{"id":96345,"date":"2023-04-14T10:04:24","date_gmt":"2023-04-14T08:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345"},"modified":"2023-04-17T20:12:31","modified_gmt":"2023-04-17T18:12:31","slug":"eine-niederlage-die-die-welt-veraendern-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345","title":{"rendered":"Eine Niederlage, die die Welt ver\u00e4ndern wird"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatten zur bevorstehenden Fr&uuml;hjahrsoffensive der ukrainischen Sicherheitskr&auml;fte gegen die russische Armee zwecks R&uuml;ckeroberung des verlorenen Territoriums laufen hei&szlig;. &Uuml;berschattet wird diese Debatte um die Leaks eingestufter US-amerikanischer Dokumente. Da dieser Krieg ein mehrdimensionaler Krieg ist, mithin also auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland, sollen in diesem Artikel die geopolitischen Implikationen der jeweiligen Niederlagen beleuchtet werden. Von Dr. <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8157\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96345-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96345-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230414-Niederlage-die-die-Welt-veraendern-wird-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ungeachtet des Ausgangs der angek&uuml;ndigten Fr&uuml;hjahrsoffensive, ob nun der definitive Showdown oder eine von vielen Offensiven der einen oder der anderen Konfliktseiten, soll im Folgenden &uuml;ber die Konsequenzen einer Niederlage, die irgendwann eine der beiden Konfliktseiten erleiden wird, reflektiert werden. Dabei sollen nicht die Niederlagen bzw. die diversen Formen der milit&auml;rischen Niederlagen der Ukraine oder Russlands auf dem ukrainischen Schlachtfeld thematisiert werden. Diesen Aspekt habe ich bereits in einem Beitrag mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94118\"><i>&bdquo;Was hei&szlig;t Sieg oder Niederlage f&uuml;r Russland versus f&uuml;r Ukraine und den Westen? Eine Analyse&ldquo;<\/i><\/a> in den NachDenkSeiten im Februar beleuchtet: Der Sieg der einen Konfliktseite ist die Niederlage der anderen Konfliktseite auf dem Schlachtfeld &ndash; absolut oder in diversen Abstufungen, wie ich es dort ausgef&uuml;hrt habe.<\/p><p>Da dieser Krieg ein mehrdimensionaler Krieg ist, mithin also auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland, vielleicht auch Chinas und anderer Staaten des Globalen S&uuml;dens, sollen die geopolitischen Implikationen der jeweiligen Niederlagen beleuchtet werden &ndash; ohne Anspruch auf Vollst&auml;ndigkeit zu erheben, da die Wirklichkeit nie in klaren Kategorien wirkt.<\/p><p><strong>Szenario 1: Russlands Niederlage<\/strong><\/p><p>Verl&ouml;re Russland den Krieg gegen die Ukraine und somit gegen den Westen, so w&auml;re eine ganze Kettenreaktion von Konsequenzen f&uuml;r Russland und dar&uuml;ber hinaus denkbar, ja sogar in dem einen oder anderen Fall wahrscheinlich.<\/p><p>Erstens w&uuml;rde sich zeigen, dass Russland nicht einmal eine &bdquo;Regionalmacht&ldquo; ist, um es mit den Worten B. Obamas zu benennen. Denn Russland erwiese sich als unf&auml;hig, einen Staat unmittelbar an seiner eigenen Grenze milit&auml;risch zu besiegen. Einmal von den diversen Unterst&uuml;tzungsma&szlig;nahmen der NATO abgesehen, die tats&auml;chlich bislang das milit&auml;rische &Uuml;berleben der Ukraine absichern &ndash; zwar zu einem enorm hohen menschlichen und infrastrukturellen Preis -, w&uuml;rde dieses Bild eines russischen Riesen auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en