{"id":969,"date":"2005-12-01T08:26:11","date_gmt":"2005-12-01T06:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=969"},"modified":"2016-02-23T10:49:44","modified_gmt":"2016-02-23T09:49:44","slug":"anmerkungen-zur-ersten-regierungserklarung-von-kanzlerin-merkel-und-der-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=969","title":{"rendered":"Anmerkungen zur ersten Regierungserkl\u00e4rung von Kanzlerin Merkel und der Debatte"},"content":{"rendered":"<p>Ich beschr&auml;nke mich auf einiges, das mir auffiel.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Zun&auml;chst wieder das Positive: Angela Merkel lobte unser Land (Exportweltmeister, kein Land meldet so viele Patente an wie wir und so weiter). Au&szlig;erdem fand ich ihre Anmerkungen zur Integration von Ausl&auml;ndern, zum Sprachunterricht und zu den notwendigen bezahlbaren Betreuungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Eltern beachtlich. Auch ihre Pl&auml;doyer f&uuml;r kleine Schritte und die Forderung Platzecks nach einem handlungsf&auml;higen Staat k&ouml;nnen wir voll unterschreiben. Ansonsten muss man sich &uuml;ber vieles wundern. Zum Beispiel:<\/li>\n<li>Angela Merkel wie auch Matthias Platzeck bedienten vor allem den Bedarf der Zuh&ouml;rer an ideologischen Formeln. Merkel sprach vom Geschenk der &bdquo;Freiheit&ldquo;. Was meint sie damit, immer noch 1989? Sie lehnte sich an Brandts &ldquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo; und sprach von &ldquo;Mehr Freiheit wagen&ldquo;. Als fr&uuml;herer enger Mitarbeiter von Willy Brandt bekomme ich Ausschl&auml;ge, wenn ich sowas h&ouml;re. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,387692,00.html\" titel=\"Externer Link zu http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,387692,00.html\">SpiegelOnline<\/a> aber macht an diesem Vorgang eine gl&uuml;hende Hymne auf Angela Merkel fest. Sie habe sich in die Tradition von Willy Brandt gestellt, sei damit Brandts M&auml;dchen. So ein Stuss, so ein Kitsch und voller Klischees. Sie sollten es lesen, um zu begreifen, auf welchem Niveau inzwischen die deutsche Publizistik angekommen ist.<\/li>\n<li>In diesen Zusammenhang geh&ouml;rt, dass die Akteure auf dieser ideologischen Ebene ohne Scham das Gegenteil von dem behaupten k&ouml;nnen, was tats&auml;chlich abl&auml;uft und von Seiten der neuen Regierung geschieht. Zum Beispiel: Platzeck behauptet, sie w&uuml;rden das Vertrauen in die sozialen Sicherungssysteme wiederherstellen wollen. Das Gegenteil geschieht, wie ausf&uuml;hrlich in meinem <a href=\"?p=963\">Beitrag vom 27.11.<\/a> im kritischen Tagebuch am Beispiel der gesetzlichen Rente gezeigt wurde. Jeden Tag findet man neue Belege daf&uuml;r. Das Vertrauen in die gesetzliche Rente wird systematisch ruiniert. Heute fand ich zum Beispiel bei meiner Bank eine Art Anzeigen-Zeitung von Bild.de. T-Online und UnionInvestment. Auf der ersten Seite begann ein Artikel mit der Feststellung: Die Renten sinken. Die Propaganda kann sich auf die Bundesregierung berufen. Sie betreibt weiter systematisch Rufsch&auml;digung bei den sozialen Sicherungssystemen. V&ouml;llig gegens&auml;tzlich zu den Sonntagsreden des SPD-Vorsitzenden. Zum Beispiel: Merkel redet von &bdquo;Mehr Freiheit wagen&ldquo;. Tats&auml;chlich wird der Druck auf Arbeitslose und vor allem auch auf die Besch&auml;ftigten erh&ouml;ht, mit einer Korrektur von Hartz IV, mit dem Abbau des K&uuml;ndigungsschutzes. Der Anteil der prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse w&auml;chst. Schon heute leidet die Mehrheit der Arbeitnehmer unter Angst. Angst zu haben ist das Gegenteil von Freiheit.<\/li>\n<li>Am letzten Punkt wurde schon sichtbar, dass diese Regierung keine Regierung der Arbeitnehmer ist. Andernfalls k&ouml;nnte man von Freiheit nicht so daher schwadronieren. Angela Merkel hat sich auch &uuml;ber weite Strecken vor allem mit dem Mittelstand besch&auml;ftigt und diesem Streicheleinheiten zugeeignet. Wir brauchen ein Herz f&uuml;r Leistung, meinte sie, und wandte sich gegen Neid. Auch eine total abgehobene Vorstellung, als litten wir darunter dass Leistung nicht gut genug bezahlt w&uuml;rde. Aber diese Agitationsformel haben die Mittelst&auml;ndler der Union im Laufe von Jahrzehnten gelernt. Jetzt werden sie in ihren von der Wirklichkeit v&ouml;llig fernen Vorurteilen von Angela Merkel bedient.