{"id":96661,"date":"2023-04-22T14:00:16","date_gmt":"2023-04-22T12:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96661"},"modified":"2023-04-24T07:30:41","modified_gmt":"2023-04-24T05:30:41","slug":"unternehmer-quirin-graf-adelmann-wir-haben-aktuell-die-eintoenigste-ideenloseste-kulturlandschaft-aller-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96661","title":{"rendered":"Unternehmer Quirin Graf Adelmann: \u201eWir haben aktuell die eint\u00f6nigste, ideenloseste Kulturlandschaft aller Zeiten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Kulturbranche befindet sich in einem desolaten Zustand. Ihr Gef&uuml;ge ist in den letzten drei Jahren ins Wanken geraten. Wegen der Corona-Ma&szlig;nahmen und der damit einhergehenden Berufsverbote gerieten nicht wenige Akteure in eine finanzielle wie existenzielle Krise. Die hohe Inflation und steigende Energiepreise d&uuml;rften die Probleme weiter versch&auml;rfen. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist verloren gegangen. Die B&uuml;rokratie w&auml;chst kontinuierlich und hemmt sowohl K&uuml;nstler als auch Einrichtungen, neue Projekte zu entwickeln. Ebenfalls einschr&auml;nkend wirkt die grassierende Cancel Culture. Wer im Kulturbetrieb &uuml;berleben will, muss die Worte genau abw&auml;gen und den herrschenden Narrativen folgen. Es bedarf einer grundlegenden Ver&auml;nderung. Zu diesem Schluss kommt der Unternehmer <strong>Quirin Graf Adelmann<\/strong>, der in Deutschlands Hauptstadt in verschiedenen Kulturbereichen aktiv ist und die Entwicklungen der letzten Jahre hautnah mitverfolgt hat. Im Interview mit <strong>Eugen Zentner<\/strong> spricht er &uuml;ber die gegenw&auml;rtigen Herausforderungen, benennt die Missst&auml;nde und erkl&auml;rt, warum so viele K&uuml;nstler und Kultureinrichtungen w&auml;hrend der Corona-Zeit die harten Ma&szlig;nahmen kritiklos hinnahmen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5690\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96661-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96661-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230422_Unternehmer_Quirin_Graf_Adelmann_Ideenloseste_Kulturlandschaft_aller_Zeiten__NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Graf Adelmann, Sie sind ein sehr engagierter Unternehmer, der unter anderem im Kulturbetrieb aktiv ist. Als Leiter des DDR-Museums Berlin, Eigent&uuml;mer des Musikhauses Arttraktiv, Mitglied des ORWOhauses, Gr&uuml;nder von ravetheplanet und jahrelanger Betreuer des Privatclubs Berlin haben Sie einen Einblick in die Kultur-Szene der Hauptstadt. In welcher Verfassung befindet sie sich heute im Vergleich zur Zeit vor Corona?<\/strong><\/p><p>Private Kultureinrichtungen sind vor allem verunsichert. Kreative Menschen aller Kunst- und Kulturbereiche brauchen wirtschaftliche und regulatorische Verl&auml;sslichkeit und wollen in Ruhe gelassen werden. Alles ist vollst&auml;ndig verloren gegangen. Hautnah mussten engagierte Kreative und Veranstalter erfahren, dass sie jederzeit geschlossen werden k&ouml;nnen und die Polizei einmarschiert, um Events zu kontrollieren und\/oder zu schlie&szlig;en. Neue Ideen und eingegangene Risiken m&uuml;ssen mindestens zwei Jahre &uuml;berleben, um im Falle einer Zwangsschlie&szlig;ung Entsch&auml;digungen zu erhalten.