vorherrschen. Mit diesem Image als nicht einmal vollwertige Regionalmacht k&ouml;nnten sich Staaten im post-sowjetischen Raum (Kaukasus und Zentralasien) ermuntert sehen, neue Partner &ndash; vornehmlich im Westen zu suchen. Selbst wenn diese Staaten keinen eigenen Antrieb auswiesen, sich neue Partner zu suchen, k&ouml;nnten sie gen&ouml;tigt werden, sich dem &bdquo;Sieger&ldquo; des Ukraine-Krieges &bdquo;anzun&auml;hern&ldquo;. Wei&szlig;russland w&auml;re der vermutlich erste Kandidat, der in der euro-atlantischen Sph&auml;re aufginge.<\/p><p>Mehr noch, die bislang mehr oder minder latenten Separatismusph&auml;nomene (Stichwort: Tschetschenien) insbesondere in der Kaukasusregion k&ouml;nnten wieder Auftrieb gewinnen. Der starke Mann Tschetscheniens, R. Kadyrow, ist zwar &ndash; noch &ndash; ein treuer Gefolgsmann Putins. Angesichts dieses besonderen Loyalit&auml;tsverh&auml;ltnisses genie&szlig;t Tschetschenien eine &ndash; im Vergleich zu den &uuml;brigen f&ouml;deralen Subjekten &ndash; herausragende Autonomie innerhalb der russischen F&ouml;deration. Jedoch k&ouml;nnten bei einer russischen Niederlage die innerrussischen Karten neu gemischt werden. Dass ein solches Szenario nicht abwegig ist, zeigt die Flexibilit&auml;t des Vaters und Amtsvorg&auml;ngers von R. Kadyrow, A. Kadryow. <\/p><p>Dieser rief 1994 im allgemeinen Schw&auml;chezustand der russischen Staatlichkeit unter B. Jelzin den Dschihad, also den Heiligen Krieg, gegen Russland aus. Sp&auml;ter, 1999, wechselte er die Fronten und wurde 2003 zum Pr&auml;sidenten des russischen F&ouml;derationssubjektes Tschetschenien. 2004 starb A. Kadyrow bei einem Anschlag. Insbesondere das enge Loyalit&auml;tsverh&auml;ltnis zwischen R. Kadyrow und W. Putin sichert den Bestand Tschetscheniens in der russischen F&ouml;deration. Was aber, wenn Russland den Krieg und somit auch die Autorit&auml;t im eigenen Haus verliert? Zumal auch das politische &Uuml;berleben des gegenw&auml;rtigen russischen Pr&auml;sidenten, W. Putin, dann mehr als fragw&uuml;rdig erscheint. Selbst wenn R. Kadyrow loyal zur russischen Staatlichkeit st&uuml;nde, hei&szlig;t das nicht, dass Kadyrow seine Macht dauerhaft sichern k&ouml;nnte, wenn sein bisheriger Schutzgarant W. Putin wegfiele. Mit einem erneuten Aufbrechen eines B&uuml;rgerkrieges in Tschetschenien k&ouml;nnte ein separatistischer Dominoeffekt entstehen &ndash; zun&auml;chst in den f&ouml;deralen Subjekten des Kaukasus und ggf. dar&uuml;ber hinaus bis hin zur Dismembration der russischen F&ouml;deration.<\/p><p>Und tats&auml;chlich wird in westlichen Redaktionsstuben und vielleicht auch Thinktanks und politischen Organisationen &uuml;ber die Zerschlagung der russischen F&ouml;deration spekuliert. Die Aussage des US-amerikanischen Verteidigungsministers Austin, &bdquo;wir wollen, dass Russland so weit geschw&auml;cht wird, dass es zu etwas wie diesem Einmarsch in die Ukraine nicht mehr in der Lage ist&ldquo;, offeriert sehr viel Interpretationsspielraum. Diese Aussage muss nicht als der Wille zur Zerschlagung Russlands interpretiert werden, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden &ndash; oder zumindest als nette Nebenwirkung nicht unwillkommen sein. Andere westliche Akteure reden da bereits Klartext unter dem Begriff &bdquo;de-colonizing Russia&ldquo;. So ver&ouml;ffentlichte das US-amerikanische Magazin &bdquo;The Atlantic&ldquo; am 27. Mai 2022 einen Beitrag mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/ideas\/archive\/2022\/05\/russia-putin-colonization-ukraine-chechnya\/639428\/?s=35\">&bdquo;Decolonize