<\/li>\n<li>Die eigentlichen Sorgen der Arbeitnehmer kamen auch nicht beim Thema Kampf gegen Arbeitslosigkeit vor. Da erkl&auml;rte Frau Merkel zur Einf&uuml;hrung, die Politik k&ouml;nne keine Arbeitspl&auml;tze schaffen, nur Rahmen setzen. Das ist die Bankrotterkl&auml;rung und die Absage an eine bewusste Politik der St&auml;rkung der Binnennachfrage. Die Bundeskanzlerin nannte dann sieben Punkte ihrer Politik zur Verringerung der Arbeitslosigkeit. Makropolitik kam dabei nicht vor. Also genau das, was man von der letzten Gro&szlig;en Koalition h&auml;tte lernen k&ouml;nnen und was diese damals auszeichnete, hat bei Merkel und der gro&szlig;en Koalition keinen Platz. Noch ein der Daten zur ersten gro&szlig;en Koalition und ihre Arbeit gegen die Arbeitslosigkeit: zwischen 1967 und 1970 ist nach zwei Konjunktur- und Strukturprogrammen die Zahl der Besch&auml;ftigten von 21,1 auf 22,2 Millionen angestiegen. Politik kann Arbeitspl&auml;tze schaffen. Wenn die neue Regierung dies nicht kapiert, ist ihr nicht zu helfen.<\/li>\n<li>Statt endlich die Notwendigkeit einer pragmatischen Globalsteuerung\/Makropolitik zu begreifen, besch&auml;ftigt sich Frau Merkel zum 100.000 mal mit der Senkung der Lohnzusatzkosten. Sie m&uuml;ssten dauerhaft unter 40%. (Warum nicht unter 30%?) Sie w&uuml;rden um 2% durch die Senkung der Beitr&auml;ge f&uuml;r die Arbeitslosenversicherung reduziert. Das wird als Leistung betrachtet. An diesem Fall wird sichtbar, dass die handelnden Personen keine Ahnung von &Ouml;konomie haben und sich auch schlecht beraten lassen. Sie hantieren mit geliehenen Gedanken. Irgendwann hat irgendwer gesagt, die Senkung der Lohnnebenkosten bringe Arbeitspl&auml;tze. Seit dem reden Hunderte dies nach. Ohne je den Versuch eines Beleges und einer Begr&uuml;ndung zu machen.<\/li>\n<li>&Uuml;berall Stereotypen: Lassen Sie uns die Wachstumsbremse l&ouml;sen! (Merkel) Platzeck glaubt wirklich, die angebliche Blockade unseres f&ouml;deralen Systems sei schuld an unserer Wirtschaftsschw&auml;che. B&uuml;rgergesellschaft. Dienstleistungsgesellschaft. Wissensgesellschaft. Neue Gerechtigkeit. Angelernte Stereotypen. Klar, auch der Hinweis auf Globalisierung und Demographie fehlt in keiner Rede. Dass diese Redner\/innen sich nicht wie Papageien vorkommen?<\/li>\n<li>Angela Merkel hat offensiv f&uuml;r die Pferde&auml;pfeltheorie geworben. Erst m&uuml;sse man den Starken helfen, damit dann auch noch etwas f&uuml;r die Schwachen abf&auml;llt, so k&ouml;nnte man es frei formulieren. Also die Pferde ordentlich f&uuml;ttern, dann findet sich auf der Stra&szlig;e auch noch manches Haferkorn f&uuml;r die Spatzen.<\/li>\n<li>Dazugeh&ouml;rt die offensive Verteidigung des einkommensabh&auml;ngigen Elterngeldes. Frau Merkel berief sich auf die &bdquo;Erkenntnis&ldquo;, je h&ouml;her die Ausbildung um so weniger Kinder. Auf welch schwachem Fundament die Bundesregierung hier operiert, haben wir im <a href=\"?p=299\">Tagebucheintrag vom 10.10. (&bdquo;Von wegen 40%&ldquo;)<\/a> gezeigt. Verl&auml;ssliche Daten &uuml;ber die angeblich extrem h&ouml;here Kinderlosigkeit von Akademikerinnen gibt es nicht. Und unter keinen Umst&auml;nden gibt es bei knappen Kassen eine Rechtfertigung daf&uuml;r, gut Verdienenden mehr f&uuml;r die Kinderversorgung zu bezahlen als Einkommensschwachen.<\/li>\n<li>Seltsamerweise sprach Frau Merkel vom Kurswechsel in der Finanzpolitik. Mit Schulden w&uuml;rden wir den Spielraum f&uuml;r k&uuml;nftige Generationen beschr&auml;nken. Hier muss ich Hans Eichel in Schutz nehmen. Auch er hat versucht zu sparen. Aber die Methode stimmte bei ihm so wenig wie bei der neuen Regierung. Ohne Ankurbelung der Wirtschaft wird es keinen Schuldenabbau geben. Die Absicht schon. Aber die reicht nicht. Auch das hat die neue Regierung so wenig kapiert wie die alte.