{"id":9650,"date":"2011-06-02T01:51:33","date_gmt":"2011-06-01T23:51:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9650"},"modified":"2014-09-01T11:09:06","modified_gmt":"2014-09-01T09:09:06","slug":"medienpreis-fur-pleite-griechen-kampagne-der-bild-geht-es-auch-noch-absurder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9650","title":{"rendered":"Medienpreis f\u00fcr \u201ePleite-Griechen-Kampagne\u201c der BILD \u2013 geht es auch noch absurder?"},"content":{"rendered":"<p>Was sich zun&auml;chst so anh&ouml;rt wie ein versp&auml;teter Aprilscherz, ist bei n&auml;herer Betrachtung die Bankrotterkl&auml;rung f&uuml;r den Journalismus und ein an Dreistigkeit kaum zu &uuml;berbietender Affront des Stiftungsunwesens im Lande. Die Johanna-Quandt-Stiftung zeichnet in diesem Jahr eine Serie der BILD-Kampagne gegen die &bdquo;Pleite-Griechen&ldquo; mit dem mit 10.000 Euro dotierten &bdquo;Herbert-Quandt-Medien-Preis&ldquo; aus. Damit wird ausgerechnet die Kampagne ausgezeichnet, die den Medienforschern Hans-J&uuml;rgen Arlt und Wolfgang Storz als Untersuchungsobjekt f&uuml;r deren vernichtende Studie <a href=\"?p=9018\">&raquo;Drucksache &bdquo;Bild&ldquo; &ndash; Eine Marke und ihre M&auml;gde&laquo;<\/a> diente. Eine Berichterstattung, der man mit Fug und Recht das Attribut &bdquo;journalistisch&ldquo; absprechen kann &ndash; ja sogar absprechen muss &ndash; gilt in der Belle Etage als journalistisches Meisterwerk. Das ist ein sehr trauriges Novum in der Mediengeschichte. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>Mit der f&uuml;nfteiligen Serie werden in der Hauptsache die Weltbilder und Stereotypen wiederholt, die in den Texten von &bdquo;Bild&ldquo; st&auml;ndig eine hohe Bedeutung haben: Die Griechen seien als Nation und Volk nicht zuverl&auml;ssig, sondern griffen zu unlauteren Mitteln. [&hellip;] &bdquo;Bild&ldquo; nutzt die Schilderung der Sachverhalte, um zum wiederholten Mal zu belegen, wie Politik ihrer Ansicht nach funktioniert: &uuml;berall Unzul&auml;nglichkeiten, Handeln gegen wirtschaftliche Vernunft, Halbherzigkeiten, falsche Nachgiebigkeiten, doppeltes Spiel, Schmiergelder, Fehleinsch&auml;tzungen und Unzuverl&auml;ssigkeiten. Der Schutz der Interessen der deutschen Steuerzahler sei nicht gew&auml;hrleistet. [&hellip;] Insofern liefert &bdquo;Bild&ldquo; auf f&uuml;nf Seiten eine abwechslungsreich erz&auml;hlte Geschichte &ndash; mit Betonung auf: Geschichte &ndash;, wie politischer Mainstream entsteht und wirkt. &bdquo;Bild&ldquo; stellt das als Skandal und Enth&uuml;llung dar, was f&uuml;r andere zwar &sbquo;fehlbarer&rsquo;, aber normaler politischer Alltag ist. [&hellip;] Insofern w&auml;re es in gewissem Sinne eine &sbquo;Rechtfertigungs-Serie&rsquo; und ein Teil der Bem&uuml;hungen, die Position als Leitmedium auch in politischen und gesellschaftspolitischen Themen gegen&uuml;ber medialen und politischen Fachkreisen zu festigen: nur sehr bedingt mit entsprechenden journalistischen Inhalten &ndash; wenngleich in diesem Fall n&auml;her als in allen anderen von uns untersuchten Texten mit Journalismus in Ber&uuml;hrung kommend &ndash;, aber vor allem mit der &ouml;ffentlichen Inszenierung von journalistischem Aufwand (viele Seiten, viele Reporter, hoher Zeitaufwand). Und dem eigentlichen Publikum wurde via Headlines die Botschaft geliefert: Die Griechen tricksen. Die Rotgr&uuml;nen tragen die Schuld. &bdquo;Bild&ldquo; belegt das. &bdquo;Bild&ldquo; bleibt dran. &bdquo;Bild&ldquo; hat recht. &bdquo;Bild&ldquo; scheut keinen Aufwand als W&auml;chter der Interessen des deutschen Steuerzahlers.