Russia&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Darin wird von &bdquo;kolonialen Besitzt&uuml;mern&ldquo; des Kremls gesprochen und namentlich Tschetschenien, Tartastan, aber sogar Sibirien und die Arktis erw&auml;hnt. Der Autor C. Michel fordert, der Westen m&uuml;sse das 1991 begonnene Projekt (gemeint ist die Aufl&ouml;sung der Sowjetunion) zu Ende f&uuml;hren. Weiter: Der Kreml m&uuml;sse sein Imperium verlieren, um das Risiko weiterer Kriege zu vermeiden, womit gedanklich an Austins Forderung der Schw&auml;chung Russlands zwecks Verhinderung seiner Kriegsf&auml;higkeit angekn&uuml;pft wird. Inwiefern diese Forderungen im politischen Washington diskutiert werden, zeigt sich an einem online-briefing unter dem Titel: <a href=\"https:\/\/www.csce.gov\/international-impact\/press-and-media\/press-releases\/decolonization-russia-be-discussed-upcoming\">&bdquo;DECOLONIZING RUSSIA &ndash; A Moral and Strategic Imperative&ldquo;<\/a> &ndash; veranstaltet am 23. Juni 2022 durch die sogenannte &bdquo;Commission on Security and Cooperation in Europe&ldquo; &ndash; auch bekannt als US-Helsinki-Kommission. Einer der Panelisten war der oben bereits erw&auml;hnte C. Michel. <\/p><p>Diese Institution ist nicht irgendein Thinktank oder eine regierungsseitig finanzierte NGO. Es handelt sich hierbei um eine staatliche bzw. eine Regierungskommission (<a href=\"https:\/\/www.csce.gov\">csce.gov<\/a>), deren Mitglieder nahezu vollst&auml;ndig aus den beiden US-Kongresskammern, dem Senat und dem Abgeordnetenhaus, entsandt werden. Sie werden vom US-Pr&auml;sidenten, dem US-Au&szlig;enministerium, dem Pentagon (US-Verteidigungsministerium), dem Handelsministerium und den Pr&auml;sidenten des US-Senats sowie dem Sprecher des Repr&auml;sentantenhauses bestimmt. Die US-Helsinki-Kommission beschreibt ihren Charakter als eine &bdquo;unabh&auml;ngige US-Regierungskommission, welche amerikanische nationale Sicherheit und nationale Interessen voranbringt durch die F&ouml;rderung von Menschenrechten, milit&auml;rischer Sicherheit und wirtschaftlicher Zusammenarbeit in 57 Staaten&ldquo;. Die US-Kommission versteht sich somit als selbstmandatierter H&uuml;ter der OSZE und deren Ziele &ndash; ist mithin kein OSZE-Organ. Und diese Kommission debattiert ernsthaft &uuml;ber die Zerlegung Russlands. Dass diese Diskussion &uuml;ber eine Zerschlagung der russischen Staatlichkeit Moskau nicht verborgen bleibt, versteht sich von selbst. So verk&uuml;ndete Russland j&uuml;ngst eine <a href=\"https:\/\/germany.mid.ru\/de\/aktuelles\/pressemitteilungen\/the_concept_of_the_foreign_policy_of_the_russian_federation\/\">aktualisierte au&szlig;enpolitische Strategie<\/a>, in der der Westen als &bdquo;existenzielle Bedrohung&rdquo; f&uuml;r Russland qualifiziert wird sowie die Absicht, die &bdquo;Dominanz der Vereinigten Staaten und anderer unfreundlicher L&auml;nder in der Weltpolitik&ldquo; zu beseitigen. <\/p><p>Die Niederlage Russlands w&uuml;rde einen Prozess beschleunigen und intensivieren, der f&uuml;r Russland ein zentrales Motiv f&uuml;r den Krieg gegen die Ukraine darstellt. Erstens die fortgesetzte NATO-Erweiterung &ndash; auch weiter in den post-sowjetischen Raum hinein. Und zweitens w&uuml;rde die Ukraine zu einem hochger&uuml;steten anti-russischen Bollwerk mit dem Image, Russland besiegt zu haben, ausgebaut. Westliche, vor allem US-amerikanische und polnische Truppen w&uuml;rden direkt an der Grenze Russlands stationiert werden. Ein f&uuml;r Russland dauerhaftes Trauma. Bereits jetzt hat sich die NATO mit der Aufnahme Finnlands um weitere 1.300 Kilometer an der russischen Grenze erweitert.