{"id":96965,"date":"2023-04-30T14:00:40","date_gmt":"2023-04-30T12:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96965"},"modified":"2023-05-01T04:25:39","modified_gmt":"2023-05-01T02:25:39","slug":"religionskunde-statt-religionsunterricht-in-den-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96965","title":{"rendered":"Religionskunde statt Religionsunterricht in den Schulen"},"content":{"rendered":"<p>Alle B&uuml;rger d&uuml;rfen ihren Gott, auch ihre G&ouml;tter haben, der Staat selbst aber ist in einer modernen Grundrechtsdemokratie gottlos. Es gilt: erst der B&uuml;rger, dann der Gl&auml;ubige. Erst die Verfassung, dann die Religion. Auch im Klassenzimmer. Ein Pl&auml;doyer von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6114\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-96965-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=96965-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230428-Religionskunde-statt-Religionsunterricht-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es herrscht Glaubensfreiheit in unserem Land. Ob jemand Christ oder Muslim, Buddhist oder Jude ist, darf keine Rolle dabei spielen, ob er als B&uuml;rger dieses Landes willkommen ist. Das Ideal eines Staatsb&uuml;rgers sieht so aus: Er sollte die abendl&auml;ndische Trennungsgeschichte von Staat und Kirche akzeptieren, die Werte der Aufkl&auml;rung respektieren und die Gesetze dieses Staates achten. Das reicht. Wer Beamter, Staatsanwalt oder Richter werden m&ouml;chte, schw&ouml;rt auf die Verfassung, nicht auf die Bibel oder den Koran.<\/p><p>Deutschland ist ein Verfassungs- und kein Gottesstaat, und das, sagt der Rechtsphilosoph und Staatsrechtler Horst Dreier, ist die Voraussetzung f&uuml;r Religionsfreiheit. Alle B&uuml;rger d&uuml;rfen ihren Gott, auch ihre G&ouml;tter haben &ndash; der Staat aber muss in einer modernen, s&auml;kularen Grundrechtsdemokratie gottlos sein. Freilich: Wenn Verfassungsrechtler vom s&auml;kularen Staat sprechen, dann meinen sie keineswegs einen a-religi&ouml;sen, laizistischen Staat (wie etwa in Frankreich), sondern einen, der Religions- und Weltanschauungsfreiheit garantiert und religi&ouml;s-weltanschauliche Neutralit&auml;t praktiziert. Entscheidend sind nicht religi&ouml;se Pr&auml;ferenzen, sondern entscheidend ist Verfassungstreue.<\/p><p>Dass unsere heutige Demokratie unbestritten auf einem Menschenbild gr&uuml;ndet, das viel mit dem Christentum zu tun hat, will niemand infrage stellen. Aber die Geschichte zeigt, dass die christlichen Kirchen nicht unbedingt Tr&auml;gerinnen der Demokratie waren &ndash; und sind. Was heute Staat und Staatsb&uuml;rger ausmacht, ist gegen die christlichen Kirchen erk&auml;mpft worden. Das wollen wir festhalten.<\/p><p>Vorbei sind die Zeiten, als die beiden gro&szlig;en christlichen Konfessionen &uuml;ber Jahrzehnte das gesellschaftliche wie politische Leben beherrschten und Religion aufgrund der kulturellen Harmonie eine integrierende und stabilisierende Gr&ouml;&szlig;e war. Die gro&szlig;en Konfessionen verlieren stetig an Mitgliedern &ndash; und an Vertrauen. Wir sind heute eine pluralistische, multi-ethnische, multi-religi&ouml;se Gesellschaft. Gl&auml;ubige, Andersgl&auml;ubige und Ungl&auml;ubige m&uuml;ssen miteinander auskommen.<\/p><p>Dennoch genie&szlig;en die beiden gro&szlig;en Kirchen nach wie vor eine Vielzahl von Privilegien, welche eklatant gegen das staatliche Neutralit&auml;tsgebot versto&szlig;en. Die Trennung von Kirche und Staat findet nicht statt.<\/p><p>Beispielsweise in unseren staatlichen Schulen: Wie s&auml;kular soll, ja muss der Alltag in unseren Schulen sein? Religionsunterricht gibt es fl&auml;chendeckend in staatlichen Schulen, zunehmend auch f&uuml;r moslemische Sch&uuml;ler, unterrichtet von eigens dazu ausgebildeten moslemischen Religionsp&auml;dagogen. In den Kultusministerien sieht man darin ein zeitgem&auml;&szlig;es Spiegelbild unserer multi-religi&ouml;sen Gesellschaft. Der Psychologe Ahmad Mansour, Mitbegr&uuml;nder der &bdquo;Initiative S&auml;kularer Islam&ldquo;, lehnt das ab. Er fordert: kein Religionsunterricht, sondern Religionskunde. Dort k&ouml;nnten Kinder und Jugendliche erfahren, was es mit den Religionen auf sich hat, woher sie kommen, wie sie entstanden sind, wie sie unsere Gesellschaft, unseren Alltag gepr&auml;gt haben und noch immer pr&auml;gen. Er pl&auml;diert stattdessen f&uuml;r einen nicht bekenntnisorientierten Unterricht f&uuml;r alle Konfessionen gemeinsam. Es w&uuml;rde Muslimen durchaus guttun, mehr &uuml;ber das Christentum und Judentum zu erfahren, &bdquo;und zwar nicht in den Hinterhofmoscheen, sondern in einer staatlichen Schule von einem Religionslehrer, der gut ausgebildet ist, der ein Demokrat ist, der Aufkl&auml;rung verstanden hat&ldquo;, so dessen Kritik.