{"id":96463,"date":"2023-04-17T15:49:40","date_gmt":"2023-04-17T13:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96463"},"modified":"2023-04-17T17:02:01","modified_gmt":"2023-04-17T15:02:01","slug":"boshafte-unterschrift-im-morgengrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96463","title":{"rendered":"Boshafte Unterschrift im Morgengrauen"},"content":{"rendered":"<p>Die Wut des einfachen B&uuml;rgers in Frankreich &uuml;ber die arrogante, abgehobene und kalte Politik ihres Pr&auml;sidenten und seiner gro&szlig;b&uuml;rgerlichen Gefolgschaft dr&uuml;ckt sich seit Wochen und Monaten in zahlreichen beeindruckenden Massendemonstrationen im ganzen Land aus. Die Wut der Menschen ebbt nicht ab, der franz&ouml;sische Staatspr&auml;sident Emmanuel Macron setzt indes noch einen drauf: Macron hat nach Entscheidung des Verfassungsrates, die Rentenreform als legal zu deklarieren, heimlich mitten in der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag diese mit seiner Unterschrift in Kraft gesetzt. Ein Kommentar von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas f&uuml;r ein gro&szlig;es Land wie Frankreich wie ein kleines trockenes, b&uuml;rokratisches Wort klingt &ndash; Rentenreform &ndash; das ist hingegen ein fulminanter, detailreicher Angriff auf das Zusammenleben, auf soziale Errungenschaften der B&uuml;rger, auf die Lebenskultur der Grande Nation, auf die gedeihliche, frohe Zukunft des Volkes. Fatal bei allem ist, es gibt tats&auml;chlich Nutznie&szlig;er all dieses Treibens, es sind die, die Macron vertritt: die Oberschicht, die ungerechtfertigten Eigent&uuml;mer des Landes, die Reichen und Sch&ouml;nen, das Gro&szlig;b&uuml;rgertum und ihre Anh&auml;ngsel.<\/p><p>Doch Macron und Co. sollten sich nicht zu fr&uuml;h freuen, seine Unterschrift ist nicht die Feststellung eines Naturgesetzes f&uuml;r jetzt und alle Ewigkeit &ndash; die vielen Franzosen sind nicht (mehr) gewillt, mitzuspielen, einzuknicken, sich abzuducken. Und die Reform kann noch gestoppt werden, das auch in unserem deutschen Interesse &hellip;<\/p><p><strong>Nicht nur eine Reform der Rente<\/strong><\/p><p>Dunkle Wolken h&auml;ngen &uuml;ber Paris, &uuml;ber dem ganzen Land. Gerade geschieht Schlimmes, Unn&ouml;tiges. Viele Menschen erkannten das, sie protestierten und protestieren immer noch, wollen und verdienen sie doch allen sozialen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Fortschritt f&uuml;r ein Land, weil alle M&ouml;glichkeiten dazu vorhanden sind. Und sie verdienen es, weil s i e diese M&ouml;glichkeiten schaffen. Was sie aber gerade bekommen sollen, was ihnen bleiben soll, ist das Gegenteil davon, es ist ein Festzurren eines ungerechten, kalten Status Quo zum Nutzen f&uuml;r wenige, die den Hals nicht voll genug bekommen k&ouml;nnen. Die Ereignisse in diesem Kampf Oben gegen Unten nehmen darum weiter Fahrt auf. Das Oben siegt gerade. Das Unten sp&uuml;rt das und gibt nicht auf.<\/p><p>Vor dem Haus des Verfassungsrates, mitten in Paris, an einer der reichsten und edelsten Stra&szlig;en der Hauptstadt waren sie aufmarschiert: schwer bewaffnete Polizeieinheiten, die Entscheider mit einer Wand aus Uniformen und Schildern, den Rat der Weisen und M&auml;chtigen sch&uuml;tzend vor dem Volk, f&uuml;r das das folgende Vorhaben vorgesehen ist. Die Rentenreform. Und siehe da: Die Reform wurde f&uuml;r legal und legitim befunden. Im Morgengrauen zog der Pr&auml;sident seinen Federstrich unter die Dokumente, sein &bdquo;Oui&ldquo; wirkt wie ein weiterer Faustschlag, wie die Schl&auml;ge seiner Polizei gegen die Demonstranten.<\/p><p>F&uuml;r uns Deutsche erscheint das Geschehen in unserem Nachbarland zun&auml;chst fern und im Nebel. Reform? Ja gut, muss ja sein. Was aber ist wirklich geschehen? Dass einem gar die deutschen &Ouml;ffentlich-Rechtlichen helfen k&ouml;nnen, die Frage zu beantworten, kann auf der Seite der Tagesschau nachgelesen werden, das &bdquo;Paket&ldquo; der Reform beinhaltet unter anderem:<\/p><blockquote><p>\nDer Verfassungsrat hatte die wichtigsten Reformpunkte gebilligt &ndash; das neue Einstiegsalter wird k&uuml;nftig bei 64 statt 62 Jahren liegen. Fast alle Sonderrentensysteme &ndash; etwa f&uuml;r Angestellte des Stromkonzerns EDF, der Banque de France oder der Pariser Verkehrsbetriebe &ndash; entfallen. Die 43 Beitragsjahre kommen schneller. Und f&uuml;r gerade 1,5 Prozent der Rentner mit Niedrigrenten werden diese aufgestockt.