<\/p><p><strong>Szenario 2: Niederlage der Ukraine<\/strong><\/p><p>Die Niederlage der Ukraine w&auml;re auch angesichts des Stellvertreterkrieges eine Niederlage des Westens. Es h&auml;tte massive Auswirkungen auf das Image der USA als Supermacht, der NATO als gr&ouml;&szlig;te und m&auml;chtigste Milit&auml;rallianz der Menschheitsgeschichte, der EU als europ&auml;isches Integrationsprojekt und der Ambition, unter F&uuml;hrung der USA ein Juniorglobalplayer zu sein. Es h&auml;tte Auswirkungen im Verh&auml;ltnis der europ&auml;ischen, insbesondere der osteurop&auml;ischen Staaten zu Russland. Auch wenn die NATO- und EU-Mitgliedsstaaten angesichts des Krieges n&auml;her zusammenger&uuml;ckt sind, muss es kein Dauerzustand werden. Diese beiden internationalen Regierungsorganisationen bestehen aus Nationalstaaten mit eigentlich auch jeweiligen nationalen Interessen. So schert beispielsweise Ungarn immer wieder aus dem Chor aus und unterh&auml;lt bilaterale Sonderbeziehungen mit Russland, wie j&uuml;ngst mit der Sicherung zus&auml;tzlicher Energiestr&ouml;me, was von den westlichen Partnern nicht mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Doch im Einzelnen: <\/p><p><em>USA<\/em><br>\nDer relative Machtverlust der USA im globalen System w&uuml;rde beschleunigt. Nicht zuletzt d&uuml;rfte der fluchtartige R&uuml;ckzug der USA aus Afghanistan 2021 dazu beigetragen haben, dass die USA als kein zuverl&auml;ssiger Schutzfaktor mehr wahrgenommen werden. Der Einfluss der USA selbst auf historische Verb&uuml;ndete wie Saudi-Arabien nimmt bereits jetzt ab. Saudi-Arabien scheint sich auf Verhandlungsinitiative Chinas mit dem Iran auszus&ouml;hnen, und pl&ouml;tzlich ist der Frieden f&uuml;r den Jemen m&ouml;glich. Syrien und das NATO-Mitglied T&uuml;rkei n&auml;hern sich unter russischer Vermittlung wieder an. In beiden F&auml;llen spielen die USA nicht nur keine Rolle, sondern die Vermittlungen unterlaufen sogar die geopolitischen Interessen Washingtons. Die OPEC+ hat k&uuml;rzlich beschlossen, die F&ouml;rdermengen nicht, wie von den USA gefordert, zu erh&ouml;hen, sondern, wie von Russland gewollt, abzusenken. Die De-Dollarisierung, also der Abbau der Nutzung des US-Dollars f&uuml;r den internationalen Handel, nimmt immer schnellere Formen an. Immer mehr Staaten finanzieren ihren bilateralen Handel mit ihren Nationalw&auml;hrungen. Das Zahlungssystem SWIFT erh&auml;lt perspektivisch Konkurrenz, sodass die nicht-westliche Welt k&uuml;nftig sich dem Sanktionsdruck der USA auch in diesem Bereich immer mehr zu entziehen vermag, womit das inflation&auml;r verwendete Schwert der US-Sanktionspolitik zur Disziplinierung unbotm&auml;&szlig;iger Staaten an Effektivit&auml;t verlieren wird.<\/p><p>Mit diesen Ma&szlig;nahmen schwinden die Einflussm&ouml;glichkeiten und gleichsam die Einnahmen der USA, womit sich mittelfristig die Frage stellen wird, ob die USA ihre Milit&auml;rausgaben (858 Mrd. US-Dollar im laufenden Haushaltsjahr 2023) weiterhin stemmen werden k&ouml;nnen, ob sie die nahezu 1.000 US-Milit&auml;rstandorte auf den diversen Kontinenten, mit denen die USA ihre milit&auml;rische Macht projizieren, weiter unterhalten k&ouml;nnen, etc.