{"id":96439,"date":"2023-04-17T11:00:30","date_gmt":"2023-04-17T09:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96439"},"modified":"2023-04-28T11:26:10","modified_gmt":"2023-04-28T09:26:10","slug":"entgleist-die-bahn-im-autoland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96439","title":{"rendered":"Entgleist die Bahn im Autoland?"},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur der Zustand der Deutschen Bahn (DB) ist desolat, wie selbst der Bundesrechnungshof festgestellt hat. Auch bei den B&uuml;rgerinitiativen, die sich f&uuml;r eine an den Interessen der B&uuml;rger orientierte Bahnpolitik einsetzen, liegt manches im Argen. Das bedauert der Verkehrs- und Bahn-Experte Winfried Wolf. Im Interview erkl&auml;rt er Ursachen und m&ouml;gliche Auswege, damit Bahn und Initiativen nicht aus der Spur geraten. Mit <strong>Winfried Wolf<\/strong> sprach <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_578\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96439-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96439-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230417_Entgleist_die_Bahn_im_Autoland_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Wolf, Sie haben k&uuml;rzlich auf die desolate Lage der Deutschen Bahn (DB), belegt vom Bundesrechnungshof, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95767\">aufmerksam<\/a> gemacht. Wie reagieren denn die Fahrgastverb&auml;nde, die &bdquo;Allianz pro Schiene&ldquo; und die anderen Pro-Bahn-Initiativen darauf?<\/strong><\/p><p><strong>Winfried Wolf<\/strong>: Die Reaktionen auf die Kritik des Bundesrechnungshofs sind faktisch nicht existent. Das ist schon krass. Der Bundesrechnungshof ist eine in der Verfassung verankerte &ndash; und anders als das Eisenbahn-Bundesamt &ndash; unabh&auml;ngige Institution. Die 36 Seiten umfassende Analyse, vorgelegt am 15. M&auml;rz, ist mit Fakten belegt und ernsthaft. Doch sie wird in der &Ouml;ffentlichkeit, seitens der Deutschen Bahn AG und bei den angef&uuml;hrten Fahrgastverb&auml;nden ignoriert. Die wahre Misere der Deutschen Bahn wird &ndash; bewusst oder unbewusst &ndash; ausgeblendet. Die j&uuml;ngsten Beschl&uuml;sse der Ampel, der DB auf Basis der Entscheidungen des Koalitionsausschusses weitere 45 Milliarden Euro zukommen zu lassen, werden seitens der &bdquo;Allianz pro Schiene&ldquo; und &bdquo;PRO BAHN&ldquo; begr&uuml;&szlig;t. <\/p><p>Ich kann das nicht positiv sehen: Da flie&szlig;en weitere 45 Milliarden Euro in bahnzerst&ouml;rerische und das Klima massiv belastende Vorhaben wie die sogenannte &bdquo;Generalsanierung&ldquo; und in alte und neue Betonprojekte wie &bdquo;Stuttgart 21&ldquo;, die zweite S-Bahn-Stammstrecke M&uuml;nchen, Fernbahntunnel Frankfurt\/M., drei neue Hochgeschwindigkeitsstrecken und den Brenner-Nordzulauf. Es gibt keinerlei Plan zur Sanierung des Gesamtnetzes, zum Abbau der Langsamfahrstellen, zur Beseitigung der Flaschenh&auml;lse oder zur Elektrifizierung. Selbst so ein neues, 2022 aus der Taufe gehobenes Zwei-Milliarden-Euro-Wahnsinnsprojekt wie der sog. &bdquo;Pfaffensteigtunnel&ldquo; in Stuttgart, mit dem eine seit 100 Jahren bestehende durchgehende Schienenverbindung Z&uuml;rich-Stuttgart ab 2026 f&uuml;r ein Jahrzehnt unterbrochen wird, damit dann irgendwann 2038 oder 2040 die Fahrg&auml;ste aus Z&uuml;rich &uuml;ber den Stuttgarter Flughafen und danach erst zum Hauptbahnhof Stuttgart gelenkt werden sollen &ndash; das wird einfach so durchgewunken.