{"id":96639,"date":"2023-04-22T11:45:17","date_gmt":"2023-04-22T09:45:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96639"},"modified":"2023-04-22T12:04:22","modified_gmt":"2023-04-22T10:04:22","slug":"ein-einzigartiges-stipendienprogramm-kubas-fuer-den-globalen-sueden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96639","title":{"rendered":"\u201eEin einzigartiges Stipendienprogramm Kubas f\u00fcr den Globalen S\u00fcden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Kuba bildete &uuml;ber Jahrzehnte auf eigene Kosten Tausende von &bdquo;internationalen Sch&uuml;lern&ldquo; aus Afrika, Asien und Lateinamerika als Techniker und Fach-Spezialisten in Bereichen wie Agronomie, Veterin&auml;rmedizin und Buchf&uuml;hrung aus. Das Besondere (und auch Erfolgreiche) an dem Ansatz war unter anderem der Fokus des Stipendienprogramms auf die Mittel- und Sekundarstufe und nicht wie sonst oft &uuml;blich auf Hochschulbildung. Ein Interview mit der kubanischen Bildungsforscherin Dayana Murgia, die derzeit an der Humboldt-Universit&auml;t Berlin zu diesem Thema forscht. Von <strong>Tobias Kriele<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sie promovieren derzeit an der Humboldt-Universit&auml;t in Berlin. K&ouml;nnen Sie uns etwas &uuml;ber Ihren pers&ouml;nlichen und akademischen Hintergrund erz&auml;hlen? Was ist das Thema Ihrer Arbeit?<\/strong><\/p><p>Seit zehn Jahren arbeite ich als Forscherin am kubanischen Geschichtsinstitut Instituto de Historia de Cuba (IHC) in Havanna, habe aber urspr&uuml;nglich Erziehungswissenschaften studiert. An die Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin kam ich &uuml;ber ein DAAD-Stipendium und bin im Begriff, hier meine Doktorarbeit fertigzustellen. Mein Thema ist die Entwicklung eines in der transnationalen Bildungsgeschichte recht ungew&ouml;hnlichen Stipendienprogramms f&uuml;r Kinder, Jugendliche und junge Menschen aus rund 40 Staaten und Organisationen in Afrika, dem Nahen Osten, Asien und Lateinamerika, das zwischen 1977 und 2012 auf der kubanischen Insel der Jugend existierte.<\/p><p><strong>Welchen Beitrag hat Kuba mit diesem Programm f&uuml;r die afrikanischen L&auml;nder geleistet?<\/strong><\/p><p>Das Programm beinhaltete im Wesentlichen Stipendien f&uuml;r komplette Ausbildungszyklen auf allen Bildungsebenen, von der Grundschule bis zur Sekundarstufe, von der Sekundarstufe bis zur technischen Oberschule oder bis zur Universit&auml;t. Das bedeutet, dass Kuba Tausende von &bdquo;internationalen Sch&uuml;lern&ldquo; aus der so genannten Dritten Welt, heute ein Teil des globalen S&uuml;dens, als Techniker und Spezialisten in Bereichen wie Agronomie, Veterin&auml;rmedizin, Wirtschaftslehre oder Buchf&uuml;hrung ausbildete. Diese wurden in ihren &bdquo;Nationalstaaten&ldquo;, zum Beispiel nach der Erlangung der formalen Unabh&auml;ngigkeit, dringend ben&ouml;tigt. Die Stipendien wurden weltweit auf der Grundlage von Regierungsabkommen vergeben und von Kuba finanziert, ohne Einmischung eines dritten Staates oder einer Organisation und ohne finanzielle Belastung der Teilnehmenden. Wir haben es also definitiv mit einer selbstlosen Initiative zu tun, die Kubas internationalistische Solidarit&auml;tsmotivation in seiner milit&auml;rischen und zivilen Hilfe f&uuml;r Afrika unterstreicht.<\/p><p><strong>Inwiefern war dieses Programm mit seinen besonderen Merkmalen im internationalen Kontext einzigartig?<\/strong><\/p><p>Wesentlich und ganz einzigartig ist der Fokus des Stipendienprogramms auf der Isla de la Juventud auf die Mittel- oder Sekundarstufe. Bisher herrschte in der Welt die Tendenz vor, Stipendien f&uuml;r die Hochschulbildung zu gew&auml;hren, sowohl im Westen als auch in den sozialistischen L&auml;ndern. Dies ist eine sehr wichtige Besonderheit, denn in jedem Land ist die Sekundarschule eine Schulstufe, welche Entwicklungsziele stark beeinflusst, in der aber die Schulabbrecherquote in Afrika und anderen Regionen der so genannten Dritten Welt sehr hoch ist.<\/p><p><strong>Mit welchen Erwartungen sind die afrikanischen Sch&uuml;ler gekommen, mit welchen Erfahrungen sind sie zur&uuml;ck gegangen?