{"id":96960,"date":"2023-05-01T14:00:23","date_gmt":"2023-05-01T12:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96960"},"modified":"2023-05-01T15:11:11","modified_gmt":"2023-05-01T13:11:11","slug":"landesverteidigung-bedeutet-krieg-fuer-eine-kultur-des-friedens-im-zeichen-des-ukraine-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96960","title":{"rendered":"\u201eLandesverteidigung\u201c bedeutet Krieg: F\u00fcr eine \u201eKultur des Friedens\u201c im Zeichen des Ukraine-Krieges!"},"content":{"rendered":"<p>Wer vor einem Krieg abschrecken will, muss ihn k&auml;mpfen k&ouml;nnen, lautet die g&uuml;ltige Maxime der milit&auml;rischen Sicherheitspolitik. Nach dieser Auffassung kann Kriegsverhinderung nur funktionieren, wenn neben der permanenten Drohung mit Massenvernichtungswaffen auch die F&auml;higkeit und Entschlossenheit glaubhaft dokumentiert werden k&ouml;nnen, einen m&ouml;glichen Verteidigungskrieg erfolgreich zu f&uuml;hren. Landesverteidigung ist aber nur dann sinnvoll und gegen&uuml;ber der eigenen Bev&ouml;lkerung zu verantworten, wenn das, was verteidigt werden soll, nicht zerst&ouml;rt wird. Landesverteidigung ist semantisch positiv besetzt, verharmlost aber das, was es ist: Krieg! Von <strong>Rolf Bader<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7827\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96960-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96960-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230428-Landesverteidigung-bedeutet-Krieg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&bdquo;Der russische &Uuml;berfall auf die Ukraine markiert eine Zeitenwende. Er bedroht unsere gesamte Nachkriegsordnung. Das ist v&ouml;lkerrechtswidrig. Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie davor&rdquo;, so Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Rede kurz nach dem russischen Angriff im Februar 2022. In der Folge entschied der Deutsche Bundestag die Freigabe eines &bdquo;Sonderverm&ouml;gens&ldquo; von 100 Milliarden Euro f&uuml;r R&uuml;stungsbeschaffungen, die die Bundeswehr f&uuml;r die Landesverteidigung dringend ben&ouml;tige. Auch eine Erh&ouml;hung des Milit&auml;rhaushalts in den kommenden Jahren auf mindestens zwei Prozent des Bruttosozialprodukts wird angestrebt. Auch in den anderen NATO-Staaten erfolgt eine massive Erh&ouml;hung der R&uuml;stungsausgaben, um die eigenen Streitkr&auml;fte zu &bdquo;ert&uuml;chtigen&ldquo;.<\/p><p>Die Bundeswehr m&uuml;sse wieder bef&auml;higt werden, ihren eigentlichen Auftrag der Landesverteidigung wieder erf&uuml;llen zu k&ouml;nnen. Deshalb seien Ausr&uuml;stungsdefizite zu beheben und umfangreiche Beschaffungen notwendig, um Heer, Luftwaffe und Marine in die Lage zu versetzen, die Bundesrepublik Deutschland verteidigen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die heutige Sicherheitspolitik mit ihrem Fokus auf Landesverteidigung kann sich nicht nur auf die Position der Kriegsverhinderung durch Abschreckung zur&uuml;ckziehen. Vielmehr muss sie auch die Frage nach dem &Uuml;berleben einer Gesellschaft im &bdquo;Verteidigungsfall&ldquo; &uuml;berzeugend beantworten k&ouml;nnen.<\/p><p>Tritt der Verteidigungsfall ein, bedeutet Landesverteidigung Krieg! Das wird tunlichst verschwiegen, um der Bev&ouml;lkerung nicht die damit verbundenen Konsequenzen offenlegen zu m&uuml;ssen. Sich milit&auml;risch gegen einen m&ouml;glichen &ndash; russischen &ndash; Angriff verteidigen zu k&ouml;nnen, klingt plausibel. Daf&uuml;r haben wir die Bundeswehr, die diesen Auftrag sicherstellen muss.