{"id":96655,"date":"2023-04-23T14:00:32","date_gmt":"2023-04-23T12:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96655"},"modified":"2023-04-23T14:54:02","modified_gmt":"2023-04-23T12:54:02","slug":"sammelband-kriegsfolgen-betrachtung-des-ukraine-konflikts-aus-verschiedenen-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96655","title":{"rendered":"Sammelband \u201eKriegsfolgen\u201c \u2013 Betrachtung des Ukraine-Konflikts aus verschiedenen Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>Der Ukraine-Krieg bestimmt weiter die Schlagzeilen. In der westlichen Wahrnehmung sind die Rollen klar verteilt: Kiew ist gut, Moskau ist b&ouml;se; die blau-gelbe Fahne steht f&uuml;r Freiheit, das omin&ouml;se russische Zeichen &bdquo;Z&ldquo; f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung. Diese Darstellung wird der Komplexit&auml;t des Konflikts nicht gerecht, weshalb die beiden Publizisten Hannes Hofbauer und Stefan Kraft einen <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/kriegsfolgen\/\">Sammelband<\/a> vorgelegt haben, in dem Motive und Folgen des gegenw&auml;rtigen Krieges jenseits von Propaganda objektiv diskutiert werden. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls Autoren konnten die Herausgeber zahlreiche fachkundige Pers&ouml;nlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen gewinnen &ndash; ausgewiesene Russland-Kenner wie Boris Kagarlitsky etwa, den Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko (Die Linke), die ethnische Ukrainerin und Medienwissenschaftlerin Olga Baysha oder den &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo;-Redakteur Florian Warweg. In ihren Beitr&auml;gen beleuchten sie verschiedene Aspekte des Konflikts &ndash; sowohl historische als auch soziale, wirtschaftliche wie geopolitische. Sie nehmen die Beteiligung des westlichen B&uuml;ndnisses unter die Lupe, analysieren den Gang des Krieges und skizzieren dessen Vorgeschichte. Dazu geh&ouml;rt unter anderem ein differenzierter Blick auf die ukrainische Staatsbildung, mit der sich unter anderem die &ouml;sterreichische Wissenschaftlerin Andrea Komlosy auseinandersetzt. In ihrem Beitrag akzentuiert sie die historischen Momente und konzentriert sich auf den Zeitraum 1917 bis 1920, als sich im Zuge des Ersten Weltkriegs und der Russischen Revolution &bdquo;gleich mehrere ukrainische Staaten&ldquo; herausgebildet h&auml;tten.<\/p><p><strong>Eine andere Zeitenwende<\/strong><\/p><p>Zeitlich weit zur&uuml;ck geht auch Autor Peter Wahl, der den zum gefl&uuml;gelten Wort gewordenen Begriff &bdquo;Zeitenwende&ldquo; aufgreift, ihn jedoch anders unterf&uuml;ttert als der deutsche Bundeskanzler: Es handle sich eher um einen Ausklang einer 500-j&auml;hrigen Epoche von Kolonialismus, Imperialismus und Neo-Kolonialismus, &bdquo;in der zuerst Westeuropa und sp&auml;ter sein nordamerikanischer Ableger dem Rest der Welt seinen Willen diktieren konnte&ldquo;. Washington sei jedoch nicht bereit, seinen globalen F&uuml;hrungsanspruch aufzugeben, und instrumentalisiere Europa f&uuml;r die eigenen Zwecke. Auf diesem Gedanken beruht auch der Beitrag des Herausgebers Hannes Hofbauer, der vom EU-Gipfel in Vilnius 2013 bis zum Friedensabkommen von Minsk 2015 nachzeichnet, &bdquo;wie sich Europa auf die Konfrontation mit Russland vorbereitete&ldquo;.<\/p><p>Hervorgehoben wird dabei die Rolle der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die kurze Zeit sp&auml;ter praktisch zugegeben habe, dass Kiew mit dem Vertrag von Minsk Zeit verschafft werden sollte, &bdquo;um sich hochzur&uuml;sten und seine Armee mit rechtsradikalen Paramilit&auml;rs verschmelzen zu k&ouml;nnen, damit diese irgendwann erfolgreich gegen die abtr&uuml;nnige, von Sezessionisten gef&uuml;hrte russische Bev&ouml;lkerung im Donbass marschieren kann&ldquo;. Merkel habe offensichtlich schon 2015 gewusst, dass es sich um eine Falle f&uuml;r Moskau handle, &bdquo;mehr noch, sie hatte diese Falle selbst und bewusst ausgelegt&ldquo;.