;rde das vermutlich nicht &auml;ndern, weil viele Angeh&ouml;rige der Reserve relativ alt sind und zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr ge&uuml;bt haben. Eine weitere Frage ist, ob die grunds&auml;tzlich sehr gut ausger&uuml;steten finnischen Streitkr&auml;fte auch dann noch &uuml;ber gen&uuml;gend moderne Waffensysteme verf&uuml;gen, wenn sich die Personalst&auml;rke durch einberufene Reservisten immens erh&ouml;hen w&uuml;rde.<\/p><p>Deshalb kann es durchaus kontrovers diskutiert werden, ob die Forderung aus Artikel 10 des NATO-Vertrags, n&auml;mlich ob der Beitritt Finnlands zur NATO tats&auml;chlich auch einen Beitrag zur Sicherheit des B&uuml;ndnisses darstellt. Ich pers&ouml;nlich glaube das nicht, weil sich die Beistandsverpflichtung der NATO durch die rund 1.300 Kilometer lange finnisch-russische Grenze immens erh&ouml;ht, w&auml;hrend die finnische Armee mit einer Antrittsst&auml;rke von wie bereits erw&auml;hnt lediglich 12.000, wenn auch gut ausgebildeten und modern ausger&uuml;steten aktiven Soldaten die Verteidigungsf&auml;higkeit der NATO nicht in einem vergleichbaren Ma&szlig;e verbessert.<\/p><p><strong>Bedeutung f&uuml;r andere europ&auml;ische Mitgliedsstaaten<\/strong><\/p><p>Aus Sicht der baltischen Staaten erh&ouml;ht sich deren Sicherheit auf Grund der geografischen N&auml;he Finnlands. Das gilt im besonderen Ma&szlig;e f&uuml;r die beiden L&auml;nder Estland und Lettland, die gemeinsame Grenzen mit Russland haben, w&auml;hrend Litauen lediglich an die Kaliningrader Oblast grenzt. F&uuml;r die &uuml;brigen europ&auml;ischen NATO-L&auml;nder &auml;ndert sich an der jeweiligen nationalen Sicherheit durch den Beitritt Finnlands nichts. In der Gesamtbetrachtung ihrer Sicherheit hat sich die B&uuml;ndnisverpflichtung durch die ca. 1.300 Kilometer lange finnisch-russische Grenze allerdings erheblich ausgeweitet, weil diese ein wesentliches Sicherheitsrisiko darstellt. Daran &auml;ndert auch das milit&auml;rische Potential der USA auf der anderen Seite des Atlantiks nichts.<\/p><p><strong>Bedeutung f&uuml;r die USA<\/strong><\/p><p>Der gesamte Ablauf des NATO-Beitritts Finnlands hat unmissverst&auml;ndlich verdeutlicht, dass die F&auml;den in einem solchen Vorgang nicht in Br&uuml;ssel, sondern in Washington gezogen werden. Es ist schwer nachvollziehbar, warum auch heute noch alle relevanten Dokumente im Zusammenhang mit der NATO-Mitgliedschaft in Washington und nicht in Br&uuml;ssel aufbewahrt werden und warum der NATO-Oberbefehlshaber immer ein US-amerikanischer und nie ein europ&auml;ischer General ist, obwohl 30 Mitgliedsstaaten zu Europa geh&ouml;ren. Wie f&uuml;r die europ&auml;ischen Mitgliedsl&auml;nder der NATO erh&ouml;ht sich f&uuml;r die USA zwar auf der einen Seite ebenfalls die B&uuml;ndnisverpflichtung nach Art. 5 des Vertrages wegen der langen gemeinsamen Grenze zwischen Finnland und Russland ganz erheblich, aber auf der anderen Seite verst&auml;rkt Washington seinen sicherheitspolitischen Einfluss in Europa deutlich. Hinzu kommt, dass die USA durch den Beitritt Finnlands direkt an der russischen Grenze pr&auml;sent sein werden. Es ist davon auszugehen, dass es in naher Zukunft auch US-amerikanische St&uuml;tzpunkte in Finnland geben wird. Um formal nicht gegen die 2+4 Abmachungen zu versto&szlig;en, werden US-Truppen vermutlich zun&auml;chst rotierend in Finnland stationiert werden, um nach einer &Uuml;bergangsphase, so wie aktuell in Polen, permanent vor Ort zu bleiben. Au&szlig;erdem d&uuml;rften die Lieferungen von US-Waffen deutlich zunehmen. Last, but not least haben die USA ihre Position gegen&uuml;ber Russland durch die erneute Erweiterung der NATO gest&auml;rkt und deutlich gemacht, dass &uuml;ber eine Vergr&ouml;&szlig;erung der NATO nicht in Moskau, sondern in Washington entschieden wird.<\/p><p><strong>Bedeutung f&uuml;r Russland<\/strong><\/p><p>Aus russischer Sicht ist der Beitritt Finnlands eine Provokation und eine Bedrohung der eigenen Sicherheit. Pr&auml;sident Wladimir Putin hat in der Vergangenheit immer wieder deutlich gemacht, dass er mit der NATO-Erweiterung in Richtung Russland ein gro&szlig;es Problem hat. Entsprechend reagierte Moskau in den vergangenen Monaten auf den Beitrittsprozess Finnlands. Das russische Au&szlig;enministerium kritisierte, ein Beitritt des Nachbarn werde den russisch-finnischen Beziehungen schweren Schaden zuf&uuml;gen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Russland wird gezwungen sein, entsprechend zu antworten &ndash; in milit&auml;risch-technischer und in anderer Hinsicht -, um den Gefahren mit Blick auf seine nationale Sicherheit Rechnung zu tragen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wie Russland auf die erneute Erweiterung konkret reagieren wird und vor allem darauf, dass das B&uuml;ndnis jetzt erheblich umfassender an die russische Grenze heranger&uuml;ckt ist, bleibt abzuwarten.