<\/p><\/blockquote><p>Deutung der BILD-Serie <a href=\"http:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/fileadmin\/user_data\/kompakt\/dokumente\/bild_studie\/AH_Bild_TeilIV_punkt5.pdf\">&bdquo;Geheimakte Griechenland&ldquo; durch Hans-J&uuml;rgen Arlt und Wolfgang Storz im Teil &bdquo;Erweiterungen und Vertiefungen&ldquo; [PDF &ndash; 165 KB]<\/a> zur <a href=\"http:\/\/www.bild-studie.de\/\">BILD-Studie<\/a> der Otto-Brenner-Stiftung.<\/p><p>Eine Laudatio ist diese Medienanalyse sicherlich nicht. Wie sollte man auch eine Laudatio auf ein Werk halten, das jedem Laien und erst recht jedem Fachmann h&ouml;chstens ein Naser&uuml;mpfen entlockt? Man darf gespannt sein, welche Medienpers&ouml;nlichkeit die undankbare Aufgabe bekommen wird, bei der Preisverleihung anerkennende Worte f&uuml;r die BILD-&bdquo;Journalisten&ldquo; Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer zu finden. Zur Erinnerung: Blome &bdquo;gl&auml;nzte&ldquo; bei der Griechenland-Kampagne seines Blattes vor allem durch seine tolldreisten Faktenverdrehungen und seine verwegene, meist beleidigende Polemik gegen die &bdquo;faulen&ldquo; und &bdquo;korrupten&ldquo; Griechen, denen er empfahl, &bdquo;uns ihre Inseln zu verkaufen und die Akropolis gleich mit&ldquo; &ndash; ein widerlicher Affront gegen die Griechen, die uns Deutsche auch noch als Besatzer kennen. Ronzheimers gro&szlig;er Scoop war es, Griechen, die aus Sorge und Angst um ihre Zukunft auf dem Athener Syntagma-Platz demonstrierten, Drachmen in die Hand zu dr&uuml;cken, als seien sie Affen im Zoo, denen man Bananen zuwirft. Jeder Mensch, der auch nur einen Hauch von Empathie besitzt, sollte sich f&uuml;r Mitmenschen wie Blome und Ronzheimer sch&auml;men. Jeder Journalist, der sich nicht klipp und klar von solchen tiefschwarzen Schafen seiner Branche distanziert, sollte sich tunlichst noch einmal Gedanken &uuml;ber die Grundwerte seines Berufsstands machen. <\/p><p>Anstatt sich f&uuml;r den &bdquo;Journalismus&ldquo; der BILD zu sch&auml;men, zeichnet die Johanna-Quandt-Stiftung ihn jedoch aus. Wer ist eigentlich diese Stiftung, wof&uuml;r steht sie? Namensgebende Stifterin ist Johanna Quandt, ehemalige Sekret&auml;rin und dritte Ehefrau von Herbert Quandt, einem Spross einer Industriellen-Dynastie, die den Grundstock ihres sagenhaften Reichtums w&auml;hrend des Nationalsozialismus legte. Heute kontrolliert die Familie ein ganzes Konglomerat aus Konzernen, das vom Automobilhersteller BMW &uuml;ber den Chemie-Riesen Altana bis hin zum weltgr&ouml;&szlig;ten Hersteller hom&ouml;opathischer Arzneimittel reicht. Johanna Quandt ist laut Forbes-Liste die zweitreichste Frau Deutschlands &ndash; &uuml;bertroffen wird sie lediglich von ihrer Tochter Susanne Klatten. Das aktuelle Verm&ouml;gen der Quandts wird von Forbes mit 35 Milliarden US$ angegeben. Mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis zeichnet