<\/p><p><strong>Folgen der Sanktionspolitik<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend Hofbauer auf die Vorgeschichte des Krieges eingeht, widmet sich der ehemalige Bundeswehr-Offizier Jochen Scholz st&auml;rker den Folgen, indem er die Sanktionspolitik in den Blick nimmt. Seine Schlussfolgerung h&ouml;rt sich alarmierend an: &bdquo;Wie auch immer der Ausgang in der Ukraine sein wird, eines ist sicher: Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden in den kommenden Jahren f&uuml;r alle sp&uuml;rbar sein, da sich die Welt zwischen dem Westen und einem sich rasch neuformierenden Eurasien aufteilt.&ldquo; Besonders hart werde es den Europ&auml;ischen Wirtschaftsraum treffen, wo Scholz nicht nur einen massiven Wohlstandsverlust mit steigender Arbeitslosigkeit und wegbrechenden Absatzm&auml;rkten bef&uuml;rchtet, sondern auch soziale Spannungen und Unruhen. Allerdings sieht er in dieser Krisensituation auch Chancen: &bdquo;Erst die durch die Folgen der Sanktionen abzusehenden innenpolitischen\/gesellschaftlichen Verwerfungen d&uuml;rften einen Umdenkprozess einleiten und die Erkenntnis bef&ouml;rdern, dass Europa, &sbquo;als westliche Halbinsel Gro&szlig;-Eurasiens&lsquo;, nur dann eine unabh&auml;ngige Zukunft haben kann, wenn darauf hingearbeitet wird, mit den Staaten dieses riesigen Kontinents eine gedeihliche politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu gestalten.&ldquo;<\/p><p>Eine andere Art von Kriegsfolgen f&uuml;hrt Thomas Fazi vor Augen und zieht dabei Parallelen zum Umgang mit der Corona-Thematik, bei dem ebenfalls von &bdquo;Krieg&ldquo; gesprochen wurde. Der Autor sieht die Gefahr eines aufkommenden &bdquo;Krisenkapitalismus&ldquo;. Dieser beruhe auf einer Ausnutzung und Konstruktion einer endlosen Reihe von Krisen, wodurch der westliche Kapitalismus, so die These, einen permanenten Ausnahmezustand schaffe: &bdquo;In einem solchen System stellt die &sbquo;Krise&lsquo; keine Abweichung von der Norm mehr dar; sie ist die Norm, der grunds&auml;tzliche Ausgangspunkt f&uuml;r jede Politik.&ldquo; Als Blaupause f&uuml;r dieses &bdquo;autorit&auml;re Management der westlichen Gesellschaften&ldquo; f&uuml;hrt Fazi den Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001 an und veranschaulicht daraufhin, wie die Covid-19-Pandemie und der gegenw&auml;rtige Ukraine-Krieg den Trend zu zunehmend konzentrierten und oligarchischen Formen der Macht beschleunigt haben. In der Zukunft d&uuml;rfte sich eine Situation ergeben, &bdquo;die durch einen permanenten Krisen-\/Notstands-\/Kriegszustand gekennzeichnet ist&ldquo;.<\/p><p><strong>&bdquo;Russki Mir&ldquo; &ndash; Zusammenf&uuml;hrung der russischen Welt<\/strong><\/p><p>Ein besonders lesenswerter Beitrag stammt von Mitherausgeber Stefan Kraft, der darin demonstriert, dass der Sammelband nicht blo&szlig; Russland-Apologetik betreibt. Kritisches Schlaglicht f&auml;llt vor allem auf den Pr&auml;sidenten Wladimir Putin. Kraft seziert dessen Rede vom 24. Februar 2022, in der die &bdquo;milit&auml;rische Spezialoperation&ldquo; gegen die Ukraine begr&uuml;ndet wurde, und bringt sie in Verbindung mit Aussagen von Rosa Luxemburg und Lenin. Diese Bez&uuml;ge dienen dazu, ein Konzept vorzustellen, das in Putins Politik einen gro&szlig;en Stellenwert einnehmen soll: die Zusammenf&uuml;hrung der &bdquo;russischen Welt&ldquo; (Russki Mir). Innerhalb dieses Gedankengeb&auml;udes habe es f&uuml;r den russischen Pr&auml;sidenten keine Bedeutung, so Kraft, &bdquo;ob es tats&auml;chlich eine historisch geformte Idee einer von vielen Menschen getragenen ukrainischen Nation gab, sondern vielmehr, dass so eine Idee im Widerspruch steht zu einem historischen Russland und somit nicht verwirklicht werden darf&ldquo;.<\/p><p>F&uuml;r Putin sei die moderne Ukraine ausschlie&szlig;lich ein Produkt der Sowjet&auml;ra. &bdquo;Wir wissen und erinnern uns gut daran, dass sie &ndash; zu einem gro&szlig;en Teil &ndash; auf dem Gebiet des historischen Russlands entstanden ist&ldquo;, wird dessen genauer Wortlaut wiedergegeben. In diesen Aussagen entdeckt Kraft jedoch gewisse Widerspr&uuml;che. Einerseits werde ein positiver Bezug auf die Sowjetunion genommen. Andererseits stehe die &bdquo;Russki Mir&ldquo; eindeutig f&uuml;r ein Russland vor der Errichtung der Sowjetunion, mit der die nationale &Uuml;berheblichkeit ein Ende finden sollte. &bdquo;Putin gelingt es,&ldquo;, schlussfolgert der Autor, &bdquo;diese Widerspr&uuml;che zu verbinden und in der Au&szlig;enpolitik die russische Nation als antiimperialistisches Land zu inszenieren.