<\/p><p><strong>Die vom Bundesrechnungshof festgestellte Negativentwicklung der Bahn mit den Folgen f&uuml;r die Fahrg&auml;ste ist kein Einzelfall, wie der Blick in andere L&auml;nder zeigt. Dort ist die Ursache die Privatisierung der einst staatlichen und &ouml;ffentlichen Eisenbahnen. Die Deutsche Bahn geh&ouml;rt immer noch dem Bund und damit den Bundesb&uuml;rgern. Warum wird die Bundesregierung hier nicht ihrer Verantwortung gerecht?<\/strong><\/p><p>Ja, die Bahnprivatisierung ist auch hierzulande Ausgangspunkt der Misere. Sie fand formell 1994 mit Bildung der Deutschen Bahn als Aktiengesellschaft statt. Das hat sich fortgesetzt, indem inzwischen 45 Prozent im Nahverkehr und noch etwas mehr im Schieneng&uuml;terverkehr von Nicht-DB-Gesellschaften (privaten Unternehmen oder T&ouml;chtern staatlicher Nachbarbahnen) bestimmt wird &ndash; und nicht zuletzt indem inzwischen mehr als 50 Prozent des DB-Umsatzes im Ausland und mit Nicht-Bahn-Gesch&auml;ften (Luftverkehr, Schifffahrt, Spedition, Lkw-Verkehren) get&auml;tigt werden.<\/p><p>Wenn die Bundesregierung als hundertprozentige Eigent&uuml;merin der DB da nicht einschreitet, ja, wenn sie diese DB-Entwicklung selbst noch aktiv unterst&uuml;tzt, dann tut sie dies aus drei Gr&uuml;nden: Erstens ist die Privatisierung &ouml;ffentlichen Eigentums die DNA der Politik aller Bundesregierungen seit den 1980er Jahren. Siehe Post. Siehe Energie. Siehe Telekommunikation. Siehe Gesundheitssektor. Siehe Treuhand. Die DB-Entwicklung f&uuml;gt sich logisch ein in diese Grundorientierung, die letzten Endes immer zum Nutzen des privatkapitalistischen Sektors ist.<\/p><p>Zweitens ist die Bundesrepublik das westliche Land mit der st&auml;rksten Autoindustrie. Der Niedergang der Schiene ist logischerweise ein Sieg des Stra&szlig;enverkehrs &ndash; und auch des Luftverkehrs. Der ehemalige Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), Benedikt Weibel, wurde j&uuml;ngst in einem Interview mit Blick auf die deutsche Bahn-Misere gefragt, ob der Grund daf&uuml;r vielleicht darin liegen k&ouml;nne, dass Deutschland ein &bdquo;Autoland&ldquo; sei. Seine Antwort: &bdquo;Nat&uuml;rlich, gerade im Vergleich mit der Schweiz. Wir sind ein Bahnland. [&hellip;] Und wir haben keine Autoindustrie.&ldquo;<\/p><p>Drittens ist die Entwicklung des DB-Konzerns hin zu einem &bdquo;Global Player&ldquo; eng mit der deutschen Au&szlig;enpolitik verbunden. Als das deutsche Kapital und die Schr&ouml;der-Bundesregierung gut mit der russischen Oligarchen-Wirtschaft konnten, da kuschelte die DB mit der russischen Staatsbahn. Als das deutsche Kapital und die Merkel-Bundesregierungen auf die autorit&auml;ren Staaten im Nahen Osten setzten, da engagierte sich die DB in Kuwait, Katar, VAE und Saudi-Arabien &ndash; im Gegenzug floss nah&ouml;stliches Kapital unter anderem zu VW und Daimler. Heute, wo wieder ein enges transatlantisches B&uuml;ndnis gefragt ist, da erwarb die DB 2022 in den USA eine gro&szlig;e Lkw-Spedition mit dem erkl&auml;rten Ziel, in den USA zum f&uuml;hrenden Logistiker auf der Stra&szlig;e zu werden. Als Scholz 2022 im &auml;gyptischen Scharm El-Scheich in Sachen Klimapolitik weilte und dabei das autorit&auml;re Sisi-Regime umwarb, da war die DB zur Stelle mit dem Projekt zum Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahn in &Auml;gypten. Die DB ist wesentlicher Begleitfaktor der deutschen Au&szlig;enpolitik.<\/p><p><strong>Es gibt eine Reihe von Initiativen und Verb&auml;nden, die sich f&uuml;r eine schienenorientierte Verkehrspolitik und f&uuml;r die Interessen der B&uuml;rger als Fahrg&auml;ste einsetzen. Dazu geh&ouml;rt das B&uuml;ndnis &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo; (BfA), das sich gegen die Privatisierung der Bahn wendet. Doch von diesem ist aktuell kaum Kritik an der DB zu vernehmen. Warum ist das so?