die Familie daher auch nicht sozialkritische Dokumentationen, sondern &bdquo;Journalisten und Publizisten aller Medien [aus], die sich in anspruchsvoller und allgemeinverst&auml;ndlicher Weise mit dem Wirken und der Bedeutung von Unternehmern und Unternehmen in der Marktwirtschaft auseinandersetzen&ldquo; (Eigendarstellung). <\/p><p>Wer sich die <a href=\"http:\/\/www.johanna-quandt-stiftung.de\/detail_5-1uebersicht.html\">Liste der vergangenen Preistr&auml;ger<\/a> anschaut, merkt schnell, dass es der Johanna-Quandt-Stiftung dabei nicht um kritischen Journalismus, sondern vor allem um beliebige PR-Artikel geht, in denen Unternehmer und Unternehmen in einem m&ouml;glichst positiven Licht dargestellt werden. Den grandiosen Dokumentarfilm <a href=\"http:\/\/video.google.de\/videoplay?docid=-5546132702405608270#\">&bdquo;Das Schweigen der Quandts&ldquo;<\/a>, der die dunkle Vergangenheit des Clans w&auml;hrend der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet, sucht man auf der Liste der ausgezeichneten Werke erwartungsgem&auml;&szlig; vergebens. Ob es &uuml;berhaupt eine Ehre ist, mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der den Namen eines Mannes tr&auml;gt, der nach Ansicht des ehemaligen Chefankl&auml;gers bei den N&uuml;rnberger Prozessen nach heutigem Wissensstand als Hauptkriegsverbrecher h&auml;tte angeklagt werden m&uuml;ssen, sollte jeder Preistr&auml;ger mit sich selbst ausmachen. Nicht umsonst haben die ehemaligen Herbert-Quandt-Medien-Preis-Juroren Mathias M&uuml;ller von Blumencron (SPIEGEL), Gabriele Fischer (brand eins) und Christoph Keese (Springer) ihr Mandat im Kuratorium der Stiftung <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/quandt-preis-juroren-treten-zurueck-stiften-aus-der-stiftung-1.587520\">niedergelegt<\/a> als neuere Forschungsergebnisse die dunkle Vergangenheit der Familie Quandt aufdeckten.<\/p><p>Das Kuratorium der Quandt-Stiftung, das auch als Jury f&uuml;r den Medienpreis fungiert, besteht aus Johanna Quandt, ihrem Sohn Stefan Quandt und drei namhaften Journalisten. Als von Blumencron, Fischer und Keese ihr Mandat niederlegten, griff Roland Tichy dankbar zu. Tichy ist Marktliberaler aus &Uuml;berzeugung. Als Autor des Buches &bdquo;Die Pyramide steht Kopf&ldquo; z&auml;hlte er zu den &bdquo;Pionieren&ldquo; der uns&auml;glichen Demographie-Debatte. Tichy gei&szlig;elt &bdquo;das Gerede von Konjunkturprogrammen&ldquo;, betet regelm&auml;&szlig;ig das Mantra der Alternativlosigkeit von Steuerentlastungen, spricht gerne von &bdquo;Sozialversicherungs-Imperialismus&ldquo; und h&auml;lt &ndash; wen wundert es &ndash; den Sozialstaat f&uuml;r &bdquo;nicht finanzierbar&ldquo;. Zwischen Tichy, der aktuell Chefredakteur der Wirtschaftswoche ist, und BILD passt programmatisch kein Blatt. Es ist nicht sonderlich &uuml;berraschend, dass ein Mann, der aus freien St&uuml;cken als Sprachrohr der Interessen der Superreichen arbeitet, von der Familie Quandt mit einem Sitz im Kuratorium der Familienstiftung belohnt wurde.