&ldquo;<\/p><p><strong>Spielball im geopolitischen Ringen zwischen Ost und West<\/strong><\/p><p>Wie dieser Beitrag veranschaulichen auch die restlichen Texte des Sammelbandes, wie die Ukraine zum Spielball im geopolitischen Ringen zwischen Ost und West geworden ist. Untermauert wird das unter anderem anhand von Ereignissen wie der NATO-Osterweiterung, dem Erstarken (neo)faschistischer Kr&auml;fte oder der Nord-Stream-Sprengung. Die Schilderungen beruhen auf ausgiebigen Recherchen, wie sofort erkennbar wird. Die Autoren gehen teilweise sehr ins Detail, so wie der Schweizer Ralph Bossard, der seit 2022 als freiberuflicher Analytiker f&uuml;r polit- und milit&auml;rstrategische Fragen t&auml;tig ist. Dass er sein Handwerk beherrscht, beweist sein Beitrag auf eindrucksvolle Weise. Darin schildert er den bisherigen Kriegsverlauf in der Ukraine und f&ouml;rdert Informationen zutage, die selbst kritischen und kundigen Beobachtern des Konflikts unbekannt sein d&uuml;rften, geschweige denn den Stammlesern hiesiger Leitmedien.<\/p><p>Allerdings zieht Bossard ein Fazit, dass das westliche Narrativ st&uuml;tzt: &bdquo;Mit der Annexion der vier Oblaste Cherson, Saporischschja, Donezk und Lugansk hat der Kreml die sprichw&ouml;rtliche Katze aus dem Sack gelassen und gezeigt, worum es ihm letzten Endes wirklich ging, n&auml;mlich die Umsetzung der Neurussland-Konzeption (Novorossiya)&ldquo;. Weitaus emotionaler als dieses analytisch-kritische Res&uuml;mee klingen die Aussagen des Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann. Er bezeichnet Putins Krieg als Fehler: &bdquo;Weil jetzt Russland alles das bekommt, was es mit dem &Uuml;berfall auf die Ukraine verhindern wollte: Raketen in ungez&auml;hlter F&uuml;lle, dicht bis an die Grenze. Die milit&auml;rische Versorgung der Ukraine ist voll im Gange. Ob ein NATO-Staat daraus wird oder nicht, das Faktum ist l&auml;ngst eingeleitet. Alles, was verhindert werden sollte, steht jetzt da, die gesamte EU, Mann f&uuml;r Mann, die Hacken beieinander geschlagen. Die Gefolgschaft zu den USA, besser konnte es nicht kommen.&ldquo;<\/p><p>Dadurch, dass der Sammelband einen differenzierten Blick auf den Konflikt liefert, gibt er die M&ouml;glichkeit, tief in das Thema einzutauchen und viel &uuml;ber dessen Teilaspekte zu lernen. Zumal die Autoren Informationen zusammentragen, die in den bisherigen Publikationen zum Ukraine-Krieg fehlen. Ob ihre Analysen und Schlussfolgerungen zutreffen, m&uuml;ssen die Leser selbst entscheiden. Die sehr unterschiedlichen Texte helfen jedoch dabei, den Konflikt genauer zu verstehen und sowohl die vergangenen als auch die kommenden Ereignisse besser zu beurteilen.<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96339\">Nord Stream als Kriegsgrund<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96257\">Kiews &bdquo;Schwarze Listen&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ukraine-Krieg bestimmt weiter die Schlagzeilen. In der westlichen Wahrnehmung sind die Rollen klar verteilt: Kiew ist gut, Moskau ist b&ouml;se; die blau-gelbe Fahne steht f&uuml;r Freiheit, das omin&ouml;se russische Zeichen &bdquo;Z&ldquo; f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung. Diese Darstellung wird der Komplexit&auml;t des Konflikts nicht gerecht, weshalb die beiden Publizisten Hannes Hofbauer und Stefan Kraft einen <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/kriegsfolgen\/\">Sammelband<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96655\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96656,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171,208],"tags":[2102,2175,315,915,259,260,1019],"class_list":["post-96655","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-militaereinsaetzekriege","category-rezensionen","tag-geostrategie","tag-interventionspolitik","tag-merkel-angela","tag-putin-wladimir","tag-russland","tag-ukraine","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/210423_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96655","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96655"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96722,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96655\/revisions\/96722"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96656"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}