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; hat enorme Verdienste bei der Verhinderung des Bahn-B&ouml;rsengangs 2005 bis 2008 und bis 2021 an dem engen B&uuml;ndnis mit den Aktiven, die gegen bahnzerst&ouml;rerische Gro&szlig;projekte in Lindau, Frankfurt\/M., M&uuml;nchen, Hamburg und vor allem in Stuttgart k&auml;mpften. Diese Grundorientierung hie&szlig; zugleich, dass wir als &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; &ndash; neben den jeweiligen Bundesregierungen &ndash; den Hauptgegner im Konzern Deutsche Bahn AG sahen und die Ausrichtung dieses Unternehmens auf fortgesetzte Privatisierung, auf Hochgeschwindigkeit, auf Vernachl&auml;ssigung des Gesamtnetzes und damit auf Fahren auf Verschlei&szlig; und auf Unterminierung der Sicherheit im Schienenverkehr &ndash; mit den fatalen Ungl&uuml;cken in Eschede 1998, Br&uuml;hl 2001, Bad Aibling 2016 und Burgrain 2022 &ndash; im Zentrum unserer Kritik hatten. Diese Orientierung wurde zum Jahreswechsel 2021\/2022 weitgehend aufgegeben.<\/p><p>&bdquo;<strong>Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; hat bis 2021 einen &bdquo;Alternativen Gesch&auml;ftsbericht zur Deutschen Bahn&ldquo; <a href=\"https:\/\/bahn-fuer-alle.de\/deutsche-bahn-alternativer-bericht-2020-21-mit-hochgeschwindigkeit-ins-finanzloch\/\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Das <a href=\"https:\/\/buergerbahn-denkfabrik.org\/alternativer-geschaeftsbericht-db-ag-2022\/\">macht<\/a> nun der Verein &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo;. K&ouml;nnen Sie den Unterschied und die Ursachen erkl&auml;ren? <\/strong><\/p><p>Es ist sinnvoll, da etwas auszuholen, weil es schon l&auml;ngere Kontinuit&auml;ten gibt. Ich ver&ouml;ffentlichte 1986 das Buch &bdquo;Eisenbahn und Autowahn&ldquo;, was der &bdquo;Spiegel&ldquo; als &bdquo;Standardwerk&ldquo; der Verkehrsgeschichte bezeichnete und ich als Standard-Pl&auml;doyer f&uuml;r eine integrierte Bahn im Rahmen einer nachhaltigen Umwelt- und Klimapolitik sehe. Ab 1990 war ich ma&szlig;geblich an Initiativen gegen die Bahnprivatisierung und f&uuml;r eine integrierte Bahn &ndash; wie weitgehend in der Schweiz noch existent &ndash; beteiligt. So gr&uuml;ndete ich &ndash; zusammen mit meinem Freund Professor Heiner Monheim &ndash; 1990 die &bdquo;Initiative f&uuml;r eine bessere Bahn (fbb)&ldquo; und 1995 als Bundestagsabgeordneter die Gruppe &bdquo;Manifest der 1435 Worte&ldquo;. Beide Initiativen waren bereits direkt gegen die Bildung einer Aktiengesellschaft Deutsche Bahn gerichtet. 2000 war ich ma&szlig;geblich an der Bildung von &bdquo;B&uuml;rgerbahn statt B&ouml;rsenbahn &ndash; BsB&ldquo; beteiligt &ndash; damals bereits mit Prof. Monheim, Prof. Hesse, Prof. Bodack, dem Regisseur Klaus Gietinger, dem ehemaligen Bundesbahndirektor Eberhard Happe und dem Hotelier und Bahnexperten Andreas Kleber als wichtige Mitglieder. Das ist exakt die Gruppe und sind dieselben Personen, die heute &ndash; erg&auml;nzt um ein Dutzend andere Bahnfachleute &ndash; als &bdquo;B&uuml;rgerbahn &ndash; Denkfabrik f&uuml;r eine starke Schiene&ldquo; fungieren. Die Erweiterung des Namens und die teilweise Umbenennung fanden am 2. Oktober 2022 statt, weil das Thema &bdquo;B&ouml;rsenbahn&ldquo; als solches nicht mehr im Zentrum steht.