{"id":96792,"date":"2023-04-25T11:46:28","date_gmt":"2023-04-25T09:46:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96792"},"modified":"2023-04-25T12:48:24","modified_gmt":"2023-04-25T10:48:24","slug":"schwarz-rot-in-berlin-kein-grund-zur-aufregung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96792","title":{"rendered":"\u201eSchwarz-Rot\u201c in Berlin: Kein Grund zur Aufregung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist vollbracht. Erstmals seit 22 Jahren, als Eberhard Diepgen mittels Misstrauensantrags mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wurde, &uuml;bernimmt mit Kai Wegner wieder ein CDU-Politiker die F&uuml;hrung der Berliner Landesregierung. Grundlage daf&uuml;r ist ein mit der SPD ausgehandelter Koalitionsvertrag, der am Montag von einem CDU-Landesparteitag gebilligt wurde. Und zwar mit einem Ergebnis, das sich nicht mal die SED getraut h&auml;tte: 100 Prozent Zustimmung. Die SPD tat sich mit ihrem Schwenk von &bdquo;rot-gr&uuml;n-rot&ldquo; unter ihrer F&uuml;hrung zu einer Rolle als Juniorpartner in einer &bdquo;schwarz-roten&ldquo; Koalition deutlich schwerer. Bei ihr hatten die Mitglieder das Wort, und laut dem am Sonntag verk&uuml;ndeten Abstimmungsergebnis votierten nur 54,3 Prozent f&uuml;r den Eintritt in diese Landesregierung. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDaf&uuml;r geworben hatte die gesamte F&uuml;hrungsriege, mit der bisherigen Regierenden B&uuml;rgermeisterin Franziska Giffey an der Spitze. Vor allem die Jusos und einige traditionell eher linke Bezirksverb&auml;nde warben dagegen intensiv f&uuml;r ein Nein beim Mitgliedervotum. Bei der f&uuml;r Donnerstag geplanten Wahl von Wegner wird es wahrscheinlich einige Gegenstimmen aus der SPD-Fraktion geben, aber angesichts einer relativ komfortablen Mehrheit im Abgeordnetenhaus ist seine Wahl wohl nicht gef&auml;hrdet.<\/p><p>Vers&uuml;&szlig;t wurde den Sozialdemokraten der Vertrag mit einigen Leckerlis, die ihre Handschrift aufweisen. Dazu geh&ouml;ren die Rekommunalisierung des Fernw&auml;rmenetzes und weiterer Wohnungsbest&auml;nde, die Fortschreibung und Dynamisierung des Landesmindestlohns bei &ouml;ffentlichen Auftr&auml;gen und das Festhalten am von der CDU noch im Wahlkampf vehement bek&auml;mpften Landesdiskriminierungsgesetzes. Auch die zahlreichen Worth&uuml;lsen in Bezug auf &bdquo;Toleranz&ldquo;, &bdquo;Vielfalt&ldquo;, &bdquo;Integration&ldquo; und &bdquo;sozialen Ausgleich&ldquo; d&uuml;rften Balsam f&uuml;r viele geschundene SPD-Seelen gewesen sein. Und nat&uuml;rlich findet sich in fast allen Kapiteln auch irgendwas mit Klima. <\/p><p><strong>Repressionsapparat wird ausgebaut<\/strong><\/p><p>Vom rassistischen Rambo-Wahlkampf der CDU ist im Koalitionsvertrag nicht mehr viel zu sehen. Mit Forderungen, wie der nach Ver&ouml;ffentlichung der Vornamen deutscher Tatverd&auml;chtiger bei den &bdquo;Silvesterkrawallen&ldquo;, kann man zwar ein bisschen im W&auml;hlerpotenzial der AfD fischen, aber kein regierungstaugliches Papier best&uuml;cken. Man hat sogar das f&uuml;r den &bdquo;Law and Order&ldquo;-Markenkern der CDU eigentlich unverzichtbare Innenressort der SPD &uuml;berlassen. Die hat dieses Amt allerdings mit Iris Spranger besetzt, also einer Politikerin, die als Innensenatorin bereits in der rot-gr&uuml;n-roten Koalition f&uuml;r rechtspopulistische Provokationen im CDU-Style sorgte. <\/p><p>Jedenfalls hat die CDU in diesem Bereich deutliche Duftmarken gesetzt. Die Rede ist von der &bdquo;vollen Bandbreite des Dreiklangs Pr&auml;vention &ndash; Intervention &ndash; Repression, um Recht und Gesetz in allen Teilen der Stadt durchsetzen zu k&ouml;nnen&ldquo;. Dazu sollen unter anderem der erweiterte Einsatz von Elektro-Schockern (&bdquo;Tasern&ldquo;), mehr Video&uuml;berwachung an &ouml;ffentlichen Orten, mehr Online-Durchsuchungen, mehr Auskunftsrechte bei Bestandsdaten der Telekommunikationsunternehmen und das Festhalten an verhaltensbezogenen Kontrollen &bdquo;aufgrund kriminalistischer oder polizeilicher Erfahrungswerte&ldquo; dienen. Besonders symboltr&auml;chtig zudem die Ausweitung des &bdquo;Pr&auml;ventivgewahrsams&ldquo; f&uuml;r vermeintlich potenzielle Straft&auml;ter von 48 Stunden auf 5 Tage. Und nat&uuml;rlich das Bekenntnis zum Verfassungsschutz als &bdquo;unverzichtbarer Baustein der Berliner Sicherheitsarchitektur zum Schutz von Demokratie und Rechtsstaat&ldquo;. Praktischerweise hat die CDU f&uuml;r das Amt der Justizsenatorin daher auch Felor Badenberg, die bisherige Vizechefin des Bundesamtes f&uuml;r Verfassungsschutz, benannt. Die kann sicherlich auch sehr hilfreich sein, wenn es um die Umsetzung einer weiteren Vereinbarung der Koalition geht: &bdquo;Freiwillige &ouml;ffentliche Leistungen sollen nur an Organisationen gezahlt werden, die sich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegen&ldquo;. Was bekanntlich ein sehr dehnbarer Begriff ist.<\/p><p>Auch zwei weitere, k&uuml;nftig CDU-gef&uuml;hrte Ressorts bekommen eine in deren Sinne solide vertragliche Grundlage. F&uuml;r die Bildungspolitik werden unter anderem die verst&auml;rkte F&ouml;rderung von Privatschulen und die St&auml;rkung der Gymnasien als Grunds&auml;tze formuliert. In der Verkehrspolitik klingt alles ein wenig verschwurbelt, aber das Bekenntnis zum PKW als &bdquo;gleichberechtigter&ldquo; Teil des st&auml;dtischen Verkehrs klingt &auml;hnlich deutlich durch wie die partielle R&uuml;ckabwicklung des gr&uuml;nen Fahrrad-Bullerb&uuml;s. <\/p><p>In einer der wichtigsten landespolitischen Fragen, der Wohnungspolitik, reichte es allerdings nur f&uuml;r Formelkompromisse und wenig belastbare Ank&uuml;ndigungen zu Neubaupl&auml;nen, Nachverdichtungen und Mieterschutz. Ansonsten das &Uuml;bliche, was bereits bei &bdquo;rot-gr&uuml;n-rot&ldquo; auf dem Zettel stand: Schulterschluss mit der privaten Immobilienwirtschaft und Aussitzen des erfolgreichen Volksentscheids zur Enteignung gro&szlig;er Wohnungskonzerne.<\/p><p>Immerhin gibt es eine veritable Kampfansage an die bisherigen Regierungsparteien Gr&uuml;ne und Linke. Die Randbebauung des Tempelhofer Feldes, die 2014 durch einen Volksentscheid gestoppt wurde, soll jetzt erneut in Angriff genommen werden, unterf&uuml;ttert mit einem neuen B&uuml;rgervotum. Dieses w&uuml;rde angesichts der dramatischen Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt diesmal mit hoher Wahrscheinlichkeit auch entsprechend ausfallen. Dabei geht es um den Bau von bis zu 10.000 Wohnungen.<\/p><p>Eigentlich sollte Giffey das Ressort Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen &uuml;bernehmen, doch als gewiefte Politikerin, die Ambitionen hat, nach der n&auml;chsten Wahl erneut in das Rote Rathaus einzuziehen, hat sie dankend verzichtet &ndash; wohl wissend, dass man sich auf diesem Posten nur Beulen und keine Lorbeeren holen kann. Sie &uuml;bernimmt stattdessen das Wirtschaftsressort und &uuml;berl&auml;sst die Stadteinwicklung ihrem getreuen Gefolgsmann Christian Gaebler.<\/p><p><strong>CDU setzt auf Diversity, SPD auf biedere Parteisoldaten <\/strong><\/p><p>Koalitionsvertr&auml;ge sind bekanntlich kaum das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind, also lassen wir das jetzt und schauen nochmal auf das Personal. Der Diversity-Pokal geht dabei eindeutig an die CDU. In ihrer f&uuml;nfk&ouml;pfigen Senatorenriege befinden sich drei Frauen, darunter eine geb&uuml;rtige Iranerin. Auch die beiden M&auml;nner sind auf den ersten Blick nicht gerade CDU-typisch. Ein in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebender Finanzsenator und ein entsprechend dunkelh&auml;utiger Sohn einer tansanischen Familie als Kultursenator, zu dessen Vita Jobs als T&uuml;rsteher, Rockmusiker und Label-Manager ebenso geh&ouml;ren wie eine fr&uuml;here Mitgliedschaft bei den Gr&uuml;nen.