<\/p>\n<p>Die gestrichenen Punkte aber fielen heraus, weil sie nicht in einen Nachtragshaushalt f&uuml;r die Sozialversicherung passen. Genau dahin aber hatte die Regierung ihren Text gepackt. Kein Medizincheck mit 60 f&uuml;r alle, die in Risikoberufen arbeiten, kein Umschulungsfonds f&uuml;r sie, kein Seniorenindex, mit dem Betriebe mitteilen m&uuml;ssen, wie viele &Auml;ltere sie besch&auml;ftigen, und kein unbefristeter Arbeitsvertrag f&uuml;r Senioren mit weniger Sozialabgaben.\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wenn der Wille Weniger anderes will als der Wille von vielen<\/strong><\/p><p>Der Verfassungsrat h&auml;tte anders entscheiden k&ouml;nnen. Ja, m&uuml;ssen. Er h&auml;tte die Reform im Ganzen f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;ren k&ouml;nnen, m&uuml;ssen, denn die Regierung hat mit gezinkten Karten gespielt, die Rentenreform lediglich als Finanzgesetz zur Sicherung der Sozialsysteme eingebracht. Das ganze Paket ist aber in Wahrheit ein tiefgreifender, heimt&uuml;ckischer Sozialraub (siehe auch Tagesschau-Erl&auml;uterung). Macrons Regierung h&auml;tte nach einer Ablehnung durch den Rat in Paris auf Neustart dr&uuml;cken und sich im Parlament einem demokratischen, einem schwierigen, wenngleich wom&ouml;glich besseren Prozess stellen m&uuml;ssen.<\/p><p>Stattdessen? Der franz&ouml;sische Verfassungsrat wurde seiner Aufgabe f&uuml;r bestimmte Kreise gerecht und entlarvte die Tricks und den Betrug nicht. Nur nebenbei, dieser Rat ist gar kein Verfassungsgericht, sondern ein Gremium, das sich aus politisch dem Establishment genehmen und fragw&uuml;rdigen Ex-Politikern zusammensetzt, die einer Politik f&uuml;r Wenige eine Legitimation verschaffen, gegen die zahlreiche Franzosen aufbegehren. Perfide ist zudem, um den Weg freizumachen, wurde in dem &bdquo;parlamentarischen&ldquo; und Verfassungsrat-Prozess die Linke ausgebremst, diese konnte kein Volksbegehren gegen die Reform durchsetzen.<\/p><p><strong>Macron ist im Innern wie im &Auml;u&szlig;eren f&uuml;r die Wenigen da<\/strong><\/p><p>Das man das mal nicht falsch versteht, Macron bekam in der vergangenen Woche gute und negative PR-Schlagzeilen, als er in China weilte und die Interessen Frankreichs und Europas selbstbewusst darstellend in den Blick r&uuml;ckte und so tat, als st&uuml;nde er wacker kontra seine Partner in &Uuml;bersee und eloquenter, geschickter und offener als die Freunde in Deutschland da. Manch&lsquo; Deutschen freute es in der Tat, dass Macron im Ausland &bdquo;gl&auml;nzte&ldquo;. Sein Ansatz der Emanzipation von den Amis wirkte an sich einleuchtend. Allein, was hat Macron, der franz&ouml;sische Pr&auml;sident der Reichen, eigentlich getan? Macron hat lediglich die Interessen und Pl&auml;ne seiner elit&auml;ren Truppen vertreten und die Eitelkeit der Eliten befriedigt, die ihre einst als kolonial bezeichneten Aktivit&auml;ten und Begehrlichkeiten nun im 21. Jahrhundert ganz modern, konsequent und knallhart durchsetzen. Nicht von irgendwoher kommt es, dass der reichste Mensch der Welt ein Franzose ist.<\/p><p><strong>Was nun?<\/strong><\/p><p>Die Wut in Frankreich ebbt nicht ab. Aktionen gegen Macrons nun wahr gewordene Rentenreform sind weiter im Gang. Es kann gar von einem Kleinkrieg gesprochen werden, der zwischen der Zivilgesellschaft und den herrschenden Politikkreisen der Macroniten aufflammt. Premierministerin Elisabeth Borne nimmt ebenfalls keine Spannung aus dem Geschehen und schwadroniert schon von weiteren gro&szlig;en Reformen.<\/p><p>Dagegen wachsen die Linke und die Gewerkschaftsbewegung, zahlreiche neue Mitglieder wurden gewonnen. F&uuml;r den 1. Mai wurde zu einem neuerlichen gro&szlig;en nationalen Demonstrationstag aufgerufen. Was Hoffnung macht: Die &ouml;ffentliche Meinung gegen Macrons Politik bleibt dabei, 70 Prozent der Menschen lehnen die Reform ab und &uuml;ber 60 Prozent w&uuml;nschen sich von den Gewerkschaften eine Fortsetzung der Protestaktionen. Zum Beispiel haben die Eisenbahnergewerkschaften zu einem &bdquo;Tag des Zorns&ldquo; aufgerufen, der am 20. April stattfinden soll. Es wird ein langer Kampf, denn Macron ist noch vier Jahre im Amt, bevor er nicht mehr kandidieren kann &hellip;<\/p><p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/frankreich-rentenreform-113.html\">ARD Tagesschau<\/a><\/p><p>Titelbild: Iakov Kalinin\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wut des einfachen B&uuml;rgers in Frankreich &uuml;ber die arrogante, abgehobene und kalte Politik ihres Pr&auml;sidenten und seiner gro&szlig;b&uuml;rgerlichen Gefolgschaft dr&uuml;ckt sich seit Wochen und Monaten in zahlreichen beeindruckenden Massendemonstrationen im ganzen Land aus. 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