{"id":96941,"date":"2023-04-30T11:45:07","date_gmt":"2023-04-30T09:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96941"},"modified":"2023-05-07T18:31:05","modified_gmt":"2023-05-07T16:31:05","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-die-geapolitik-des-guten-lebens-als-gegenmodell-zur-westlichen-geopolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96941","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Die \u201eGeapolitik&#8221; des guten Lebens als Gegenmodell zur westlichen \u201eGeopolitik\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Worum geht es bei dem neuen Gedanken der sogenannten Geapolitik aus Bolivien? Wie unterscheidet sich dieser Ansatz gegen&uuml;ber dem westlichen, kapitalistisch gepr&auml;gten Verst&auml;ndnis von Entwicklung und Geopolitik, dem heutzutage fast alle Lebensbereiche untergeordnet sind? Ein Interview mit dem bolivianischen Vizepr&auml;sidenten David Choquehuanca. Von <strong>Stephan Rist<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Geopolitik und Geapolitik?<\/strong><\/p><p>Uns Bolivianern wurde w&auml;hrend der letzten 500 Jahre eingebl&auml;ut, dass wir im Zug der Kolonisierung unsere eigene Identit&auml;t verloren haben und wir nun zum westlich-europ&auml;isch gepr&auml;gten &bdquo;lateinamerikanischen&rdquo; Kulturkreis geh&ouml;ren. Wir haben das selbst geglaubt und auch lange wiederholt. Das ist seit dem Jahr 1992 (500 Jahre der Ankunft von Kolumbus in der Karibik) vorbei. Mit der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.vicepresidencia.gob.bo\/IMG\/pdf\/geapolitica_del_vivir_bien_dch-2.pdf\">Geapolitik des guten Lebens<\/a>, stellen wir die Idee der Erde als Lebewesen und Mutter ins Zentrum des Verst&auml;ndnisses unserer heutigen Situation. Damit sind wir nicht allein. Die Mutter Erde als Lebewesen ist im Griechischen als Gea und Gaia bekannt gewesen, bei uns als Pachamama, und in den Veden aus Indien wird sie als Prithivi besungen.<\/p><p>Trotz Jahrhunderten der Kolonisierung und Ausgrenzung der indigenen Menschen und ihrer Denkweise respektieren wir grunds&auml;tzlich jede Form der menschlichen Kultur. Nat&uuml;rlich auch unsere eigene. Deshalb habe ich in meiner ersten Rede, als ich die Vizepr&auml;sidentschaft &uuml;bernommen habe, gesagt: &bdquo;mit der Erlaubnis unserer G&ouml;tter&rdquo;. Ich sprach von Zeus, aber auch von Tunupa (andine Gottheit), die nicht mehr ausgeschlossen bleibt. Ich sagte &bdquo;&bdquo;mit der Erlaubnis von Pachamama (Mutter Erde)&rdquo; &ndash; und f&uuml;gte hinzu: &bdquo;mit der Erlaubnis unseres Vaters, der Sonne und von unserem heiligen Kokablatt&rdquo;.<\/p><p>Und am Ende meiner Rede sagte ich die eine Wahrheit: Die Kolonisatoren und ihre Nachfahren l&uuml;gen uns seit 500 Jahren an. Sie sagten, dass wir &bdquo;Latein-Amerikaner&rdquo; sind und deshalb von Europa abstammen, und dass unsere Trikolore (die bolivianische Nationalflagge), unser Land als Teil von diesem &bdquo;Latein-Amerika&rdquo;&ldquo; verk&ouml;rpert. Aber vor der Kolonialzeit gab es hier unsere eigene Flagge, die Wiphala. Sie ist v&ouml;lkerverbindend und verbindet uns mit dem vorkolonialen Territorium des Condesuyo und Abya Yala.