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus sind viele nicht mehr gewillt, in ihre Fl&auml;chen und Ausr&uuml;stung zu investieren, weil Mietvertr&auml;ge kurzfristig sind und Genehmigungen versch&auml;rft wurden. Nicht zu vergessen ist, dass viele Kr&auml;fte im Hintergrund Veranstaltungen, Ausstellungen und Konzepte erm&ouml;glichen, die allesamt in der Corona-Zeit nicht entsch&auml;digt wurden und ihren beruflichen Schwerpunkt weg von Kunst und Kultur hin zu sicheren Arbeitspl&auml;tzen wie dem &Ouml;ffentlichen Dienst oder ins Ausland verlagert haben. Diese schlechten materiellen und immateriellen Zust&auml;nde werden wir &uuml;ber viele Jahre hinweg sp&uuml;ren.<\/p><p>Der Zufluss des &uuml;blichen Kunst-Nachwuchses ist ebenfalls in diesen Verbotsjahren gestoppt worden. Der Staat hingegen hat kreative K&ouml;pfe v&ouml;llig vereinnahmt. Dort sind schier grenzenlos Gelder ausgegeben worden. Schauen wir uns beispielsweise die Jahresgeh&auml;lter der F&uuml;hrungskr&auml;fte staatlicher Kultureinrichtungen im hohen sechsstelligen Bereich an, die Anzahl der Mitarbeitenden von staatlichen Kulturst&auml;tten oder Mittelverteileinrichtungen oder die Ausgaben f&uuml;r Raum und Konzepte an. In diesem Wettbewerb zwischen freier Kunst und staatlicher Geld&uuml;bersch&uuml;ttung widerstehen oft insbesondere Menschen nicht, die jung sind oder die existenziell unter Druck stehen.<\/p><p><strong>Sie haben gerade von &bdquo;Kr&auml;ften im Hintergrund&ldquo; gesprochen. K&ouml;nnen Sie das bitte ein wenig konkretisieren? Wer sind diese Kr&auml;fte im Hintergrund?<\/strong><\/p><p>Damit sind all diejenigen gemeint, die Kabel verlegen, Licht anschalten, Messebauer, Tontechniker oder Einzelbooker &ndash; also Menschen, die selbstst&auml;ndig waren oder nur in der Saison rund um die Uhr im riesigen Kulturbereich gearbeitet haben und nun 2021 ihre T&auml;tigkeiten im und f&uuml;r den Kulturbereich, den sie geliebt haben, aufgegeben haben. 2019 haben noch knapp drei Millionen Veranstaltungen mit 400 Millionen Teilnehmern stattgefunden. Wie sollen Menschen diesen Branchen zuk&uuml;nftig vertrauen? Umgekehrt haben staatliche Einrichtungen die Zahl der Mitarbeitenden teilweise verzehnfacht und bestimmen mehr und mehr die freie Szene. Die Kulturraum Berlin GmbH beispielsweise, eine Senats-Gesellschaft, vergibt die R&auml;ume und bewertet Bewerbungen und ist somit nichts anderes als verl&auml;ngerter Arm der politischen Linienf&uuml;hrung.<\/p><p><strong>Die Kultur z&auml;hlt zu den Branchen, die am meisten unter der Corona-Politik litt. Veranstaltungen waren lange Zeit verboten. Sp&auml;ter durften sie nur unter strengen Hygieneauflagen stattfinden. Viele Einrichtungen und K&uuml;nstler d&uuml;rften diese Zeit finanziell nicht &uuml;berlebt haben. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?<\/strong><\/p><p>Alle Veranstalter, Inhaber von Clubs oder Museen haben zwischen 2020 und 2022 trotz teilweiser absurder Regelungen wirtschaftlich eher profitiert. Den Musikern, T&auml;nzern und Schauspielern hat es die F&uuml;&szlig;e weggehauen. Denn sie alle konnten und durften nicht auftreten. Wir reden hier nicht allein von Einkommen, sondern von Lebensentfaltung und Kommunikationseinschr&auml;nkungen. Ich kenne sehr viele, die einfach zur&uuml;ck in ihre Heimat gekehrt sind, und einige, die heute nicht mehr musizieren oder schauspielern. Umgekehrt werden nun die Veranstalter und Kunsth&auml;user die Folgen merken. Zum einen, weil die Auswahl und der qualitative Austausch an Kunst und Kultur und neuen Ideen gemindert sind. Zum anderen, weil die gro&szlig;en Veranstaltungskonzerne nun ihre Touren in kurzer Zeit nachholen. Damit werden die Spielorte weniger divers und kleinere Auftritte unm&ouml;glich, weil das Publikum die St&auml;tten nicht in dieser Nachholfrequenz besuchen wird. Der daraus resultierende inhaltliche und wirtschaftliche Schaden kommt erst noch.