<\/p><p>Das Personaltableau der SPD wirkt dagegen ausgesprochen bieder. Einziger Farbtupfer ist Cansel Kiziltepe, die als SPD-Linke mit Kreuzberger Street-Credibility gilt und sich lange Zeit u.a. als Gegnerin der &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; und &uuml;berhaupt der Scholz-Politik sowie als Unterst&uuml;tzerin des Enteignungsvolksentscheids positionierte. Doch mittlerweile ist sie weitgehend eingenordet und arbeitete zuletzt relativ unauff&auml;llig als Parlamentarische Staatssekret&auml;rin im SPD-gef&uuml;hrten Bundesministerium f&uuml;r Bauen und Wohnen. Im SPD-internen Ringen um die Regierungsbeteiligung hat sie sich eindeutig f&uuml;r die Koalition mit der CDU ausgesprochen.<\/p><p>Kiziltepe bekommt ein regelrechtes Monster-Ressort mit den Bereichen Integration, Arbeit, Soziales, Vielfalt und Antidiskriminierung und beerbt damit die Linken-Politikerin Katja Kipping. Sie hat offensichtlich die Aufgabe, die linke Flanke der SPD abzudecken, denn in der Partei rumort es nach wie vor erheblich. Und die CDU w&auml;re sch&ouml;n dumm, wenn sie sich bei der n&auml;chsten Wahl daran messen lassen m&uuml;sste, was denn in einem von ihr gef&uuml;hrten Ressort in Sachen Armutsbek&auml;mpfung, Wohnungslosigkeit und Integration von Zuwanderern und Fl&uuml;chtlingen nun eigentlich passiert ist. Und &uuml;ber allen thront jetzt Kai Wegner, der sich um ein Image als gleicherma&szlig;en g&uuml;tiger wie zupackender Landesvater f&uuml;r alle Berliner bem&uuml;ht und die seit Jahrzehnten vielbeschworene Verwaltungsreform zur &bdquo;Chefsache&ldquo; erkl&auml;rt hat.<\/p><p>Was der neue Senat in der verbleibenden Rest-Legislaturperiode auf die Reihe bekommt, bleibt abzuwarten. Denn in gut drei Jahren beginnt bereits der Wahlkampf f&uuml;r das n&auml;chste Abgeordnetenhaus. Die ausgebooteten Regierungsparteien Gr&uuml;ne und Linke befinden sich noch in einer Art Schockstarre und haben anscheinend noch nicht realisiert, dass sowohl das Wahlergebnis als auch die Koalitionsbildung Ergebnis eines Aufstands der Peripherie gegen die links-gr&uuml;ne Innenstadtblase waren. Der CDU ist es gelungen, diesen Unmut in betr&auml;chtliche Stimmengewinne umzum&uuml;nzen, und auch viele SPD-Mitglieder und -Anh&auml;nger haben besonders von den in Berlin nahezu messianisch auftretenden Gr&uuml;nen schlicht die Nase voll. <\/p><p>&bdquo;Schwarz-rot&ldquo; ist also weder &bdquo;Verrat&ldquo; an irgendetwas noch ein R&uuml;ckfall in finstere Zeiten. Sondern ein b&uuml;rgerlich-konservativer Versuch mit sozialdemokratischen Einsprengseln, die tief gespaltene und partiell dysfunktionale Stadt irgendwie wieder ein bisschen ins Laufen zu bringen. Ob und in welcher Richtung das funktioniert, werden wir dann sehen, und im September 2026 werden die Karten eh wieder neu gemischt.<\/p><p>Titelbild: footageclips\/shuttestock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist vollbracht. 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Und zwar mit einem Ergebnis,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96792\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":96793,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[192,191,190],"tags":[1192,2721,1260,2942,3352],"class_list":["post-96792","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-cducsu","category-spd","category-wahlen","tag-berlin","tag-giffey-franziska","tag-groko","tag-law-and-order-politik","tag-wegner-kai"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Shutterstock_1449227975.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96792","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=96792"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96792\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96805,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/96792\/revisions\/96805"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/96793"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=96792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=96792"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=96792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}