<\/p><p>Man m&ouml;chte Herrn Mansour beipflichten &ndash; und zurufen: Wie w&auml;re es, vielleicht ganz auf Religionsunterricht in staatlichen Schulen zu verzichten? Stattdessen eine Einf&uuml;hrung in den evolution&auml;ren Humanismus, unterrichtet von Lehrerinnen und Lehrern, die sich der s&auml;kularen Aufkl&auml;rung widmen? So wird es hierzulande vorerst beim bekenntnisorientierten Religionsunterricht bleiben, ordentlich separiert nach Konfessionen. Und nicht unter einem Kruzifix an der Wand des Klassenzimmers. Religionskunde statt Religionsunterricht.<\/p><p>Nein, es geht nicht um die Austreibung Gottes aus der Welt. Glaubens- und Religionsfreiheit ist Menschenrecht. Im Gegenteil: Demokratische Staaten garantieren religi&ouml;sen Gruppen, Gemeinschaften oder Kirchen, dass sie frei agieren k&ouml;nnen, soweit sie nicht die Freiheiten anderer gef&auml;hrden oder die Gesetze verletzen. Aber wir h&auml;tten keinerlei Einw&auml;nde, wenn das Neutralit&auml;tsgebot endlich Anwendung f&auml;nde und der Einfluss der Religionen &ndash; hierzulande vor allem der der beiden gro&szlig;en christlichen Konfessionen &ndash; entscheidend eingeschr&auml;nkt und zur&uuml;ckgedr&auml;ngt w&uuml;rde &ndash; inklusive aller Privilegien und Ressourcen, Subventionen und Ordnungsfelder. Und der Gottesbezug in der Pr&auml;ambel unseres Grundgesetzes? Auch der darf gerne gestrichen werden. Unser Grundgesetz sollte gottlos sein.<\/p><p>Es geht darum, einen weltanschaulich neutralen Staat einzufordern, so wie ihn die Verfassung vorsieht. Dies betrifft nicht nur die beiden gro&szlig;en Kirchen, sondern auch ein riesiges Geflecht an Religionsgemeinschaften, die den Kirchen nacheifern und ebenso staatliche F&ouml;rdermittel, Steuergeschenke und eigene Gesetze anstreben. Die politischen Entscheidungstr&auml;ger und Verantwortlichen wollen &ndash; so scheint es &ndash; auch ihnen diese Privilegien zusprechen, weil sie wissen: Die verfassungsrechtlichen und teils aberwitzigen Privilegien der Kirchen lassen sich nur noch gegen die S&auml;kularisierung durchdr&uuml;cken, wenn anderen religi&ouml;sen Gemeinschaften die gleichen Privilegien zugesprochen werden.<\/p><p>Zu guter Letzt: Dass die Kirchen eigene Unterrichtsf&auml;cher in Schulen bekommen, auf Steuerkosten, deren Lehrkr&auml;fte sie selbst ausbilden und deren Inhalte sie so gestalten d&uuml;rfen, dass sie dem eigentlichen Auftrag von Bildung widersprechen, n&auml;mlich Wissen statt Glauben zu vermitteln &ndash; auch darum geht es.<\/p><p>Ob moslemische Gottesfanatiker, christliche Fundamentalisten, ob Hardliner des Vatikans oder alt-testamentarische Rabbiner &ndash; sie alle m&uuml;ssen zur Kenntnis nehmen: Wir leben in einem s&auml;kularen Verfassungsstaat. Alle B&uuml;rger d&uuml;rfen ihren Gott, auch ihre G&ouml;tter haben, der Staat aber ist in einer modernen Grundrechtsdemokratie gottlos. Der Glaube kann Gl&auml;ubige im Sinne des Wortes gl&uuml;ck-selig machen. Er kann f&uuml;r Menschen etwas Wunderbares sein: als Privatsache. F&uuml;r unser Gemeinwesen aber gilt: Der B&uuml;rger kommt vor dem Gl&auml;ubigen! Das gilt auch f&uuml;r das Kreuz im Klassenzimmer. Also: Abh&auml;ngen!<\/p><p><strong>Vom Autor erschienen:<\/strong><\/p><p>EXIT &ndash; Warum wir weniger Religion brauchen &ndash; Eine Abrechnung; Nomen Verlag Frankfurt; 360 Seiten, 20 Euro<\/p><p>Titelbild: PUWADON SANG \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle B&uuml;rger d&uuml;rfen ihren Gott, auch ihre G&ouml;tter haben, der Staat selbst aber ist in einer modernen Grundrechtsdemokratie gottlos. Es gilt: erst der B&uuml;rger, dann der Gl&auml;ubige. Erst die Verfassung, dann die Religion. Auch im Klassenzimmer. 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