<\/p><p><strong>Trotz dieses immensen Schadens hielt sich die Kultur-Szene mit Kritik an den Ma&szlig;nahmen eher zur&uuml;ck. Waren wirklich die meisten mit ihnen einverstanden?<\/strong><\/p><p>Diese Beobachtung war erschreckend. Berufsverbote wurden zun&auml;chst mit dem Versprechen der finanziellen Entsch&auml;digung gepaart. In den ersten Monaten hatten die meisten nachvollziehbarerweise Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Ma&szlig;nahmen (M&auml;rz bis Mai 2020). Wir d&uuml;rfen dann nicht vergessen, dass die ersten Zahlungen auch an Einzelk&uuml;nstler erfolgten. Wiederum damit gepaart waren die Versprechen der Politik, dass wir nur noch bis zur Impfmittelverf&uuml;gbarkeit (August 2020) durchhalten m&uuml;ssten. Dann nur bis Weihnachten, dann bis Ostern des Folgejahres, dann bis zu den Sommerferien.<\/p><p>Die v&ouml;llig irren General-Lockdowns haben allein im letzten Zeitraum sieben Monate gedauert. Clubs durften gar nicht &ouml;ffnen. Den Menschen ist das eigenverantwortliche Leben verboten worden und sie haben sich das gefallen lassen. Sp&auml;testens ab Sp&auml;tsommer 2020 waren die meisten Veranstalter, K&uuml;nstler und Schauspieler nicht mehr einverstanden. Sie hatten aber kein Sprachrohr mehr. Die F&uuml;hrungskr&auml;fte der Spielorte wurden weiter bezahlt f&uuml;rs Nichtstun und haben sich in Chat-Gruppen f&uuml;r die Regierungen positioniert.<\/p><p>Jede Kritik wurde hier im Keim erstickt. Politische Opposition: Fehlanzeige. Die Politik zusammen mit den Medien, die die Infektionskurven st&uuml;ndlich &uuml;ber alle Ticker haben laufen lassen, und die Kommissionen der staatlichen Geld- und Preisverteilungsinstitutionen haben so daf&uuml;r gesorgt, dass Widerworte &ndash; auch noch so vern&uuml;nftig &ndash; nur noch im Privaten ge&auml;u&szlig;ert wurden. Dies war deshalb so erstaunlich, weil zur gleichen Zeit die Anzahl tausender eingeleiteter Strafverfahren gegen Einzelk&uuml;nstler wegen der ausgezahlten Soforthilfen 2020 ab November 2020 den offenen Zweiflern den Rest gegeben haben. Viele haben sich gefragt, ob sie nicht doch selbst falsch liegen.<\/p><p><strong>Woran liegt es dann, dass die Veranstalter, Clubs, Theaterh&auml;user und Museen die Ma&szlig;nahmen mittrugen und so still blieben?<\/strong><\/p><p>Anfang 2021 gab es pauschal 75 Prozent des Umsatzes aus November 2019 f&uuml;r die Veranstalter. Gleichzeitig sa&szlig;en die Leute zu Hause und konnten den kompletten Kontrast zum &uuml;blichen Rhythmus sehen, der abends und an Wochenenden stattfindet. Die eigenen Kinder betreuen, Haustiere anschaffen und einfach nichts tun zu m&uuml;ssen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, ist sehr komfortabel. Hierin jeweils angetrieben in der Hoffnung, dass in zwei Monaten alles wieder vorbei ist bei st&auml;ndiger Beobachtung eines Fehltritts durch das gesamte Kulturumfeld, hat die Leute mundtot gemacht.<\/p><p>Au&szlig;erdem d&uuml;rfen wir nicht vergessen, dass die meisten Theaterh&auml;user und Museen staatliche oder staatlich finanzierte H&auml;user sind. Da geht es nicht um zeigbare Kunst. Das Humboldt Forum hatte einfach auch dann geschlossen, als Verbote weggefallen sind. Das Pergamonmuseum renoviert nun vier Jahre lang und das Deutsche Historische Museum will jetzt zehn Jahre an einem neuen Ausstellungsinhalt t&uuml;fteln. Was ist denn 2020 bis 2022 passiert? Warum sollten diese H&auml;user laut werden? Viele private Initiativen wiederum mieten Fl&auml;chen beim Land Berlin oder dem Bund. Die regelm&auml;&szlig;ig auslaufenden Mietvertr&auml;ge werden nicht durch eigene Meinungs&auml;u&szlig;erung gef&auml;hrdet. Da bleiben die H&auml;user lieber still, &uuml;bergeben die Verantwortung des Sagens an andere oder hoffen darauf, dass jemand anderes gekreuzigt wird, und lassen sich dann bei einem Glas Wein am Sportplatz &uuml;ber den Irrsinn aus, ohne sichtbar zu sein.