<\/p><p>Im Namen der heutigen Nationalflaggen haben sie unsere Lebensr&auml;ume zerst&uuml;ckelt und unsere L&auml;nder und Ressourcen systematisch gepl&uuml;ndert. Die Wiphala hingegen ist der Kodex der Integration und verk&ouml;rpert den Regenbogen. Der Regenbogen hat keine Grenzen, er ist nicht bolivianisch, nicht argentinisch, nicht peruanisch, nicht schweizerisch, nicht japanisch. Der Regenbogen ist ein Teil der Natur und hat deshalb keine Grenzen. Er ist ein Bild der Einheit, nicht der Trennung.<\/p><p>Als uns das klar wurde, fragten wir uns: Hey, sind wir R&ouml;mer? Nein, wir sind keine R&ouml;mer, denn die Wiphala spricht zu uns und sagt: &bdquo;Hey, wir sind eigene V&ouml;lker mit eigener Kultur und eigenen Namen: Quechuas, Aymaras, Guaranies, Chiquitanos, wir sind Yuracar&eacute;s und Moje&ntilde;os.&rdquo; Aber die Kolonisatoren &ndash; und sp&auml;ter die Wissenschaft &ndash; wollten uns weismachen, dass wir Lateiner (R&ouml;mer) sind. Sogar &uuml;ber unsere Religion sagten sie, sie sei &bdquo;apostolisch, katholisch und r&ouml;misch&rdquo;. Deshalb haben wir dem mit der neuen Verfassung von 2010 ein Ende gesetzt und festgelegt, dass bei uns der Staat von den Religionen getrennt ist.<\/p><p>Die Trikolore steht also f&uuml;r etwas, das nicht zu uns geh&ouml;rt, sie ist &bdquo;lateinamerikanisch&rdquo;. Sie steht f&uuml;r die materiell fokussierte, egozentrische Entwicklung des &bdquo;immer mehr Habens&rdquo;, sie ist der erste Januar, die Universit&auml;t, das instrumentelle Wissen und sie ist Geopolitik.<\/p><p>Die Wiphala hingegen weist uns den Weg zu uns selbst. Sie ist Abya Yala, sie steht f&uuml;r das &bdquo;gute Leben&rdquo; in freien Gemeinschaften, sie ist der 21. Juni (Wintersonnenwende, unser wirkliches Neujahr), sie steht f&uuml;r die Pluriversit&auml;t, Multiversit&auml;t, kosmosophisches Denken oder &ndash; kurz gesagt &ndash; die Wiphala ist die Geapolitik.<\/p><p>Mit Geapolitik bringen wir zum Ausdruck, dass wir uns auf einem Weg befinden, der uns vom Ungleichgewicht zum Gleichgewicht f&uuml;hren wird. Deshalb sprechen wir von Pachakuti. Dieser Begriff steckt in der Wiphala. Pacha ist &bdquo;Gleichgewicht in Raum und Zeit&rdquo;. Kuti ist &bdquo;R&uuml;ckkehr&rdquo;.<\/p><p>Pachakuti f&uuml;hrt uns zum Umbau der Republik in den plurinationalen Staat. Wir verstehen das als einen radikalen Prozess des Wandels. Er geschieht nicht &uuml;ber Nacht und wir k&ouml;nnen ihn nicht erzwingen. Wir bringen ihn nur voran, indem wir uns von seiner Notwendigkeit &uuml;berzeugen. Darum ist der Prozess des Wandels auch demokratisch. Es ist eine Revolution der Ideen.<\/p><p>Der Kolonialismus hat unsere K&ouml;pfe stark beeinflusst. Er hat uns mit den Ideen des Individualismus, der Gier, des Rassismus und des Hasses infiziert. Jetzt m&uuml;ssen wir all das schmerzhafte Denken verbannen. Nur so k&ouml;nnen wir das werden und wiedererlangen, was zu uns geh&ouml;rt.<\/p><p>Deshalb sagen wir, h&ouml;rt auf, individualistisch zu sein und euch spalten zu lassen. Hass und Rassismus m&uuml;ssen wir hinter uns lassen. Das bedeutet, zum Jiwasa-Sein zur&uuml;ckzukehren. Das ist auch ein Wiphala-Code. Jiwasa besagt, dass wir so in der Welt stehen, dass wir in erster Linie sagen &bdquo;wir sind&rdquo; und nicht &bdquo;ich bin&rdquo;. Jiwasa ist der Tod des Egozentrismus, des Anthropozentrismus, des Eurozentrismus. Im Sinn des argentinischen Philosophen, Enrique Dussel, ist Jiwasa unser Weg zur&uuml;ck von der kolonialen Barbarei, hin zur eigenst&auml;ndigen Zivilisation.