<\/p><p>Als dann 2005 im Koalitionsvertrag der neu gebildeten schwarz-roten Gro&szlig;en Koalition die Bahnprivatisierung als festes Ziel in Form eines B&ouml;rsengangs festgelegt wurde, wurde &ndash; unterst&uuml;tzt von wichtigen anderen Playern wie &bdquo;Attac&ldquo; und zeitweilig &bdquo;BUND&ldquo; und &bdquo;Ver.di&ldquo; &ndash; das breitere B&uuml;ndnis Bahn f&uuml;r Alle gebildet. BsB war immer mit dabei. Als der B&ouml;rsengang 2008 abgesagt werden musste, fiel dieses B&uuml;ndnis faktisch in sich zusammen &ndash; es gab nur noch ein kleines Team im Zentrum, das personell vor allem von dem Tandem Bernhard Knierim und mir getragen und das immer von BsB unterst&uuml;tzt wurde. Damals entwickelten wir das Projekt &bdquo;Alternativer Gesch&auml;ftsbericht Deutsche Bahn AG&ldquo;, der bislang 15-mal erschien, immer im Vorfeld der Bilanzpressekonferenz der DB AG, zuletzt am 26. M&auml;rz 2023. Ich war immer, zusammen mit Bernhard Knierim, ma&szlig;geblicher Autor dieser Berichte, mit erg&auml;nzenden Beitr&auml;gen aus &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo;.<\/p><p><strong>Warum kam es im Fr&uuml;hjahr 2022 zur Trennung zwischen &bdquo;Bahn f&uuml;r alle&ldquo; und denjenigen, die den Verein &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo; nun aktiv vertreten und in die verkehrspolitischen Debatten einbringen?<\/strong><\/p><p>Es sind meist die praktischen Schritte, die solche Ereignisse bestimmen. Im November 2021 entschied die Mehrheit von &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;, den geplanten Film von Klaus Gietinger zu &bdquo;Stuttgart 21&ldquo; nicht zu unterst&uuml;tzen. Die Folge: Klaus machte den Film; &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo; hat ihn unterst&uuml;tzt &ndash; er l&auml;uft seit November 2022 unter dem Titel &bdquo;Das Trojanische Pferd &ndash; Stuttgart 21&ldquo; ziemlich erfolgreich in Programmkinos. Anfang 2022 beschloss dieselbe Mehrheit bei &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;, im M&auml;rz keinen Alternativen Gesch&auml;ftsbericht mehr zu ver&ouml;ffentlichen. Also machte das &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo;. Ende M&auml;rz 2022 erschien der 14. Alternative Gesch&auml;ftsbericht Deutsche Bahn AG. Im Februar 2022 k&uuml;ndigte Bernhard Knierim seinen Wechsel zur &bdquo;Allianz pro Schiene&ldquo; an. Seit dem 1. April 2022 ist er dort besch&auml;ftigt. Damit war klar, dass er nicht mehr prominent mit Kritik an der DB AG hervortreten kann. Die &bdquo;Allianz pro Schiene&ldquo; ist f&uuml;r mich eine Vorfeldorganisation der Deutschen Bahn AG. Sie wird deutlich mehrheitlich von der DB und der Bahnindustrie finanziert. Sie macht gute Sachen allgemein f&uuml;r die Schiene &ndash; kritisiert aber nie die zentralen Projekte der Deutschen Bahn AG, kritisiert also nicht dasjenige Monster, das das System Schiene systematisch zerst&ouml;rt.<\/p><p>Dazu drei Ereignisse. Im November 2021 sagte mir ein Mensch, der beruflich im Bereich Bahn prominent verankert ist: Die neugebildete Regierung werde alles tun, um DB-kritische Verb&auml;nde wie &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; zu zerschlagen. Daf&uuml;r werde Geld eingesetzt und Leute abgeworben. Ich antwortete, dass ich das f&uuml;r Quatsch und f&uuml;r eine &Uuml;bersch&auml;tzung unserer Arbeit hielte. Mein Gegen&uuml;ber hielt daran fest und verwies darauf, dass vor ziemlich genau einem Jahrzehnt der f&uuml;hrende Mann bei &bdquo;Pro Bahn&ldquo;, heute dort Ehrenvorsitzender, unter Einsatz eines sechsstelligen Betrags auf Pro-DB-Linie gehalten wurde, was den Fahrgastverband fast gespalten h&auml;tte. Seither ist &bdquo;Pro Bahn&ldquo; in allen wichtigen Fragen auf DB-AG-Linie.