<\/p><p><strong>Zusammenfassende Bewertung<\/strong><\/p><p>Nicht nur im Zusammenhang mit der Sicherheit Europas ist es grunds&auml;tzlich erforderlich, nach dem Grundsatz zu handeln: &bdquo;Audiatur et altera pars&ldquo; (man sollte immer auch die andere Seite h&ouml;ren). Die NATO beansprucht f&uuml;r sich, ein Verteidigungsb&uuml;ndnis zu sein, das niemanden bedroht, aber dieses eigene subjektive Verst&auml;ndnis &auml;ndert nichts daran, dass Moskau dieses B&uuml;ndnis und vor allem seine st&auml;ndige Erweiterung in Richtung Russland als eine Bedrohung der eigenen Sicherheit einstuft.<\/p><p>Der ehemalige US-Botschafter in Moskau und heutige Chef der CIA, William Burns, schreibt in seinem Buch &bdquo;The Black Channel&ldquo;: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit der Unterst&uuml;tzung von Pr&auml;sident Bush &bdquo;verkaufte&ldquo; James Baker (damaliger US-Au&szlig;enminister) im fr&uuml;hen Februar 1990 folgendes Konzept an den deutschen Kanzler Helmut Kohl und Au&szlig;enminister Hans-Dietrich Genscher: Zustimmung, die Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen zu nutzen, um Druck auszu&uuml;ben f&uuml;r eine rasche Wiedervereinigung und vollst&auml;ndige NATO-Mitgliedschaft, bei gleichzeitiger Zusicherung gegen&uuml;ber der Sowjetunion, dass die NATO nicht nach Osten erweitert und umstrukturiert wird, um so das Ende des Kalten Krieges und eine potentielle Partnerschaft mit der Sowjetunion widerzuspiegeln.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt stellte mit politischem Weitblick bereits 1993 fest.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich ein sowjetischer Marschall w&auml;re oder ein Oberst, w&uuml;rde ich die Ausdehnung der NATO-Grenzen, erst von der Elbe bis an die Oder und dann &uuml;ber die Weichsel hinaus bis an die polnische Ostgrenze, f&uuml;r eine Provokation und eine Bedrohung des Heiligen Russlands halten. Und dagegen w&uuml;rde ich mich wehren. Und wenn ich mich heute nicht wehren kann, werde ich mir vornehmen, diese morgen zu Fall zu bringen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das wird hoffentlich nicht passieren, aber der Krieg in der Ukraine hat unmissverst&auml;ndlich klargemacht, dass Russland auch vor einem Krieg nicht zur&uuml;ckschreckt, wenn dieser der Durchsetzung eigener Interessen und der Abwehr einer subjektiv wahrgenommenen Bedrohung der eigenen Sicherheit dient. Wenn man eine erneute Blockbildung in Europa und letztlich auch in der ganzen Welt vermeiden will, muss die aktuelle Eskalationsspirale in der Ukraine gestoppt und ein Waffenstillstand erreicht werden, der eine stabile Sicherheitsstruktur ganz Europas zum Ziel haben muss. <\/p><p>Der ehemalige au&szlig;enpolitische Berater der damaligen Bundesregierung, Egon Bahr, hat zu diesem Thema festgestellt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Europa kann seine Stabilit&auml;t nur gewinnen, wenn es sicherheitspolitisch zwischen Lissabon und Wladiwostok f&uuml;r seine Staaten eine Struktur mit gemeinsamen Regeln formt &hellip; Das amerikanische Interesse verlangt das Ziel einer sich selbst tragenden Sicherheitsstruktur f&uuml;r ganz Europa nicht, das europ&auml;ische Interesse aber sehr wohl.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Mein pers&ouml;nliches Fazit des NATO-Beitritts Finnlands lautet deshalb: Die Sicherheit Europas wird durch den NATO-Beitritt Finnlands nicht gest&auml;rkt und zwar nicht zuletzt deshalb, weil Russland bis zum Ural ein Teil dieses Europas ist und auch immer bleiben wird.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Migren art<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95575\">Der Krieg in der Ukraine &ndash; Wer stoppt die Eskalationsspirale?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94432\">Chinas &bdquo;Friedensplan&ldquo; und was der Westen daran nicht versteht oder verstehen will<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94138\">Wird Deutschland zur europ&auml;ischen Speerspitze der USA gegen Russland?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/b28579802cb74116b9fc47de02ae0bae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 4. April 2023 ist Finnland das 31. Mitgliedsland der NATO geworden. Dieser Beitritt zum nordatlantischen B&uuml;ndnis hat nicht nur Auswirkungen f&uuml;r Finnland selbst, sondern auch f&uuml;r alle anderen B&uuml;ndnispartner. Die NATO-Grenze mit Russland hat sich jetzt mit 2.600 Kilometern ziemlich genau verdoppelt und damit auch die entsprechende NATO-B&uuml;ndnisverpflichtung. Somit stellt sich die Frage, welche<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96247\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96248,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169],"tags":[2648,3005,1096,466,259,1213,1556],"class_list":["post-96247","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","tag-baltische-staaten","tag-blinken-antony","tag-finnland","tag-nato","tag-russland","tag-stoltenberg-jens","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Cover_NATO-Erweiterung.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96247"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96266,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96247\/revisions\/96266"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}