<\/p><p>F&uuml;r uns ist klar: Auch die Begriffe &bdquo;links, rechts, &uuml;berlegen, unterlegen, arm, reich&rdquo; kommen von au&szlig;en. In unseren Gemeinschaften gab es keine Spaltung. Wir haben uns nicht von Pachamama getrennt. Die Spaltung kam mit der Kolonisierung. Deshalb wird unsere derzeitige Ver&auml;nderungsetappe auch &bdquo;Dekolonisierungsprozess&rdquo; genannt. Wir m&uuml;ssen uns selbst entkolonisieren, wir m&uuml;ssen zu unserem integralen Menschsein, das ein Teil der Natur ist, zur&uuml;ckkehren. Nur so h&ouml;ren wir auf, ein verwaistes menschliches Wesen zu sein, das isoliert von seiner gespaltenen Familie lebt. Das bedeutet die Dekolonisierung des Denkens.<\/p><p>Aus diesem eigenen Denken heraus m&uuml;ssen wir unseren plurinationalen Staat aufbauen. In der Wiphala ist &bdquo;unser eigenes Denken&rdquo; als Yuyay kodifiziert. Es ist die Philosophie und Kultur des Lebens, der Br&uuml;derlichkeit, der Harmonie, der Komplementarit&auml;t, des Konsenses und des Friedens. Sie lehnt die Ideologie der Herrschaft, der Unterwerfung oder der Spaltung ab. Das ist Amuyu in Quechua. So gesehen ist klar: Auch wir k&ouml;nnen denken, auch wir haben unsere Ideologie und unsere Philosophie. Eigentlich haben wir alles! Das ist es, was wir hervorheben wollen, das ist es, was wir zur&uuml;ckgewinnen wollen, wenn wir &uuml;ber Geapolitik sprechen.<\/p><p><strong>Aus unseren L&auml;ndern in Europa h&ouml;ren wir in diesem Zusammenhang oft folgende Frage: Wie k&ouml;nnen wir von hier aus gewisserma&szlig;en geapolitisch arbeiten? Es ist klar, dass die Antworten von uns selbst kommen m&uuml;ssen, so wie das bei euch der Fall ist. Aber da wir die Gelegenheit haben, mit Ihnen &uuml;ber dieses Thema zu sprechen, k&ouml;nnten Sie uns ein paar Ideen oder &Uuml;berlegungen dazu geben?<\/strong><\/p><p>Wir leben heute alle mehr oder weniger im Sinn des westlichen, kapitalistischen Entwicklungsverst&auml;ndnisses. Es ist die Anwendung der Werte der Geopolitik &ndash; also die Beherrschung und Unterwerfung &ndash; auf die Menschen, Wirtschaft, Politik und Natur. Was haben wir davon? Ern&auml;hrungs-, Wasser-, Klima-, Energie- und Finanzkrisen. Das betrifft die ganze Menschheitsfamilie. Die Geopolitik der Beherrschung und Unterwerfung hat die Menschen, unsere Berge, unsere Fl&uuml;sse in eine existenzielle Krise gebracht. Die Mutter Erde ist gef&auml;hrdet, die Pflanzen, die Bienen sind gef&auml;hrdet, mit anderen Worten: Das Leben selbst ist h&ouml;chst schutzlos geworden.<\/p><p>Die geopolitische Denkweise kann nicht fortgesetzt werden. Sogar der Generalsekret&auml;r der Vereinten Nationen hat in einer seiner Reden gesagt, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt sich zu einer Versammlung der Erde treffen sollten. In dieser m&uuml;ssen wir die Probleme, die wir heute haben, offen diskutieren. Wichtig w&auml;re die Diskussion, um die Zukunft der Erde nicht von einem anthropozentrischen Standpunkt aus zu f&uuml;hren; denn das Denken des &ndash; jetzt auch Anthropoz&auml;n genannten &ndash; Zeitalters hat uns sehr geschadet. Wir m&uuml;ssen zum Leben zur&uuml;ckkehren. Wir m&uuml;ssen das Leben verteidigen und es grunds&auml;tzlich neu &uuml;berdenken.