{"id":9627,"date":"2011-06-01T08:58:02","date_gmt":"2011-06-01T06:58:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9627"},"modified":"2016-07-18T08:26:46","modified_gmt":"2016-07-18T06:26:46","slug":"postwachstum-auf-der-suche-nach-dem-klimatariat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9627","title":{"rendered":"Postwachstum: Auf der Suche nach dem \u201eKlimatariat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Man werfe alle derzeit aufzeigbaren Risiken und Krisen (Zerst&ouml;rung der Umwelt, Endlichkeit fossiler Ressourcen, blutige Ressourcenkriege, CO2-Problematik, Biokrise, Verlust an Artenvielfalt, Desertifizierung, zunehmende Ungleichheit, patriarchalische Strukturen etc.) in einen Topf, mische als treibende Hefe marxistisch angehauchte Kapitalismuskritik und &ouml;konomische S&auml;ttigungstheorien oder die Kritik am BIP als Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r das Wachstum bei und koche daraus eine fundamentale Wachstumskritik und nenne dieses Rezept dann eine &bdquo;solidarische Postwachstumstheorie&ldquo;, die eine alternative (Makro-)&Ouml;konomie, einen neuen Lebensstil und eine radikal-demokratische Gesellschaft voraussetzt. So etwa l&auml;sst sich ein sog. &bdquo;Basis&ldquo;-Text von Mathias Schmelzer und Alexis Passadakis unter dem Titel &bdquo;Postwachstum: Krise, &ouml;kologische Grenzen und soziale Rechte&ldquo; in einem Satz zusammenfassen. Der Versuch einer Kritik von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Schmelzer und Passadakis geh&ouml;ren dem attac-Koordinierungskreis an und haben den Kongress &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.attac.de\/aktuell\/jenseits-des-wachstums\/kongress-2011\/\">Jenseits des Wachstums<\/a>&ldquo; vom 20. bis 22. Mai dieses Jahres in Berlin wesentlich vorbereitet und organisiert. (Siehe dazu die Kritik von Albrecht M&uuml;ller <a href=\"\/?p=9169\">hier<\/a> und <a href=\"\/?p=9451\">hier<\/a>.) &Uuml;ber Einzelver&ouml;ffentlichungen und die <a href=\"http:\/\/www.jenseits-des-wachstums.de\/index.php?id=9372\">Thesenpapiere dieses Kongresses<\/a> hinaus, haben die beiden Autoren nun in einem im <a href=\"http:\/\/postwachstum.net\/2011\/05\/03\/neuerscheinungen-zu-postwachstumsokonomie\/#more-224\">VSA-Verlag erschienen B&auml;ndchen<\/a> eine &bdquo;Einf&uuml;hrung&ldquo; in eine &bdquo;solidarische Postwachstums&ouml;konomie&ldquo; verfasst. <\/p><p>Schmelzer und Passadakis sind kluge und &uuml;beraus belesene Wachstumskritiker. Mit manchen ihrer gesellschaftlichen Utopien, wie etwa einem nachhaltigen Wachstum, einer gerechteren Verteilung oder einer sozial gerechteren Welt stimme ich durchaus &uuml;berein. Auch ihre Kritik an den neoliberalen und\/oder reaktion&auml;ren politischen Projekten (Miegel, Biedenkopf), wonach der Sozialstaat der Wachstumstreiber sei und deshalb abgebaut oder gar abgeschafft werden m&uuml;sse, teile ich weitgehend.