<\/p><p>Was die inhaltlichen Differenzen betrifft, so gibt es ein einziges nennenswertes Thema. Das ist die Position, wonach in der gegebenen Situation von Bahnmisere und Zerst&ouml;rung der Infrastruktur die Forderung nach einer unabh&auml;ngigen, gemeinn&uuml;tzigen Infrastrukturgesellschaft &ndash; also die Abschottung der DB-T&ouml;chter DB Netz, DB Station und Service (Bahnh&ouml;fe) und DB Energie von der Holding &ndash; sinnvoll w&auml;re. Die jahrzehntelange bahnzerst&ouml;rerische Politik der DB-Holding veranlasste mich ab dem Jahr 2017 dazu, diese Forderung als tagespolitische zu unterst&uuml;tzen &ndash; bei Beibehaltung des Ziels integriertes System Schiene wie in der Schweiz existierend. Es handelt sich dabei nicht um meine individuelle Position. Im Buch &bdquo;Abgefahren. Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen&ldquo; stellten wir 2019 die Initiative &bdquo;Rettet die Bahn&ldquo; vor. Dort hei&szlig;t es: &bdquo;Infrastruktur in einer Hand &hellip; Die Infrastrukturunternehmen DB Netz, DB Station und Service und DB Energie sind in einem Unternehmen [&hellip;] zusammenzufassen. Die Nutzungsentgelte werden mit dem Ziel &acute;Verlagerung auf die Schiene&acute; deutlich gesenkt. Gewinne werden in die Infrastruktur reinvestiert (keine Gewinnabfuhr an die Holding).&ldquo; Diese Position wurde von einem &ndash; dort namentlich aufgef&uuml;hrten &ndash; halben Hundert Leuten aus dem Bereich der Bahn-B&uuml;rgerinitiativen unterst&uuml;tzt, au&szlig;er von Bernhard Knierim und mir unter anderem von Carl Wa&szlig;muth und Katrin Kusche (heute weiter &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;), auch von Sabine Leidig, Prof. Hermann Knoflacher und Arno Luik. Explizit unterzeichnet haben diese Position auch das damalige B&uuml;ndnis &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; und &bdquo;Gemeingut in B&uuml;rgerInnenhand&ldquo; (GiB). Es ist also absurd, diese Debatte als Basis f&uuml;r eine Trennung zu nennen.<\/p><p>Anfang 2023 wurde von &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; eine <a href=\"https:\/\/bahn-fuer-alle.de\/nachtzuege-fuer-alle\/\">Studie<\/a> zu den Nachtz&uuml;gen vorgelegt. Auffallend an dieser Studie ist: In ihr wird der entscheidende Akteur zur Zerst&ouml;rung der Nachtz&uuml;ge, die DB AG, die im Dezember 2016 alle Nachtz&uuml;ge einstellte, nur am Rande erw&auml;hnt. Auch das ist ein Beispiel f&uuml;r die fatale Wendehals-Politik von &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;. Anfang 2022 wurde intern mitgeteilt, dass eine von BfA zu erstellende Nachtzugstudie durch das Umweltbundesamt gef&ouml;rdert werden w&uuml;rde. Seitens der &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;-Mehrheit wurde abgelehnt, dass die Studie von dem verfasst werden w&uuml;rde, der daf&uuml;r pr&auml;destiniert ist: von Joachim Holstein &ndash; aktiv bei &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; und bei B&uuml;rgerbahn. Joachim war jahrzehntelang Nachtzugbegleiter, bis 2016 Betriebsrat und Wirtschaftsausschuss-Sprecher der DB-Nachtzugtochter ERS. Er vertrat bis 2022 die &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo;-Position in Sachen Nachtz&uuml;ge prominent &ndash; so auch als Sachverst&auml;ndiger im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages. Er ist aktiv bei der europaweit aktiven Gruppe &bdquo;Back on Track&ldquo;, die f&uuml;r das Revival der Nachtz&uuml;ge wirbt und publiziert einen viel beachteten, zweisprachigen Nachtzug-Newsletter. Die im M&auml;rz 2023 vorgelegte Studie wurde stattdessen von Ludwig Lindner verfasst, der zum Thema Bahn noch nie publiziert hatte und bei BfA nie aktiv war. Entsprechend ist das Ergebnis: Die Studie ist ein quantitativ und vor allem qualitativ d&uuml;nnes Papier. Sie wurde mit einem hohen f&uuml;nfstelligen Betrag vom Bundesumweltministerium und vom Umweltbundesamt finanziert.