<\/strong><\/p><p>Die Statistiken &uuml;ber die Zahl der internationalen Studenten in diesem Programm variieren zwar von Autor zu Autor, doch halte ich bei meinen Recherchen eine Zahl von etwa 23.000 Absolventen f&uuml;r am wahrscheinlichsten.<\/p><p>Als ich insgesamt 109 befragte Absolventen aus 14 L&auml;ndern danach fragte, mit welcher urspr&uuml;nglichen Erwartung sie auf die Isla kamen, antworteten 92,6 Prozent der Befragten: &bdquo;Ich wollte zur&uuml;ckkehren und beim Wiederaufbau bzw. bei der Entwicklung meines Landes helfen&ldquo;. Das f&uuml;hre ich auf ein kollektives Streben nach einer gerechteren und nach sozialistischen Prinzipien entwickelten Gesellschaft zur&uuml;ck, welches man damals bei verschiedenen afrikanischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten feststellen konnte. In der Regel fanden diese ihren R&uuml;ckhalt in den am st&auml;rksten benachteiligten Sektoren, wie Bauern und Arbeiter, die auf der Insel der Jugend gut vertreten waren und den Antrieb hatten, das dramatische koloniale Erbe zu &auml;ndern.<\/p><p>Zweifellos ist diese Zeit, die sie auf der Insel verbracht haben, eines der Markenzeichen f&uuml;r den sp&auml;teren Werdegang vieler Absolventen. Sie sprechen von einer Ausbildung, die nicht nur eine sehr starke Gruppenidentit&auml;t geschaffen hat, sondern auch einen Sinn f&uuml;r Patriotismus, Pflichtbewusstsein, eine proaktive Anpassung an schwierige Arbeitsumgebungen, die Bereitschaft, &uuml;berall dort zu arbeiten, wo es notwendig ist, und einen kollegialen Umgang, unabh&auml;ngig von der Arbeitshierarchie.<\/p><p>Oftmals verwischte die traditionelle p&auml;dagogische Abgrenzung zwischen Lehrern und Sch&uuml;lern und erleichterte den Sch&uuml;lern die Anpassung an das neue Leben und die neue Kultur. Vor allem aber beg&uuml;nstigte sie den Erfolg im Studium. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Absolventen nicht nur bem&uuml;hen, als Gruppe auf die Insel der Jugend zur&uuml;ckzukehren, sondern auch den Kontakt zu ihren kubanischen &bdquo;Eltern&ldquo; aufrechtzuerhalten und sie in ihre Heimatl&auml;nder einzuladen.<\/p><p><strong>Eine pers&ouml;nliche Frage: Welche Beziehung haben Sie als junge Kubanerin zum afrikanischen Kontinent?<\/strong><\/p><p>Es ist eine von Wertsch&auml;tzung gepr&auml;gte Beziehung. Die afrikanische Pr&auml;senz, vor allem die der versklavten Menschen, ist einer der Einfl&uuml;sse, die das kubanische Volk zu einer einzigen genetischen Familie gemacht haben. Weniger bekannt ist der afrikanische Beitrag im Kampf gegen den spanischen Kolonialismus und sp&auml;ter gegen den amerikanischen Neokolonialismus. Ich vermute, dass ich mich aufgrund dieser beiden Komponenten &ndash; Tradition und Widerstand &ndash; mehr mit dieser Region verbunden f&uuml;hle als mit anderen.<\/p><p><em>Das Interview erschien zuerst <a href=\"https:\/\/www.fgbrdkuba.de\/cl\/cltxt\/cl2023104-kubas-solidaritaet-mit-afrika.php\">in der Zeitschrift der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba Cuba Libre 1\/2023<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: <a href=\"http:\/\/mesaredonda.cubadebate.cu\/mesa-redonda\/2017\/10\/16\/africa-en-una-isla-cubana-40-aniversario-de-la-escuelas-internacionalistas-video\/\">Teilnehmer des internationalen Stipendienprogramms auf der &bdquo;Insel der Jugend&ldquo; in den 1970er Jahren<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90013\">Stimmen aus Kuba: Der europ&auml;ische Garten oder Borrells Eurozentrismus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874\">Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu &uuml;berwinden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=86486\">Heute vor 60 Jahren wurde der ANC-F&uuml;hrer Nelson Mandela mit Hilfe der CIA festgenommen<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f24e4e039bdb4c0296c0b847bf7d251c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kuba bildete &uuml;ber Jahrzehnte auf eigene Kosten Tausende von &bdquo;internationalen Sch&uuml;lern&ldquo; aus Afrika, Asien und Lateinamerika als Techniker und Fach-Spezialisten in Bereichen wie Agronomie, Veterin&auml;rmedizin und Buchf&uuml;hrung aus. 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