<\/p><p>Die Autoren destillieren ihre quasi alternativlose &bdquo;solidarische Postwachstumstheorie&ldquo; einerseits <strong>moralisch<\/strong> aus der globalen sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit (S. 11), andererseits <strong>antikapitalistisch<\/strong> aus einer Kritik des Wachstumsparadigmas, das f&uuml;r sie das &bdquo;grundlegende hegemoniale Projekt kapitalistischer Entwicklung &uuml;berhaupt&ldquo; darstellt (S. 20) und schlie&szlig;lich <strong>theoretisch<\/strong> aus der Abgrenzung zu nahezu s&auml;mtlichen &ouml;konomischen Theorien von der Neoklassik &uuml;ber den (Post-)Keynesianismus bis hin zum &ouml;ko-keynesianischen Green New Deal (S. 58ff.). Und &uuml;ber Allem steht sozusagen als <strong>naturgesetzlicher<\/strong> Zwang die Begrenztheit der Ressourcen (z.B. die Peak-Oil-Theorie 41ff.) und vor allem die Notwendigkeit zur Reduzierung des CO2-Aussto&szlig;es zur Verhinderung der Erderw&auml;rmung. <\/p><p>Schmelzers und Passadakis Antwort auf alle diese Probleme ist &bdquo;D&eacute;croissance&ldquo; (Ent-Wachstum), also eine grundlegende Alternative zu Wachstum und Kapitalismus. Sie skizzieren &bdquo;Fluchtlinien&ldquo; einer radikal-demokratischen, egalit&auml;ren Vision einer zun&auml;chst substanziell schrumpfenden und sich sp&auml;ter stabilisierenden Wirtschaft (&bdquo;steady state economy&ldquo;). Das erfordere eine konsequente sozial-&ouml;kologische Transformation der Produktions- und Lebensweise und eine demokratisch organisierte Reduktion von Produktion und Konsum. (S. 67) <\/p><p>Die Autoren gestehen zwar ein, dass sie zwar keinen &bdquo;fertigen Plan&ldquo; h&auml;tten, aber ihre Suchbewegungen nach einer solidarischen &Ouml;konomie jenseits des Wachstums orientieren sich am f&uuml;r &bdquo;das gute Leben Notwendige&ldquo; (statt an Profit- und Wachstumsraten), an Kooperation (statt an Konkurrenz), an einer (Re)produktion (statt an der Trennung von (m&auml;nnlicher) Produktion und (weiblicher) Reproduktion), an Vorsorge (statt an Nachsorge), an einer Bed&uuml;rfnisorientierung  (statt an einer Tauschwertorientierung), an kollektivem Gebrauch (statt an privatem Konsum), an Dezentralit&auml;t, &bdquo;Glokalisierung&ldquo; und &bdquo;Deglobalisierung&ldquo;. (S. 67) <\/p><p>Ihnen schwebt ein Modell der &bdquo;Kontraktion und Konvergenz&ldquo; vor, in dem die reichen L&auml;nder ihren &bdquo;Umweltverbrauch&ldquo; stark (also etwa die CO2-Emissionen bis 2050 um mindestens 95%) reduzieren und damit auf ein nach ihrer Meinung gebotenes &ouml;kologisch und sozial vertr&auml;gliches Ma&szlig; schrumpfen (um ihre &bdquo;Klimaschuld&ldquo; einzul&ouml;sen), damit arme L&auml;nder Entwicklungsspielr&auml;ume bekommen. (S. 68) Das &ouml;konomisch selektive Schrumpfen des Bruttoinlandproduktes (um mindestens um ein Drittel) setze gleichzeitig eine Schrumpfung der <strong>Werteebene<\/strong> auf eine &bdquo;maximale Befriedigung der Bed&uuml;rfnisse innerhalb der &ouml;kologischen Schranken&ldquo; mit einem Minimum an Arbeit, Ressourcen und auch Produktion voraus. <\/p><p>Als &bdquo;Fluchtlinien&ldquo; ihrer &bdquo;Makro&ouml;konomie der solidarischen Kontraktion&ldquo; sehen Schmelzer und Passadakis:<br>\nEine Solidarische &Ouml;konomie (Keimzellen), eine entsprechende Investitionslenkung, die Schrumpfung und Regulierung der Finanzm&auml;rkte, weniger bzw. andere Arbeit (21 Stunden pro Woche), eine demokratische Wirtschaftspolitik, eine grundlegende Umverteilung und damit die Sicherung des Sozialen (bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen) und schlie&szlig;lich eine Lokalisierung und Deglobalisierung. Lebensnotwendige G&uuml;ter