<\/p><p><em>NATO<\/em><br>\nDieser US-amerikanische Machtverlust wirkte sich unmittelbar auf die Koh&auml;renz der NATO aus. Es setzten sich vermutlich zentrifugale Kr&auml;fte frei, da das Image der NATO, die diesen Krieg selbst zum Schicksal ihres Seins erkl&auml;rt hat, als wirkm&auml;chtigste Milit&auml;rallianz in der Menschheitsgeschichte effektiv besch&auml;digt w&auml;re und sodann eine nie dagewesene Legitimationskrise erzeugte. <\/p><p>Wenn 31 Mitgliedsstaaten mit einem Milit&auml;rbudget von &uuml;ber 1,175 Billionen US-Dollar (Stand 2021), davon alleine die USA 801 Mrd. US-Dollar (Stand 2021), und einem Gesamt-BIP von nahezu 40 Billionen US-Dollar (Stand 2021) im Vergleich zu Russland mit einem Milit&auml;rbudget von 66 Mrd. US-Dollar (Stand 2021) und einem BIP mit vergleichbar mageren 1,8 Billionen US-Dollar (Stand 2021) eine Niederlage einfahren, dann hinterl&auml;sst dies einen katastrophalen Eindruck auf den Rest der Welt.<\/p><p><em>Europ&auml;ische Union<\/em><br>\nDie EU, die sich derweil zunehmend an den USA ausrichtet und sich den US-Vorgaben bereitwillig f&uuml;gt, m&uuml;sste sich angesichts einer westlichen Niederlage im Sinne des Aspekts einer echten europ&auml;ischen Souver&auml;nit&auml;t wohl neu erfinden, will sie nicht in die absolute Bedeutungslosigkeit st&uuml;rzen.Vielleicht w&uuml;rden im Falle einer Niederlage die Vorstellungen des franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten E. Macron von einem selbstst&auml;ndigeren Europa dann doch auch konstruktive Debatten in den &uuml;brigen europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten und in Br&uuml;ssel entfalten, statt sie durch gesinnungsethische Reflexe als quasi Hochverrat zu brandmarken. Sollte der k&uuml;nftige US-Pr&auml;sident wieder D. Trump hei&szlig;en oder jemand von seinem Typus, m&uuml;sste diese Debatte in Europa ohnehin nolens volens alsbald gef&uuml;hrt werden. F&uuml;r ein souver&auml;nes und selbstst&auml;ndiges Europa zu sein, hei&szlig;t nicht gegen die USA zu sein, es sei denn, man betrachtet alles jenseits der Unterwerfung unter die USA als anti-amerikanisch. Dass es solch unterkomplexes Denken gibt, zeigen die gegenw&auml;rtigen Reaktionen auf Macrons &Auml;u&szlig;erungen.<\/p><p>Russland w&uuml;rde als Sieger hingegen vermutlich bestrebt sein, entweder die EU zu zerlegen und zu den europ&auml;ischen Staaten jeweils bilaterale Beziehungen gem&auml;&szlig; den russischen Interessen aufzubauen. Oder aber sich die EU gef&uuml;gig zu machen, um einen &bdquo;unfreundlichen&ldquo; Akteur dauerhaft auszuschalten. Eine EU ist weder unter US-amerikanischer noch unter russischer F&uuml;hrung f&uuml;r uns Europ&auml;er w&uuml;nschenswert &ndash; unsere Interessen sind bei seri&ouml;ser Betrachtung weder mit denen Russlands noch mit denen der USA deckungsgleich.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Der Epochenwandel von der unipolaren westlichen hin zu einer multipolaren Weltordnung wird durch eine kriegerische Unordnung begleitet. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und der damit einhergehende Stellvertreterkrieg sind eindeutige &ndash; zwar nicht zwangsl&auml;ufige, jedoch erwartbare &ndash; Symptome des Epochenwandels. Zugleich manifestiert und beschleunigt der Krieg den Epochenwandel. Selbst wenn Russland den Krieg mit all den oben genannten m&ouml;glichen Konsequenzen verlieren sollte, scheint mir der Entwicklungsprozess hin zu einer neuen multipolaren Weltordnung, in der China und der Globale S&uuml;den als Kraftzentren die internationale Ordnung mitgestalten werden, unaufhaltsam. Eine Niederlage Russlands w&uuml;rde sicherlich den Transformationsprozess verlangsamen und vor allem China in eine schwierige Situation bringen, da der gro&szlig;e Partner im Norden, also Russland, wegfiele. Ein zerlegtes oder gar ein pro-westliches Russland stellte f&uuml;r China das Worst-case-Szenario in den geo-, sicherheits- und energiepolitischen Entwicklungen dar.