<\/p><p><strong>Mit der Energiepolitik und den gestiegenen Strom- und Gaspreisen d&uuml;rften sich die finanziellen Probleme vergr&ouml;&szlig;ert haben. Wie schaffen es die Institutionen, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten?<\/strong><\/p><p>Auch das trifft ja nur die Privaten und Kleinen. Die Betriebs- und Nebenkosten angemieteter Fl&auml;chen werden erst zur Jahresmitte 2023 f&uuml;r 2022 und f&uuml;r 2023 erst 2024 abgerechnet. Wer noch an die Unterst&uuml;tzungsantr&auml;ge gew&ouml;hnt ist und weniger als 2&euro;\/qm vorausgezahlt hat, wird die heutigen 6&euro;\/qm erst sp&auml;ter merken. Die Nachzahlungen kommen also erst noch. Gleichzeitig d&uuml;rfte dann wieder die staatliche Gelddruckmaschine anlaufen, die sp&auml;tere Generationen zur&uuml;ckzahlen m&uuml;ssen und die Kultureinrichtungen in eine neue Abh&auml;ngigkeit schubst. Im Wettbewerb des Wahnsinns mietet der Bund in Berlin aktuell dennoch B&uuml;rofl&auml;chen zu Mietpreisen von 50&euro;\/qm an. Was soll denn da Kunst und Kultur entgegensetzen? Im Kern aber hei&szlig;t es in Zukunft, dass die Gesamtkosten deutlich gestiegen sind und nicht-kommerzielle Vorhaben ohne staatliche Unterst&uuml;tzung jedenfalls hierzulande kaum noch m&ouml;glich sind.<\/p><p><strong>Sie haben einen Einblick in verschiedene Bereiche der Berliner Kultur-Szene. Welche Missst&auml;nde lassen sich jeweils feststellen? Mit welchen Schwierigkeiten sind beispielsweise die Museen konfrontiert, mit welchen die Clubs und die Konzertveranstalter? Wo liegt jeweils der Schwerpunkt?<\/strong><\/p><p>Sichtbar ist das beispielsweise bei der Deutschen Bahn. Dort sitzen die Leute noch heute im Homeoffice und freuen sich &uuml;ber das Nichtstun bei gleichzeitigem Abfall der messbaren Leistung. Noch nie war die Deutsche Bahn trotz der meisten Mitarbeitenden aller Zeiten und der k&uuml;rzesten Strecken aller Zeiten so unp&uuml;nktlich und unzuverl&auml;ssig. Kunst und Kultur sind kein riesiger Klotz wie die Deutsche Bahn, aber die Auswirkungen sind vergleichbar. Jemanden zu finden mit Spa&szlig; am Beruf im Club und der Bereitschaft, diesen Beruf auch l&auml;nger auszu&uuml;ben, ist im Vergleich zu den Jahren vor 2019 fast v&ouml;llig abhandengekommen. Die Menschen halten nicht mehr so viel aus oder wollen es nicht mehr.<\/p><p>Die Schwerpunkte haben sich verlagert. Das Vertrauen in Selbstverantwortung in einem immer gr&ouml;&szlig;er werdenden Wohlfahrtsstaat und einer Weg-Click-Gesellschaft ist praktisch verschwunden. Umgekehrt m&uuml;ssen die vielen wirklich Begeisterten und Kreativen weder kommunikativ noch geografisch in Europa bleiben. Die Welt ist f&uuml;r alle offen. Jeder und Jede kann sich das eigene Umfeld selbst aussuchen. Das erkennen wir auch an anderen Parametern wie bei der Planung der Menschen f&uuml;r die Zukunft.<\/p><p><strong>In Deutschland grassiert schon seit Jahren die Cancel-Culture und breitet sich auch in der Kulturbranche aus. Welche Tendenzen nehmen Sie wahr? Ist die Kunst immer noch frei?