z.B. m&uuml;ssten dem Markt und der staatlichen Verwaltung entzogen und kollektiv und solidarisch verwaltet werden. Gefordert wird eine Ver&auml;nderung der Lebensgestaltung, in der Lebensbereiche wie Ern&auml;hrung, Wohnen, Arbeit, Einkauf und Konsum in einer solidarischen Weise organisiert werden. Auf globaler Ebene bed&uuml;rfe es dar&uuml;ber hinaus noch eine &uuml;bergeordnete wirtschaftliche Transformation, damit die &bdquo;Volkswirtschaften im Norden&ldquo; zugunsten des S&uuml;dens tats&auml;chlich schrumpfen.<\/p><p>Die Autoren sehen nat&uuml;rlich ein, dass man sich &bdquo;grunds&auml;tzliche andere Verh&auml;ltnisse von Produktion und Konsum&ldquo; (S. 8) nicht einfach nur herbeiw&uuml;nschen kann. Den &bdquo;einen&ldquo; Hebel gebe es nicht. Diese radikale Umw&auml;lzung m&uuml;sse politisch und gesellschaftlich durch politischen Druck sozialer Bewegungen (S. 8) erk&auml;mpft werden. Ohne &bdquo;konfliktive Durchsetzung&ldquo; gehe das nicht. (S. 91)<\/p><p>Schmelzer und Passadakis sprechen am Ende des B&auml;ndchens selbst davon, dass ihre &bdquo;Theorie des solidarischen Postwachstums&ldquo; eine &bdquo;neue &acute;gro&szlig;e Erz&auml;hlung` von menschlicher Emanzipation&ldquo; (S. 90) sei. <\/p><p>Mehr als eine &bdquo;Erz&auml;hlung&ldquo; ist es leider auch nicht, was dem Leser auf knapp hundert Seiten vorgelegt wird.  <\/p><p>Schon der Anspruch eine &bdquo;Theorie&ldquo; entwickeln zu wollen, ist viel zu hoch gegriffen. Es ist eher eine &Uuml;bersicht &uuml;ber einschl&auml;gige Literatur nach der Methode &bdquo;W&uuml;nsch Dir was&ldquo; und ein Sammeln von Kritiken unterschiedlichster Art nach dem Auswahlkriterium &bdquo;Was ist schlecht am Kapitalismus&ldquo;. Aber das ist vermutlich gerade die Faszination, die von solchen &bdquo;Erz&auml;hlungen&ldquo; &uuml;ber ein &bdquo;Postwachstum&ldquo; f&uuml;r viele &ndash; vor allem junge Menschen &ndash; ausgeht: Jede\/r findet ihren\/seinen Traum &uuml;ber eine bessere Welt an irgend einer Stelle dieser &bdquo;Erz&auml;hlung&ldquo; wieder und jede\/r st&ouml;&szlig;t auf etwas, was sie\/er am Kapitalismus auszusetzen hat. Da findet sich die Anti-AKW-Bewegung genauso wieder wie die Umweltbewegungen unterschiedlichster Richtungen (Klimakrise, Erderw&auml;rmung, Verlust biologischer Vielfalt, Endlichkeit fossiler Ressourcen). Auch die Dritte-Welt- (bzw. Eine-Welt-)Bewegungen in ihrem Kampf gegen globale Ungleichheit und Ungerechtigkeit werden angesprochen und schlie&szlig;lich d&uuml;rfen auch feministische Ans&auml;tze (&bdquo;feministische &Ouml;konomie&ldquo;) nicht fehlen. <\/p><p>Weil diese &bdquo;Theorie&ldquo; gar keine Theorie ist, sondern eher ein Sammelsurium einer Vielzahl von Denkans&auml;tzen und eine Abgrenzung von fast allen anderen &ouml;konomischen und sozialen Theorien darstellt, ist die &bdquo;Postwachstumstheorie&ldquo; selbst, nur schwer aus sich heraus angreifbar. Denn irgendwo findet sich gewiss ein Satz, der jeden m&ouml;glichen Einwand angeblich ber&uuml;cksichtigt. Da werden selbstredend die &bdquo;Unendlichkeitsvorstellungen neoklassischer &Ouml;konomie&ldquo; genauso attackiert wie die &ouml;ko-keynesianischen Ans&auml;tze des New Green Deals.  