<\/p><p>Was aber bedeutet ein Verteidigungskrieg f&uuml;r die Menschen in Deutschland und in Europa? Aufkl&auml;rung ist notwendig, um die Folgen eines konventionellen Krieges den Menschen in Deutschland sachlich und exemplarisch darzustellen. Landesverteidigung ist semantisch positiv besetzt, verharmlost aber das, was es ist: Krieg!<\/p><p>Waffenarsenale aller Art &ndash; konventionell wie atomar &ndash; k&ouml;nnten bei einem Versagen der Abschreckung im Verteidigungsfall in Europa eingesetzt werden. Beide Milit&auml;rbl&ouml;cke besitzen ann&auml;hernd jeweils 6.000 Atomwaffen, die als Gefechtsfeldwaffen mit niedriger Sprengkraft (ca. 0,3 KT), als taktische Atomwaffen mit bis zu 130 KT bis hin zu strategischen Interkontinentalraketen mit bis zu drei MEGA-Tonnen einsetzbar w&auml;ren. Insgesamt sind die 31 NATO-Staaten den russischen Streitkr&auml;ften &ndash; au&szlig;er bei Atomwaffen &ndash; in der Anzahl von Soldaten, konventionellen Waffensystemen der Land- und Luftstreitkr&auml;fte in jeder Hinsicht &uuml;berlegen. Die Seestreitkr&auml;fte der USA haben mit 17 Flugzeugtr&auml;gern und 112 Zerst&ouml;rern gegen&uuml;ber denen Russlands ein gro&szlig;es strategisches &Uuml;bergewicht.<\/p><p>Dieser ungef&auml;hre Kr&auml;ftevergleich dokumentiert, welches Zerst&ouml;rungspotenzial eingesetzt werden k&ouml;nnte. K&auml;me nur ein begrenzter Teil der Atomwaffen zum Einsatz, w&auml;re das Leben in Europa sehr wahrscheinlich ausgel&ouml;scht.<\/p><p>Grundlegend ver&auml;ndert haben sich in den letzten drei Jahrzehnten alle Parameter der konventionellen Waffentechnik: vor allem durch die Steigerung der Reichweite, der Durchschlagskraft und Zerst&ouml;rungswirkung im Zielbereich. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Vernichtungswirkung konventioneller Waffen auf einer immer gr&ouml;&szlig;eren Fl&auml;che.<\/p><p>Die Sch&auml;den, die durch den massenhaften Einsatz dieser Fl&auml;chenwaffen hervorgerufen werden, t&ouml;ten und verletzen nicht nur Soldaten auf dem Gefechtsfeld, sondern auch die betroffene Zivilbev&ouml;lkerung. Die Kriegsstatistiken belegen, dass der Anteil der zivilen Kriegsopfer seit Beginn des letzten Jahrhunderts stetig angestiegen ist. Von den ca. 10 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs waren 75 Prozent Milit&auml;rtote, von den 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs 52 Prozent, von den 10 Millionen Toten des Koreakrieges nur noch 16 Prozent und im Vietnamkrieg von 13 Millionen gerade noch 10 Prozent. In den konventionellen Kriegen wird das Sterben zunehmend vergesellschaftet. Die Unterscheidung zwischen Kombattant und zu sch&uuml;tzender Zivilperson tr&auml;gt nicht mehr.<\/p><p><strong>Existentielle Verwundbarkeit moderner Industriestaaten<\/strong><\/p><p>Hochindustrialisiert und extrem verwundbar, so lauten die kennzeichnenden Attribute der heutigen Zivilisation in Europa. Dichte Ballungszentren mit gro&szlig;er Industriekonzentration pr&auml;gen im Besonderen die Situation in Mitteleuropa. Es hat sich eine Lebens- und Arbeitswelt entwickelt, die durch Komplexit&auml;t, Vernetzung, Arbeitsteilung, Mobilit&auml;t, Automation und Information gekennzeichnet ist. Die Interoperabilit&auml;t fast aller Arbeitsbereiche durch verschiedenste Kommunikations- und automatisierte Informationssysteme tr&auml;gt zwar zur Produktions- und Effizienzsteigerung bei, erh&ouml;ht aber gleichzeitig die St&ouml;ranf&auml;lligkeit und Verwundbarkeit des Gesamtsystems. Die Gefahren durch Cyberangriffe auf lebenswichtige Versorgungseinrichtungen einer Gesellschaft wie Strom, Wasser und Logistik sind allgegenw&auml;rtig. Hacker-Angriffe auf die EDV-Systeme des Deutschen Bundestages, Stadtverwaltungen, Banken und Industrieunternehmen waren erfolgreich. Eine Unterbrechung des K&uuml;hlsystems von Atomkraftwerken &ndash; trotz redundanter Absicherung &ndash; w&auml;re ein Super-GAU-Szenario mit unabsehbaren Folgen.