<\/p><p>Ein weiterer Journalist, der damals kein Problem mit der Nazi-Vergangenheit der Stifterfamilie hatte, ist Helmut Reitze &ndash; besser bekannt als &bdquo;der Mann mit der Fliege&ldquo; aus dem heute-journal. Reitze ist Intendant des &ouml;ffentlich-rechtlichen Hessischen Rundfunks. Ein Mann, der qua Amt eine unabh&auml;ngige und anspruchsvolle journalistische Arbeit leiten soll, zeichnet eine Kampagne der BILD aus, die diese Anspr&uuml;che nicht einmal im Ansatz erf&uuml;llt? Was sagt Reitze, der auch Vorsitzender des Beirats der ARD\/ZDF-Medienakademie ist, den jungen Journalisten, die dort die Grundwerte des Journalismus vermittelt bekommen? Herr Reitze &ndash; warum haben Sie als Juror f&uuml;r die BILD-Kampagne gestimmt?<\/p><p>Neben Tichy und Reitze sitzt auch Stephan-Andreas Casdorff im Kuratorium der Stiftung. Casdorff ist nicht nur Sohn des legend&auml;ren Monitor-Journalisten Claus Hinrich Casdorff, sondern auch Chefredakteur des zur Holtzbrinck-Gruppe geh&ouml;renden Tagesspiegels. Herr Casdorff, was w&uuml;rden Sie als Chefredakteur sagen, wenn einer Ihrer Mitarbeiter auf dem Syntagma-Platz Drachmen verteilen w&uuml;rde? Von Ihnen ist der Satz &uuml;berliefert: &bdquo;Wir Journalisten sollen denen, &uuml;ber die wir berichten, nahe kommen, ohne ihnen zu nahe zu treten &ndash; und uns nicht durch N&auml;he einnehmen lassen.&ldquo; Kann es sein, Herr Casdorff, dass Sie Sich durch die N&auml;he der Quandts haben einnehmen lassen?<\/p><p>Es ist zu hoffen, dass die Verleihung des diesj&auml;hrigen Herbert-Quandt-Medien-Preises zumindest den Herren Reitze und Casdorff eigentlich peinlich ist. W&auml;ren sie Manns genug, w&uuml;rden sie aus dem Kuratorium zur&uuml;cktreten und den Platz f&uuml;r andere Scheckbuch-Journalisten freimachen, die sich f&uuml;r keine Peinlichkeit zu schade sind. <\/p><p>Die Verleihung des Herbert-Quandt-Medien-Preises an Blome und Ronzheimer ist keine Bankrotterkl&auml;rung des Journalismus, sondern eine Bankrotterkl&auml;rung f&uuml;r den Journalismus. Welchen Stellenwert hat Journalismus in einer Gesellschaft, in der eine Jury, die mehrheitlich mit Journalisten besetzt ist, einen Medienpreis an eine Hetz-Kampagne eines Boulevardblattes verleiht, die bei neutraler Betrachtung noch nicht einmal die Kriterien eines journalistischen Werkes erf&uuml;llt? Vielleicht sollten sich Familienstiftungen wie die Quandt-Stiftung aber auch ganz einfach aus der Verleihung von Medienpreisen zur&uuml;ckziehen. Man kann willf&auml;hrige Schreiberlinge auch mit einem Verrechnungsscheck im neutralen Kuvert begl&uuml;cken. Das erspart allen Beteiligten wenigstens die Peinlichkeit einer solchen Farce. Die Preisverleihung ist jedoch auch ein Beispiel, wie die Reichen und M&auml;chtigen in diesem Land, ihre journalistischen Hofh&uuml;ndchen pflegen. Normalerweise geschieht das diskret. Eigentlich ein Wunder, dass man sich so offen entbl&ouml;&szlig;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sich zun&auml;chst so anh&ouml;rt wie ein versp&auml;teter Aprilscherz, ist bei n&auml;herer Betrachtung die Bankrotterkl&auml;rung f&uuml;r den Journalismus und ein an Dreistigkeit kaum zu &uuml;berbietender Affront des Stiftungsunwesens im Lande. Die Johanna-Quandt-Stiftung zeichnet in diesem Jahr eine Serie der BILD-Kampagne gegen die &bdquo;Pleite-Griechen&ldquo; mit dem mit 10.000 Euro dotierten &bdquo;Herbert-Quandt-Medien-Preis&ldquo; aus. 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