Diese negativen Abgrenzungen werden positiv aufgeladen mit einem (globalen) Gerechtigkeitspathos und schlie&szlig;lich durch den (letztlich banalen) Gedanken der Endlichkeit des Wachstums in einer begrenzten Natur sozusagen als logisch zwingend abgeleitet. <\/p><p>Jede\/r kann an dieser &bdquo;Theorie&ldquo; irgendetwas richtig finden und jede\/r findet auch ein St&uuml;ck seiner Kritik am herrschenden Wirtschaften wieder. Sowohl diejenigen, die eine ungerechte Verteilung oder die eine zunehmende Ungleichheit oder diejenigen, die die bestehende Massenarbeitslosigkeit beklagen, die marxistischen Anh&auml;nger der These vom tendenziellen Fall der Profitrate genauso, wie die Vertreter der keynesianischen S&auml;ttigungsvermutung, auch die gesamte Breite der &Ouml;ko-Bewegungen wird angesprochen. Angesichts der Vielzahl und Vielgestaltigkeit von neuen sozialen Bewegungen, die die Grundlagen kapitalistischer Gesellschaften kritisch hinterfragen und auf einen gesellschaftlichen Wandel setzen und die sich in dieser &bdquo;Theorie&ldquo; in irgend einem Aspekt angesprochen f&uuml;hlen, setzt man sich Angriffen vielf&auml;ltigster, zumal linker, fortschrittlicher Kr&auml;fte aus, wenn man diese &bdquo;Theorie&ldquo; kritisch hinterfragt. <\/p><p>Mit der Methode, wer Vieles bringt, bringt jedem etwas, versucht sich diese &bdquo;solidarische Postwachstumstheorie&ldquo; sozusagen gerade auch gegen &bdquo;linke&ldquo; Kritiker selbst zu immunisieren und solche Kritiker abzuwerten, sei es, dass sie eben nur eine begrenzte Sicht der Dinge h&auml;tten oder sei es, dass ihre Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung von (sozialen oder &ouml;kologischen) Missst&auml;nden eben doch irgendwie wieder zu Wachstum f&uuml;hrten.<\/p><p>Dieser Eklektizismus, also der Methode sich aller zur eigenen &bdquo;Erz&auml;hlung&ldquo; irgendwie passenden Versatzst&uuml;cke aus einer Vielzahl unterschiedlichster Schriften oder Kritiken herauszupicken, f&uuml;hrt denn auch zu einem verbalen Jonglieren mit unterschiedlichsten Jargons, wie sie in den verschiedensten wachstumskritischen Theorieans&auml;tzen verwendet und in den zahlreichen Subkulturen sozialer Bewegungen gesprochen werden. Der Mischmasch an Begrifflichkeiten f&uuml;hrt dazu, dass man sich viele Aussagen nur assoziativ und nicht logisch erschlie&szlig;en kann. Das hei&szlig;t, man kann glauben oder eben nicht. Ein rationaler Diskurs wird zirkul&auml;r oder endlos. <\/p><p>Die mangelnde Vermittlung zwischen Postulaten und Wirklichkeit ist wohl auch der Grund, warum sich sowohl &bdquo;sozial und &ouml;kologisch gerechte als auch neoliberale und\/oder reaktion&auml;re Projekte&ldquo; (S. 10f.) an der Kritik des &bdquo;Wachstums an sich&ldquo; anh&auml;ngen k&ouml;nnen. Bei einem derartigen Bauchladen von weder kausal, noch logisch oder systematisch miteinander verbunden grundst&uuml;rzenden Forderungen ist auch davon auszugehen, dass das eine oder andere Ziel oder ein ganzes Zielb&uuml;ndel in der &bdquo;konfliktiven&ldquo; gesellschaftlichen Auseinandersetzung schlicht und einfach auf der Etappe liegen bleibt. Werden etwa beim &bdquo;Schrumpfen&ldquo; nicht doch wieder die Schw&auml;chsten auf der Strecke bleiben oder k&ouml;nnte es nicht sein, dass im Laufe einer solchen Transformation einfach das Geld f&uuml;r gew&uuml;nschte Investitionen oder die soziale Absicherung ausgeht? <\/p><p>Der