<\/p><p>Wie werden wir gegen all diese Krisen ank&auml;mpfen? Wir d&uuml;rfen keine passiven Zaung&auml;ste sein. Wir m&uuml;ssen handeln, auf der Grundlage des eigenen Denkens, das aus der Energie des Bewusstseins speist, das fragt: Was wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Wir m&uuml;ssen zur&uuml;ckkehren und unser Leben leben, aber mit Leidenschaft und Liebe.<\/p><p>Das gilt f&uuml;r alle, auch f&uuml;r die Schweizer! Wenn wir das nicht tun, werden wir alle transhumanisiert. Dieser westliche Weg der &bdquo;Entwicklung&rdquo; hat uns zum totalen Zusammenbruch gef&uuml;hrt. Wir stehen am Rande einer globalen Katastrophe. Wir k&ouml;nnen also nicht mit verschr&auml;nkten Armen zusehen. Deshalb m&uuml;ssen wir &ndash; jeder an seinem Ort und in seiner Kultur &ndash; intensiv nach Alternativen suchen und dann unsere menschliche Kreativit&auml;t wecken und b&uuml;ndeln. Viel zu lange haben wir, wie Papageien, einfach wiederholt: &bdquo;Unsere eigene Kreativit&auml;t ist tot. Die Rettung liegt in der Technik, der Digitalisierung und der Regierung von oben nach unten.&rdquo;<\/p><p>Wir werden als Objekte der &bdquo;Entwicklung&rdquo; betrachtet, und neuerdings will man f&uuml;r uns und die Natur sogar einen Marktpreis fixieren. Aber wir sind keine Gegenst&auml;nde, wir sind keine Objekte, wir sind Menschen! Deshalb m&uuml;ssen wir an Alternativen arbeiten. Wir d&uuml;rfen den Weg des &bdquo;Chaosmos&rdquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]&nbsp;nicht weitergehen.<\/p><p>Das ist auch eine Chance. Vor allem die Jugend muss aufwachen, sie muss ihre Kreativit&auml;t erwecken und Larama entdecken. Dieser Wiphala-Code bezeichnet den &bdquo;rebellischen Krieger&rdquo;, der aufh&ouml;rt, unterw&uuml;rfig zu sein. Die Kodizes der Wiphala und des guten Lebens sind angesichts der globalen Krise des Kapitalismus entstanden. Sie stehen f&uuml;r Gleichgewicht, Harmonie und Br&uuml;derlichkeit.<\/p><p>In diesem Zusammenhang sprechen wir vom Ayllu, einer Idee, die auch in der Wiphala steckt. Das Ayllu geht &uuml;ber die &bdquo;Organisation der reinen Menschen-Gesellschaft&rdquo; hinaus. Es ist also mehr als das, was sie uns an den Universit&auml;ten lehrten. Es ist keine anthropozentrische Organisation, die nur f&uuml;r das menschliche Wohl sorgt. Es ist eine Gesellschaftsform, im Sinne von Taqpacha, was &bdquo;jedes Wesen, das den Planeten bewohnt&rdquo; bezeichnet. Damit wird das Ayllu zur Grundlage der integralen Organisation von allem, was lebt. Der Mensch muss bescheidener werden. Deshalb gilt im Ayllu auch Tupo. Dieser Wiphala-Code bedeutet, allem respektvoll und mit Ma&szlig; zu begegnen, egal ob wir es zu tun haben mit unseren Bienen, unserer Gro&szlig;mutter, unseren Bergen, unserem Regen, unserem Gro&szlig;vater Feuer, dem Jaguar, unserer Volkssouver&auml;nit&auml;t oder mit unseren Autorit&auml;ten.<\/p><p>Mit Pachakuti sprechen wir von der R&uuml;ckkehr zum Pfad des Respekts, zum Pfad der Wahrheit. Das ist der Qhapaj &Ntilde;an &bdquo;der Weg der edlen Integration&rdquo;. Auf diesem Weg erlernt der Mensch das kosmische Wissen in und um sich kennen, das Heilen, die Wahrheit und Komplementarit&auml;t erkennen. So suchen wir die Harmonie mit der lebendigen Natur. Das Ayllu wird somit zu einer Organisation aller Lebewesen. Es ist deshalb die Grundlage f&uuml;r unsere ganzheitlichen Lebensformen, die wir in Spanisch &bdquo;vivir bien&rdquo; nennen (Das gute Leben).