<\/li>\n<li>Dann fiel wieder mal auf, mit welcher Penetranz die Koalition&auml;re Wert darauf legen, die Reformpolitik von Kanzler Schr&ouml;der zu rechtfertigen und fort zu f&uuml;hren. Das ist ein Dauermotiv bei dem neuen SPD-Vorsitzenden, die neue Kanzlerin hat in ihrer Regierungserkl&auml;rung Gerhard Schr&ouml;der ausdr&uuml;cklich f&uuml;r die Agenda 2010 gedankt. Er habe die T&uuml;r aufgesto&szlig;en und die Reformen auch gegen Widerst&auml;nde durchgesetzt. Dahinter steckt eindeutig eine Strategie. Man will vor allem bei der SPD Fraktion vergessen machen, dass die SPD zumindest einen gespaltenen Wahlkampf gef&uuml;hrt hat. Von Richtungswahl war die Rede, es wurde der Eindruck erweckt, als gehe es um soziale Gerechtigkeit bis hinzu einer Kurskorrektur der Reformpolitik. Es wurde schon mehrmals darauf hingewiesen, dass die intellektuellen Unterzeichner eines Wahlaufrufes f&uuml;r Schr&ouml;der ausdr&uuml;cklich von einer solchen Korrektur ausgingen. Diese Spur wird jetzt verwischt. Auch in dieser Regierungserkl&auml;rung und in der Debatte von Seiten der Koalition. Jetzt gibt es nur noch die Reform-SPD. Das andere vergessen zu machen ist wichtig, weil es ja nicht nur bei den Reformen der Koalitionsabrede bleiben soll, sondern noch zu weitgehenderen kommen soll. Den Mitgliedern der SPD-Fraktion will man jetzt schon die Bauchschmerzen weg trainieren. Clever.<\/li>\n<li>Ja, dann gab&rsquo;s noch die Betonung der &bdquo;Wertgemeinschaft&ldquo; mit den USA. Dazu erlaube ich mir einen Hinweis auf ein Interview mit dem Schweizer und Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission Jean Ziegler, das am <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/presse\/vorab\/550596.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.stern.de\/presse\/vorab\/550596.html\">1.12. im &bdquo;Stern&ldquo;<\/a> erscheinen wird. Ziegler spricht von der r&uuml;cksichtslosen Privatisierung der Weltpolitik und davon, die UNO sei &ndash; bei allen Schw&auml;chen &ndash; ein Bollwerk f&uuml;r die Zivilisation. Aber nun werde sie angegriffen von der amerikanischen Regierung, kalt und brutal. &bdquo;Ich f&uuml;rchte, sie wollen die UNO liquidieren,&ldquo; meint Ziegler und weiter &bdquo;&hellip; wir sind auf dem Weg zur&uuml;ck in den Dschungel. &hellip;. die Amerikaner, konkret, die Regierung Bush, zertr&uuml;mmern prinzipielle Errungenschaften der Menschheit. Sie brechen mit den Menschenrechten. Sie pfeifen auf die Genfer Konvention. Sie schieben das internationale Recht zur Seite.&ldquo; &ndash; Damit leben wir laut Angela Merkel in Wertegemeinschaft.<\/li>\n<li>Zum Schluss noch eine Anmerkung zum gro&szlig;en Lob f&uuml;r unser Land in Merkels Regierungserkl&auml;rung (siehe oben Ziffer 1). Wenn Sie das parallel zu dem anh&ouml;ren, was der Bundespr&auml;sident vor nicht einmal 5 Monaten gesagt hat, dann sehen Sie, wie sehr die Politik auf unser kurzes Ged&auml;chtnis setzt: &bdquo;Liebe Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger, ich habe heute den 15. Deutschen Bundestag aufgel&ouml;st und Neuwahlen f&uuml;r den 18. September angesetzt. Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der L&auml;nder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende f&ouml;derale Ordnung ist &uuml;berholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer &auml;lter. Und wir m&uuml;ssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.&ldquo; So kann man reden &ndash; und eben auch anders.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich beschr&auml;nke mich auf einiges, das mir auffiel.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,188,123,145],"tags":[441,315,1723,312],"class_list":["post-969","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-bundesregierung","category-kampagnentarnworteneusprech","category-sozialstaat","tag-freiheit","tag-merkel-angela","tag-platzeck-matthias","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=969"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/969\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31536,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/969\/revisions\/31536"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}