<\/p><p>Die Leistungsf&auml;higkeit und St&auml;rke der hoch entwickelten Industriestaaten h&auml;ngen ab vom Funktionieren einer zivilen Infrastruktur, die hochgradig verletzlich ist und bereits mit nichtatomarer Munition und &bdquo;intelligenten&ldquo; Waffentr&auml;gern &ndash; niedrig fliegende, gelenkte Drohnen, Raketensysteme &ndash; ausgeschaltet werden kann. Ohne diese Infrastruktur sind Industriestaaten handlungsunf&auml;hig. Allein ein l&auml;ngerer Stromausfall w&uuml;rde die gesamte Infrastruktur lahmlegen und alle wichtigen Lebens- und Arbeitsbereiche einer Gesellschaft empfindlich beeintr&auml;chtigen. Um aber die wichtigsten und gro&szlig;en Elektrizit&auml;tswerke und die Schaltzentralen zu zerst&ouml;ren, bedarf es keiner Atomwaffen.<\/p><p>Es reichen &bdquo;chirurgische&ldquo; Eins&auml;tze mit zielgenauen konventionellen Waffen. Nicht nur den wichtigen Industrieanlagen, auch den lebenswichtigen Bereichen der Trinkwasser-, Fernw&auml;rme- und Nahrungsmittelversorgung der Bev&ouml;lkerung droht der Kollaps. Eine Zivilisation ohne Strom bedeutet Chaos und Desorganisation des gesellschaftlichen Lebens. Es reicht v&ouml;llig aus, nur die lebenswichtigen Nervenzellen der Zivilisation zu zerst&ouml;ren, um den &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Kollaps eines Staates herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p>Schon in Friedenszeiten sind die potenziellen Risiken hoch industrialisierter Staaten allgegenw&auml;rtig: Vor allem in der N&auml;he von Gro&szlig;st&auml;dten und Ballungszentren sind Industriekomplexe angesiedelt, die bei technischen Unf&auml;llen das Leben vieler Menschen gef&auml;hrden k&ouml;nnen. Die Katastrophen von Seveso, Bhopal, Tschernobyl und Fukushima sind ein Indiz f&uuml;r die Gef&auml;hrlichkeit, die von Gro&szlig;technologien ausgehen kann. Industriekatastrophen dieser Art kennen keine nationalen Grenzen noch soziale Schranken. Sie kennen nicht einmal zeitliche Grenzen und k&ouml;nnen Generationen von Menschen treffen. Die Irreversibilit&auml;t der erzeugten Folgen ist ein wesentliches Novum.<\/p><p>Besonders die Atomenergie und die chemische Industrie z&auml;hlen im Besonderen zu diesen Gro&szlig;technologien. Die geographische Betrachtung der industriellen Struktur Europas zeigt, welches Ausma&szlig; die Ansiedelung chemischer Industrieanlagen vorrangig am Rand oder in der N&auml;he dicht besiedelter Gebiete erreicht hat. Die Zentren der chemischen Industrie erstrecken sich von Norditalien bis an die Rhein- und Elbm&uuml;ndungen. Riesige Depots mit weitverzweigten Pipeline-Systemen verzweigen sich in Europa.<\/p><p>In solchen Industrieregionen der Chemie werden heute nichtmilit&auml;rische Giftstoffe als Vor-, Zwischen- oder Finalprodukte in Tonnagen hergestellt, weiterverarbeitet, gelagert und transportiert. Die Beherrschbarkeit der von der chemischen Industrie ausgehenden Risiken ist nur unter Friedensbedingungen realisierbar.