<\/p><p>Im Sinne der Geapolitik des guten Lebens m&uuml;ssen wir auch unser Qhawana erwecken. Dieser Gedanke kommt auch aus der Wiphala und bedeutet &bdquo;&uuml;ber das hinausschauen, was die Augen sehen k&ouml;nnen&rdquo;. Um diese F&auml;higkeit auszubilden, brauchen wir Begegnungen, den Austausch von Erfahrungen und kosmosophischem Wissen, f&uuml;r eine reale Wiederbegegnung mit der Mutter Erde. Aber wenn wir versuchen, unser Qhawana zu erwecken, stellen wir fest, dass viele dieser F&auml;higkeiten eingeschlafen sind, sie sind annulliert worden. Die Geapolitik ist dazu da, diese F&auml;higkeiten neu zu erwecken; Qhawana bedeutet nicht nur &bdquo;weiter schauen, als die Augen sehen k&ouml;nnen&rdquo;, sondern bedeutet vor allem auch &bdquo;nach innen schauen&rdquo;. Das ist sehr wichtig, denn nur so k&ouml;nnen wir die eigenen Wurzeln und Werte erkunden.<\/p><p>Unsere Wurzeln bezeichnen wir als Saphi. Das ist wieder ein Code der Wiphala, der uns sagt, dass man nicht vergessen darf, dass man Kultur hat, dass man kulturelle Wurzeln hat. Deshalb hei&szlig;t es, dass &bdquo;Menschen, die ihre kulturellen Wurzeln nicht sch&uuml;tzen und nicht pflegen, dazu bestimmt sind, zu verschwinden&rdquo;.<\/p><p>Es ist wichtig zu beachten, dass alle diese Codes, die uns die Wiphala gibt, nicht nur Worte sind. Es sind die Worte, mit denen Pachamama zu unseren Herzen spricht. Es ist die Stimme aus dem Dialog mit Pachamama. Saphi sagt uns also: &bdquo;Vergiss nicht, woher du kommst, vergiss nicht deinen Vater, dein Dorf, deine Gemeinschaft, deine Lamas, vergiss nicht die Bienen, vergiss nicht, die Sonne zu gr&uuml;&szlig;en&hellip; denn all das ist Teil deiner Wurzeln. Vergiss nicht deine Gro&szlig;mutter, deine Philosophie, vergiss nicht deine Kultur, die Kultur des Lebens; du bist nicht von der Kultur des Todes, du bist nicht von der Kultur der Konfrontation.&rdquo;<\/p><p>Dies bezieht sich dann auf Amta&ntilde;a; amt&rsquo;a ist ein weiterer Wiphala-Code. Amta&ntilde;a ist Planung. Das hei&szlig;t, wir haben alles, wir wissen, wie man plant! Nur kommt die Planung von unseren Wurzeln her, von unserer Kultur und nicht mehr von dem, was wir nicht sind. Mit diesen Codes sind wir ein denkender Kosmos, ja das sind wir.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das noch etwas genauer erkl&auml;ren, warum wir als Menschen &bdquo;denkender Kosmos&rdquo; werden k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Das habe ich im Buch &uuml;ber den Dialog zwischen unseren und den westlichen Wissenschaften[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]&nbsp;so ausgef&uuml;hrt: Alles beginnt mit der Intuition und von dort geht es weiter zur Vernunft, aber im indigenen Wissen sind die beiden nicht getrennt. Deshalb sagen wir &bdquo;corazonar&rdquo;[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]&nbsp;oder &bdquo;mit den Herzen denken&rdquo;. Ohne dies haben unsere Handlungen keinen tieferen Sinn. Es bedeutet das Denken f&uuml;hlen und das F&uuml;hlen denken. Es ist ein st&auml;ndiger, zirkul&auml;rer Prozess, den wir Amuyu nennen. Damit verbinden wir uns in unserem Denken, F&uuml;hlen und Handeln mit unseren Wurzeln und werden so Teil des denkenden Kosmos.<\/p><p><strong>Ist dieses &bdquo;Erwecken der eigenen Wurzeln&rdquo; auf Bolivien beschr&auml;nkt?