<\/strong><\/p><p>Wenn wir Berlin als Stadt der Freiheit vermarkten, dann nehmen wir doch Berlin als Exempel: Es gibt hier zahlreiche Senats-GmbHs, die Kultur f&ouml;rdern sollen. So werden beispielsweise R&auml;ume verschenkt, wenn die K&uuml;nstler bewerbend darlegen, was sie inhaltlich tun. Entspricht dies nicht der politischen Vorstellung des Senats, gibt es keinen Raum. Diese R&auml;ume werden weiterhin nur f&uuml;r zwei Jahre vergeben. Ich w&uuml;rde das als Wohlverhaltens&uuml;berpr&uuml;fungs-Begrenzung von Staat zu Kultur sehen. Viele Veranstaltungen werden von diesen Senats-GmbHs mit Mitteln aller Steuerzahler initiiert und Preise verteilt und F&ouml;rdermittel vergeben &ndash; alles politisch gesteuert.<\/p><p>Kunst und Kultur m&uuml;ssten aber frei und grenztestend sein d&uuml;rfen. Haben Sie beispielsweise einmal die Anzahl an Comedians gez&auml;hlt, die nicht mehr auftreten d&uuml;rfen, weil sie Witze &uuml;ber Transgender-Personen gemacht haben? Der zwanghafte Drang, bestimmte sexuelle oder sozial gepr&auml;gte Menschen ausdr&uuml;cklich zu bevorzugen und nicht mehr objektiv nach Ideenreichtum, Kreativit&auml;tstiefe oder inhaltlicher Au&szlig;ergew&ouml;hnlichkeit Raum f&uuml;r alle K&uuml;nstler gleicherma&szlig;en zu &ouml;ffnen, f&uuml;hrt dazu, dass wir nur noch Kultur ansehen, die uns bekannt ist. Dies ist gepaart mit nahezu gleichlautenden Medien, insbesondere der &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien. Wir haben aktuell die eint&ouml;nigste, ideenloseste Kulturlandschaft aller Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Nehmen wir Bertolt Brecht: Er hat mit seinen Theaterst&uuml;cken st&auml;ndig Grenzen getestet. F&uuml;r die einen war er ein bolschewistischer Propagandist, der die Gesellschaft kommunistisch unterwandern wollte, und f&uuml;r die anderen ein Messias. Heute h&auml;tte er in Berlin keine Chance auf Spielzeiten.<\/p><p>Laute Minderheiten haben nicht &uuml;ber eine Mehrheit zu bestimmen. Vivienne Westwood hat sich &uuml;ber Jahrzehnte hinweg gegen die gleichmachende Mehrheit gewehrt. Heute bestimmen zahlenm&auml;&szlig;ig unbedeutende Minderheiten und st&uuml;lpen den Mehrheiten Zwangsmeinungen auf. Das ist ein gruseliger Trend, weil er zu Totalitarismus f&uuml;hrt und eben nicht zu Diversit&auml;t und Offenheit. Au&szlig;erdem f&uuml;hrt das dazu, dass sich Mehrheiten pl&ouml;tzlich auch gegen vern&uuml;nftige Ver&auml;nderungen wehren, was man k&uuml;rzlich bei der Abstimmung zur Klimaneutralit&auml;t in Berlin gesehen hat.<\/p><p><strong>Viele Menschen sind derzeit unzufrieden mit der Politik und der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie nehmen autorit&auml;re Tendenzen wahr sowie Zensur, eine eint&ouml;nige Kultur und eine tendenzi&ouml;se Berichterstattung. Nicht wenige sehen Parallelen zur DDR. W&uuml;rden Sie da mitgehen als jemand, der sich mit der Geschichte des einstigen SED-Staates gut auskennt? Lassen sich die heutigen Zust&auml;nde wirklich mit den damaligen vergleichen?<\/strong><\/p><p>Ich habe mich mit vielen Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR ausgetauscht, die sowohl in der DDR als auch sp&auml;ter in der Bundesrepublik Kunst und Kultur gestaltet haben. Nat&uuml;rlich mussten sich in der DDR Bands wie City (&bdquo;Am Fenster&ldquo;) oder Nina Hagen (&bdquo;Du hast den Farbfilm vergessen&ldquo;) subtil ausdr&uuml;cken und unliebsame Jugendkulturen wie Punks im Untergrund bewegen. Solchen Systemkritikern und Verwandten wurde der berufliche Aufstieg trotz Talent und K&ouml;nnen abgeschnitten. Und wo stehen wir heute? K&uuml;nstlern wird der Auftritt verwehrt, weil sie russischer Nationalit&auml;t sind. Wer sich kritisch &uuml;ber die Corona-Politik ge&auml;u&szlig;ert hat, verliert F&uuml;hrungsverantwortung. Unliebsame Ausstellungen von privaten Sammlern und Verm&ouml;genden werden politisch boykottiert. Die Julia Stoschek Collection ist nur ein Bespiel.