<\/p><p>Ein weiteres Risiko sind die ca. 70 Atomkraftwerke mit &uuml;ber 160 Reaktorbl&ouml;cken in 13 Staaten der Europ&auml;ischen Union. Obwohl immer wieder behauptet wird, der Schutzmantel der Reaktorbl&ouml;cke w&auml;re auch bei einer direkten Einwirkung konventioneller Waffen noch intakt, sind Zweifel angebracht. Es ist eher davon auszugehen, dass mit einer Besch&auml;digung zu rechnen ist. Die Gefahr einer Kernschmelze besteht im Kriegsfall auch schon bei einem l&auml;ngeren Ausfall der Stromversorgung und der K&uuml;hlung der Reaktoren. Wenn in einem Kriegsfall nur f&uuml;nf Prozent der existenten Reaktorbl&ouml;cke zerst&ouml;rt w&uuml;rden, h&auml;tte dies eine gro&szlig;fl&auml;chige radioaktive Verseuchung des gesamten europ&auml;ischen Kontinents zur Folge.<\/p><p>Die Analyse lie&szlig;e sich mit etwa gleichen Resultaten auf alle wichtigen Lebensbereiche ausdehnen. Denn auch in der Versorgungs- und Wasserwirtschaft, im Transport-, Kommunikations- und Informationsbereich, im Gesundheitswesen, im Kultur-, Bildungs- und Sozialbereich einer Gesellschaft sind bei einem konventionellen Krieg existenzielle St&ouml;rungen zu erwarten.<\/p><p>Sind die St&ouml;ranf&auml;lligkeit und existenzielle Verwundbarkeit hochindustrialisierter Staaten grunds&auml;tzlich revidierbar? Gibt es realistische Szenarien und Ma&szlig;nahmen, diesen Zustand durch eine Reduzierung der Gefahrenpotenziale, durch technische Ma&szlig;nahmen oder durch einen verst&auml;rkten, verbesserten Zivilschutz aufzuheben? Im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik gibt es sicher M&ouml;glichkeiten, durch Redundanz die St&ouml;ranf&auml;lligkeit des Gesamtsystems zu mindern. Auch durch Zivilschutzma&szlig;nahmen lie&szlig;en sich Sch&auml;den und gravierende St&ouml;rungen reduzieren. Ein fl&auml;chendeckender Schutz ist aber nicht realisierbar.<\/p><p>Die Verwundbarkeit moderner Industriestaaten ist eine irreversible Faktizit&auml;t: Die Staaten und ihre Gesellschaften sind nur noch unter Friedensbedingungen lebens- und funktionsf&auml;hig. Milit&auml;rische Konflikte sind f&uuml;r sie als soziale Organismen nicht mehr &uuml;berlebbar. Folglich gilt die Pr&auml;misse:<\/p><p><strong>Moderne Industriestaaten k&ouml;nnen aufgrund der dargestellten zivilen Verwundbarkeit milit&auml;risch nicht verteidigt werden! Letztlich wird all das zerst&ouml;rt, was mit Waffen verteidigt werden soll.<\/strong><\/p><p>Wenn jeder Waffengang in Europa zur t&ouml;dlichen Gefahr f&uuml;r das Leben eskaliert, w&auml;ren atomare Abschreckungs- und milit&auml;rische Verteidigungsstrategien dysfunktional und zivilisationsunvertr&auml;glich. Die Inkompatibilit&auml;t von Milit&auml;r und Gesellschaft weist den Weg f&uuml;r einen notwendigen Paradigmenwechsel hin zu einer zivilisationskonformen und kooperativen Sicherheitspolitik.<\/p><p>Durch den russischen Angriffskrieg wurde ein gewaltiger Beschaffungsmarathon in Europa angesto&szlig;en, den das renommierte schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI aktuell in seiner j&auml;hrlichen R&uuml;stungsbilanz dokumentiert hat. Die USA sind nach wie vor mit einem Anteil von 40 Prozent der gr&ouml;&szlig;te Waffenlieferant in der Welt. Die Auftragsb&uuml;cher der R&uuml;stungsindustrie &ndash; die eigentlichen Profiteure &ndash; sind voll und deren Aktienkurse steigen rasant.<\/p><p>Die NATO-Staaten in Europa haben sich entschlossen, als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine ihre Streitkr&auml;fte massiv aufzur&uuml;sten. Russland soll damit abschreckend vor Augen gef&uuml;hrt werden, dass ein Krieg und der Angriffskrieg im Besonderen keinen Erfolg haben wird. Die Unterst&uuml;tzung der Ukraine mit Waffen, Munition, Ausbildung und Satellitenaufkl&auml;rung soll dazu beitragen, dass die russischen Truppen zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden k&ouml;nnen.