{"id":965,"date":"2005-11-28T17:32:37","date_gmt":"2005-11-28T15:32:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=965"},"modified":"2016-02-23T10:58:17","modified_gmt":"2016-02-23T09:58:17","slug":"martin-gehlen-angela-merkel-personalisiert-den-wandel-der-cdu-weg-von-der-katholischen-soziallehre-hin-zu-einer-traditionell-konservativen-partei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=965","title":{"rendered":"Martin Gehlen: Angela Merkel personalisiert den Wandel der CDU &#8211; weg von der katholischen Soziallehre hin zu einer traditionell-konservativen Partei"},"content":{"rendered":"<p>Der ehemalige Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg und Autor des Buches &bdquo;Politikberatung in den USA , der Einfluss der Think Tanks auf die amerikanische Sozialpolitik&ldquo;, Martin Gehlen, beschreibt in einem <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\">lesenswerten Essay im &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;<\/a>, wie sich die urspr&uuml;nglich der katholischen christlichen Soziallehre verpflichtete CDU in ihrem sozialpolitischen Denken immer n&auml;her dem eher staatsskeptischen Profil traditionell-konservativer Parteien nach angels&auml;chsischem Muster ann&auml;hert und wie dieser Paradigmenwechsel im Aufr&uuml;cken von Politikern aus Ostdeutschland in die politischen F&uuml;hrungsebenen seinen personellen Ausdruck findet.<br>\n<!--more--><br>\nIm Gegensatz zum politischen Katholizismus und dem patriarchalisch-lutherischen Staatsdenken, die das im 19. Jahrhundert entwickelte deutsche Sozialmodell pr&auml;gten, zeichne sich in der Union mehr und mehr ein Staatsverst&auml;ndnis ab, das eher dem calvinistisch-reformierten und freikirchlichen Zweig des Protestantismus entspreche, wie dieser in seiner staatsskeptischen Grundhaltung vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch in Gro&szlig;britannien, in den Niederlanden und in der Schweiz seinen staatspolitischen Niederschlag gefunden habe.<\/p><p>In Deutschland habe dieser Typ christlich gepr&auml;gten Staatsmisstrauens erst in j&uuml;ngster Zeit Einzug in die Politik gehalten &ndash; und zwar gerade auch &uuml;ber den Umweg der DDR. Denn inzwischen seien bei der CDU (und vor kurzem auch in der SPD) Ostdeutsche in die F&uuml;hrungsebene aufger&uuml;ckt, deren Leben in der DDR durch eine grunds&auml;tzliche Staatsdistanz gepr&auml;gt sei.<\/p><p>Merkel, Althaus (und jetzt in der SPD auch Platzeck) h&auml;tten in ihrer Biografie in den Prinzipien der traditionellen christlichen Soziallehren westdeutscher Pr&auml;gung und deren grunds&auml;tzlicher Staatszugewandtheit nie Wurzeln schlagen k&ouml;nnen. Es fehle ihnen die Erfahrung von kooperativer und pluraler Mitgestaltung beim Aufbau sozialer Sicherung. Und der sozialen Marktwirtschaft mit ihrem merkw&uuml;rdigen privat-staatlichen Konsensprinzip trauten sie nicht so recht. Zwar seien ihnen die sozialkatholischen Wurzeln der Union kognitiv und intellektuell gel&auml;ufig, aber nicht durch eigene Lebenserfahrung als innere Wert&uuml;berzeugung verankert.<\/p><p>Diese biographisch bedingte Grundhaltung der nun an die Macht gelangten Politiker aus dem Osten korrespondiere mit einem Generationswechsel innerhalb der CDU im Westen. Politiker wie Heiner Gei&szlig;ler, Norbert Bl&uuml;m oder Horst Seehofer, die in der CDU\/CSU f&uuml;r sozialen Ausgleich standen, seien mittlerweile eine seltene Spezies in der Union. F&uuml;r ihre westdeutschen Nachfolger sei Solidarit&auml;t eher nachrangig. Sie setzten lieber auf die Eigeninitiative eines finanziell abgesicherten B&uuml;rgertums, dem sie selbst entstammen.<\/p><p>Als neues Leitbild der Christlich Demokratischen Union leuchte nun eine B&uuml;rgergesellschaft der individuellen Chancen und pers&ouml;nlichen Unabh&auml;ngigkeit. Diese Gesellschaft gr&uuml;nde auf privater Eigenvorsorge. Sie skandalisiere nicht l&auml;nger wachsende soziale Ungleichheiten. Und den sozialen Zusammenhalt wolle sie nach M&ouml;glichkeit nicht mehr durch gesetzliche Sozialversicherungen und staatliche Sozialleistungen festigen, sondern durch eine neue Kultur des freiwilligen b&uuml;rgergesellschaftlichen Engagements.