<\/p><p><strong>Eine Trennung, wie bei &bdquo;Bahn f&uuml;r Alle&ldquo; und &bdquo;B&uuml;rgerbahn&ldquo; erfolgt, hat doch oft eine Schw&auml;chung des gemeinsamen Anliegens zur Folge. Wie kann das verhindert werden? Immerhin sind die Bundesb&uuml;rger formelle Eigent&uuml;mer der DB. Wie kann es zu einem realen Eigentum gemacht werden, das an den Interessen der B&uuml;rger orientiert ist und mit den Inhalten einer Klimabahn und B&uuml;rgerbahn gef&uuml;llt ist, wie Sie fordern? <\/strong><\/p><p>So ist es. Die Spaltung ist unverantwortlich, sachlich nicht begr&uuml;ndet. Sie schw&auml;cht das bis dahin gemeinsame Anliegen. Und nicht zuletzt schafft sie eine Konfusion, die bewusst daf&uuml;r genutzt wird, die entscheidende Kritik am Bahnkonzern zu vernebeln &ndash; unter anderem mit der Forderung, es gelte jetzt den &bdquo;integrierten Konzern Deutsche Bahn AG&ldquo; zu verteidigen, den ein b&ouml;ser FDP-Minister zerschlagen wolle. Es ist die F&uuml;hrung des Bahnkonzerns selbst, die seit mehr als 25 Jahren die Desintegration eines integrierten Systems Schiene vorantreibt und die Infrastruktur zerst&ouml;rt. Allein 2022 wurden erneut 465 Weichen aus dem Netz herausgenommen; seit 1994 gab es hier eine Halbierung der Weichenzahl.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund bietet nur ein radikaler Neuanfang eine Perspektive. Wir schreiben dazu im Alternativen Gesch&auml;ftsbericht vom 29. M&auml;rz: &bdquo;Auf der DB-Website ist zu lesen: &acute;Wir wollen &uuml;ber den Fortschritt der Gr&uuml;nen Transformation [im Bereich Schiene; d. Red.] transparent informieren, um uns das Vertrauen unserer Stakeholder&nbsp;zu sichern.&acute; Doch Stakeholder der Deutschen Bahn ist nur einer: die Bev&ouml;lkerung. Es geht darum, dieses formelle Eigentum zu einem realen zu machen, es mit den Inhalten einer Klimabahn und einer B&uuml;rgerbahn zu f&uuml;llen. Was allerdings hei&szlig;t, dass die Bahn v&ouml;llig neu aufgegleist werden muss.&ldquo;<\/p><p>Titelbild: Denis Belitsky\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur der Zustand der Deutschen Bahn (DB) ist desolat, wie selbst der Bundesrechnungshof festgestellt hat. Auch bei den B&uuml;rgerinitiativen, die sich f&uuml;r eine an den Interessen der B&uuml;rger orientierte Bahnpolitik einsetzen, liegt manches im Argen. Das bedauert der Verkehrs- und Bahn-Experte Winfried Wolf. Im Interview erkl&auml;rt er Ursachen und m&ouml;gliche Auswege, damit Bahn und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96439\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96440,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,28,200,73],"tags":[270,268,1494,847,394,3374,2479],"class_list":["post-96439","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-privatisierung","category-soziale-bewegungen","category-verkehrspolitik","tag-boersengang","tag-deutsche-bahn","tag-infrastruktur","tag-rechnungshof","tag-subventionen","tag-unternehmensspaltung","tag-wolf-winfried"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Shutterstock_272790326-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96439"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96461,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96439\/revisions\/96461"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}