<\/p><p>Diese Strategie scheint die einzige Option zu sein, der Aggression erfolgreich begegnen zu k&ouml;nnen. Das kann durchaus gelingen &ndash; birgt aber unkalkulierbare Risiken, die bewusst nicht thematisiert werden.<\/p><p>Die zivile Verwundbarkeit moderner Industriestaaten ist ein unab&auml;nderlicher Tatbestand. Ein Krieg l&auml;sst sich bei der heutigen Waffentechnik und deren Zerst&ouml;rungspotenzial nicht mehr regional auf das Schlachtfeld begrenzen. &Uuml;berall dort, wo die Waffen zum Einsatz kommen und ihre vernichtende Wirkung ausbreiten k&ouml;nnen, bleibt verbrannte Erde zur&uuml;ck. Das belegen die Kriege im Irak, Syrien, Afghanistan und auch in der Ukraine. Von den betroffenen St&auml;dten bleiben nur noch Ruinen &uuml;brig. Die Zivilbev&ouml;lkerung lebt dort in einem Stadium des &bdquo;Vegetierens&ldquo; &ndash; ohne Strom, Wasser, Versorgung, in den Resten der Ruinen in feuchter K&auml;lte&hellip;<\/p><p>Diese Zustandsbeschreibung sollte aus dem Blickwinkel der beschriebenen Sinnlosigkeit von Krieg die Menschheit zur Umkehr und zu einem Neuanfang des friedlichen Miteinanders bewegen:<\/p><p><strong>Vielleicht eine Utopie und ein Zeichen der Hoffnung: <\/strong><strong>Pl&auml;doyer f&uuml;r eine &bdquo;Kultur des Friedens&ldquo;<\/strong><\/p><p>Das wichtigste Kriterium f&uuml;r ein neues Paradigma der Sicherheitspolitik ist das der Zivilisationsvertr&auml;glichkeit. Diese schlie&szlig;t jede Anwendung, auch die Bereitschaft zur Anwendung milit&auml;rischer Gewalt aus. Es ist ein konzeptioneller Widerspruch, Industriegesellschaften in einen mit milit&auml;rischer Gewalt unvertr&auml;glichen Zustand kommen oder sich entwickeln zu lassen und gleichzeitig ausgerechnet ihre Sicherheitspolitik auf die F&auml;higkeit und Bereitschaft zum Einsatz milit&auml;rischer Gewalt zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Zivilisationsvertr&auml;glichkeit bindet sie an die Prinzipien der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit. Das neue Paradigma muss deshalb eine konkrete Strategie f&uuml;r ein Ausstiegsszenario aus der milit&auml;rischen Sicherheitspolitik enthalten und dar&uuml;ber hinaus Wege f&uuml;r eine fortschreitende Friedensentwicklung aufzeigen. Abr&uuml;stung und Entspannung sind und bleiben auch zuk&uuml;nftig &ndash; trotz und wegen des Ukraine-Krieges &ndash; eine wichtige, aber nicht die alleinige Bedingung f&uuml;r eine Gesellschaftsentwicklung zum &bdquo;gemeinsamen Frieden&ldquo;. Friede unter den Menschen ist kein Zustand, sondern ein Weg zu einem Zusammenleben der V&ouml;lker in Solidarit&auml;t, Freiheit und Gerechtigkeit. Frieden ist ein Weg f&uuml;r ein politisches Denken und Handeln, das eine Welt ohne Militarismus und Waffen anstrebt.<\/p><p>Gemeinsamer Frieden fordert nicht eine konfliktfreie Welt, sondern die Bereitschaft zu Toleranz, zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen. Gemeinsamer Frieden geht von der F&auml;higkeit des Menschen aus, Konflikte ohne Einsatz von Gewalt bew&auml;ltigen und aushalten zu k&ouml;nnen und zu wollen. Er setzt eine Politik ohne N&ouml;tigung, Erpressung und Abschreckung, eine Politik der konstruktiven Zusammenarbeit der V&ouml;lker voraus.<\/p><p>Im Rahmen einer fortschreitenden Entwicklung hat eine zivilisationskonforme und kooperative Sicherheitspolitik die Aufgabe, sich der Bew&auml;ltigung der globalen und existenzbedrohenden Gefahren f&uuml;r die Menschheit zuzuwenden. Um die gewaltigen Probleme, vor denen die Menschheit heute steht, auch nur ann&auml;hernd l&ouml;sen zu k&ouml;nnen, gibt es f&uuml;r diese Priorit&auml;tensetzung keine Alternative.