<\/p><p>Der Westen w&uuml;rde im Falle einer Niederlage in atemberaubendem Tempo an globaler Macht einb&uuml;&szlig;en. Internationale Regierungsorganisationen, die aufgrund westlicher Blockade sich den neuen Machtverh&auml;ltnissen nicht anpassten, w&uuml;rden durch neue internationale Foren und Institutionen unter F&uuml;hrung der BRICS-Staaten marginalisiert. Schon jetzt sind die G20 relevanter als die G7. Schon jetzt wenden sich immer mehr Staaten aus allen Kontinenten dem BRICS-Format zu.<\/p><p>Beide Maximalziele, die m&ouml;gliche Zerschlagung der russischen Staatlichkeit auf der einen sowie die &bdquo;Beseitigung&ldquo; der westlichen Dominanz auf der anderen Seite, zeigen zwei Dinge: Erstens, es handelt sich, wie kritische Beobachter von Anfang an feststellten, eben nicht nur um einen ukrainisch-russischen Regionalkrieg, sondern auch und vor allem um einen geopolitischen Weltordnungskrieg zwischen dem Westen und Russland und ggf. weiteren Staaten der nicht-westlichen Welt. Und zweitens, die Entschlossenheit beider Seiten wirkt wie zwei aufeinanderzu rasende Z&uuml;ge, bei denen jeweils die Bremsen zuvor mit Absicht ausgebaut wurden, um der Gegenseite die eigene Entschlossenheit zu demonstrieren &ndash; keine gute Perspektive f&uuml;r den Weltfrieden. <\/p><p>Bei Russland geht es in diesem Konflikt als Minimalziel um die Sicherung des Status als Gro&szlig;macht sowie den Anspruch, dass seine Sicherheitsinteressen und somit seine staatliche Existenz ber&uuml;cksichtigt werden &ndash; maximal um die Beseitigung der westlichen Globaldominanz und, wenn m&ouml;glich, um die Kontrolle &uuml;ber den post-sowjetischen Bereich und &uuml;ber Europa. <\/p><p>F&uuml;r den Westen geht es um das Anhalten und bestenfalls Zur&uuml;ckdrehen der Uhr in Richtung der von den USA gef&uuml;hrten unipolaren Weltordnung. Mindestens aber um das staatliche &Uuml;berleben der Ukraine und ihrer wie auch immer gearteten Anbindung an EU und NATO.<\/p><p>Die Realit&auml;t einer Niederlage f&uuml;r die eine oder andere Seite wird jeweils irgendwo im breiten Spektrum liegen.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ posteriori<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94118\">Was hei&szlig;t Sieg oder Niederlage f&uuml;r Russland versus f&uuml;r Ukraine und den Westen? 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Da dieser Krieg ein mehrdimensionaler Krieg ist, mithin also auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland, sollen in diesem Artikel die geopolitischen Implikationen der jeweiligen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96346,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,171],"tags":[3360,2102,1426,3276,466,259,1203,2794,3132,260,1556],"class_list":["post-96345","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-europaeische-union","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-multipolare-welt","tag-nato","tag-russland","tag-separatismus","tag-stellvertreterkrieg","tag-tschetschenien","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Russland_Ukraine_Krieg.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96345"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96345\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96473,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96345\/revisions\/96473"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96346"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}