<\/p><p>Schauen wir uns die teuren Inszenierungen im Humboldt Forum an. Hier wird pedantisch darauf geachtet, dass den Besuchern p&auml;dagogisch erkl&auml;rt wird, wieso Kunst, die aus Afrika stammt, grunds&auml;tzlich geraubt wurde. Auseinandersetzungen, Nuancen und Sichtweisen der damaligen Zeit oder Anderer darzustellen, wird verboten. Berlin will au&szlig;erdem f&uuml;r Millionen von Euro ein Leitsystem an allen Hotspots der Stadt f&uuml;r Berliner und Besucher aufstellen, die ausdr&uuml;cklich Menschen nur hin zu nicht-kommerziellen, staatlichen Kultureinrichtungen f&uuml;hren sollen. Private Kulturst&auml;tten sollen ausdr&uuml;cklich vergessen werden. Wir lassen zu, dass mit unseren Ressourcen eine neue Kulturreligion erschaffen wird, die auf eine Elite des neu definierten Gutmenschen ausgerichtet wird und nichts neben sich zul&auml;sst. Das ist schlimm.<\/p><p><strong>Was muss sich Ihrer Meinung nach im Kulturbetrieb &auml;ndern? Wo m&uuml;sste man beginnen?<\/strong><\/p><p>Politik und Kultur m&uuml;ssen unbedingt inhaltlich getrennt werden. Der Staat muss sich aus Kunst und Kultur heraushalten. Er muss selbstverst&auml;ndlich daf&uuml;r sorgen, dass Infrastruktur geschaffen oder erm&ouml;glicht wird und Raum f&uuml;r Musiker, bildende K&uuml;nstler oder Schauspieler zur Verf&uuml;gung steht. Aber die inhaltliche Einmischung und auch die F&uuml;hrung m&uuml;ssen voneinander getrennt sein. Das ist der erste wichtige Aspekt. Umgekehrt m&uuml;ssen auch alle Kulturst&auml;ttenbetreiber auf sich selbst schauen: Wof&uuml;r sind wir angetreten und was macht uns aus?<\/p><p>In Berlin gibt es keine freien Safe Places oder offene Club-Kultur mehr. In Wirklichkeit sind auch Clubs zugangsbegrenzend und lassen Menschen stundenlang vor der T&uuml;r warten, um sie dann abzuweisen. Ehrlichkeit und Selbstkritik auch seitens der Kulturtr&auml;ger w&auml;re ein guter Anfang, um immer wieder neue Ideen anzunehmen und kritisch alle Aspekte des Menschen zuzulassen und erst dann zu beurteilen. W&uuml;rde ich bei meinen Kulturaktivit&auml;ten nur nach meiner eigenen politischen Einstellung, meinem Geschmack und nach dem Ma&szlig;stab meiner F&auml;higkeiten gehen, w&auml;ren wir schon lange langweilig oder tot.<\/p><p>Titelbild: Michael O&rsquo;Keene\/shutterstock.com<\/p><p><strong>Zur Person:<\/strong> Quirin Graf Adelmann ist Unternehmer und Publizist. Zu seinen Aktivit&auml;tsfeldern geh&ouml;ren unter anderem Sozialer Wohnungsbau, Gastronomie, Sport, Musik, Start-ups, Mobilit&auml;t und Kultur. Aufgrund dieses breiten Engagements hat er in den letzten Jahrzehnten vielseitige pers&ouml;nliche Erfahrungen mit zahlreichen Herausforderungen innerhalb von Teams, Beh&ouml;rden, Banken und politischen Rahmenbedingungen gemacht. Verarbeitet hat sie Adelmann in dem Buch <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/das-neue-berlin\/titel\/schwach-langsam-ideenlos.html\">&bdquo;Schwach. Langsam. Ideenlos&ldquo;<\/a>, das 2022 im Eulenspiegel-Verlag erschienen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kulturbranche befindet sich in einem desolaten Zustand. Ihr Gef&uuml;ge ist in den letzten drei Jahren ins Wanken geraten. Wegen der Corona-Ma&szlig;nahmen und der damit einhergehenden Berufsverbote gerieten nicht wenige Akteure in eine finanzielle wie existenzielle Krise. Die hohe Inflation und steigende Energiepreise d&uuml;rften die Probleme weiter versch&auml;rfen. 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