<\/strong><\/p><p>Nein, nein, das ist nicht auf Bolivien beschr&auml;nkt! Die Wiphala kennt keine Grenzen. Au&szlig;erdem enth&auml;lt sie den Code Tama, was die &bdquo;die gro&szlig;e Menschheitsfamilie&rdquo; hei&szlig;t. Die Wiphala und die Geapolitik suchen die Wiedervereinigung der gro&szlig;en Menschheitsfamilie. Und wer ist Teil der gro&szlig;en Menschheitsfamilie? Das sind wir alle, die wir uns von der Milch der Mutter Erde, also dem Wasser, ern&auml;hren. Wir sind Br&uuml;der und Schwestern. Deshalb streben wir nach Br&uuml;derlichkeit auf nationaler und kontinentaler Ebene; wir brauchen Br&uuml;derlichkeit im Dialog. Das ist der einzige Weg, um den Frieden zu garantieren. Daf&uuml;r ist Geapolitik da.<\/p><p><strong>Gibt es auch eine realpolitische Dimension der Geapolitik?<\/strong><\/p><p>Ja, klar, auch die Politik m&uuml;ssen wir neu denken lernen. Die Rechten haben ihre Angst vor den Linken schon l&auml;ngst verloren. Deren Interessen an uns Indigenen sind sehr &auml;hnlich: Sie wollen uns vor allem spalten. Zusammen bilden sie die Elite der Saboteure und R&auml;uber der Ressourcen der Mutter Erde und des Lebens. Diese Elite hat sich schon immer der Spaltung bedient, und nat&uuml;rlich hat die Rechte die Linke dominiert, aber im Grunde genommen haben beide Angst vor uns, den jahrtausendealten Kulturen. Aber jetzt sind die Turbinen des alten Systems ins Stocken geraten, sie k&ouml;nnen nicht mehr! Der Geopolitik ist der Dampf ausgegangen! Wir wollen jedoch keinen Krieg, sondern einen friedlichen &Uuml;bergang von der Geo- zur Geapolitik! Deshalb ist es uns wichtig, von unseren Familien her die Idee der Geapolitik zu entfalten. Das ist unser Beitrag, um das Leben und die Pachamama zu retten.<\/p><p>Leider wissen immer noch zu wenig Leute, warum wir die Codes der Wiphala in unserer Verfassung haben und was das mit dem Regenbogen zu tun hat. Das begann im Jahr 1992. Da organisierten wir die Kampagne &bdquo;500 Jahre Widerstand&rdquo;. Es kamen viele Menschen aus der ganzen Welt nach Twianaku [alte Einweihungsst&auml;tte in der N&auml;he von La Paz].<\/p><p>Die Lakotas aus Nordamerika &uuml;berbrachten uns damals eine Botschaft, die sie von ihren Vorfahren vor hunderten von Jahren bekommen hatten. Die Botschaft lautete: &bdquo;Wenn die Welt am Rande des Abgrundes steht, wenn die Menschheit im Chaos versinkt, wenn es eine totale Krise gibt, dann werden aus dem S&uuml;den des Kontinents kraftvolle Krieger des Regenbogens auftauchen, um die Harmonie wiederherzustellen.&rdquo; Da haben wir verstanden, wir sind diese Krieger des Regenbogens. Wir m&uuml;ssen uns von hier aus erheben, denn wir kennen die Kodifizierung des Regenbogens in der Wiphala.<\/p><p>Um zu versuchen, wie wir als Regenbogen-Krieger von hier aus handeln k&ouml;nnen, haben wir vereinbart, die Idee der Pachamama in die Vereinten Nationen nach New York zu tragen. Eine gro&szlig;e Mehrheit der Vollversammlung fand das wichtig. Im Jahr 2010 wurde unser Antrag bewilligt, und der bisherige &bdquo;UNO-Tag der Erde&rdquo; (22. April) wurde in den &bdquo;Tag der Mutter Erde&rdquo; umgewandelt. Mit dieser Erkl&auml;rung wurde die Erde zu einem Subjekt, das lebt, kommuniziert und so auch zum Rechtstr&auml;ger. Und wenn wir &uuml;ber Mutter Erde als Subjekt sprechen, dann sprechen wir auch &uuml;ber die Geapolitik. Dieser Vorschlag der Pachamama kam nicht aus der Wissenschaft, sondern aus dem Widerstand der tausendj&auml;hrigen Kulturen.