Versuch nur Versatzst&uuml;cke unterschiedlicher Theorien oder Weltanschauungen zu einer in sich geschlossenen neuen &bdquo;Theorie&ldquo; des Postwachstums zusammenzuf&uuml;gen, entbehrt notwendigerweise jeder historische Perspektive und schiebt (geradezu jahrhundertlange) &ouml;konomische und sozialwissenschaftliche Debatten als &uuml;berholt beiseite. Es geh&ouml;rt aber zu den Grundregeln jeder ernst zu nehmenden Gesellschaftstheorie, sich nicht nur gegen&uuml;ber anderen Theorien rhapsodisch abzugrenzen und sich dann mit der Setzung von (utopischen) Postulaten zufrieden zu geben, sondern dazu geh&ouml;rt auch, die Mittel oder die Mechanismen wenigstens zu beschreiben zu versuchen, die die &ouml;konomische und gesellschaftliche Wirklichkeit mit dem Wunschtraum in Verbindung bringen k&ouml;nnten. Ein Ideal ohne geschichtliche Praxis birgt eben die Gefahr &bdquo;platonischer Grausamkeiten&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46211747.html\">Herbert Marcuse<\/a>). <\/p><p>Eine Antwort, wie denn schrittweise durch welche Projekte eine derart grundlegende Ver&auml;nderung der Produktions- und Lebensweise erreicht werden k&ouml;nnte, wird in dem B&uuml;chlein nicht gegeben &ndash; kann auch nicht gegeben werden. Man spricht lieber allgemein von &bdquo;Fluchtlinien&ldquo; oder von einer &bdquo;Vielzahl von Politiken und Praxen, die innerhalb der derzeitigen &ouml;konomischen Strukturen&ldquo; ansetzen m&uuml;ssten (S. 50). <\/p><p>Die Kluft zwischen Wunsch (oder aus Sicht der Autoren, der Notwendigkeit) und der Wirklichkeit f&auml;llt auch den politologisch geschulten Autoren dann und wann auf, so etwa wenn sie schreiben, eine &bdquo;Steady-State-Economy&ldquo; w&auml;re zwar denkbar, aber eine solche grundlegende Ver&auml;nderung der Funktionsweise des Kapitalismus &bdquo;daf&uuml;r notwendige Verteilungs- und Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse&ldquo; verlangen w&uuml;rde. (S. 49) Das Gelingen wird so zur Bedingung des Gelingens.<br>\nMir f&auml;llt dazu nur der Refrain aus Brechts Dreigroschen-Finale ein: &bdquo;Doch die Verh&auml;ltnisse, sie sind nicht so!&ldquo;. <\/p><p>Es herrscht die Logik: Wenn man schon an der Ver&auml;nderung der derzeitigen nationalen Verteilungsverh&auml;ltnisse scheitert, dann geht man doch gleich lieber das Projekt einer grundlegenden Ver&auml;nderung der Funktionsweise des Kapitalismus an. <\/p><p>W&auml;hrend der Marxismus die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abschaffen wollte, wollen diese &bdquo;Postwachstums-Theoretiker&ldquo; die Ausbeutung der Natur und der Umwelt durch den Menschen abschaffen. (Ob mit oder ohne die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln bleibt vage).<br>\n&Auml;hnlich wie in der fr&uuml;hen kommunistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie setzen die sie dabei auf eine Umw&auml;lzung des Wirtschaftssystems und des gesellschaftlichen Denkens und Handelns, unter dem Zwang einer Verelendungsthese. Allerdings ist es hier nicht der Verelendung der ausgebeuteten Massen, sondern der Zwang der Endlichkeit der Ressourcen und der katastrophalen Auswirkungen zunehmender Umweltbelastungen, der zur Umw&auml;lzung dr&auml;ngen soll. An die Stelle einer &bdquo;Weltrevolution&ldquo; soll eine &bdquo;globale Umw&auml;lzung&ldquo; oder eine &bdquo;sozial-&ouml;kologische Transformation&ldquo; treten. Statt durch das Proletariat soll durch eine Art &bdquo;Klimatariat&ldquo; die grundlegende Umw&auml;lzung der &ouml;konomischen Strukturen und Werthaltungen der Menschen herbeigef&uuml;hrt werden.  <\/p><p>Das &bdquo;historische Subjekt&ldquo; (die &bdquo;Diktatur des Proletariats&ldquo;), das diese radikale &Auml;nderung der Verteilungsverh&auml;ltnisse erk&auml;mpfen k&ouml;nnte, fehlt allerdings. Eine gesellschaftliche Bewegung f&uuml;r eine &bdquo;Diktatur des Klimatariats&ldquo; &ndash; einmal abgesehen davon, ob das w&uuml;nschbar w&auml;re &ndash; ist nicht erkennbar. &Auml;hnlich wie in Herbert Marcuses &bdquo;Randgruppen-Theorie&ldquo;, setzen die Autoren ihre Hoffnung auf die neuen sozialen und &ouml;kologischen Bewegungen. Eine die herrschenden Verh&auml;ltnisse &auml;ndernde oder gar &uuml;berwindende Theorie m&uuml;sste jedoch noch von vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen verstanden (und wohl auch konkretisiert) und dann auch getragen werden, bis daraus eine Bewegung mit gestaltender Kraft erwachsen k&ouml;nnte.<\/p><p>Leider ist meine Erfahrung, dass je abstrakter und je h&ouml;her man die politischen Ziele einer gesellschaftlichen Ver&auml;nderung setzt, desto leichter f&auml;llt es, sich auch wieder davon zu verabschieden und desto gr&ouml;&szlig;er ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine politische Bewegung wieder in sich zusammenbricht. Das ist auch die Gefahr bei der D&eacute;croissance-Bewegung. Wenn es ihr nicht gelingt, sich auf einzelne konkrete Projekte in ihrem politischen Kampf zu konzentrieren, dann wird sie mangels erkennbarer Erfolge in Resignation enden und es wird eine lange Zeit dauern bis eine neue Generation aufsteht und sich emp&ouml;rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man werfe alle derzeit aufzeigbaren Risiken und Krisen (Zerst&ouml;rung der Umwelt, Endlichkeit fossiler Ressourcen, blutige Ressourcenkriege, CO2-Problematik, Biokrise, Verlust an Artenvielfalt, Desertifizierung, zunehmende Ungleichheit, patriarchalische Strukturen etc.) in einen Topf, mische als treibende Hefe marxistisch angehauchte Kapitalismuskritik und &ouml;konomische S&auml;ttigungstheorien oder die Kritik am BIP als Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r das Wachstum bei und koche daraus eine<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9627\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[202,178,132],"tags":[238,479,291],"class_list":["post-9627","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-postwachstumskritik","category-ressourcen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-attac","tag-reservearmee","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9627","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9627"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9627\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23068,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9627\/revisions\/23068"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9627"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9627"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9627"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}