<\/p><p>Im Ergebnis n&auml;here sich das sozialpolitische Denken der Union immer mehr dem Profil traditionell-konservativer Parteien an: weniger Staat, deregulierendes Zweckdenken &ndash; dann und wann gew&uuml;rzt mit dem Ruf nach entschiedenerer Moral. Armut oder soziale Missst&auml;nde w&uuml;rden gedeutet als eine neue Art von Staatsversagen &ndash; als Ergebnis fehlgeleiteter und &uuml;berteuerter staatlicher F&uuml;rsorge. Die Betroffenen h&auml;tten sich, so werde argumentiert, in der &bdquo;komfortablen Normalit&auml;t&ldquo; des Sozialstaats eingerichtet. Der Sozialstaat sei in ihren Augen degeneriert zu einem aus den Fugen geratenen Selbstbedienungsladen, der die Arbeitsmoral aush&ouml;hlt und die Selbstverantwortung untergr&auml;bt.<\/p><p>Ich erlaube mir hinzuzuf&uuml;gen, dass diesem Wandel im politischen &bdquo;&Uuml;berbau&ldquo; die zunehmende Dominanz eines eher calvinistisch (angels&auml;chsisch) gepr&auml;gten &ouml;konomischen Denkens und Handelns und vor allem auch der Machtverteilung in der Gesellschaft entspricht. Der Kapitalismus hat ja schon immer seine ethische Fundierung gerne aus der calvinistischen Lehre bezogen. Schon Max Weber hat den &bdquo;Geist des Kapitalismus&ldquo; auf die &bdquo;innerweltliche Askese&ldquo; und das Streben nach der &bdquo;Erw&auml;hlungsgewissheit&ldquo; gerade auch durch den individuellen weltlichen und materiellen Erfolg, wie das vor allem der englische Calvinismus lehrt, zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. <\/p><p>Diese Dominanz des staatsmisstrauischen, kapitalistischen Denkens und seine aus dem Angels&auml;chsischen zur&uuml;ckkommenden, christlich-konservativen Wurzeln hat sich im &Uuml;brigen offenbar nicht nur in der Union sondern nun auch auf der F&uuml;hrungsebene der Sozialdemokraten durchgesetzt. Mit der Wahl Platzecks zum Vorsitzenden vollzieht die SPD auch personell nach, was sich mit Angela Merkel in der Union schon angebahnt hatte.<br>\nDie Grundidee des Sozialstaates skandinavisch-protestantischer und nicht obrigkeitsstaatlicher Pr&auml;gung, wonach der Staat und die ganze Gesellschaft sozial gerecht zu sein haben und daraus ein subjektives &bdquo;soziales B&uuml;rgerrecht&ldquo; abgeleitet wird (Nida-R&uuml;melin), ist jedenfalls bei Merkel &uuml;berhaupt nicht und bei Platzeck allenfalls formelhaft zu entdecken. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\">DER TAGESSPIEGEL<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der ehemalige Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg und Autor des Buches &bdquo;Politikberatung in den USA , der Einfluss der Think Tanks auf die amerikanische Sozialpolitik&ldquo;, Martin Gehlen, beschreibt in einem <a href=\"http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\" title=\"Externer Link zu http:\/\/archiv.tagesspiegel.de\/archiv\/27.11.2005\/2200492.asp\">lesenswerten Essay im &bdquo;Tagesspiegel&ldquo;<\/a>, wie sich die urspr&uuml;nglich der katholischen christlichen Soziallehre verpflichtete CDU in ihrem sozialpolitischen Denken immer n&auml;her dem eher<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=965\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[192,145,161],"tags":[513,442,527,315,1723],"class_list":["post-965","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cducsu","category-sozialstaat","category-wertedebatte","tag-althaus-dieter","tag-eigenverantwortung","tag-katholische-soziallehre","tag-merkel-angela","tag-platzeck-matthias"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=965"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/965\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31540,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/965\/revisions\/31540"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}