<\/p><p>Die Geapolitik l&auml;sst sich nicht &uuml;bers Knie brechen, wie uns die eigene Geschichte zeigt: Als Atahualpa, der indigene Widerstandsk&auml;mpfer, im Jahr 1532 in Cajamarca geopfert wurde, wussten die Yatiris (Schamanen), dass er in H&auml;nden b&ouml;ser Menschen war. Sie gingen dorthin, um ihn zu retten. Unterwegs trafen sie auf einige Br&uuml;der, die ihnen sagten, dass Atahualpa bereits hingerichtet wurde. &bdquo;Was sollen wir tun?&rdquo; fragten sie sich. Sie bildeten einen Kreis und trafen eine weise Entscheidung. &bdquo;Wenn wir die Spanier angreifen, vernichten sie uns&rdquo;. Dann sagten sie &bdquo;Wir werden jetzt zu Stein, und in 500 Jahren werden wir wieder sprechen.&rdquo; Es ist ein langes Stadium von Muk&rsquo;i &ndash; was Reifung und Vorbereitung bedeutet. Aber schau her, das war 1532 in Cajamarca &ndash; und jetzt ist das Jahr 2032 schon recht nahe! Darum sagen wir spa&szlig;eshalber auch: &bdquo;Weil wir, die Aymara, auch Stein sind, verbiegen wir uns vor niemandem &ndash; und nur manchmal brechen wir krachend auseinander!&rdquo;<\/p><p><em>(Leicht gek&uuml;rzt. Die Vollversion des Interviews finden Sie&nbsp;<a href=\"https:\/\/zeitpunkt.ch\/sites\/default\/files\/2023-03\/Vollversion%20Interview%20Geapolitik.pdf\">hier<\/a>)<\/em><\/p><p><em>Stephan Rist ist Agrarwissenschaftler und war bis 2021 Professor f&uuml;r Humangeographie an der Uni Bern. Zuvor arbeitete er neun Jahre als Schweizer Ko-Direktor des Agrar&ouml;kologie Programms der Universit&auml;t Cochabamba in Bolivien. Heute geh&ouml;rt er zum Team der&nbsp;<a href=\"https:\/\/freiheit-lebenswerk.ch\/\">Akademie &ndash; Freiheit Lebenswerk (AFL)<\/a><\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92739\">Stimmen aus Lateinamerika: Die Einmischung der USA geht unvermindert weiter<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96073\">Das Imperium schl&auml;gt zur&uuml;ck: Bolivien destabilisieren und die Kontrolle &uuml;bernehmen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72006\">Bolivien &ndash; Die Fortsetzung der Lithium-Intrige oder: Die britischen Fingerabdr&uuml;cke im Putsch gegen Evo Morales<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Neusch&ouml;pfung des Vizepr&auml;sidenten: &ldquo;caosmos&rdquo; bezeichnet eine Kombination aus Chaos und Kosmos, also den ins &ldquo;Chaos geratenen Kosmos&rdquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Delgado Burgoa, J. and Rojas, C. S., 2021. Avances Te&oacute;ricos Metodol&oacute;gicos y Experiencias de Di&aacute;logo Intercientifico en Pa&iacute;ses Andino Amaz&oacute;nicos. Ministerio de Educaci&oacute;n, La Paz, Bolivia. <a href=\"https:\/\/biblioteca.minedu.gob.bo\/biblio\/book\/61453\">Download<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Wortsch&ouml;pfung in Spanisch. In Anlehnung an das Aymara eine Integration der beiden Begriffe coraz&oacute;n (Herz) und razonar (Nachdenken)<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Worum geht es bei dem neuen Gedanken der sogenannten Geapolitik aus Bolivien? Wie unterscheidet sich dieser Ansatz gegen&uuml;ber dem westlichen, kapitalistisch gepr&auml;gten Verst&auml;ndnis von Entwicklung und Geopolitik, dem heutzutage fast alle Lebensbereiche untergeordnet sind? Ein Interview mit dem bolivianischen Vizepr&auml;sidenten David Choquehuanca. 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