<\/p><p>Es m&uuml;sste schon jetzt Konsens dar&uuml;ber herrschen, dass Sicherheitspolitik vorrangig als eine die Grenzen &uuml;berschreitende Politik der Sicherung der nat&uuml;rlichen Lebensgrundlagen zu begreifen und mit entsprechendem Aufwand zu betreiben ist. Die grenz&uuml;berschreitende Dimension der globalen Probleme des Klimawandels fordert ein Sicherheitsverst&auml;ndnis, das Gefahr als weltumspannende Existenzgef&auml;hrdung der Menschheit begreift. Sicherheitsdenken und -handeln verlieren damit ihre enge nationale Begrenztheit und gewinnen an solidarischem und internationalem Gewicht.<\/p><p>Einzelstaatliche oder partikularistische Sicherheitsstrategien bieten bei den bestehenden globalen Gefahren keine L&ouml;sung. &bdquo;Sicherheit&ldquo; bedeutet heute und zuk&uuml;nftig Verst&auml;ndigung und Kooperation, Streben nach Gewaltabbau und Suche nach gemeinsamen Handlungsstrategien, die &uuml;ber weltanschauliche Gegens&auml;tze hinweg greifen. Eine zivilisationskonforme und kooperative Sicherheitspolitik erfordert ein neues politisches Bewusstsein, das eine dauerhafte internationale Zusammenarbeit zu verwirklichen sucht. &Uuml;berwunden werden m&uuml;ssen nationalstaatliche Egoismen. Hierin steckt die gemeinsame Verantwortung der Menschheit, sich f&uuml;r eine Kultur des Friedens einzusetzen.<\/p><p><strong>Eine &bdquo;Kultur des Friedens&ldquo; beschreitet auf der Grundlage der UN-Charta einen Weg, der Deeskalation zum Ziel hat und Perspektiven f&uuml;r eine Beendigung des Krieges aufzeigt. M&ouml;glich und durchaus realistisch w&auml;ren folgende Schritte:<\/strong><\/p><ul>\n<li>ein Gespr&auml;chsangebot der NATO an Russland &uuml;ber R&uuml;stungskontrolle mit dem Ziel der Reduzierung und des Abbaus von Atomwaffen in Europa;<\/li>\n<li>das Angebot der NATO an Russland, Waffenlieferungen an die Ukraine zu stoppen, wenn Russland gleichzeitig die Kampfhandlungen w&auml;hrend der Dauer von Verhandlungen einstellt;<\/li>\n<li>auf dieser Grundlage mit Verhandlungen zu beginnen &ndash; an einem neutralen Ort und mit einem Mediator, der von den Kontrahenten akzeptiert w&uuml;rde.<\/li>\n<li>Die Bundesregierung sollte &bdquo;Blockfreie Staaten&ldquo; und die Vereinten Nationen darin best&auml;rken, friedenspolitische Verantwortung zu &uuml;bernehmen. Besonders Generalsekret&auml;r Ant&oacute;nio Guterres w&auml;re gefordert, sich nach der erfolgreichen Verl&auml;ngerung des Getreideabkommens st&auml;rker initiativ mit einzubringen.<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Unterst&uuml;tzt wird das Positionspapier von folgenden Friedensforschern\/Wissenschaftlern:<\/p><ul>\n<li>Prof. Dr. Klaus D&ouml;rre, Soziologe, Universit&auml;t Jena;<\/li>\n<li>Prof. em. Dr. Jost-Hinrich Eschenburg, Pax Christi Augsburg;<\/li>\n<li>Prof. em. Dr. Albert Fuchs, Friedenspsychologe, Meckenheim;<\/li>\n<li>Prof. em. Dr. rer. nat., Dr. h.c. Fred Scholz, Professor am Zentrum f&uuml;r Entwicklungsl&auml;nderforschung der Freien Universit&auml;t Berlin;<\/li>\n<li>Prof. em. Dr. Dieter Senghaas, Friedensforscher, Universit&auml;t Bremen;<\/li>\n<\/ul><p>Titelbild: Visual Intermezzo \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer vor einem Krieg abschrecken will, muss ihn k&auml;mpfen k&ouml;nnen, lautet die g&uuml;ltige Maxime der milit&auml;rischen Sicherheitspolitik. Nach dieser Auffassung kann Kriegsverhinderung nur funktionieren, wenn neben der permanenten Drohung mit Massenvernichtungswaffen auch die F&auml;higkeit und Entschlossenheit glaubhaft dokumentiert werden k&ouml;nnen, einen m&ouml;glichen Verteidigungskrieg erfolgreich zu f&uuml;hren. 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